20.11.2009 von Max Küng , 3 Kommentare
Ich sah weg, hin zur Uhr an der Wand, deren wie ein Schnakenbein dünner und langer Sekundenzeiger hüpfte, hüpfte, hüpfte.
«Schon fertig», sagte sie. Ich hatte nichts gespürt. «Verrückt, die Nadeln heutzutage», sagte ich, «wissen Sie, im Militär war ich Spitalsoldat, und dort hatten wir noch alte Kolbenspritzen mit wiederverwendbaren Nadeln, die so stumpf waren wie die Gedanken der Jugend von heute, und einmal musste ich so fest drücken, bis die Nadel in die Haut eindrang, musste so viel Kraft aufwenden, dass die Nadel schliesslich durch den Arm hindurchjagte und auf der anderen Seite rausschaute. Sie können sich vorstellen, wie da geschrien wurde.»
«Interessant», sagte die junge Frau, und ihre Stimme klang ganz so wie die Stimme, die aus dem Lautsprecher kommt, im Lift im Universitätsspital, wenn man das obere Deck der Parkgarage erreicht: «Etage V».
Die junge Frau hatte mir Pandermix gespritzt. Ich war nun also einer der Geretteten. Als ich das Schweinegrippen-Fixerstübli verliess, fragte ich mich, wer sich eigentlich die Namen für Medikamente ausdenkt. Muss im Falle Pandermix ein schwerstabhängiger Asterix-&-Obelix-Junkie gewesen sein. Und das Mittel von Novartis hat einen noch viel besseren Namen: Focetria. Wie kommt man auf Focetria? Klingt wie der Künstlername einer Darstellerin in einem Cyberpunk-Pornofilm.
Mit dem Zaubertrank im Oberarm widme ich mich zu Hause meiner neuen Leidenschaft. Lange war ich nämlich auf der Suche nach einem neuen Hobby. Ich suchte verzweifelt das hippste aller hippen Hobbys, sodass meine töpfernden, strickenden oder Bonsai-Bäumchen-züchtenden Freunde vor Neid erblassen würden.
Nun sammle ich Kugelköpfe für IBM-Schreibmaschinen. Was dem Menschenfresser der Schrumpfkopf, das ist für einen ehemaligen KV-Lehrling der Kugelkopf. Ich wusste: Bald würde ich die weltgrösste Sammlung an Kugelköpfen mein eigen nennen.
Die Liebe zum Kugelkopf fing an, als ich auf Ricardo eine elektrische Schreibmaschine kaufte, die ein Mann aus Effretikon in einer Migros-Kühltasche nach Zürich brachte, weil man sie auf der Post in Effretikon nicht entgegennehmen wollte, weil man dort sagte, eine annähernd 20 Kilo schwere Maschine könne man nicht einfach in eine Kühltasche stopfen und zur Post bringen. Der Mann brachte auch die Originalquittung von 1974. Für die IBM Selectric II mit Korrekturfunktion musste man damals 3000 Franken bezahlen. Viel Geld, auch wenn man sagen muss, dass die Maschine von robuster Natur ist.
Die weinrote Schreibmaschine verströmt ein Odeur, das an ein avantgardistisches Parfüm namens The Office erinnert: ein feiner Geruch nach Fett und Staub und Maschinenöl und geschmolzener Zeit. Wenn ich sie anstelle, dann summt sie, und der Schreibtisch vibriert unmerklich. Und dann das Tippen: Jeder Tastenschlag hallt wie ein Schuss. Das Zehnfingersystem klingt wie eine Maschinenpistolensalve.
In einem Köfferchen liegen die bisher gesammelten Kugelköpfe: Wie kleine Handgranaten sehen sie aus, mit einem silbernen Splittermantel aus Buchstaben. Ein solches Hobby zu finden — was für ein Glück, denke ich. Dann hole ich mir ein Stück Gugelhopf und eine Tasse Tee.

Illustration: Flag by Aubry/Broquard
[...] Focetria? Klingt wie der Künstlername einer Darstellerin in einem Cyberpunk-Pornofilm. — Max Küng November 21st, 2009 / 0 Comments / [...]
[...] Ebenfalls witzig die Betrachtungen über die Namensgebung der Antigrippemittel von Max Küng im Magazin vom 21.11. (http://dasmagazin.ch/index.php/max-kung-39) [...]
Max Kugelkopf, Max Kugelkopf
Du bist wirklich ein armer Tropf
Kein Hobby ist dir gut enopf
Auch das twittern ist nur hirnverstopf
Max Gugelhopf, Max Gugelhopf
Was sollen wir den machen, gopf
Pack die Gelegenheit bei Schopf
Und mach mit uns ‘nen Googlefuck