Max Küng

18.12.2009 von Max Küng , 1 Kommentar

Es gibt im Journalismus kaum mehr Prinzipien, ausser ein paar persönlichen, die man pflegt wie ein sonderbares Hobby oder eine Marotte. Ein solches Prinzip ist, dass ich nicht über meinen Sohn schreibe. Er ist ein wunderbarer Bub, eben vier Jahre alt geworden, und er soll nicht darunter leiden, dass er einen Vater hat, der ein Ich-Journalist ist, dem nichts einfällt und deshalb seine Kinder missbraucht, damit er Stoff hat für seine Texte.
«Du hast einen langweiligen Beruf», sagte mein Sohn, als wir mit dem Auto in eine dunkle Winternacht fuhren, um in einer Gemeinde am Zürichsee Freunde zu besuchen, die in der Wohnung leben, in der einst Max Frischs Beziehung zu Ingeborg Bachmann in die Brüche ging. Die Scheibenwischblätter quietschten, und mein Sohn zerkaute kleine bunte Zuckereier und sagte, als sich seine spitzen Zähne in den süssen Mantel der Eierchen gruben, es klinge ganz so, als gehe er im Sand. «Es krost.» Ich sagte ihm, da habe er ganz recht, mit beidem. Er sagte, ich solle einen neuen Beruf lernen, einen spannenderen. «Was denn?», fragte ich ihn. «Polizist», sagte er. Ich fuhr beinahe in den Graben, der kein Graben war, sondern eine Hausmauer. Morgen gleich solle ich die Polizeischule anrufen und fragen, ob ich Polizist werden könne.
Meine Frau wollte einst Polizistin werden. Konkret: Kripo. Das hatte sie mir einst gestanden — während eines querschlägerreichen, sonntagabendlichen «Tatort»-Schusswechsels —, verbunden mit meinem hochheiligen Versprechen, niemandem je davon zu erzählen. «Versprochen», sagte ich. Und niemals habe ich jemandem davon ein Sterbenswörtchen erzählt. Ich selbst trug mich bisher nie mit diesem Gedanken, auch da mein Leumund einen schlechten Atem hat, weil ich einst ein WM-Fussballspiel im Fernsehen dem Zivilschutz vorzog, was hier mit Gefängnis bestraft wird, wenn auch nur bedingt. Zu meinem Sohn sagte ich: «Soso, Polizist. Aber als Journalist kann ich eine Geschichte über dich schreiben, zum Beispiel als du beim Linard-Bardill-Konzert im Tierpark Langenberg die Ohren zugehalten und gerufen hast ‹Ich will gehen›, und ich rief ‹Ist es zu laut?›, und du: ‹Nein. Zu blöd›.»
«Sicher nicht!», sagte mein Sohn scharf. «Doch», sagte ich, «die Leute lieben es, Geschichten über Kinder zu lesen, vor allem zur Weihnachtszeit.» Mein Sohn schüttelte den Kopf. «Sicher nicht. Sonst hau ich dir eins auf den Kopf.»
Als ich in der Wohnung stand, in der sich Max Frisch und Ingeborg Bachmann gegenseitig auf die Nerven gingen (vor allem sie ihm mit ihrer ungehobelten Art, laut auf die Schreibmaschine einzudreschen), sah ich aus dem Fenster und auf den See, den ich nicht sah, sondern bloss die Dunkelheit, schwarze Tinte, und weit weg die Pfnüselküste, die wie ein breit getretener Christbaum elektrisch funkelte. Hier stand Max Frisch, stopfte seine Pfeife, und ich fragte mich, ob er sich je fragte, ob er Polizist werden wollte. Ingeborg Bachmann wird ihn das kaum je gefragt haben. Polizist. Warum nicht? Ich sagte es leise vor mich hin, hörte, wie es klang: «Kommissar Küng, Sie sind festgenommen. Keine Mätzchen.» Und ich sah mich schon in der schicken Uniform in einem Streifenwagen sitzen, darauf wartend, dass einer käme und etwas Falsches mache. Und der, der käme dann an die Kasse!

Illustration: Flag by Aubry/Broquard
Illustration: Flag by Aubry/Broquard

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. 20. Türchen « Elas Adventskalender

    [...] Nachdenkenswert: Ich plane also, einen langweiligen Beruf zu ergreifen. Polizist wäre also eine Alternative? Liegt ja schon in der [...]

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