Mein bester Freund

Das Velo — Ode an ein geniales Fahrzeug

20.03.2010 von Max Küng , 12 Kommentare

In diesem Land gibt es vier Millionen Fahrräder. Es sind Velos. Es sind Göppel. Es sind Drahtesel. Es sind Stahlrösser. Es sind Renner. Es sind Wracks. Es sind Gurken, Bikes und Böcke. Vier Millionen dieser Dinger stehen in Hinterhöfen, Kellern, an Strassenecken, sie sind an Geländer gekettet oder an Ständer gefesselt. Sie stehen in Fluren, wo sie den Abwart fluchen lassen, und sie stehen zusammengepfercht in überwachten Stationen an Bahnhöfen hinter Gittern. Sie sind auf Hochglanz poliert oder haben platte Reifen. Es sind Arbeitstiere, Transportmittel, Statussymbole, Sportgeräte. Jedes dieser Dinger hat eine Besitzerin oder einen Besitzer, und es besteht eine Beziehung zwischen Mensch und Maschine — und keine dieser Beziehungen gleicht der anderen.
Der Kosmos Fahrrad ist ein Kosmos, der jenem der Religion nicht unähnlich ist. Jeder lebt seinen Glauben auf unterschiedlichste Art aus. Und jeder meint, er habe recht, ja: Es sind regelrecht Glaubenskriege im Gange.
Es gibt die Pragmatischen, für die ein Velo nichts anderes ist als ein blosses Fortbewegungsmittel und die keinerlei Anspruch stellen an Technik, Ästhetik oder Distinktion — Hauptsache, es ist billig. Es gibt die Downhiller, die mit gewaltigen Federgabeln und an «Star Wars»-Soldaten erinnernde Körperpanzer Berge herunterrasen und kaum je trampen, sondern nur bolzen. Es gibt die Freunde der Liegevelos, die in Kauf nehmen, dass man auf sie herabsieht, da sie so sehr von der Richtigkeit ihrer Fortbewegungsart überzeugt sind. Es gibt die Moultoneers (mehr oder weniger fanatische, aber immer freundliche Anhänger der Velos von Alex Moulton, die mit den kleinen Rädchen). Es gibt die Politischen, deren Velo auch eine Waffe ist gegen die Autos, die unsere Städte verstopfen. Es gibt die BMXler. Die Junkies auf geklauten Damenrädern, die immer in zu kleinen Übersetzungen herumgondeln. Es gibt die Weitgereisten, die mit ihren Trekkingvelos ein-, zwei- oder dreimal um die Erde fahren (und eine Diashow mit nach Hause bringen).
Es gibt die Gümmeler, die mit rasierten Beinen auf dem Rennvelo abends oder am Wochenende sportlich unterwegs sind (ein Velohändler erzählte mir einst, er habe zwei Geschäfte, denn im einen könne er keine Rennvelos verkaufen, weil er keine Parkplätze vor dem Laden habe. Rennvelos aber könne man nur verkaufen, wenn man Parkplätze anbiete, denn die Typen, die Rennvelos fahren, das sind eigentlich Autofahrer). Und es gibt viele, viele Gruppen mehr.

Niemals ab der Stange
Aber selbst innerhalb der Gruppen gehen die Meinungen auseinander. Bei der Single-Speed-Fraktion etwa. Diese puristische Avantgarde würde niemals ein Produkt ab der Stange kaufen, auf dessen Rahmen der Name eines Herstellers prangt, sondern sich das Bike Teil für Teil selber zusammenbauen, vielleicht sogar mit einem Rahmen, den man sich nicht selbst gekauft, sondern irgendwo «ausgeliehen» hat. Für jemanden, der sich einen Eingänger von einer bekannten Marke kauft, für den hat man im allerhöchsten Fall einen Nasenrümpfer übrig, wenn überhaupt. Und jemand, der ein Elektrovelo fährt, der ist so weit entfernt vom Single-Speed-Freak wie ein Kreuzfahrttourist von einem Zen-Mönch. (Aber auch dort sind die Dinge im Fluss, seit man herausgefunden hat, wie man Elektrovelos frisiert.)
Manchmal frage ich mich, wo ich auf dieser gewaltigen Landkarte hingehöre. Denn drei dieser vier Millionen Fahrrä­der, die es in der Schweiz gibt, die gehören mir.

Jämmerliche Dreigänger
Auch der Schriftsteller Henry Miller besass drei Fahrräder. Eines kaufte er nach einem Sechstagerennen einem Profi-Fahrer im Madison Square Garden ab. Es entstand eine innige Liebe. Er schrieb in seiner Kurzgeschichte «Mein bester Freund» ebendies: dass das Velo sein bester Freund sei, weil er sich immer darauf hat verlassen können — etwas, was er von seinen Kumpels nicht behaupten konnte.
Dies zu behaupten, soweit möchte ich nicht gehen. Aber wenn ich zurückdenke, muss ich gestehen, dass ich mich noch an alle Fahrräder erinnere, die ich je besass — und noch immer hege ich wärmste Gefühle für sie, etwas, was man von Menschen ja nicht immer sagen kann.
Damals, als ich klein war und die Träume gross, da waren Mountainbikes noch unbekannt, weil es sie noch gar nicht gab. Aber wir schoben unsere Göppel den Berg hoch, jämmerliche Dreigänger waren das, alte Damenvelos, die gar nicht uns gehörten, sondern unseren grossen Schwestern, fluchend und ächzend, schwitzend und stöhnend wuchteten wir sie hoch. Dann fuhren wir runter. Man sagt so schön, wenn man wandert: über Stock und Stein, aber niemals hat man es so erfahren, wie mit einem ganz normalen Velo einen Hang herunterzujagen, der uns irgendwann abwarf, weil wir in einen Stein rasten, der die Gabel stauchte, oder in die wurstige Wurzel eines Baumes — und wir flogen und schürften uns die Hände auf und fühlten Schmerzen, aber erfuhren auch so etwas wie eine Adelung. Wir waren nach den wilden Ritten nicht mehr die Buben, die wir zuvor gewesen waren. Wir waren eher Ritter denn gewöhnliche Menschen. Ja, wir waren verwandelt.
Nachdem die Velos unserer grossen Schwestern zu Bruch gefahren waren, bekam ich mein erstes eigenes Velo von Mondia, rot und schwerfällig, als wäre es aus Blei gegossen. Dann kam ein günstiges Peugeot mit einem mit Plastikband umwickelten Rennlenker und diesen nach oben gezogenen Bremsbügeln, sodass man auch bremsen konnte, wenn man den Lenker oben hielt. Beim Peugeot aber schabte bald die Kette am Schutzblech, das Schutzblech schabte am Pneu, und das zu einer Acht geformte Hinterrad schabte an der Querstrebe, sodass es pfiff, wenn ich fuhr. Und ging es einen Hang hinunter, dann klang es, als quäle jemand ein Murmeltier — bis der Pneu durchgescheuert war, der Schlauch auch, und ein Knall die Dinge beendete. Ich flickte das Ding, hielt den Schlauch in den Brunnen, um zu sehen, wo das Loch war. Ich war ein mieser Flicker. Ich packte so viele Flicken auf den Schlauch, dass das Rad einen Buckel bekam und eierte, bis mir schwindlig wurde von den Erschütterungen. Der orangefarbene Peugeot-Schriftzug auf dem grün-grau lackierten Rahmen jedoch ist in meine Erinnerung eingebrannt, als wäre er in meine Netzhaut tätowiert — nur leuchten die Farben nach all den Jahren noch kräftiger, als sie vielleicht je waren.

Lieber nackt auf den Berg
Später folgte das erste richtige Rennvelo. Ein blaues der Marke Tour de Swiss mit dünnen profillosen Reifen und zwölf Gängen. Zwölf Gänge! Das war damals top. Lange hatte ich das Geld dafür gespart, und viele, viele Male ging ich, bevor ich es mir schliesslich leisten konnte, beim Velohändler vorbei und bestaunte es kauernd. Dann kam die Phase mit den Mountainbike-Velos von Raleigh, auf die wir profillose Reifen montierten. Dann die Klassikerphase (diverse Rennvelos aus zweiter oder dritter Hand von Colnago oder Pinarello, auf dem Oberrohr die einlackierten Namen der Vorbesitzer — wurden alle irgendwann gestohlen), dann eine reine Rennmaschine zu Sportzwecken aus Karbon, mit Klickpedalen und gewichtsoptimiertem Sattel. Mit ihm habe ich ein paar wunderbare Ausfahrten gemacht. Eine führte mich auf die Alpe d’Huez (darüber schrieb ich einst einen Artikel, auf den ich noch heute angesprochen werde, was mir immer wieder zeigt, was für ein emotionales Thema das Velofahren ist). Dazu kam ein Stadtvelo und schliesslich, meine letzte Anschaffung, vor einem Jahr: ein voll gefedertes Mountainbike, zum halben Preis, weil Vorjahresmodell, aber immer noch verdammt teuer; was mir kübelweise Spott von meinen dogmatischen und dem Purismus verpflichteten Rennvelofreunden einbrachte, denn ein Mountainbike ist in ihren Augen so verwerflich, wie mit einem SUV herumzufahren. Ein fettes, voll gefedertes Mountainbike stellt tatsächlich so etwas wie eine Antithese zum schlichten, spartanischen, ja zierlichen Rennvelo dar. «Niemals würde ich ein solches Ding fahren», sagte mir ein guter Freund, «lieber kröche ich auf allen Vieren nackt den Berg hinauf.»
Drei Velos also sind mein. Nun ja, um präziser zu sein: Beim Stadtvelo macht sich seit einem Monat der feine Unterschied zwischen Besitz und Eigentum bemerkbar, seit es mir aus dem Keller gestohlen wurde und folglich flüchtig ist. Zuerst war ich traurig — allerdings mischte sich auch so etwas wie eine Vorfreude in die Trauer: Das Schicksal gab mir einen Grund, mich wieder mit einem grossen Thema auseinanderzusetzen, nämlich: Welches Velo soll ich mir jetzt anschaffen? Welches Teil passt zu mir? Und damit stellt sich immer auch die Frage: Wer bin ich denn? Es ist ein bisschen so, wie wenn einem die Freundin davonläuft: Im ersten Moment ist es sehr schlimm, aber die Aussicht auf das Neue gewinnt überraschend schnell und stark an Reiz.
Eines weiss ich allerdings sicher: Ich fahre extrem gerne Velo. Nein, das ist untertrieben. Es ist eine Sucht, auf den zwei schmalen Rädchen durch die Welt zu schiessen, nahezu geräuschlos, den Wind im Gesicht und die Sonne im Nacken. Manchmal vergisst man zwischendurch, dass man süchtig ist. Aber sobald man wieder im Sattel sitzt und die ersten Meter hinter sich lässt, ist alles wieder klar, und man weiss: Das ist es.

Beide Arme in Gips
Die Geschwindigkeit. Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass sie nicht einen massgeblichen Reiz darstellt. Das Gefühl, schnell unterwegs zu sein, auf eine Art, die dem Fliegen wirklich sehr nahekommt. Sei es in der Stadt oder über Land. Und dann diese Verblüffung: wie schnell man wie weit kommt. Eben erst fuhr man los, schon ist man da. Vielleicht ist es das gleiche Gen, welches Autofahrer rasen lässt — bloss, dass man es mit dem Velo legal ausleben kann. Und ohne Parkplatzproblem. Aber das Alter fordert seinen Tribut, oder besser: Die Vernunft tut es. Früher stürzte ich mich jeden Berg herunter, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. Gefahr war ein Wort aus einem unbekannten Reich.
Ich sass einmal auf der Rückreise von den Bergen in einem Zug, und im Abteil nebenan sass einer und stöhnte. Er trug beide Arme in Gips, gestützt, so als wäre er ein berühmter Pianist und haue gleich in die Tasten, aber eher Rachmaninow denn Bach; und seine Freundin sass weinend neben ihm. Irgendwo stieg er aus, seine Freundin hievte die Taschen aus dem Zug, eine davon war eine riesige Transporttasche für ein Rennrad. Zuvor erzählte er mir seine Geschichte: Er war in den Bergen, um ein bisschen mit dem Renngöppel zu trainieren. Auf einer Abfahrt platzte ein Reifen. Er sei nicht mal besonders schnell unterwegs gewesen. Er habe sich beide Arme gebrochen, und schlafen werde er eine Weile nicht auf dem Rücken liegend können, denn er schlitterte über die Strasse, und der Teer zog ihm die Haut vom Fleisch.

Erinnerungsmaschine
Shit, dachte ich damals, armer Kerl, brutal. Und wenig später schoss ich mit achtzig Stundenkilometern den San Bernardino herunter und musste laut lachen vor Glück ob des Irrsinns.
Die Geschwindigkeit ist sicherlich ein wichtiger Teil der Faszination Velofahren, die Beschleunigung, die Heftigkeit auch, das Gefühl, mit der Strasse, der Landschaft direkt verbunden und den Elementen ausgesetzt zu sein: Man spürt etwas — nämlich nichts anderes, als dass man existiert, dass man lebendig ist, dass Blut in einem pulsiert. Aber es gibt meiner Meinung nach noch einen anderen Grund für das Glück: Das Velo ist eine permanente Erinnerungsmaschine. Es erinnert uns mit jeder Kurbelumdrehung an die eigene Kindheit, an das Erleben erster Freiheit, an kleinste Fluchten und grosse Abenteuer — vielleicht auch an so etwas wie Unschuld.
Es sind diese Momente, an die wir uns erinnern, wenn wir uns auf den Sattel schwingen und ein Gefährt bewegen, das mehr ist als ein Gefährt, nämlich ein Gefährte — und eine Maschine von allergrösster Einfachheit, was in einer zunehmend komplizierteren Welt selbstverständlich auch einen immer wichtigeren Wert darstellt.

Elektrovelo-Boom
Im Jammer-Jahr 2009 wurden in der Schweiz exakt 349 903 Velos verkauft — das sind 7,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Schweizerinnen und Schweizer kauften für 383 Millionen Franken ein. Dazu kommt die sogenannte Peripherie (Reparaturen, Bekleidung, Zubehör und womit sich sonst noch Geld verdienen lässt), die der Branche einen nochmals ebenso grossen Betrag einschenkte. Die ganze Branche also setzte 790 Millionen Franken um. Die Gründe für den Anstieg trotz rückläufiger Wirtschaft sieht man zum einen im Boom der Elektrovelos, deren Verkäufe sich beinahe verdoppelten (von 12 600 auf 23 886 Stück, vor allem Verkehrsvereine entdeckten das E-Bike als effektive Standortwaffe), zum anderen auch in der schlechten Wirtschaftslage, wo man das Velo als günstiges Transportmittel wiederentdeckt.
Auch dieses Jahr werden ähnlich viele Velos verkauft werden. Und eines davon an mich. Doch was für eines?
Ich rufe einen Freund an, denn dazu hat man ja Freunde, dass man sie mit Fragen belästigen kann. Er heisst Luc und ist Grafiker, und er erzählt mir von seinem Projekt: ein Rennvelo zusammenzubauen, das weniger als fünf Kilo wiegt. Das klingt interessant. Luc ist in der sogenannten Lightweight-Szene zu Hause, das sind so etwas wie die Weight-Watchers der Bikeszene: Es geht darum, ein möglichst leichtes Velo zu haben, nur darum. In Deutschland gibt es einen Mann, der Günter Mai heisst und 2008 ein Rennrad vorstellte, das bloss 2,9677 Kilogramm wiegt. «Aber», sagt Luc, «man sollte als Fahrer nicht mehr als 75 Kilogramm auf die Waage bringen.» Sonst bricht der Göppel unter einem zusammen. «Gut», sage ich, «dann schau ich mich mal nach einer anderen Lösung um.»
Ich fahre nach Wallisellen. Dort ist die Werkstatt von Robert Stolz, in der es nach Eisen riecht und Velos gebaut werden, in Handarbeit. Zusammen mit seinen fünf Angestellten fertigt er pro Woche ein bisschen mehr als ein Velo. Und jetzt, da der Frühling naht, da liegen ihm die Kunden im Nacken. Die Maschinen, die hier stehen, mit denen wurden auch schon früher Velos gebaut. Auf der Gewindeschneidemaschine wurde bei Condor im jurassischen Courfaivre das Militärvelo der letzten Generation gefertigt. Eine andere Maschine stand einst bei Caminada, der in der Stadt Zürich Rennvelorahmen baute. Früher war das gang und gäbe: dass einer irgendwo in einem Hinterhof oder einer Garage Velorahmen baute. Heute ist Stolz so etwas wie der letzte Mohikaner.
Mindestens 5500 Franken muss man für ein massgeschneidertes Fahrrad aus der Zürcher Manufaktur investieren. Stolz stellt fest, dass die Wünsche der Kunden immer weitergehen. Immer mehr wünschen ohne Rücksicht auf die Kosten Details wie handgemachte Schutzbleche (was natürlich wunderbar anzusehen ist, aber: Handgemachte Schutzbleche kosten tausend Franken, pro Stück). Und eben kam ein Kunde aus dem Bergell herunter ins Flachland, um die Farbe des Lenkerbandes zu überprüfen, und mit sich brachte er aus den Bergen eine zusätzliche Idee: ein im Lenkerrohr verstecktes Werkzeugset.
Die Bestellbücher sind voll. Es gibt eine Warteliste. Wer heute ein Stolz-Rad bestellt, der kann frühestens in einem Jahr losradeln. Doch ich brauche jetzt ein Velo. Also fahre ich nach Bern und treffe einen Mann namens Butch Gaudy, der seit dreissig Jahren im Velogeschäft ist und so ziemlich alles gesehen hat, was man gesehen haben kann. Vielleicht kann er mir weiterhelfen.

Aus dem Weltall
Butch steht vor dem Veloladen in der Berner Altstadt, den er vor Kurzem seinem langjährigen Geschäftspartner verkauft hat. «Velomechaniker hassen dieses Ding», sagt Butch, «aber es könnte die Zukunft sein.» Das Ding, welches die Velomechaniker hassen, ist ein Velo. Nun ja, auf den ersten Blick ist es schon als Velo erkennbar, wenn auch als sehr sonderbares. Es ist weiss, hat ziemlich kleine Rädchen, die Räder sind einseitig an sonderbaren Schwingen angebracht, im Vorderrad sitzt ein kleiner Elektromotor, ja: Es sieht recht komisch aus.
«Für den Velomech gibt es nichts zu flicken. Wir haben versucht, das Ding aufzuschrauben, aber wir haben es nicht geschafft.» Das Ding heisst GoCycle und ist ein Elektrovelo aus England, aber noch viel mehr, denn es wurde nicht wie bisher alle Elektrovelos von einem kommunen Velo abgeleitet, sondern komplett neu konstruiert von einem Engländer namens Richard Thorpe, der Ingenieur war bei McLaren und Mercedes, und der dachte irgendwann, die Zeit sei reif für ein radikal neues Produkt.
«Die Teile, die da dran sind, die habe ich noch nie zuvor gesehen. Keine Ahnung, woher sie kommen. Es sind auf jeden Fall keine Fahrradteile.» Es tönt ganz so, als sei da etwas aus dem Weltall auf die Erde gefallen und man betrachte das Extraterrestrische zum ersten Mal. Butch fing in den Achtzigerjahren an, die ersten Mountainbikes aus den USA in die Schweiz zu importieren. Dann gründete er seine eigene Marke, MTB Cycletech, und produzierte etwa das eben mit einem Designpreis ausgezeichnete Modell Papalagi, das legendär ist und seit über zwanzig Jahren gebaut wird — und weil Butch aber auch gerne die Nase im Wind hat, hat er schon mit Designern wie Jörg Boner oder Hannes Wettstein Bikes entwickelt.

Der neuste Streich
«Das GoCycle ist wie das iPhone. Die Leute haben das begriffen: Ein iPhone kann man nicht behandeln wie ein normales Telefon, sonst hält es nicht lange. Wenn die Leute mit dem GoCycle umgehen, wie sie mit dem iPhone umgehen, wenn sie das GoCycle als GoCycle begreifen und nicht als Velo, dem man alles abverlangen kann, dann wird es ein Erfolg.»
Butch aber ist nicht nur fasziniert von dem weissen Ding vom anderen Stern. Ihn beschäftigen auch noch ein paar andere Dinge. Eines heisst Zahnriemen. Ein Antriebssystem, wie man es beim Motorrad schon länger kennt — und das im Prinzip nichts anderes ist als ein Keilriemen beim Auto, bloss mit Zahnprofil.
Der neuste Streich heisst Jalopy, was englisch ist und so viel wie Göppel heisst. Das Jalopy wird diesen Sommer auf den Markt kommen. Eigentlich hätte es schon im letzten Jahr im Laden stehen sollen, aber es gab da ein paar technische Dinge, die noch richtig ausgetüftelt gehörten, denn im Gegensatz zur Kette kann man den Zahnriemen nicht öffnen — man muss ihn also irgendwie in den Rahmen einfädeln, ganz so wie ein Zauberer, der zwei scheinbar geschlossene Ringe ineinander schlingt. Und das ist eine Sache, die so einfach gar nicht ist.
Die Vorteile des Zahnriemens: Er muss nicht geschmiert werden. Es gibt keine schmutzigen Hände und keine dreckigen Hosenstösse. Keine Kette quietscht oder rattert. Plus: 376 Gramm Gewichtsvorteil.
Klingt nach etwas, was sich anzuschaffen lohnen könnte. Ich mache mich für eine Testfahrt bereit und hole ein Zahnriemenvelo aus dem Laden. Eine junge Frau fährt eben auf einem Rennrad vorbei. «Es gibt nichts Schöneres, als eine Frau auf einem Velo», sagt er, während er ihr nachblickt. So einfach seine Feststellung ist, so wahr ist sie auch. Und man merkt: Es wird Frühling. Endlich. Das Leben, es kann wieder beginnen.
Nun, so denke ich, habe ich genug geschrieben. Was sollen auch all diese Worte? Nichts als blosse Theorie. Draussen ist die Sonne durchgebrochen. Ich steige auf mein mir gebliebenes Mountainbike. In fünf Minuten bin ich aus der Stadt draussen und im Wald. Genau das werde ich tun. Jetzt. Es wird ein kleines Abenteuer werden. Nur noch dies zum Schluss: Für mich gibt es nur einen Gott. Er hat zwei Räder.

Die Diskussion

12 Reaktionen

  1. Ode an ein geniales Fahrzeug « now | worldwidewestern

    [...] Max Küng – Ode an ein geniales Fahrzeug [...]

  2. tigerbaby

    Mein Freund, der Max? Sie müssen langsam aufpassen mit diesem Duktus, Herr Küng. Wir haben Ihren “Mein Freund der Baum” Artikel noch in bester Erinnerung! Oder planen Sie ein Buch mit all Ihren Freunden? Dem Baum, dem Velo und dem Ikea-Schlüssel? Ist nur ein Vorschlag… Der aber nicht schlecht passen würde, wie mir scheint… Schönes Wochenede Ihnen!

  3. klaeuiblog

    Ode an ein geniales Fahrzeug: das Velo…

    Bild via twicepix Ich bin beim Das Magazin auf einen interessanten Artikel über Velos/Fahrrad, Göppel, Drahtesel, Stahlrösser, Renner, Wracks, Gurken, Bikes und Böcke oder wie man sein eigenes Ding auch immer nennen mag gestossen. Es ist ein längerer A…

  4. ionlab

    Habe selten so gelacht. Toller Bericht. Neben 2 Rennrädern besitze ich noch als Vergleich ein City-Bike (mein Winter-Traktor) ein Brombton für Tram bei Regen und Steigungen und dann noch ein hässliches Taiwan Billig Fully für das ganz Grobe. Meine Frau hat auch ein Brompron und ein City Bike und meine Tochter 2 kleine Räder inkl. einem Schattenvelo, Uff.

  5. Lesetipps: DAS MAGAZIN « pyrrhussieg

    [...] Küng, der 2003 die Alp d’Huez-Etappe für die ZEIT erklomm, schreibt über das Fahrrad als besten Freund: Er war in den Bergen, um ein bisschen mit dem Renngöppel zu trainieren. Auf einer Abfahrt platzte [...]

  6. architecture - Grandioser Göppu

    [...] architecture – Grandioser Göppuarchitectureand anything else that matters… 21/3/2010Grandioser Göppu Category: Kult Von Khathran um 16:16 Jalopy | Max Küng [...]

  7. Samuel Furrer

    Wieder einmal ein wunderbarer Artikel über die Leidenschaft Velo.
    Max Küng – ein Fellini auf zwei Rädern

  8. Jota

    Drei, der vier Millionen Fahrräder, die es in der Schweiz gibt, gehören Max Küng? – Darauf müsste man eigentlich Mathias “empirisch” Plüss mal hinweisen, dass nur jedes vierte Velo in der Schweiz nicht Max Küng gehört.

  9. /// Fixed Gear Switzerland » Das Magazin – Mein bester Freund ///

    [...] the whole story here and if you have a printet copy check out le mech’s [...]

  10. bogi

    BeKing by Biking! sehr schöner artikel, herr Küng. eine sehr gut geschriebene persönliche geschichte, die ich verschluckt habe. konnte mich sehr gut damit identifizieren. mögen viele leute vom voloenthusiasmus Küngs angesteckt werden.

  11. crazypete

    Lieber Max Küng – Danke für diese Ode ans Velo. Zwei Anmerkungen: bitte schreiben Sie Faltvelo statt «Klappvelo». Das Unwort ist ein Relikt aus dem frühen 70-er Jahren, als Velos nur als Zugabe für den Kofferraum bei einem Autokauf existierten. Zweitens: Das Moulton ist kein Faltvelo, sondern nur zerlegbar, im Stil eines Meccano-Baukastens.

  12. Hull35Clarissa

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