03.07.2009 von Max Küng
Es ging auf Mitternacht zu, und die Sonne wollte wie ein ungezogenes Kind nicht ins Bett. Ich stand auf der Terrasse eines Hotels in einem Wald, nicht weit östlich von Stockholm, mit Blick auf den Fjord, wo sich die Fähren vorbeischoben, die aus Tallinn kamen, aus Riga und aus Lumparland. Eine Automobilfirma hatte Journalisten aus ganz Europa eingeladen zwecks Testfahrt eines neuen Modells. Man flog heran, bekam einen Schlüssel, fuhr mit dem Wagen durch die Wälder, durch Orte wie Upplands-Väsby und Kungsängen, am Angarnsjöängens-Naturreservat vorbei, probierte alle Knöpfe aus und auch alle Schalter, nickte, wenn einem etwas gefiel, schüttelte den Kopf, wenn nicht, hörte sich abends im Konferenzsaal des Hotels an, was der stellvertretende Chefingenieur zum neuen Auto sagte und auch der Marketingmanager, dann gab es Steaks und Wein und schliesslich Drinks an der Bar für die, die sie brauchten, und in jenem Moment brauchten sie alle, denn alle brauchten ein bisschen Trost.
Die Journalisten sprachen über: Journalis-mus. Journalismus heisst heutzutage: Entlassungen, Kürzungen, Reduktionen, Schrumpfungen — es war ganz so, als wäre man an einemDownsizing-Kongress, Dresscode: schlechte Laune. Manche erinnerten sich an die alten Zeiten, als es noch Spass gab. Wenn sie davon erzählten, dann lächelten sie kaum.
Mein Vater stellt mir dieselbe Begrüssungsfrage, jedes Mal, wenn ich ihn besuche: «Hättest du es nicht besser, wenn du bei der Bank geblieben wärst?» Ich pflege mit «Geld ist doch nicht alles» zu antworten, ziemlich sicher, dass dem wirklich so ist. Ich hatte das KV bei der UBS gemacht, vor zwei Dekaden aber in den Journalismus gewechselt. Nun hatte ich es tatsächlich geschafft, eine Branche gewählt zu haben, die noch mehr den Bach runtergehen würde als jene der UBS.
Ich weiss: Wenn mein Sohn dereinst in der Schule gefragt wird, was sein Vater arbeitet und er «Journalist» sagen wird, dann werden seine Mitschüler den Mund verziehen, als habe man ihnen Essiglösung injiziert, sie werden die Augen verdrehen und sich die Hände vors Gesicht schlagen, der Lehrerin wird ein «Oje» entfahren, und sie wird denken: «das arme Kind».
Es gab eine Zeit, als der Journalist noch etwas war; nie besonders viel, aber immerhin lag er in der öffentlichen Wahrnehmung statustechnisch gar vor dem Lehrer. Heute rangiert er irgendwo zwischen dem Mann von Billag, der dann und wann an der Haustüre klingelt, und der Stadttaube oder auch dem Silberfisch.
Einer sagte: Der Journalist ist nichts mehr wert, weil der Journalismus nichts mehr wert ist, weil die Menschen der Ansicht sind, dass Informationen nichts wert sind.
«Geh endlich unter, Sonne», rief ich in den Fjord hinunter und ging aufs Zimmer. Am nächsten Tag hätten wir nach einer erneuten Testfahrt durch die Wälder in einem Ort namens Sigtuna nach dem Mittagessen (Steak) zwei Stunden Zeit für Shopping. Was wird man dort kaufen können? Was shoppt man in Schweden? Gardinen? Ich dachte noch einen Gedanken, bevor ich auf dem Bett liegend die Augenbinde überzog: Warum reden die Menschen hier in Schweden alle rückwärts? Maruw?
Nebo reih, nedrew ginnisnhaw dlab, dlab nohcs edrüw hci osla.
Illustration: FLAG Aubry/Broquard