Max Küng

06.03.2010 von Max Küng , 3 Kommentare

Als wäre ihm das Drahtseil einer Bergbahn unter die Haut verpflanzt worden, so spannte sich seine Halsschlagader, sein Kopf war rot, und er sprach sehr eindringlich, als schreie er, ohne zu schreien. Das muss man wohl auf der Polizeischule so lernen; Stimmtrainingslehrgang «Darth Vader II» oder so.
Eben war er aus dem Polizeiwagen gehüpft, so wie sein Kollege, und wie bei einer bizarren Parallelsportart zogen beide gleichzeitig ihre Kopfbedeckung an, während sie mit schnellen Schritten auf mich zukamen. Polizisten haben immer ein Zeugs mit ihren Kopfbedeckungen. Aber — sieht natürlich schon gut aus, wenn man etwas auf dem Kopf hat, so einen firlefanzigen feschen Fetzen.
Ich sass in meinem Auto. Es stand mitten auf der Kreuzung. Es stand dort, weil der Polizeiwagen plötzlich vor mir anhielt. Ein Mann von der Strasse hob seinen Arm, der Polizeiwagen hielt an, der Passant sprach mit den Beamten durch das heruntergekurbelte Wagenfenster — und ich stand dahinter mitten auf einer der gefährlichsten Kreuzungen der Stadt. Ich zählte bis zehn. Dann hupte ich. Ich zählte nochmals bis zehn und hupte nochmals. Nichts geschah. Ich zählte bis drei und drückte meinen Handballen recht lange auf die Hupe. Ich hatte noch nie einen Polizeiwagen angehupt. Es war ein gutes Gefühl. Dann stiegen sie aus, hüpften aus ihrem Wa¬gen, als hätten sie eben ein Wespennest in ihrem Führerhaus entdeckt.
Ich liess meine Scheiben elektrisch herunter und lächelte. Die Polizisten schauten sehr böse drein, allzu viel Mühe schien ihnen das nicht zu bereiten. «Was ist Ihr Problem?», fragte der mit dem Drahtseil im Hals. Ich erklärte mich. Ich sagte: «Ich sah Ihren Aufkleber auf der Stossstange: ‹Honk if you’re horny too.›» Nein, das sagte ich natürlich nicht, sondern eher kleinlaut erklärte ich mich. Ich hätte Angst, ein Tram würde mich bald zerfetzen, oder ein heranbrausender 40-Tönner. Barsch wurde ich zurechtgewiesen.
«Hupen ist nämlich verboten», sagte der Polizist mit Bündner Dialekt. Und sein Kollege doppelte mit Aargauer Dialekt nach: «Genau. Hupen ist verboten.» Verdammt, dachte ich, die sind ja wie Schulze und Schultze aus «Tim und Struppi». Hätten sie nicht so unterschiedliche Dialekte, ich hätte gedacht, sie seien Brüder. Nun ja, vielleicht stehen sie einander einfach sehr nahe. Ich denke, es gibt nicht wenige Männer, die zur Polizei gehen, weil sie dort unter ihresgleichen sind. Ich wollte sagen: Sie müssen nicht wiederholen, was ihr Kollege eben sagte, aber ich sagte es nicht, sondern nickte, um auch nonverbal zu verstehen zu geben, dass ich verstanden hatte. Ich hob meine Hände und entschuldigte mich acht Mal. Nie wieder würde ich in meinem Leben hupen.
Mich böse anblickend, gingen sie davon. Ein Funkgerät knackste. Schnell stie¬gen die Polizisten wieder in ihren Kleinbus, routiniert nahmen sie ihre Mützen von ihren Köpfen. Ich sah, wie einer böse in den Rückspiegel schaute. Ich nickte ihm zu. Meine Handfläche hatte ich schon auf dem Steuerrad. «Hupbereitschaft erstellen!», sagte ich leise vor mich hin. Und fast hätte ich nochmals auf die Hupe gedrückt. Aber ich tat es nicht.
Die Polizisten fuhren davon. Irgendwo wartete sicher ein Einsatz auf sie. Entlaufene Enten zum Beispiel. Ein Velofahrer ohne Licht. Oder jemand, der hupte, obwohl es nichts zu hupen gab.

Illustration von Flag Aubry/Broquard
Illustration von Flag Aubry/Broquard

Die Diskussion

3 Reaktionen

  1. sturmkopf

    Das gefällt mir.

  2. r.w.

    schon lange nicht mehr so gelacht! danke!

  3. Florian Schuppli

    s tagi tagimagi mag i.

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