31.08.2007 von Thomas Zaugg
Nachdem ich nächtelang über der Zukunft des Fernsehens gebrütet hatte, hatte ich einen Albtraum, und der ging so:
Hegel, mein absoluter Lieblingsphilosoph, leiht Meienberg, meinem absoluten Lieblingsjournalisten, seine Zeitmaschine. Spätnachts scheppert es draussen. Ich schaue nach dem Rechten. Da steht im Garten frisch und zottig Meienberg mit Hegels Zeitmaschine und führt mich in Versuchung: «Kommen Sie schon! Das ist Ihre Chance, ”die” Jahrhundertreportage! Wir reisen in die Zukunft – Sie schreiben über die Zukunft des Fernsehens und ich – ich schreibe über das zukünftige Elend des Proletariats.»
Die Zeitreise ist turbulent, ein Flug durch einen grünen Strudel. Aber warum, denke ich im Albtraum, stellen wir uns Zukunftsreisen immer als Strudel vor? Es muss am Fernsehen liegen, denke ich, an all den Science-Fiction-Filmen, die unsere Vorstellungskraft völlig abgestumpft haben. Wird es einmal ein besseres Fernsehen geben? Ein Fernsehen, von ”uns” geprägt? Ein Fernsehen, von ”unserer” Fantasie mit Leben erfüllt, wie die toten Zeilen unserer Bücher?
In der Zukunft werden Meienberg und ich bereits erwartet. Eine kleine Stube, weder Eingang noch Fenster. Trotzdem Tageslicht. Wir sitzen in zwei Sofasesseln, vor uns erscheint ein grauhaariger Mann Mitte dreissig, die Arme wie ein Diener hinter dem Rücken verschränkt:
«Sehr geehrte Besucher aus dem 21. Jahrhundert, herzlichen Dank für Ihr Kommen! Wir schreiben das Jahr 4973. Ich bin Steve, Ihr persönlicher Zukunftsreiseführer. Zu unserer und Ihrer eigenen Sicherheit werde ich Sie für die Dauer Ihres Aufenthalts begleiten.»
Steve lächelt uns an.
«Was bitte möchten Sie von der Zukunft wissen?»
Meienberg ist sprachlos, also sage ich: «Wir – ähm – möchten das Fernsehen der Zukunft sehen.»
«Die Zukunft des Fernsehens», sagt Steve nach einer kurzen Pause, «beginnt im 21. Jahrhundert. Die Bildqualität verbessert sich enorm; es treten erste Fälle von Realitätsverschiebung auf – eine pathologische Erscheinung: der Fernsehzuschauer verwechselt die Fernsehbilder mit der Realität. Überliefert sind uns Fälle, in denen Fernsehzuschauer in Schockzustände gerieten, wenn man sie mit besonders realen Bildern eines Fallschirmabsprungs ohne Fallschirm konfrontiert hat. Ende des 21. Jahrhunderts müssen Fernsehbilder per Gesetz mit einem blinkenden roten Punkt versehen werden, um ihre Unechtheit auszuweisen.»
«Okay», sagt Meienberg, der langsam wieder die Sprache findet. «Aber wie ist das Fernsehen in Ihrem Jahrtausend organisiert? Wie sind die Arbeitsbedingungen in den Redaktionen, anno 4973?»
Steve lächelt: «Wir haben kein Fernsehen mehr.»
«Wie bitte?!»
«Wir haben kein Fernsehen mehr.»
«Aber – wie?»
«Spätestens seit dem 23. Jahrhundert sehen die Menschen keine Notwendigkeit mehr, fernzusehen. Stattdessen erforschen wir die Galaxie – oder wie wir ironisch zu sagen pflegen: unser grösstes Fernsehvergnügen. ‹Das sogenannte Fernsehen des 21. Jahrhunderts ist zu verstehen als Anzeichen der Dekadenz damaliger Kultur, die sich ständig selbst hat unterhalten müssen, weil sie ihre Welt und ihre eigene Existenz nahezu erforscht glaubte›, schrieb unlängst Hannah Pohxt, unsere bedeutendste Kulturphilosophin.»
Da erwachte ich aus dem Albtraum.
Hegel hatte mich wachgerüttelt, denn ich hätte, sagte er, sehr erschreckende Dinge geschrien: «Kein Fernsehen mehr!? Anzeichen der Dekadenz unserer Kultur! Nein! Das kann doch nicht sein! Nein! Nein! Kein Fernsehen mehr!?»
«Apropos Fernsehen», sagte Hegel dann, «wissen Sie, was heute Abend kommt?»
Ich sagte: «Samschtig-Jass mit Monika Fasnacht.»

Wir reisen also durch diesen Strudel in die Zukunft. | Bild: Thomas Zaugg

Und Meienberg nimmt sogar seinen alten Presseausweis mit. | Bild: Schweizerisches Literaturarchiv