05.02.2010 von Max Küng
(Frauen aufgepasst: Sie können getrost weiterblättern. Denn die folgenden Zeilen sind für Frauen von geringem Interesse; es geht bloss darum, was Männer beschäftigt, dann und wann, an was sie denken, tagsüber, und was sie bis in ihre Träume hinein verfolgt.)
Jemand soll dringend, am besten sofort gleich jetzt, bei einem mir nur vom Internetauftritt her bekannten Händler namens Hosang & Paganini GmbH Classic Cars & Watches in Chur eine Armbanduhr kaufen. Es ist eine Heuer Autavia Automatic von 1971. Sie ist sehr speziell, denn einst gehörte sie Heini Hemmi, dem Skirennfahrer mit den Riesenlatten und dem Bart, Goldmedaillengewinner an Olympia 1976, zeitweise Widersacher des grossen Ingemar Stenmark. Wenn nicht jemand sofort diese Uhr kauft, für 3600 Franken, dann werde nämlich ich das tun müssen. Und das will ich nicht! Aber ich bin besessen von dieser Uhr. Ich denke den ganzen Tag daran. Nur manchmal nicht, dann denke ich darüber nach, warum ich über Uhren nachdenke. Ein Mann, der über ein kleines, poliertes Stückchen Stahl und einen Haufen Zahnrädchen nachdenkt: irgendwie herzig, irgendwie krank.
Ich wollte mit meiner Frau darüber sprechen. Es gibt jedoch Dinge, die kann man mit Frauen nicht besprechen. Sie sagte: «Uhren? Bis du jetzt komplett übergeschnappt. Du hast doch schon eine Uhr! Reden wir lieber über… Autos von mir aus?» Ich wollte mich in einen Witz flüchten, aber es gibt Witze, die sind einfach zu schlecht, sogar für den innerehelichen Gebrauch. Ich wollte sagen: «He, lieber sein Geld für Uhren aus dem Fenster schmeissen als für Huren!» Ich liess es sein, schloss die Augen und sah langsam kreisend Uhrenzeiger, die immer schneller drehten und schneller und schneller.
Ich ging zu meinem Chef ins Büro. Er ist ein Mann. Mit ihm kann man über solche Probleme reden. Ich erzählte ihm alles. Er sagte nachdenklich: «Heini Hemmis Heuer? So, so. Interessant. Ich sah kürzlich auf einer Auktion die Armbanduhr, die einst Albert Einstein gehörte. Eine Longines. Ging für eine halbe Million. War mir zu viel. Aber an Heini Hemmi erinnere ich mich gut. Er stand im Coop und machte Werbung für Ragusa. Ich war damals noch ein Zwerg. Heini Hem¬mi beugte sich zu mir hinab und sagte: Willst du ein Ragusa? Er hatte einen Bart wie ein Taliban, nun ja, damals wusste man natürlich noch nichts von den Taliban, also sagen wir: Er hatte einen Bart wie Zeraldas Riese. Ich fing an zu weinen und rannte weg. Seither habe ich nie mehr Ragusa gegessen.»
Als ich aus dem Büro ging, sang mein Chef ein Lied. Er trällerte es vor sich her. Es war «Hemmige» von Mani Matter. Ich dachte: «Zeraldas Riese, wie passend. Heini Hemmi fuhr ja Riesenslalom.» Dann dachte ich sofort wieder an diese Uhr. Warum denken Männer an Uhren? Damit sie nicht an andere Dinge denken? Und an was würden sie denken, dächten sie nicht an Uhren? An die schwarzdunklen Tiefen des Meeres? An die unwirtlichen Weiten des Universums? An schwarze Löcher?
Jemand soll bitte, bitte sofort in Chur anrufen und diese Uhr kaufen, die einst Heini Hemmi gehörte. Denn sonst werde ich es tun. Und dann werde ich sie besitzen und feststellen, dass ich sie gar nie wollte. Und die Ferien von den wirklichen Gedanken wären jäh vorbei. Jemand soll sofort diese Uhr kaufen. Jetzt!

Illustration von Flag Aubry/Broquard