28.08.2009 von Max Küng
Der 26. Mai war jener Tag, als im Jahr 1906 Buffalo Bill im Wiener Prater gastierte, zusammen mit hundert federngeschmückten Indianern, wirbelnden Tomahawks und wild schnaubenden Bisons.
Der 26. Mai war jener Tag, als im Jahr 1926 Miles Davis geboren wurde und im Jahr 1976 Martin Heidegger verstarb.
Und der 26. Mai war ein Samstag im Jahr 2001 und jener Tag, an dem in Basel im neuen Stadion der Fussballklub Servette FC Genève zu Gast war, um im letzten Spiel der Saison gegen die Heimmannschaft anzutreten.
Ich besuchte das Spiel zusammen mit jemandem, den wir alle Den Spanier nannten und der damals noch einfach ein junger Mann war und nicht wie heute Theaterdirektor in Zürich. Wir standen in der Ecke ganz vorne am Zaun, und kam ein Spieler in unsere Nähe, dann deckte Der Spanier diesen Spieler mit Beleidigungen der gröbsten Art ein. Beleidigungen, welche die Schwester des Spielers, seine Mutter und oft auch seine Grossmutter zum Thema hatten. Dazu seien sie da, sagte Der Spanier, um sie anzuschreien. Spieler sagen in Interviews gerne, dass solche Provokationen von den Rängen sie bloss stärker machen. Das würde sie zusätzlich motivieren. Ich habe da so meine Zweifel.
Das Spiel war schlecht und stand bis zur 51. Minute null zu null. Dann schoss Alex Frei ein Tor für seinen Verein Servette. Alex, der eigentlich Alexander heisst, begann seine Karriere einst beim FC Basel, für den er zwischen 1995 und 1998 elf Spiele bestritt, in denen er bloss ein Tor schoss. Basel schob Frei als Gescheiterten nach Thun ab. Von dort ging er nach Genf. Nachdem Frei den Basler Goalie Miroslav König bezwungen hatte und mit erhobenen Armen jubelnd, in den Basler Himmel blickend, in seine Platzhälfte zurücktrabte, da stimmte das Heimpublikum einen Gesang an. Zehntausend Kehlen und mehr sangen laut, es hallte, es dröhnte, es war gewaltig.
Mir war klar, dass ich mich in einem Fussballstadion befand und der Umgangston ein anderer war, als man ihn beispielsweise am japanischen Kaiserhof pflegt. Auch waren die Fans damals nach einer Serie von schlechten Spielen emotional nicht sehr ausgeglichen — und solches kann durchaus zu einer undifferenzierten Wahrnehmung führen. Dennoch war ich einigermassen schockiert darüber, was die Fans voller Inbrunst sangen, schrien, krähten, brüllten, dass die Halsschlagadern hervortraten, nämlich: «Alex Frei», setzten sie an, und die Silben wurde in die Länge gezogen wie bei Schlachtengesängen üblich: «AAAAAA-LEEEEEEX-FREEEEEEI». Und dann weiter: «Du bisch!!! Diää dümmschti!!!! Sau!!! Sau!!! Sau!!!!» Das war die tiefste Überzeugung der Basler Fans, damals, als Alexander das schöne Weinrot von Servette trug. Es war eine Sache puren Hasses und der Abscheu. Ich schämte mich, und es stimmte mich traurig, denn: Ein jeder Spieler — auch ein noch so beschränkter, doofer — ist in seinem Inneren doch auch ein Mensch. Irgendwo. Ein bisschen. Sogar Alex Frei.
Manchmal denke ich an den 26. Mai des Jahres 2001. Es war ein Samstag, dessen Lied ich nicht vergessen kann.
PS: Das Spiel endete 1:1. Ein Unentschieden: für Basel ein gutes Resultat, damals und auch heute wieder, jetzt, da Alexander nach all den Jahren wieder in Rot und Blau mit in den Kampf zieht. Wir werden sehen.

Illustration: Flag by Aubry/broquard