Max Küng

30.04.2010 von Max Küng , 5 Kommentare

Die zwei Männer sassen am Tisch nebenan. Ich bestellte mir eben einen Café crème. Etwas, das ich früher niemals getan hätte. Früher trank ich immer nur Espresso schwarz, ohne Zucker, gerne einen Doppelten. In letzter Zeit aber mag ich Café crème, diese seichte Pfütze; ich schaue, was auf dem Kaffeerahmdeckel ist; ich suche auf dem Zuckerbriefchen eine Weisheit; finde ich eine, dann freue ich mich. Das gibt mir zu denken. Bald würde ich das Bier so bestellen: «Eine Stange temperiert.» Bald würde ich mir im Restaurant von der Bedienung das Fleisch klein schneiden lassen.
Die zwei sahen aus wie ganz normale junge, schlanke Männer. Maschinenkurze Haare. Propere dunkelblaue Pullis. Jeans. Helle Turnschuhe. Ich dachte: Zeugen Helveticas: Grafiker. Den Beginn ihrer Unterhaltung verpasste ich, aber ich hörte, wie der eine sagte, während er sich mit der Hand über die kurzen Haare fuhr: «Das Tier mit den grössten Hoden? Keine Ahnung. Ein Zuchtstier?» Der andere sagte: «Ich helfe dir: Es ist ein Vogel.»
Ich wollte mich umdrehen und rufen «Eichelhäher», so wie ich kürzlich zu Hause vom Sofa aufsprang während der Quizsendung «Superbrain» und «Mars! Mars! Mars!» rief bei der Frage «Welcher Schokoriegel hat den gleichen Namen wie der römische Kriegsgott?». Der Kandidat in der Röhre aber hörte mich nicht und sagte nach längerem Nachdenken «Snickers?».
Ausserdem war ich mir nicht sicher, ob Eichelhäher wirklich stimmte, es war ein spontaner Einfall, wohl weil mir der Eichelhäher sympathisch ist und ich nicht nur seinen leisen Gesang mag, sein «Dchää-dchää» und sein pures «Piüü», sondern auch seinen rau rätschenden Warnruf.
«Wer hat die grössten Hoden? Meine Güte, eine schön schwere Frage.» — «Ja, da hast du ausnahmsweise recht.» — «Keine Ahnung.» — «Die Alpenbraunelle.» — «Die? Müsste es nicht heissen der Alpenbraunelle. Sowieso: nie gehört, diesen Namen.» — «Zur Paarungszeit schwellen die Hoden der Alpenbraunelle an, sie werden gross wie Haselnüsse.» — «Haselnüsse sind aber nicht gross.» — «Nun, die Alpenbraunelle hat die grössten Hoden im Verhältnis zum Körpergewicht. Sie machen zehn Prozent aus.» — «Wow. Das wären in deinem Fall ja… lass mich dich anschauen… 13 Kilo?»
Die beiden lachten, beugten sich vor, der eine klopfte dem anderen auf die Schulter. Nach einer Weile sagte der eine: «Im Ernst. Jetzt, da es Frühling wird, da fühl ich mich wie eine Alpenbraunelle.» Der andere nickte: «Wir sind alles verdammte Alpenbraunellen. Auf der Jagd nach Gazellen.»
Männer, dachte ich. Typisch Männer. Dann fiel mir plötzlich ein, dass ich selbst ja einer bin, oder wenigstens das, was davon übrig geblieben ist. «Bedienung», rief ich, «einen doppelten Scotch!» Die Bedienung kam, eine junge Frau. Sie sah mich genervt an und sagte: «Wir sind ein Café, wir führen keinen Alkohol. Und wenn das zwischen Ihren Fingern ist, was ich denke, und Sie vorhaben, was ich vermute, dann muss ich Ihnen sagen: Vergessen Sies. Bei uns war schon immer Rauchverbot. Sonst noch was?» — «Dann halt einen doppelten Espresso.» Sie ging davon. Die beiden Grafiker glotzten mich an, als wäre ich ein Mann in einem selbst gebastelten Alpenbraunellenkostüm.
Ich schob das unangezündete Lungenbrötchen zurück in die Schachtel, die Schachtel in die Jackentasche und seufzte. Dann grunzte ich.

Illustration von Flag Aubry/Broquard
Illustration von Flag Aubry/Broquard

Die Diskussion

5 Reaktionen

  1. eliane schneider

    tolle illustration.

  2. Venus_Electra

    wunderbare vorstellung – da lache ich laut.

  3. KING « G405 BLÖÖK

    [...] Nur für uns! [...]

  4. Tweets that mention Das Magazin » Max Küng -- Topsy.com

    [...] This post was mentioned on Twitter by unfolded. unfolded said: sorry. und noch der link zu den zeugen helveticas http://dasmagazin.ch/index.php/max-kung-58/ #max2000 [...]

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