Melodien für Millionen

Die UBS ist die erste Bank mit eigenem Orchester und das UBS Verbier Orchestra das grösste Kultursponsoring-Projekt der Welt. Ein Tourneebericht aus China, wo die klassische Musik einen Boom erlebt.

05.01.2007 von Guido Mingels

Der Dirigent löst ein Sudoku-Rätsel, der Bariton schaut «Tom & Jerry», und das Orchester vergnügt sich bei einer Kissenschlacht. Und das in einem Flugzeug. Aber die dürfen das. Denn Swiss LX 9204 fliegt nur für sie allein. Die Maschine bringt das UBS Verbier Festival Orchestra heute von Wien nach Peking und später nach Tokio, Seoul, Melbourne und die anderen Stationen ihrer Welttournee.

«Is that the Chinese Wall?», kreischt eine amerikanische Violinistin mit Fensterplatz. Sofort linsen zahlreiche Musikantendigitalkameras durch die Bullaugen. 104 junge Musiker aus mehr als dreissig Ländern sind an Bord, manche erst 17, keiner älter als 29, die weltweit besten Talente auf ihren Instrumenten. Immer noch fliegen Swiss-Kissen kreuz und quer durch die Economy Class, und vorne schmunzeln die Erwachsenen. Es gibt rund zwei Dutzend davon, die Tourmanager, die Bühnentechniker, der Orchesterchef, der Reiseagent, die Partiturenbibliothekarin, die Dolmetscherinnen und vor allem: die Leute von der UBS, United Bank of Switzerland, die das alles bezahlt. Es kostet viel. Es kostet mehr als das Engagement für die Segeljacht Alinghi. Niemand nennt Zahlen, aber «zweistelliger Millionenbetrag» wird nicht dementiert. Jährlich, wohlverstanden. Es ist laut «Financial Times» das grösste Kultursponsoring-Projekt der Welt. Und es soll etwas einbringen.

Die Kissenschlacht hat inzwischen die Business Class erfasst. Martin Engstroem, Gründer und Spiritus Rector des Orchesters, schiesst Claus Peter Flor, dem Dirigenten, die Brille von der Nase. Bryn Terfel, Bass-Bariton von Weltruf und ein Bulle von Mann, singt bei der Landung «Swing low, Swiss Chariot». «Wir sind eine grosse glückliche Familie», glaubt ein Mann von der UBS.

Dieses merkwürdige Orchester ist vielleicht ein Modellfall dafür, wie klassische Musik überleben kann im dritten Jahrtausend – und welche Konzessionen sie dafür in Kauf nehmen muss. Es taugt womöglich sogar als Versuchsanordnung für die Frage, auf welche Weise teure Hochkultur in Zukunft finanziert werden soll, wenn der Staat sich als Geldgeber weiter zurückzieht. Es ist jedenfalls ein sehr raffiniertes Ding. Mit einem cleveren Erfinder: «Alle Seiten profitieren», sagt Martin Engstroem im Bus zum Hotel in Peking, während draussen blau uniformierte Chinesen mit Atemmasken die Leitplanken der Stadtautobahn putzen: Die Nachwuchsmusiker kommen früh in die besten Hallen der Welt, Orte, wo sonst nur renommierte Traditionsorchester auftreten. Grosse Dirigenten und Solisten können mit unverbrauchten Novizen Musik machen und kriegen gute Gagen. Und die UBS erhält ein «perfektes Marketing-Instrument», wie Engstroem selber sagt, zur Pflege ihrer Kundschaft im Private Banking. Wenn also am Ende dieser Woche in Peking der «Fliegende Holländer» erklingt, könnte man von einer Win-win-Situation sprechen.

Herrn Engstroems Baby

Vorerst aber ist Probe. Die Konzerthalle liegt im Park vor der Verbotenen Stadt, der ehemaligen Kaiserresidenz, die Musiker haben sich auf der Bühne vor ihre Notenständer gesetzt. Man übt die Ouvertüre zu Mozarts «Figaro». Brendan, Paul, Alex und George, ein paar amerikanische Kontrabassisten, alle in Jeans, hängen hinter ihren riesigen Instrumenten sehr lässig auf Barhockern und haben grade nichts zu tun. Der ägyptische Violinist Muhammad, immer mit Wollmütze auf dem Kopf, sitzt rechts aussen und beherrscht das Kunststück, während des Spiels Kaugummi zu kauen. Aus herumliegenden Instrumentenkoffern gucken Plüschtiere, Maskottchen der Musiker. Der Bass-Bariton lässt die langen Beine über den Bühnenrand baumeln und vertreibt sich, während um ihn herum die Sechzehntel hüpfen, die Wartezeit bis zum Einsatz mit seinem Blackberry.

Die Szene hat so gar nichts gemein mit der schwarz uniformierten Strenge eines Konzertabends, doch die Lockerheit täuscht. Orchester, Dirigent und Solist spielen das erste Mal zusammen, es bleibt wenig Zeit, das Programm einzuüben, und alle haben zehn Stunden Zeitverschiebung in den Knochen. Der Auftritt, wegen Bryn Terfel von grossem lokalen Medienecho begleitet, kann durchaus schiefgehen. Mit der Androhung von Geldstrafen werden die jungen Talente auf der Tour zu Disziplin angehalten. Eine Probe zu verpassen, kostet beim ersten Mal 50, beim zweiten Mal 100 Franken. Schwatzen während des Konzerts: 20 Franken. Unangemessene Kleidung, etwa fehlende schwarze Socken: 5 Franken. Reisepass verloren: 100 Franken. Diebstahl oder Drogenkonsum: Rausschmiss.

Sehr energisch unterweist jetzt der deutsche Maestro die Holzbläser: «So geht das nicht! In Takt zwölf will ich ein TAMTIGITAMTIGITAM! Kein lambidilambidilam.» Dann folgt eine Standpauke ans zweite Register, das, für den Laien unhörbar, irgendetwas offenbar komplett falsch macht. Doch bald schon lässt dieses fliegende Klassenzimmer einen Wagner durch den Saal brausen, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Und dröhnend fragt der Bariton, zum ewigen Leben verdammt, in den leeren Zuschauerraum hinaus: «Wie oft in Meeres tiefsten Schlund stürzt’ ich voll Sehnsucht mich hinab?»

Martin Engstroem sitzt weit hinten im Saal, versunken in seinem Sessel. Ihn beeindruckt noch nicht sonderlich, was er hört, «aber das wird schon». Der gebürtige Schwede, 53, ist ein Mann der hohen Künste ohne Berührungsängste mit dem Mammon. Als ehemaliger Chef der Deutschen Grammophon, dem weltweit führenden Label für klassische

Musik, ist er der vielleicht bestvernetzte Akteur im gesamten Klassikgeschäft. Es gibt keinen namhaften Virtuosen, den er nicht persönlich kennt. Viele von ihnen, wie den chinesischen Wunderpianisten Lang Lang, hat er überhaupt entdeckt, und eine der bekanntesten Stimmen hat er sogar einmal geheiratet; die Sopranistin Barbara Hendricks. Auf der Grundlage seiner endlosen Kontaktliste entwickelte er das Konzept eines Musikfestivals mit einem festen Ad-hoc-Jugend-Orchester, aber wechselnden grossen Dirigenten und Solisten – im Wissen darum, dass die meisten Zuhörer ohnehin wegen Anna Netrebko oder Martha Argerich kommen und nicht wegen der So-und-so-Philharmoniker um sie herum. Engstroem wählte den Walliser Nobel-Skiort Verbier zum Schauplatz, eine Art St. Moritz der Westschweiz, wo viele Gutverdiener Ferienchalets besitzen, jedoch während langer Zeit keinen Grund hatten, auch im Sommer vorbeizukommen. Jetzt haben sie einen. «Dieses Orchester ist mein Baby», sagt Engstroem. Auf der Bühne wippt die hervorragend zum Klischee passende Löwenmähne des Dirigenten im Rhythmus eines anschwellenden Crescendo.
Vor sieben Jahren liess Engstroem sein Baby von der UBS adoptieren. Seither folgt dem Festival im Juli eine ausgedehnte Welttournee, durch Städte und Hallen, die der Geldgeber auswählt. Am Anfang gab es Diskussionen darüber, wie das Ensemble nun heissen soll. Während der Bank ein schlichtes und ehrliches UBS Orchestra vorschwebte, wollte die künstlerische Seite das Kürzel UBS erst gar nicht im Namen tragen – schliesslich heissen die Berliner Philharmoniker auch nicht Deutsche Bank Orchester.  Man einigte sich auf UBS Verbier Festival Orchestra, ein Kompromiss, der immer noch stark nach Axpo Super League oder Allianz Arena klingt. Zwar hätte Engstroem nichts gegen weitere Sponsoren einzuwenden, um nicht immer vom Goodwill des einen abhängig zu sein, doch die Bankleute wollten, um erkennbar zu sein, eine «single brand strategy». Die UBS möchte also ihr Logo nicht neben vielen anderen in einer Ecke der Tourneeplakate verschwinden sehen, sondern gross und konkurrenzlos darüber prangen. «Wenn die was machen, machen sies ganz», sagt Engstroem. Der Sponsor stellt dem Orchester nicht einfach Finanzmittel zur Verfügung, sondern ist ihm «in jeglicher Hinsicht in enger Partnerschaft verbunden», wie UBS-Mann Mark Branson, der Vorsitzende des Stiftungsrats, schreibt, «– von den strategischen Entscheidungen des Vorstands bis zu den täglichen Abläufen im Orchester».

Ein kommerzielles Werkzeug

Die Lobby des Beijing-Hotel-Komplexes, dem besten Haus in der 12-Millionen-Metropole, hat die Grösse von drei Mehrzweckhallen. An einem Tischchen brütet Tourneeorganisatorin Joanna Knowles über einer Liste mit Namen und Zimmernummern. Am Nachmittag soll eine kleine Gruppe der Musiker mit einem Kamerateam zur Chinesischen Mauer fahren, um einen Werbespot für das Orchester zu drehen. Die Britin arbeitet für IMG Artists, eine global operierende Kulturmanagement-Agentur, die den reibungslosen Ablauf der Tour garantiert. «We need a few good looking ones», ein paar gut aussehende Musiker werden für die Aufnahmen gebraucht, sagt Joanna, «zum Glück haben wir eine ganze Menge davon.» Beim Casting für solche Spots, die später etwa auf CNN geschaltet werden, achtet man ferner auf einen guten Rassenmix der Protagonisten, also nicht nur Kaukasier, auch Farbige müssen mit aufs Bild und – mit Blick auf die Wachstumsmärkte – selbstverständlich auch Asiaten.

«Wir wollen die Marke UBS bei unseren Kunden emotionalisieren», erklärt Andrea Nigg, die an der Hotel-Bar einen Tee bestellt hat, für den man hier 8 Dollar bezahlt, in den Kneipen unten an der Strasse kostet er 3 Rappen. Die Liechtensteinerin im Hosenanzug ist laut Visitenkarte Co-Head of Cultural Sponsorship bei der UBS und begleitet die Tournee persönlich. Sie betreut auch World of Alinghi und Golf, die anderen zwei «globalen Sponsoring-Themenfelder der UBS», wie sie sagt. Dieses Orchester, so Nigg unumwunden, sei für die Bank, «ganz klar ein Commercial Tool›», ein kommerzielles Werkzeug. Wie Alinghi und Golf auch. Sponsoring sei nicht zu verwechseln mit Mäzenatentum. Der Mäzen spendet aus Idealismus und bleibt im Hintergrund, der Sponsor zahlt und will was dafür. Will vor allem gesehen werden. Die UBS tritt bei allen Tourkonzerten des Orchesters als Gastgeber auf, nie weniger als 25 Prozent der Zuschauer sind geladene Gäste der Bank, manchmal ist es auch die Hälfte. Die jeweiligen Länderdirektoren empfangen ihre Grosskunden vor dem Konzert zu einem Apéro, oft gibt es später am Abend noch irgendwo Privatempfänge der Bankkader, die würdig zu umrahmen ein Streichquartett oder ähnliches aus dem Orchester abbeordert wird. Finanzinstitute lieben die klassische Musik als Förderobjekt. Mit ihrem Siegel des Schönen, Wahren, Guten bietet sie einen idealen Rahmen für gepflegte Geschäftskontakte.

Die Symbiose von Geld und Geist ist umfassend. Nigg schwärmt in Neudeutsch von den gemeinsamen Werten, die das Verbier-Ensemble mit der Bank verbinden: «Teamwork, Commitment, Experience, Talent, alles da.» All das strahle das Orchester aus, und all das gelte auch für die UBS. Die Bank hat auch schon Dirigenten als Redner eingeladen für Management-Seminare über Leadership, «von denen können wir was lernen». UBS-Mitarbeiter dürfen an Proben kommen und mal aufs Dirigentenpult steigen, fühlen, wie das ist, da oben.

Von der Musik spricht Andrea Nigg nie. Das sei auch richtig so, sagt sie, «das ist nicht mein Business. Das Orchester hat völlige künstlerische Freiheit.»

Martin Engstroem kann das bestätigen: «Beim Programm redet uns keiner drein.» Trotzdem scheint das Risiko gross, in vorauseilendem Gehorsam auf künstlerische Risiken zu verzichten und ein Wohlfühlprogramm für den breiten Geschmack anzubieten – eben Mozart und Wagner. Wer will schon Hunderte geladener Gäste seines Sponsors mit zeitgenössischer Musik vor den Kopf stossen? Als das Orchester unlängst eine CD mit eigenen Aufnahmen zusammenstellte, wollte der grosse Dirigent James Levine, Conductor Laureate und eine Art Pate des Verbier-Festivals, ein modernes Stück mit drauf haben; Mark Branson von der UBS war dagegen. Die «Best of»-CD für den UBS-Hausgebrauch sollte als Mitbringsel bei Meetings dienen und niemanden mit Dissonanzen verärgern. «Wenn Sie meinen Job wollen, bewerben Sie sich darum», soll der empörte Maestro zum Banker gesagt haben. Das Stück fehlt auf dem Album.

38 Millionen Klavierschüler

«Stopp! Halt! Mendelssohn muss schneller sein. Bitte von vorn.» Der Italiener Claudio Vandelli, 40, musikalischer Chefscout der Verbier-Truppe, hört sich heute in einem Vortragssaal des Konservatoriums von Peking sechzig neue Bewerber für sein Orchester an. In jedem Land, in dem die Tournee Halt macht, hält Vandelli solche Marathon-Audienzen ab. Insgesamt testet er so pro Jahr mehr als tausend junge Musiker, von denen dann etwa vierzig nach Verbier eingeladen werden, knapp die Hälfte des Orchesters wird also jährlich umbesetzt. Ein freundlicher chinesischer Professor gibt den Zweitgutachter: «Ihr Name bedeutet ‹Aufgehende Blume›», stellt er Vandelli die Probandin Nummer 24 vor. Doch Aufgehende Blume kommt mit dem schnellen Mendelssohn nicht zurecht und hat keine Chance.

Eine kakofonisches Klanggewitter füllt die Garderobe, hier spielen die Aspiranten sich warm. Shibin Song, 25, ein gut genährter Fagottist aus der 8-Millionen-Stadt Chengdu, erzählt, dass er als Kind mit Cello begonnen habe, seine Eltern ihm jedoch bald das Fagott nahe legten, weil sie es für eine Marktlücke hielten – nur sehr wenige in China spielen dieses Instrument. Für die 22-jährige Yi Chen, Haare bis zum Hintern, ist die Konkurrenz härter, sie spielt Geige, wie Zehntausende andere auch. Trotzdem lag sie bis vor einer Stunde noch zu Hause im Bett, wie sie fröhlich gesteht, weil sie den Termin vergessen hatte, bis die Lehrerin sie per Telefon weckte. «Ich glaube nicht, dass ich es schaffen werde», sagt sie, achselzuckend, ohne Bedauern.

In einer Pause klagt Claudio Vandelli, dass er bisher noch niemanden gehört habe, der ihn wirklich überzeugte. «Klingt alles so mechanisch», sagt er. «Du drückst bei denen auf einen Knopf – Tschaikowsky. Du drückst einen anderen Knopf – Bach.» Es mangle zudem an Haltung, an innerer Disziplin, an echtem Willen. Das scheint, angewandt auf junge Chinesen, eine überraschende Deutung, gelten doch grade diese Tugenden als Bestandteil des Nationalcharakters. «Das ist nicht mehr so», sagt Vandelli. «Vor zehn Jahren vielleicht. Aber heute haben Chinesen zu Hause bessere Chancen auf Jobs als im Ausland.» Es gebe hier zahlreiche Hochschulen und viele ordentliche Orchester, die klassische Musik hat ein grosses Publikum in China. Bei den Russen sei das anders, sagt Vandelli, «die wollen raus». Die Chinesen aber genügen sich zunehmend selbst.

Der Fagottist bestätigt das. «Die Zuschauer bei uns sind viel jünger als in Europa», sagt er, der mehrere Jahre in Deutschland studiert hat, «und das macht einfach mehr Spass.» Er ist zurückgekommen, weil er in seiner Heimatstadt einen Posten am Konservatorium erhielt und einen Platz im Orchester, «wozu ich in Deutschland keine Chance gehabt hätte».

Klassische westliche Musik, im Zuge der maoistischen Kulturrevolution praktisch ausgerottet, erlebt heute einen Boom in China. Während zwischen 1966 und 1976 die Violinen brannten und die Virtuosen reihenweise Suizid begingen, gibt es vierzig Jahre später nach einer Schätzung der Zeitung «Shenzhen Daily» 38 Millionen chinesische Kinder, die das Klavierspiel lernen. China ist mittlerweile einer der grössten Produzenten von klassischen Instrumenten weltweit.

Man kann die Euphorie auch an der Menge der Gastspiele von europäischen und amerikanischen Orchestern und Solisten im Land ablesen. Während in der alten Welt das Publikum überaltert ist und wegstirbt, gibt es in China eine riesige junge aufstrebende Elite, für die es offenbar als Beweis von Geschmack gilt, Beethoven und Mozart zu hören. Wer in Peking oder Shanghai irgendeinen CD-Laden betritt, wird über die Art des Angebots staunen: wenig Madonna, Shakira oder U2, dafür sehr viel chinesischer Pop und – Tonnen von Klassik. Natürlich alles in billigen Raubkopien. Klassische Musik ist dabei ebenso ein importiertes Statusprodukt aus dem Westen wie der Mercedes-Stern oder die Rolex, wobei die Authentizität keine besondere Rolle spielt. «Westliche klassische Musik hat ein modernes und progressives Image in der chinesischen Gesellschaft», schreibt der Musikwissenschaftler Jindong Cai, «sie wird gegenüber der heimischen Musik als überlegen betrachtet, weil sie komplexer ist, heroischer, internationaler.»

Knochenarbeit, wenig Lohn

In einem Pekinger Klub namens Girls and Boys begiesst eine Gruppe von Orchestermusikern spätabends den 30. Geburtstag des israelischen Oboisten Dima mit der x-ten Runde eines seltsamen warmen blauen Schnapses. Die Sängerin der chinesischen Glam-Rock-Band, die auf der Bühne steht, besitzt eine unfassbar hohe Stimme. Der indische Schlagwerker tanzt mit der italienischen Harfenistin, der amerikanische Bratschist gibt der kubanischen Cellistin Feuer. Man erzählt Bratschisten-Witze. «Was sitzt im Wald hinter einer Holzbeige und riecht komisch? – Ein Bratschist, der beim Versteckspiel gewonnen hat.» Bratschisten sind offenbar so etwas wie die Blondinen unter den klassischen Musikern – als einfache Gemüter verschrien, weil sie bei vielen Komponisten nicht mehr zu tun haben, als den Klangkörper mit Terzen und Quinten zu füllen. «Wie kriegt man elf Bratschisten dazu, unisono zu spielen? – Man erschiesse zehn.» Ekstatisches Wiehern in der Runde. Oboist Dima, seit heute zu alt für die Statuten von Verbier, hat übrigens nicht nur seinen Geburtstag zu feiern: Ein japanisches Orchester hat ihn kürzlich unter Vertrag genommen. Es ist kein erstklassiges Ensemble, aber Dima ist überglücklich: «Endlich ein sicherer Job, endlich regelmässiger Lohn!»

Dass das UBS Verbier Orchestra laut Eigenwerbung «das beste Jugendorchester der Welt» ist, bedeutet nicht, dass seine Mitglieder nach Belieben aus Stellenangeboten auswählen können. Diese Musiker, weltweit handverlesen, sind zwar viel zu gut, um sich in ihrer Heimatstadt mit einem Lehrerjob zu begnügen, aber zu einem Posten in einem internationalen Top-Orchester wird es trotzdem nur ganz wenigen reichen, zu einer Solistenkarriere niemandem. Dazu ist es mit 17 längst zu spät. Die älteren unter ihnen haben schon etliche Jahre schlecht bezahlter Knochenarbeit hinter sich, mal ein Stipendium in Atlanta, mal ein paar Monate Vertretung in Lugano, mal eine Spielzeit in Bratislava. Viele hatten im letzten Jahr Angebote von weiteren Trainingsorchestern, entschieden sich jedoch auch deshalb für Verbier, weil sie hier neben Kost und Logis pro Woche 400 Franken Lohn bekommen – die anderen zahlen gar nichts.

Carl beklagt sich nicht. Die klassische Musik habe sein Leben gerettet, sagt er im Lan Kwai Fang, der nächsten Bar, in die die Musiker gezogen sind. Carl, Sohn haitianischer Einwanderer, wuchs in einem Migranten-Getto von Miami auf. «Ich hätte ebenso gut Crack-Dealer werden können», sagt er. Klassische Musik galt in seiner Gegend als «white people shit». Das glaubte er lange selbst, bis man ihm als Schüler in einem Sozialprojekt eine alte Viola in die Hand drückte. Heute ernährt Carl, obwohl er wenig verdient, seine Eltern und seine Geschwister mit seiner Musik. Derzeit hat er Anlass zur Hoffnung auf eine feste Stelle im Berner Symphonie Orchester. In Verbier ist er schon zum fünften Mal dabei und damit der Dienstälteste, «sie behalten mich, weil ich schwarz bin», sagt er. Wegen der optischen Internationalität. Es gebe eben nur sehr wenige Farbige in der klassischen Musik. Dafür ist Carl in jeder Broschüre und auf fast jedem Werbeplakat des UBS-Orchesters zu sehen.
Oft abgelichtet werden auch Rimma und Gabriel Bergeron-Langlois, das Vorzeigepaar des Ensembles. Die Violinistin aus der Ukraine und der Fagottist aus Kanada haben sich vor zwei Jahren in Verbier kennengelernt und sind seit Kurzem verheiratet. «Warum warten, wenn man weiss, dass es für immer ist?», fragt der schwer verliebte Québécois, der während der Proben dadurch auffällt, dass er seine Frau ständig mit der Digitalkamera filmt. Das UBS-Orchester hat schon etliche Paarungen hervorgebracht, nicht nur unter den Musikern selbst. Mark Branson, Vorsitzender des Stiftungsrats und CEO von UBS Securities Japan, hat hier eine russische Violinistin kennengelernt und geheiratet. Martin Engstroem ehelichte unlängst eine amerikanische Geigerin.

Der ungeliebte Maestro

Viele chinesische Journalisten sind am Vortag des Konzerts an die Pressekonferenz gekommen, sie wollen vor allem ihn sehen: Bryn Terfel, den Solisten, den Star. Und der bleibt ihnen die Show nicht schuldig. Er steht vom Podium auf und sagt Folgendes: «Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrob wllllantysiliogogo-goch!» Sehr verdutzt schweigt die Journaille. Terfel erklärt, dies sei der Name einer Stadt in Wales, und es sei der längste Ortsname der Welt, und Wales sei das Land, aus dem er stamme, jawoll, Ladies and Gentlemen. Schweigen im Saal, kaum jemand spricht Englisch. Dann tritt die bedauernswerte chinesische übersetzerin an, doch als sie ihre langen Erklärungen beendet hat, schweigen noch immer alle. Terfel, ganz Entertainer, versucht es nun mit einer Anekdote: «Gestern besuchte ich die Chinesische Mauer, ein wunderbares Bauwerk. Da klopft mir plötzlich ein Fremder auf die Schulter und sagt ‹Hey, Meat Loaf!›.» Der Sänger, der tatsächlich aussieht wie Meat Loaf, grinst erwartungsfroh ins Publikum, doch wieder erntet er nur höfliches Schweigen.

Solche Lost-in-translation-Situationen sind nichts Neues für einen wie Bryn Terfel, der sich gern zum Affen macht, wenn er dafür ein paar Leute mehr für sich und seine Musik gewinnen kann. Nach der Pressekonferenz steht Terfel in einer Ecke und gibt Autogramme – an Journalisten. Er sieht sich auf solchen Tourneen als eine Art Pionier. «Es geht darum, in Asien Terrain zu erobern, Grenzen einzureissen», erklärt er. Europa habe ein paar Jahrhunderte Erfahrung mit klassischer Musik, China nicht mehr als einige Jahrzehnte. «Hier fängt alles erst an.» Dass hier während klassischer Konzerte auch mal Kinder herumrennen und Sandwiches verspiesen werden, stört ihn nicht: «Besser so, als wenn die Leute einschlafen», lacht er. Er würde wohl auch nicht, wie Anne-Sophie Mutter im letzten Jahr bei einem Konzert in Shanghai, seinen Vortrag unterbrechen, um einen Zuschauer aus dem Saal weisen zu lassen, weil der sie wiederholt mit einer Digitalkamera fotografierte. «Man muss ihnen alles ver-zeihen», sagt Terfel.

Was den spendablen Sponsor angeht, spricht Terfel von einer Catch 22 Situation, also einer Zwickmühle. «Natürlich geht es denen nicht primär um die Musik.» Aber was am Ende dabei rauskäme, sei doch grossartig. Schubert sei zeitlebens im ganzen Land herumgerannt, um Geld aufzutreiben für seine Kunst – «da ist es mir lieber so».

Im Bus, der die Musiker von der Probe zurück zum Hotel bringt, geben ein paar Mädchen eine Parodie des Dirigenten zum Besten. Unter militärischen «Allegro»-Rufen überbietet jede die andere in wildem Gefuchtel mit einem imaginären Taktstock. Der ostdeutsche Maestro ist nicht sehr beliebt. Vom ersten Tag an gab es Spannungen, heute sogar Tränen während der Probe. «Gestern will er eine Stelle forte, heute will er sie piano, und dann sagt er, das sei eben seine Kreativität», mault eine Violine. «Wir schauen einfach nicht auf ihn, spielen alleine, dann gehts», sagt einer der Kontrabässe. «Wenn ich ihn anschaue, muss ich einfach lachen, der sieht aus wie Master Yoda aus ‹Star Wars›», höhnt eine Bratsche.

Claus Peter Flor hat vom Unbehagen in seinem Orchester offenbar nichts mitbekommen und schlägt eher väterliche Töne an. «Das sind junge Leute», sagt er, «die liegen da wie ungeschliffener Marmor und möchten geformt werden.» Als Dirigent müsse er gegenüber dieser Hundertschaft die Balance finden zwischen Diktat und Autonomie, und das in wenigen Tagen. Es sei wie eine Hochzeit ohne Verlobung, sagt Flor, und er habe bestimmt mehr Angst gehabt vor diesem Engagement als die Musiker selbst. Wie vereint man die amerikanische Schule, die bei den Streichern dominiert, mit der osteuropäischen bei den Bläsern? Das seien im Grunde unvereinbare musikalische Kulturen. Wie bringt man dieses heterogene Gebilde dazu, einen Sänger zu begleiten, die schwierigste Aufgabe für jedes Orchester? Flor zuckt mit den Achseln. «Morgen Abend werden wir es hören.»

Wie beim Rockkonzert

Alle Lüster sind erleuchtet. Die Gäste schlendern durchs Foyer und werden von scharwenzelnden UBS-Mitarbeitern mit Formularen behelligt. Die Firma stellt darauf ein Dutzend Fragen («Wissen Sie, dass die Schweizer Bank UBS Sponsor dieses Orchesters ist?», «Wie hat Ihnen das Konzert gefallen?»), mit denen die Marketing-Leute herauszufinden versuchen, ob ihre Image-Kampagne greift. Im Programmheft stehen Künstlerbiografien und Liedtexte, und man möchte zu gern wissen, warum es für die Wagner-Zeile «Die Frist ist um, und abermals verstrichen sind sieben Jahr» nur vier chinesische Schriftzeichen braucht. Beim Apéro wird geräucherte Ente gereicht.

Hinter der Bühne sieht es aus wie in einem Marthaler-Stück. Der Tubaist bindet sich immer wieder seine Krawatte. Ein Trompeter trötet sein Mundstück warm. Ein Cellist kriegt eine Nackenmassage von einer Flötistin. Ein Posaunist läuft singend zwischen Kleiderständern hin und her. Ein Waldhornist wienert seine Lackschuhe. Bis der Stage Manager unter anfeuerndem Klatschen alle auf die Bühne befiehlt

Alles läuft prima. Das chinesische Publikum sieht nicht ein, warum man erst am Ende klatschen soll und applaudiert nach jedem Satz. Als Bryn Terfel die Bühne betritt, johlt und pfeift die Menge wie beim Rockkonzert. Mehr noch, als er sie wieder verlässt. Zur Zugabe,

einem von Brahms’ ungarischen Tänzen, stehen alle von den Rängen auf und klatschen mit, manche singen sogar mit. Ein Wunder nur, dass bei Mozarts Liebes-Arien niemand Feuerzeuge schwenkt. Der ganze dumme geheiligte Ernst von Klassikkonzerten in Europa – hier gibt es ihn nicht, und plötzlich wirkt diese tote Musik wie aus dem Museum befreit.

Spätnachts ist Party in Zimmer 412 im Beijing-Hotel. Ein gutes Dutzend Violinen, Flöten, Posaunen und Bässe haben beschlossen, durchzumachen. Es gibt Bier aus Literflaschen. Zu viel Schlaf hätte es ohnehin nicht mehr gereicht, Tagwacht ist um fünf Uhr morgens, der Weiterflug ist um ein paar Stunden vorverlegt worden, weil die UBS in Tokio ein paar der Musiker für einen Spezial-Event früher braucht, als geplant. Bei den Künstlern herrscht Katzenjammer. Trotz den stehenden Ovationen fanden sie ihren Auftritt hochgradig misslungen. «Schlechter haben wir noch nie gespielt, cheers!», prostet eine Geige der anderen zu. «Und das Publikum hat nicht mal was gemerkt.» Ein Mädchen öffnet mit einem Schweizer Armeemesser, Geschenk des Sponsors, eine neue Flasche Bier. «Dieses Ding ist das einzig Nützliche, was ich je von der UBS bekommen habe», sagt sie. Beifall. «Auf die UBS!» Flaschen knallen aneinander.

Plötzlich findet sich der Reporter in der Rolle des Verteidigers der Schweizer Bank wieder. Es sei doch trotz allem PR-Brimborium eine wunderbare Sache. Ohne die UBS wären sie doch nicht hier. Das Orchester sei doch ein Karriere-Sprungbrett. Ohne Privatwirtschaft habe Hochkultur keine Chance. Und im Sommer hätten sie doch in Verbier mit Leuten wie Hilary Hahn, Thomas Quasthoff und Jewgeni Kissin spielen können. Ob es ihnen nicht vielleicht an Realitätssinn mangle.

«Ich werde dir jetzt etwas sagen», spricht darauf eine Violine, in sehr ernstem Ton.
«Ich schäme mich aufrichtig für diesen Auftritt. Wir alle hier sind Perfektionisten, verstehst du?»
Sie nimmt noch einen Schluck.
«Wir wissen alle, was wir können. Und wir können es viel besser. Aber unter diesen Umständen…»
«Was meinst du damit?»
«Niemanden interessiert wirklich, wie das Orchester klingt. Wir sind nur ein Mittel zum Zweck.»
«Zu welchem Zweck?»
«Den Kunden der UBS einen schönen Abend zu machen.»
Schweigen in Zimmer 412.
«Ich glaube, die klassische Musik stirbt.»
«Warum denkst du das? In China blüht sie doch gerade erst auf.»
«Aber das Business», sagt die Violine, «hat die klassische Musik vergewaltigt. Sie ist nur noch eine glänzende leere Hülle. Wir spielen für die Kunden einer Bank, die UBS ist nicht für uns hier. Wir sind hier für die UBS.»

Noch eine Stunde bis zur Weiterreise. Einer der Musiker findet Nadel und Faden und versucht, schon ziemlich high, die Bettdecke an den Vorhang zu nähen. Ein anderer trägt in Falsett-Stimme einen Diss-Track oder ein Schmählied auf die Frisur des Dirigenten vor. Im Fernseher spricht ein stumm geschalteter staatlicher Nachrichtensprecher seine News. Draussen vor dem Fenster, in der Stadt, dringt langsam ein wenig Morgenlicht durch den dichten Staub in der Luft. Auf der achtspurigen Strasse vor dem Hotel ist schon wieder Stau.

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