Mensch Blocher

Nun steht er hier und kann nicht anders. Wer erlöst ihn von seinem Auftrag? Ein Porträt des Politikers als Mensch.

28.11.2008 von Thomas Zaugg , 36 Kommentare

Steil ist der Weg nach oben. «Oben, ganz oben», sagte mir Sekretärin Rothweiler, einfach ganz oben am Berg, da stehe Dr. Blochers Haus. Die Strassen zum Wängirain sind mit dem Auto meist nur im ersten Gang zu bändigen, zu Fuss läuft der Schweiss. Es regnet; ein leicht getrübter Ausblick auf die Goldküste heute. Christoph Blochers Sekretärin sagte auch, vor einer Woche: «Herr Blocher kann jetzt mit Ihnen reden.» Und so stehe ich jetzt vor diesem grünen Tor oberhalb Herrliberg, nah am Waldrand, betätige den Schalter («Bitte Läuten») und gucke in die bulläugige Kamera. Alles ist verbunden mit der Hoffnung, Christoph Blocher habe an diesem Donnerstag, Anfang September, seine Rüstung anzuziehen vergessen, die Hellebarde verlegt, und zum Vorschein komme der Mensch. Der Mensch, jenseits von Gut und Böse.
Blocher schwankt unter dem kleinen Vordach hervor. Er schwankt auf beide Seiten, ganz behäbig, tritt fast an Ort und Stelle. Den Kopf streng nach unten gerichtet, kommt er plötzlich doch näher, hat sich kurioserweise doch noch in Fahrt gebracht; das ist seine sonderbare Gangart. Die Hand reicht er leicht nach innen gekehrt, sodass beim Händedruck aufpassen muss, wer ihm nicht zu nahe kommen will. Es ist ein ganz normaler Tag in seinem Leben, und zu einem solchen gehört, dass er um fünf Uhr aufgestanden, den Herrliberger Panoramaweg entlanggejoggt, fünfhundert Meter in seinem Pool geschwommen ist und zu diesem Zeitpunkt schon fünf Kaffees getrunken hat, oder mehr. Jetzt aber, da es draussen kälter wird, schwimmt er nicht mehr. Auch mag er nicht mehr wie früher die ganze Strecke rennen; manchmal spaziert er, wenn es ihm zu steil wird. «Isabel, machet Sie eus doch en Kafi – aha! Wänd Sie kein Kafi!? Wasser? Jaaa, also guet. Also, dänn halt. Für ihn also nu Wasser.» Sagt Blocher zu seiner Haushälterin, die sehr ernst wirkt immer; nur dem Äusseren nach keine Schweizerin.
Christoph Blocher wohnt in einem sehr teuren Haus; wer von einer Villa spricht, hat das Haus nur von aussen gesehen. Sein Arbeitszimmer, zeigt Blocher, habe er «nach hindenuse», denn bei der schönen Aussicht in die helle Sonne könne man nicht recht arbeiten. Auf dem Pult liegen verschiedene Papierstösse, die noch abzuarbeiten sind. Sie scheinen mit dem Massband ausgerichtet worden zu sein, höchstens ein paar Millimeter ungenau gestapelt. Das Weiss der Wände, des Marmorbodens und das Braun der Tische und Stühle sind die dominierenden Farben. An den Wänden hängen streng komponierte Hodler-Landschaften und Werke Albert Ankers, dessen Porträtmalerei Blocher besonders fasziniert. Und Bücher stapeln sich bei Blochers. Bücher, die der Mann in den Nachtstunden hervorzieht, wenn seine Schlaflosigkeit ihn plagt. Bücher sind vielleicht die einzigen Dinge, die hier herumliegen dürfen. Sonst hat alles seinen Platz. Blocher hat keinen Fernseher. Radio hört er äusserst selten. Computer und Mobiltelefone sind ihm nicht geheuer.
Nun greift Blocher in die Brusttasche seines blauen Hemdes und zieht ein Handy hervor. «Entschuldiged Sie, ich muess da mal luege, was los isch.» Er mustert das Gerät, als habe er vergessen, dass er es besitze. Nein, er mag es nicht, dieses Handy. «Als Bundesrat musste ich immer erreichbar sein. Erst seither habe ich es. Eigentlich wollte ich keines. Wissen Sie, ich fürchte mich ein wenig vor diesen elektronischen Dingen.» Er verzieht das Gesicht, dann eine flatternde Bewegung mit der Hand. «Ich fürchte, diese elektronischen Dinge könnten mir meine Intuition rauben. Wenn ich meine Reden am Computer schreiben würde, ich glaube, da würde ich mich verzetteln. Zu viel Rationales ist gefährlich. Mein Bruder Gerhard sagte mir einmal spasseshalber, ich müsse immer meiner Intuition folgen. Ich solle vor einem Entscheid bloss nicht zu lange überlegen und zögern, denn ich sei ein intuitiver Nachtwandler. Und man müsse nur schauen, dass ich nicht erwache.»
Blocher lacht. «Vielleicht hat ja mein Bruder recht, und erwachen wäre wirklich mein Untergang. Wissen Sie, ich war ja in meiner Kindheit ein Nachtwandler. Einmal, da beobachtete mich mein Vater, wie ich in der Nacht aus dem Fenster stieg, und blitzschnell, wie ein Marder, sei ich den Blitzableiter hinabgeklettert, so schnell, dass der Vater sich erst fragte, ob es nicht eher ein Hinabstürzen sei als ein Klettern. Und dann sei ich auf dem Rasen herumgelaufen, alles im Schlaf. Und mein Vater warnte meine Geschwister nachher davor, mich in solchen Situationen je zu wecken. Denn das ist ja gefährlich bei Nachtwandlern.»
Gattin Silvia geht «go poschte» und verabschiedet sich. Blocher sitzt auf einem schönen, etwas unbequemen Holzstuhl, von hier aus kann er an Tagen mit Bise seinen Berner Heimatort sehen. Inzwischen ist der Kaffee gekommen. Eine der beiden Balkontüren steht die ganze Zeit offen, Blocher scheint nicht zu frieren. Obwohl es immer noch regnet, holt er nun zu einer den Zürichsee umfassenden Geste aus und sagt: «Jetzt erzählen Sie mir von Afrika und vom Krieg und dem Elend in der Welt, das Sie jeden Tag im Fernsehen sehen. Das erinnert mich an dieses Kind. Eine Mutter schrieb mir, ihr Kind habe ständig Angst, es glaube, überall sei Krieg. Da musste ich Gegensteuer geben. Ich habe ihr dann gesagt: Wenn ich mir die Welt heute im Ganzen so anschaue, dann muss ich sagen: Ist doch alles wunderbar! Wo häts da Chrieg?! Etwa hier draussen? In der Schweiz? In Europa, haben wir jetzt etwa Krieg in Europa? – Ebe, gsehnd Sie.»Er provoziert jetzt. Dagegen kann man nichts tun, ausser zuhören. Es handelt sichum eine eigentliche Zuhörtaktik, man war-tet auf den Moment, da das blochersche Pulver verschossen ist.
«Provozieren» komme von lat. provocare, sagt Blocher, und das heisse: man rufe etwas hervor («pro-vocare»), und in der Politik habe er erlebt: Je heftiger die Reaktion, desto wahrer die Provokation.

Durch Gottes Gnade
Bald will er wieder provozieren. Bald soll dem Kirchenvolk die wahre Bedeutung des Wortes «sozial» (lat. socius) erklärt werden, und zwar in der evangelisch-reformierten Kirche in Wilen bei Wollerau. «In der Kirche gibt es viele Frömmler. Ich meine nicht Fromme. Ich meine Frömmler und Gutmenschen, das ist für mich dasselbe. Jaja, und in der Kirche in Wollerau wird es wohl auch einige geben, die werde ich schockieren müssen.»
Immer diese Idealisten! Diese Moralisten! Diese moralverseuchte Welt da draussen! Und schlimmer noch: die Frömmler! «Gute Menschen wollen sie sein, das ist ihr einziger Antrieb. Statt dass sie Gutes für andere erreichen wollen, tun sie Gutes, um selber gut dazustehen und als ‹sozial› zu gelten. Überall, gerade in der Politik, sind solche Gutmenschen häufig, und auch in der Kirche. Dort besonders bei den Evangelikalen.»
Evangelikale?
Er muss nicht lange überlegen, rasch schickt der Pfarrerssohn die Definition nach. Wird laut, dann leise, verschwörerisch, als spräche er nun eine teuflisch tiefe Wahrheit aus: «Die Evangelikalen glauben, es sei ihr Verdienst, dass sie sich zu Gott bekehrt hätten. Darum, glauben sie, sie seien gut und würden erlöst. Andere, denen dieses Verdienst nicht zukommt, glauben die Evangelikalen, seien verloren. Dabei muss man sich das mal überlegen.» Und Blocher überlegt. Aber intellektuelle Posen kennt er keine. Nie legt er sich den Finger auf den Mund, selten sieht man ihn die Arme verschränken oder den Kopf mit der Hand abstützen, gedankenschwer. Jetzt aber, jetzt setzt er sich im Stuhl auf. Er dreht sich dem Tisch zu und stützt die Ellbogen darauf, gekrümmter Rücken; jetzt überlegt er sich die Sache.
Er sagt: «Damit wird doch die Sache auf den Kopf gestellt! Die Evangelikalen glauben, der Mensch werde erlöst durch sein eigenes Verdienst, nicht durch die Gnade Gottes! Als ob der allmächtige Gott auf unsere Entscheidung angewiesen wäre!» Umgekehrt sei es, umgekehrt. Blocher beugt sich nach vorne, sagt leise: «Etwas provokativ ausgedrückt: Es ist nicht so wichtig, dass die Menschen an Gott glauben. Wichtiger ist, dass Gott an die Menschen glaubt. Durch Gottes Gnade, nicht durch seinen Glauben wird der Mensch erlöst!» Nun lehnt er sich wieder zurück in den Stuhl, legt den linken Arm über die Lehne. «Das ist die wahre Bedeutung des Kreuzes. Odr? Jesus ist ja am Kreuz für uns gestorben und für uns geboren.»
Das Gespräch dauert zwei Stunden. Manchmal sage ich: «Ja, das chönti sii.» Worauf er entgegnet: «Chönti sii? Nei, so isches.» Und dann lächelt Blocher. Oder einmal, da frage ich: «Aber das haben Sie jetzt polemisch gemeint, oder?» Und er räumt ein: «Jaja, schon. Aber nicht nur!»
Schliesslich redet er noch über Afrika und die Unmöglichkeit, mit der jetzigen Entwicklungspolitik den Menschen dort zu helfen. Dann kurzes, heftiges Fluchen über Ausreden, welche die Menschen ganz generell für ihre schlechte Lage anführen würden: «Entweder wars die schlechte Erziehung von Vater und Mutter, oder es war vor langen Jahren der böse Lehrer oder das falsche Land, in das man hineingeboren wurde! Nur ja nicht den Fehler bei sich suchen!» Nein, er habe nicht gut reden. Sie müend gseh, er habe sich schliesslich alles selbst aufgebaut. Sei Bauer gewesen. Dann das Jus-Studium in vier Jahren durchgepaukt. In den Sechzigerjahren, während die «Herrensöhne» vom Zürichberg die Welt hätten revolutionieren wollen, schleppte Blocher in der Nachtschicht Zeitungssäcke bei der Sihlpost, um sich das Studium zu finanzieren. (Eine schwierige Zeit für Christoph Blocher, damals ein magerer Kerli. In dem Essay «Mein Bruder Christoph» schreibt Andreas, sein jüngster Bruder, Historiker: Als er erwachsen wurde, habe er, «um in der Sprache seines Volkes zu reden», vollkommen neben den Schuhen gestanden. Vom Kosmos von Blochers Pfarrhausjugend habe kein Weg in die Welt von heute geführt. Die grosse Stadt sei industriell, sei freisinnig oder sozialdemokratisch gewesen, und nichts davon ähnelte der blocherschen Pfarrhauswelt neben dem Rheinfall, wo die Spitze aller Ordnungen nicht auf Erden gelegen habe. Andreas Blocher, der zurückgezogen in Zürich an der Nelkenstrasse lebt, schrieb: «Überzeugt bin ich, dass all dies für meinen Bruder ebenso galt. Ich könnte ihn befragen, doch glaube ich nur begrenzt an Interviews, da Fragen die Antworten sehr oft nicht erhellen, sondern bloss infizieren. Es würde wohl seinen Magnetismus in Gang setzen, und von dem habe ich mich hier freizuhalten: Diesen möchte ich ja gerade analysieren.»)
Und dann entlädt sich Blochers Magnet. Genug für heute. Eine Handbewegung, als wäre alles, was er bis jetzt sagte, Nebensache. Ich sei ja nicht wegen dieser Dinge zu ihm gekommen. «Ich weiss jetzt nicht mehr genau, was mir die Sekretärin gesagt hat, was Sie eigentlich von mir wollen.»
Der nächste Tag beginnt frühmorgens am Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen.7.55 Uhr, Blocher sitzt im wartenden Zug, S16, 1. Klasse, hat noch Zeit gefunden, den «Blick» durchzublättern. Von aussen, durch das Zugfenster, das Gesicht in die Zeitung gesenkt, sieht er aus wie einer der alten Männer auf seinen Anker-Porträts: die Lippe wie gelähmt herabhängend, gezeichnet von Bürde und Pflicht. Den «Blick» lese er sonst also nicht! Der sei nur hier auf der Bank gelegen. Und als er das gesehen habe, da habe er ihn gleich lesen müssen: Schmid stürze, wenn Blocher auf ein Comeback verzichte, titelt die Zeitung.

Im Zug mit Mörgeli
Bevor er loslegt, nennt Blocher noch einmal die Bedingungen. Ich hätte ihm ja gestern gesagt, ich würde ihn gerne kennenlernen. Schreiben, was ich sehe. «Sie dürfen mich also die nächsten Wochen begleiten. Aber: Das ist Vertrauen! Mit Einschränkungen dürfen Sie mich auch im privaten und halbprivaten Kreis beobachten», diese Textstellen wolle er aber sehen. Nicht, dass er dreinreden wolle. «Sie dürfen schreiben, was Sie wollen.» Aber zum Schutz der anderen Leute, «zum Schutz der anderen will ich das überprüfen. Und natürlich alles, was Sie mir is Mul legged.»
Dann fährt der Zug los.
Wohin geht die Reise?
Blocher will heute nach Bern. Er sagt: Er wolle den Bürger vor staatlicher Willkür schützen. Andere sagen: Er wolle sich bloss rächen. Gestern hat er Klage eingereicht gegen NR Dr. Lucrezia Meier-Schatz, Alt-NR Jean-Paul Glasson, Stv. Bundesanwalt Claude Nicati, Staatsanwalt Michel-André Fels, Staatsanwalt Alberto Fabbri sowie NR André Daguet und NR Hugo Fasel, und heute orientiert er die Medien darüber. Diese Leute hätten ihn im Dezember letzten Jahres mit einer Rufmordkampagne aus dem Bundesrat entfernen wollen.
In Zürich angekommen, steht Blocher auf dem Perron und wartet auf Christoph Mörgeli. Der lässt zwei Minuten auf sich warten, und Blocher greift zum Handy: «Du, wo bisch?» Aber da kommt er schon, schlängelt sich durch die Wartenden. In der Nacht hat sich Christoph Mörgeli mit der Biografie über Christiane Goethe, des Dichters Gemahlin, herumgeschlagen; seine Augenringe zeugen davon, und auch mit seiner Frisur bekundet er den ganzen Tag Mühe.
Ansonsten ist heute ein grossartiger Tag. Bundesrat Schmid füllt die Schlagzeilen. Während der Fahrt nach Bern entzündet sich immer wieder der Hohn am trockenen Zeitungspapier, das Mörgeli mitgebracht hat. Die Artikel werden halb gelesen und locker diskutiert, sogar der Tagi schreibt kritisch! «Dies zeigt mir meine augemeine Kompetänz», imitiert Mörgeli Samuel Schmid.
Sie lachen. Die Mitreisenden, die alles mitbekommen, schweigen.
Bei Streckenhälfte ist Schmid abgehakt. Blocher, vorwärts fahrend, trägt Mörgeli, rückwärts fahrend, seine Rede für die Pressekonferenz vor. Und Mörgeli nickt und nickt, und manchmal lächelt er staunend, wenn Blocher wieder einmal eine Pointe dazuerfindet, die er gar nicht vorbereitet hatte. Mörgeli lächelt und nickt weiter, wahrlich, heute ist ein grossartiger Tag.
Was eigentlich liest dieser urwüchsig Denkende? Er liest täglich in der Bibel. Er liest auch unermüdlich im Gesamtwerk von Karl Barth, dem grossen Theologen, bei dem sein Bruder Gerhard studierte. Barth begleitet Blocher schon seit der Kindheit, als in Vaters Studierstube bis weit in die Nacht hinein theologische Debatten ausgetragen wurden und Christoph etwas abseits sass und lauschte.
Manchmal, sagt Blocher, sei der Vater gekommen und habe ihm liebevoll die Ohren zugedrückt: «Das wäre eigentlich nicht für deine Ohren gedacht!» Aber bleiben durfte der kleine Christoph doch immer.
Er sei nicht wirklich religiös, sagt Blocher. Aber man könne fast sagen, er sei Barthianer. Er lese viel Karl Barth, und doch habe er längst nicht alles gelesen, allein dessen Dogmatik umfasse mehrere Bände. Gelesen habe er vor allem Band IV «Ethik» und natürlich den «Römerbrief», Barths Neuauslegung.
Er liest auch Autoren aus dem feindlichen Lager. Gerade hat er wieder einmal Niklaus Meienbergs Reportage über den Schweizer Hitler-Attentäter Maurice Bavaud aus dem Regal gezogen. Niklaus Meienberg, der grosse Journalist und letzte brillante linke Polterer der Schweiz, und so einen liest Blocher? Natürlich! «Was meinen Sie denn!? Meienberg ist interessant.» Letzteres sagt Blocher über jedes Buch, das ihm gefällt. Er hat Meienberg auch schon Briefe geschrieben, gratulierte dem politischen Gegner zu seiner Schreibe, befand aber auch: «Ich frage immer wieder, warum Sie die Sache so sehen können, obwohl ich bei vielem das Gefühl habe, dass Sie das Richtige an sich merken. Ich verkenne natürlich nicht, dass Sie mit Ihrer Einseitigkeit Richtung geben wollen. Nach dem, was ich von Ihnen sonst noch gelesen habe, weiss ich nicht, ob ihre Klosterschulbildung bei Ihnen ausserordentlich einseitige Spuren hinterlassen hat. Irgendwie ist hier ein Psychoterror am Werk gewesen. Entschuldigen Sie bitte meine offene Ausdrucksweise. Ich habe sie gebraucht, weil Sie ja gegenüber uns auch nicht gerade zimperlich sind, was ich auch nicht verurteile.»
Meienberg wollte bald so etwas wie Freundschaft, glaubt Blocher. Aber Blocher hatte schlicht keine Zeit für so etwas und auch etwas Angst davor.
Dann, als der Golfkrieg ausbrach, brachen bei Meienberg die Dämme. Ängste packten ihn und Vorahnungen, die Welt würde in einem dritten Weltkrieg untergehen. Wochenlang tauchte er unter, wähnte sich vom israelischen Geheimdienst verfolgt, telefonierte rund um die Welt mit Schriftstellern, Intellektuellen, Politikern: Sie sollten jetzt endlich den Finger rausnehmen.
Eines Nachts, zwei Uhr, sagt Blocher, habe bei ihm das Telefon geklingelt. Meienberg am Apparat, wahnsinnig. Sie waren per Sie, aber in jener Nacht duzte Meienberg Blocher. «Du bist der Einzige, der die Welt jetzt noch retten kann!», habe er ausgerufen. «Neinein, ich glaube nicht, dass man die Welt retten muss», antwortete Blocher. «So schlimm isches nöd.»
Meienberg sei darauf plötzlich ganz still geworden, ein brutaler Abfall, sagt Blocher, der kurz dachte, nun sei Meienberg am Telefon gestorben. Meienberg habe dann aber gesagt: «Janu, so denn halt.» Und hängte den Hörer auf.
Zwei Jahre später stülpte sich Meienberg einen Kehrichtsack über den Kopf, hatte eine Handvoll Schlaftabletten mit Rotwein geschluckt und starb. Einige sagen, er starb an Depressionen, andere meinen, es war Weltschmerz; Verzweiflung über eine ungerechte Welt.
Blocher lebt. Seine Audi-Limousine gleitet in Richtung Basel. Blocher hinten, Mörgeli neben ihm. Die Pressekonferenz ist vorbei, Blochers Tag noch lange nicht. Jetzt geht es nach Basel, zur Fraktionssitzung der Schweizerischen Volkspartei.
Wann und was isst dieser Mensch? Vor der Pressekonferenz hatten sie sich in ein Café gesetzt, sie bestellten zwei Wähen, Mörgeli Aprikose, Blocher Rhabarber. Er griff zum Zuckerglas und schüttete seine Wähe schneeweiss zu. Er liebe Zucker. Der sei oft wichtiger als die Wähe! Derart hyperglykämisch aufgeladen, stand er plötzlich auf und marschierte los zur Pressekonferenz, und Mörgeli und ich kamen kaum nach. Seine Kraft. Sein Magnetismus. Er ist zugleich Pfeil und Bogen, dieser Blocher, und spannt sich immer wieder von selbst. Die Arbeit ist sein Gottesdienst.
Er sagt, jetzt im Auto: «Ich habe lange noch nachgedacht über das, was Sie gestern zu mir sagten. Sie sagten ja, dass die Hälfte der Schweizer Bevölkerung mir nichts glaubt, was auch immer ich sage. Odr? Was macht man da? Es ist tröstlich, dass ich damit nicht allein bin. Sogar dem Apostel Paulus wollten die Korinther nicht glauben, weil er ja eine Fehlgeburt sei, denn er hatte als ehemaliger Saulus ein grosses Glaubwürdigkeitsproblem. Schliesslich aber sagt er: ‹Ich bin, der ich bin.› Also musste er die Wahrheit verkünden. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann muss sie unbedingt gesagt und gemacht werden. Man kann nicht immer fragen: Glauben es alle?»

Verführer, nicht Führer
So also, als Getriebener, bestreitet er seine Tage. Und nun kämpft er in Basel, auf dass auch hier die Wahrheit sich durchsetze. Die Fraktionssitzung. Ein breiter, mittelgrosser Sitzungsraum. Blocher sitzt halb rechts vorn, die Beine übereinandergeschlagen, sein Jackett hängt über dem Nachbarstuhl. Dann und wann setzt sich ein Parteigenosse auf diesen Stuhl und will etwas mit ihm besprechen, wie mit einem Vater.
Oft verlangt er das Wort und spricht in beschwörenden Formeln. Als jemand Bedenken anmeldet, Zweifel und Ängste bekundet, Bundesrat Samuel Schmids Rüstungsprogramm bachab zu schicken und sämtliche Mittel für die Armee zu sistieren, greift Blocher ein. Er sagt: «Ich verstehe, das ist schwierig für die SVP, diese Partei, die wie keine andere von der Notwendigkeit der Armee überzeugt ist. Aber wir müssen es tun, im Interesse der Armee.» Seine Stimme wird lauter. «Gerade deshalb, GERADE DESHALB, WEIL WIR DIE ARMEE ERNST NEHMEN, müssen wir diesen Schritt tun. Das ist wie bei einem Unternehmen, das eine falsche Strategie hat und nicht mehr funktioniert. Da gibt man auch kein Geld, bis die Richtung stimmt. In der Führung muss man oft das Richtige tun. Es ist wie damals bei der EWR-Abstimmung! Am Anfang glaubte uns niemand, aber wir überzeugten, kämpften und gewannen, weil es in der Sache richtig war. Heute verstehen es alle.»
Später wird mir Blocher sagen, dass es ihm damals nicht ganz geheuer war, im Kampf gegen den EWR-Beitritt. Die Stimmung im Land war aufgeheizt. «Manchmal war die Wut so gross, dass mir schien, wenn ich den Leuten gesagt hätte, nehmt Fackeln und brennt das Bundeshaus nieder, sie es wohl auch getan hätten. Gefährlich sind eben nicht nur jene, die bedingungslos hassen, sondern auch die, die bedingungslos folgen.»
Und hier?
Folgen sie ihm, bedingungslos?
Vieles, was er jetzt an der Fraktionssitzung sagt, wird man Tage später im Wortlaut von den anderen SVPlern hören. Es geht uns um die Armee. Wir sind für die Armee. Und in ein marodes Unternehmen wird nicht investiert. Wir sind für die Armee! GERADE DESHALB!
Aber dieser Blocher, nochmals, ist kein Führer, sondern ein Verführer, ein gewaltiger Überzeuger. Es ist eine subversive Gewalt, die an dieser Fraktionssitzung von ihm und einigen anderen Schlachtrössern ausgeht, eine, die diese massiv gebauten Mannen und rüstigen Frauen gar nicht spüren, und die, die sie spüren, das sind dann halt Komische, Neulinge oder Schwache. Oder zu Hause am Herd wartet eine linke Frau!

Die Starken, die Schwachen
Gefragt, was zu tun sei, um diesen Blocher zu verstehen, sagt Nationalrat Hans Fehr, ein alter Zürcher Kampfgenosse, nach der Fraktionssitzung: «Der Auftrag! Gönd Sie ufde Uuftrag, das ist etwas ganz Zentrales bei Christoph Blocher.» Nachgefragt, ob in diesem Wort, «Auftrag», nicht auch eine religiöse Dimension liege, sagt Fehr: «Jaja, ganz sicher. Das hat ganz sicher auch mit einer göttlichen Ordnung zu tun.»
Seine ewige Suche nach dem nächsthöheren Auftrag. Eine Unzahl von Biografien hat er schon verschlungen, lernt von den Grossen der Geschichte, zieht Parallelen zu sich selbst. Wo ist sein Platz in der Geschichte? Wo ist der Punkt, an dem er, wie alle Grossen, tief fällt?
Am nächsten Tag, wieder in Herrliberg, muss ich zugeben: «Sie sind ein ganz starker Mensch.» Und er antwortet: «Darüber habe ich oft nachgedacht. Weil, ich fühle mich nicht stark. Aber die andern, die empfinden es ja so und glauben, dass ich stark sei. Und wenn das so ist, dann trägt man eine besondere Verantwortung. Man darf die Schwachen nicht irreführen. Haben Sie gemerkt, gestern an der Fraktionssitzung? Denjenigen, die sich vor den Konsequenzen fürchteten, versuchte ich Vertrauen zu geben in ihre eigene Kraft. Man sollte die Schwachen nie spüren lassen, dass sie schwach sind.»
Er steht vor dem grünen Eingangstor, es ist offen. Gleich rechts fällt der Blick auf eine schwarze Stierstatue. Der Körper ist derart gewaltig, sprengt das Natürliche, beinah berührt er den Boden. Blocher kickt ein Laubblatt fort. «Oder zum Beispiel im Bundesrat. Da habe ich immer wieder Vorstösse eingebracht, bei denen ich befürchten musste, dass sie nicht durchkommen würden. Und tatsächlich kam ich nicht mit allem durch. Und natürlich war meine Enttäuschung gross. Aber es hatte auch etwas Gutes. Ich unterlag den andern. Klimatisch ist es viel besser, wenn man auch einmal verliert. Man sollte in einem Gremium immer versuchen, auf Augenhöhe mit den andern zu bleiben.» 
Es ist der Morgen nach der Fraktionssitzung, wieder einmal hat er den Sieg davongetragen, wieder einmal den Schwachen das Vertrauen gegeben, das Richtige zu tun.
So ist er gut gelaunt, an diesem Morgen, als sie im Garten eine neue Folge von Teleblocher aufnehmen, seinem Internetfernsehen. Selbst der schweigsame Kameramann lächelt zuweilen hinter der Linse. Und der stets milde lächelnde Produzent Neininger dokumentiert unablässig mit seiner Digitalkamera, daraus will er einmal ein Making-of machen. Und Matthias Ackeret, der Journalist, der das Interview jeweils führt, bedient sich der üblichen Taktik: Fragen, Staunen, Zuhö­ren, Nicken.

Der Rhein fliesst auf ihn zu
Blocher rückt Ackeret den Hemdkragen zurecht, dann lässt er Kaffee servieren. In seinem rechten Auge ist ein Äderchen geplatzt, an diesem Morgen ist es in Rot getaucht.
Im Garten sitzend, spricht er ein wenig aus seiner Zeit im Bundesrat. Wie kurios das doch war, wenn etwa der Schmid ihm noch während der Sitzungen mit seinem «News-Gerätchen» live zeigte, was gerade irgendwo auf der Welt wieder Schlimmes passierte! Muss man das denn so schnell wissen!? Muss man es überhaupt wissen?
Und letzthin, da schrieb ihm doch eine besorgte Mutter, ihr Kind würde immerzu die Bilder vom 11. September 2001 vor sich sehen, die Flugzeuge, wie sie in den Türmen detonieren. Etwas Ungeheuerliches. Das arme Kind. «Wenn es den Fernseher einschaltet, bekommt es das Gefühl, überall sei Krieg. Ihm wird ein Ausschnitt gezeigt, und irgendwann meint es dann, der Ausschnitt sei die ganze Welt.»
Oder was ihm einer erzählt hat: wie das zugeht, wenn der US-Präsident jemanden empfängt! Das sei jedes Mal ein Geschwafel, müssten dem ja noch beibringen, dass die Schweiz nicht Schweden sei. Nein, das nützt doch alles nüt, diese Auslandreisen der Bundesräte. Da wird den braven Schweizern der Kopf gestreichelt, brav warst du, sehr brav, du hast etwas im amerikanischen Sinne getan, braver Schweizer!
Aber jetzt, jetzt sind Ackeret, sein Kameramann und der Produzent wieder weg. Und Blocher steht vor dem grünen Eingangstor, spricht nun nicht mehr über Politik, sondern über Bücher, Führungsverantwortung und Theologie. Er zeigt Sensibilität. Er scheint seinen Motor herunterzukühlen, fast, als müsste er nach Phasen unbändiger Aggression in sich zurückfallen und verstummen.
In seiner Kindheit hörte er unweit vom Pfarrhaus den Rheinfall klingen, und jetzt hat Blocher ein Schloss in Graubünden, Schloss Rhäzüns, das so in der Landschaft liegt, dass der Rhein darauf zufliesst. Eine Woche ist vergangen. Er war in Ungarn, um eine Hodler-Ausstellung einzuweihen, und steht nun in jenem Zimmer, in dem einst Napoleon gestanden haben soll, und zeigt mir aus dem Fenster blickend den Rhein und die Aussicht. Der Napoleon-Geschichte sei nicht zu trauen, sagt Blocher. Hingegen, was ihm die Besucher aus China sagten, als er noch Chef der EMS-Chemie war, nämlich, dass ein Mensch, auf dessen Haus ein Fluss zufliesse, ein ausserordentlich glücklicher Mensch sein müsse – das gefällt ihm; und er hat es bisher jedem erzählt, der hier war.
Grössenwahn?
Es könne ja jeder kommen und selber sehen, ob er grössenwahnsinnig sei, sagt Blocher. Er steigt die steile, gewundene Treppe hinunter zu seinen Gästen, alte Kameraden aus seiner Militärzeit, die er hier schon länger einmal einladen wollte; auch um den Frauen etwas zurückzugeben, die ja derart viel hätten entbehren müssen mit einem Mann im Militär.
Nein, Schloss Rhäzüns soll niemandem seine Grösse beweisen; Schloss Rhäzüns ist Blochers Réduit. Bruder Gerhard Blocher sagt: «Er braucht das Schloss, für seine Psyche. Nur darum hat er es.» Hierher kommt Christoph Blocher, um seine Waffen nachzuschleifen. Hier zweifelt und schreibt und grübelt er nach, schmiedet Schlachtpläne, plant Truppenverschiebungen, wenn alles über ihn hereinbricht.
Hier auf Schloss Rhäzüns entsteht auch so manche Pressekonferenz, entsteht so manche Rede von Christoph Blocher. Die Reden schreibe er von Hand, sagt Blocher, mit Bleistift. Das heisst, zuerst schreibe er erst mal gar nichts. Er trage das Thema wochenlang mit sich herum, überall. Dann plötzlich komme der Moment, da er zu schreiben beginne, alles fliesse, sprudle förmlich aus ihm heraus. Was er dann schreibe, sei unbrauchbar. Er müsse dann nochmals drübergehen, schleifen und feilen an den Wörtern. «Stundenlang brütet er über seinen Texten», sagt sein Bruder Gerhard, «verwirft sie immer und immer wieder. Nach Weihnachten arbeitet er auf Schloss Rhäzuns an seiner Albisgüetli- Rede, umgeben von Papieren. Zehnmal und öfter schreibt er sie um. Er glaubt, er könne nicht schreiben. Er bedarf ständiger Ermunterung.» Bruder Gerhard sagt auch: «Manchmal habe ich das Gefühl, das geht gespenstisch zu und her, vor allem auf Schloss Rhäzüns. Christoph ist ein unheimlicher Mensch. Ich bin sicher, wenn er des Nachts aufsteht, ist es auf einmal, als höre er eine Stimme an seinem Ohr – und die sagt ihm, was demnächst passieren wird. Und am nächsten Tag steht er auf und handelt.»
Ein Tatmensch ist Christoph Blocher, die Intuition sein Geheimnis. Gequält sein Gesicht, wenn er davon erzählt, denn leicht macht sie ihm das Leben nicht, seine Intuition. «Wissen Sie, intuitive Menschen haben es nicht leicht. Sie sehen ja nie in die Menschen hinein. Eigentlich bin ich ein einsamer Mensch, wie alle intuitiven Menschen. Manchmal wache ich in der Nacht auf, und dann kommen die Zweifel. Dann wird nach- und hinterhergedacht. Me verreckt schier. Das ist das Los von intuitiven Menschen, das ewige Nach-Denken.»
Wenig an diesem Menschen ist geplant, alles einfach so gekommen; kein Karrierist. Wenn ihn junge Leute fragen, wie man im Leben so viel erreichen könne wie er, dann sagt er ihnen: «Ich weiss es nicht.» Da ist ein grosses Rätsel an ihm, unwahrscheinlich, dass er sich absichtlich damit umgibt. Wahrscheinlich glaubt er selbst an das Rätsel. Wahrscheinlich ist er so stark, weil er weiss, dass Gott an die Menschen glaubt. Oder: weil er glaubt, dass Gott an die Menschen glaubt; und also auch an ihn, Christoph Blocher. Das nennt er dann Gottvertrauen.
Ohnehin sei ja unklar, ob der Mensch seine Entscheidungen wirklich frei treffe. Ob wir nicht alle Getriebene seien, ob da nicht in allem eine Vorbestimmung liege. «Aber das geht dann weit in die Prädestinationslehre hinein, dafür haben wir jetzt keine Zeit.»
Jetzt setzt er sich zurück zu den Gästen im Blauen Saal, Musik wird gespielt. Ein Chor aus der Surselva, Blocher unterstützt ihn seit Jahren, die Frauen in roten, grünen Roben, die Sänger und der Pianist im Frack.

Mist-und-Boden-Philosophie
Schloss Rhäzüns ist ein Ort, an dem Christoph Blocher oft von der Lebensgrundlage spricht, der Natur, der Natürlichkeit, der Wirklichkeit, Wurzeln. An ihren Wurzeln seien die Menschen erkennbar, meint Blocher. Das ist ein Teil seiner Lebensauffassung. Eine Philosophie allerdings hat er keine. Philosophie ist ihm zu abstrakt. «Ich glaube an die Wirklichkeit. Meine Philosophie, wenn überhaupt, ist eine Mischt-und-Bode-Philosophie. Ich spreche nicht von Reinheit, ich spreche nicht von Blut-und-Boden. Das sind schlimme Wörter. Nein, im Gegenteil, ich glaube, das echte Leben hat viel mit Erdnähe zu tun, mit Dreck auch.»
Die Bediensteten bringen das Essen, es sind Leute aus dem Rheintal, sie tragen Trachten. Das sei eben noch schön, wird Blocher an diesem Tag einmal sagen, das sei doch nichts Verwerfliches, sondern etwas Wunderbares, dass die Servierfrauen so schöne Trachten tragen. «Aber das kann der Schlossherr ja gut sagen!» Und wie die militärischen Gäste wird auch Gattin Silvia lachen, obwohl sie ihn sonst zu warnen pflegt: «Du solltest nicht immer solche ironische Dinge sagen. Das verstehen die Leute nicht, und die Journalisten machen dann Ernst draus.»
Aber jetzt, da die Musik spielt, Verdi, Mozart, Beethoven, verstummt Blocher ohnehin. Andächtig lauscht er den Klängen, bewegt den Kopf kaum, er liebt diese Musik. Er sagt, die Rätoromanen hätten von ihren Wurzeln aus diese schönen Stimmen, hätten das im Blut.
Was sind seine Wurzeln?
Und ist er an ihnen erkennbar? Wie prägend war seine Kindheit im Pfarrhaus? Und ist auch hier irgendwie ein Psychoterror am Werk gewesen, wie er ihn beim Klosterschüler Meienberg erkannte?
Es war einmal dieses Pfarrhaus in Laufen am Rheinfall, Schaffhausen. Theorien ranken sich darum. Die Theorien kommen aus der Familie Blocher. In Judith Giovanelli-Blochers fiktiver Autobiografie «Das gefrorene Meer» ist zu lesen, der Vater sei tief depressiv, jähzornig gewesen, und die Mutter habe sich zu wenig um die Kinder gekümmert. «Der Vater kriegt einen roten Kopf, beim Reden tropft ihm Speichel aus dem Mund.» Oder über Lore, die Kunstfigur, die wohl sie selbst darstellt: «Auch Lores Taufpaten und die Paten der Geschwister sind Pfarrer oder Gelehrte, und sie glauben alle an Gott, wie die Eltern auch. Bloss, wenn sie zu Besuch sind, ist der Vater oft gereizt und aufbrausend, stürmt in der Studierstube hin und her und widerspricht allen.» Es ist das Porträt einer groben, gewalttätigen Zeit, in der die sensible Lore keinen Platz findet, und am Ende brennt das Pfarrhaus nieder.
«Tums Züg», sagen Christoph und Gerhard Blocher. Gerhard findet, das Buch dieser Schwester sei «geradezu autistisch», das heisse, auf sich selbst bezogen, und er kann es nicht verstehen, warum sein Bruder Christoph noch mit Judith verkehrt, nachdem diese ihn vor ein paar Jahren im «Blick» derart aggressiv angefahren habe. Depressive Stimmungen, ja, das habe der Vater gehabt, kein Wunder, bei dieser rigiden, wilhelminisch geprägten Mutter, die der gehabt habe. Und Mutter Blocher, die habe mit elf Kindern dermassen viel zu tun gehabt! Die habe gearbeitet fast bis zum Umfallen. «Und überhaupt», sagt Christoph Blocher, «ich habe das so in Erinnerung, dass man mich als kleiner Kerli am Morgen vor die Tür gesetzt hat, und dann konnten wir dort tun und lassen, was wir wollten. Ich habe das nie als schlechte Erziehung empfunden. Im Gegenteil, ich bin meiner Mutter sehr dankbar für alles. Wenn ich meine älteste Schwester Judith höre, glaube ich manchmal, wir hätten nicht die gleichen Eltern gehabt! Wir hatten aber die gleichen, also müssen wir sie so unterschiedlich erlebt haben.»
Es scheint ein Wahrnehmungsstreit zu sein, wobei bei Blochers, damals, so etwas eigentlich nicht existierte. So jedenfalls steht es bei Andreas Blocher, dem jüngsten Bruder: «Erstens, wir waren nicht liberal. Liberal im Sinn von Liberalität, nicht von Liberalismus, denn das ist ja zweierlei.» Letztlich gab es im Pfarrhaus die eine Wahrheit, und die lag nicht auf Erden. Meinungsvielfalt, Pluralismus, also Liberalität, das gab es bei Blochers nicht. Gottes Wort war das letzte Wort.
Gerade im Gespräch mit Gerhard Blocher wird das spürbar. Ein unglaublich theologischer Geist, Geschichten weiss der zu erzählen, verschrobene, wunderbare Geschichten, die wiederum Geschichten nach sich ziehen oder enthalten. Und nie verliert er den Faden, und immer erzählt er seine Geschichte zu Ende. Und selten weiss man, was davon Ernst sein soll, was Metapher oder Ironie oder Lust an der Spinnerei, oder eine Mischung aus allem. Gerhard Blocher, mit dem Christoph regelmässig telefoniert und sich berät, schreibt in seinem «Werk», denn es sei kein «Buch» und werde wohl auch nie veröffentlicht; er schreibt also in seinem «Werk» über den Vater, zuweilen gar kursiv: «In seiner schwarzen Amtskleidung betrat er das Esszimmer, ging wortlos auf das zunächst sitzende Kind zu, legte ihm – stellvertretend für alle andern – seine rechte Hand auf den Kopf – und wartete, bis alle ganz still waren. Dann langte er nach dem Brotlaib auf dem Tische, schnitt sich davon eine Scheibe ab und bestrich sie so mit Butter, dass es den Kindern auffiel, mit welcher Üppigkeit er dies tat.» So begann das «Sonntagsfrühstücks-Ritual», das damals die «eindrücklichste aller Essraum-Feierlichkeiten» gewesen sei. Und dann ging der Vater «in betonter Umständlichkeit» zum Wandschrank und entnahm diesem – «mit dramatisch gespielter Pose, als tue er etwas Verbotenes» – die Zuckerdose. Ging dann zum Tisch zurück und bestreute die Butterbrotscheibe «mit feinem Zucker» und schnitt die Brotscheibe sodann in dünne Stängelchen. Die Brotstreifen bekamen dann noch «einen grossen Tupfen Konfitüre» aufgesetzt, nicht ohne dass der Vater «mit Nachdruck» die Worte sprach: «…damit ihr alle spürt, dass der Sonntag ein besonderer Tag ist!»
So gesehen, bekommt Christoph Blo-chers Pfarrhausjugend einen gerade-zu feierlichen Anstrich. Also eine zwar strenge, aber, und das scheint hier das Wichtigste, theologisch intakte Zeit?

Der Tag, als Zwingli starb
«Zweitens», schreibt Andreas Blocher in seinem Essay «Mein Bruder Christoph», «es bestand eine gewisse, schwer zu benennende Masslosigkeit im geistigen Haushalt, die mit dem ersten Faktor zusammenhing. Wir waren ein eminent theologisches Milieu: Grossvater, Vater, ein Bruder, eine Schwester, ein Schwager waren beziehungsweise sind Theologen. Die Theologie ist als Gebiet ungeheuer, sowohl der Grösse nach als auch, wie ich finde, nach ihrer Verlässlichkeit. Weit in die Nacht hinein wurden in der väterlichen Studierstube erregte Debatten geführt: Es schwirrte.» Der Vater war kein Fanatiker, aber ein pedantischer Eiferer in der Auslegung der Schrift. Die Mutter sei manchmal dazugetreten und habe zu bremsen versucht. Aber, dermassen waren die Herren im Feuer, es nützte nichts. «Bruder Christoph, intelligent, wach, instinktreich, sass bei diesen Entladungen dabei und debattierte mit: Wie er sie in seiner inneren Chemie verarbeitet hat, bleibt auch für mich ein Geheimnis.»
Natürlich wurde Christoph vom Vater geschlagen. Natürlich war seine und Gerhards Pubertät am stärksten von allen, und natürlich musste da der Vater durchgreifen. Und Christoph schrie und heulte, aber das, so erinnert sich sein Bruder Andreas, war eher «eine ironische Übertreibung» als wirklicher Schmerz. Vieles hat der kleine Christoph von der Mutter mitgenommen, den Instinkt, die Intuition, die Sensibilität vielleicht sogar; aber die Entschiedenheit, die hat er vom Vater. Die zwinglianische Wurzel, der protestantische Eifer, die Masslosigkeit des Strebens.
Der Vater, sagt Christoph Blocher, habe hin und wieder mit einem Schmunzeln zu ihm gesagt: «Du Christoph, du bist am selben Tag geboren, an dem Zwingli starb! Du musst es besonders recht machen!»
Also dieser Zwingli. Ein währschafter Mensch sei der Reformator Zwingli gewesen, und wenn er ausging, habe der Dreck an seinen Sandalen geklebt und ein Stallgeruch ihn umgeben. So jedenfalls sieht es PD Dr. Hans Rudolf Fuhrer, Historiker, das Gesicht in Falten gelegt, die Augen verschwinden darin, er spricht langsam. Er spricht in der Vogtei in Herrliberg. Zwingli, die Reformation, der Dreck, das Währschafte.
Oder spricht er von Blocher?
Der sitzt nämlich auch hier, zusammen mit mehreren Dutzend seiner Anhänger, im grossen Saal der herrschaftlichen Vogtei. Es ist ein Treffen des Kuratoriums Blau/Weiss, einer Spendengenossenschaft der SVP des Kantons Zürich, die Blocher vor Jahrzehnten ins Leben rief.
Er sitzt an einem der Tische weit vorne, den Historiker im Angesicht, seine Frau Silvia und vier, fünf andere mit ihm. Sein Bruder Gerhard sitzt an einem anderen Tisch, die Brüder sitzen in derselben Spannung da, lauschen den Lebensstationen des Reformators Zwingli. Ein Thema, das sie umtreibt. Zwingli, Protestantismus, Katholiken, die Reformation.
«Reformation» komme von lat. reformatio, sagt Blocher, und das heisse: Es werde etwas zurückgeformt («re-formare»), die Rückformung auf das Wesentliche, auch sehr wichtig in der Politik.
Blochers Wein bleibt unberührt. Er hat heute noch etwas zu leisten. Er fährt sich über den Mund. Stimmen sie? Stimmen die Jahreszahlen, die der Historiker vorn auftischt? Auch Bruder Gerhard lehnt sich prüfend nach vorne.
Nun aber ist Christoph an der Reihe. Er steht auf, schreitet zum Rednerpult. Auch Christoph Blocher spricht jetzt über Zwingli. Huldrych Zwingli. Eine Würdigung der Gedanken des Reformators aus heutiger Sicht.
Nach einigen Sätzen verliert er den Kontakt zu dem Blatt Papier, auf dem seine Rede steht. Er kennt sie auswendig. Er fokussiert jetzt auf sein Publikum. Und sagt: «Unter Anlehnung an die benediktinische Regel ‹Bete und arbeite› erfuhr bei Zwingli die Arbeit – als die Grundlage der Wohlfahrt – eine starke Aufwertung.» Die Arbeit, aus der Blochers Leben seit je besteht. Zwingli, sagt Blocher, habe ja gelehrt: «‹Die Arbeit ist ein gut göttlich Ding›, so dass, ‹wer arbeitet, äusserlich Gott mehr gleicht als sonst irgendetwas in der Welt.› Dank dieser Auffassung wurde im Kanton Zürich in kürzester Zeit das Bruttoinlandsprodukt vervielfacht.»
Dann aber zog Zwingli in den Krieg. Das war seine Art. Er war ein wenig ungestüm. Nicht jeder mochte ihn dafür.
«Als einfacher Soldat», sagt Blocher, «zog Zwingli selbst in den zweiten Kappeler Krieg. Er tat dies an vorderster Front. Und er sollte – als Einziger der Reformatoren – auf dem Feld für seine Sache sterben. Das Jahreszeitenbuch Menzingen berichtet aus katholischer Sicht vom Tod des Zürchers: ‹Ulrich Zwingli lag tödlich verwundet auf dem Antlitz im Blut, welchem, als er erkannt wurde, noch ein Beichtvater anerboten wurde, aber da er es mit Kopfschütteln ausschlug, Hauptmann Juckinger von Unterwalden seine Hellebarde in den Leib stiess und seinem Leben so ein Ende machte.› Man mag ihn hämisch nach einer Beichte gefragt haben, Zwingli blieb standhaft. Ein Glaubenszeuge!»
Anderntags habe man über seinen toten Körper, erklärt Blocher, Standrecht gehalten, über den toten Körper dieses ehrlosen, Gott und den Menschen untreuen, meineidigen, gelübdebrüchigen Erzketzers und böswilligen Verführers des Volkes.
Pause. Blocher blickt in den Saal. Klingt jetzt wie nach der Abwahl aus dem Bundesrat. Tapfer sei Zwingli gewesen. Und er sei also nicht gerade schön gestorben.
Lachen im Saal.
Aber Blocher wird ernst.
«Sie sehen», sagt er leise, «da hat einer so viel für sein Land getan, er hat sich zerrissen dafür – und was hat man mit ihm gemacht? Man hat ihn auf dem Schlachtfeld getötet, man hat ihn als Verräter gevierteilt und als Erzketzer zu Asche verbrannt.»
Wahrscheinlich spricht Blocher jetzt nicht nur über Zwingli. Blocher spricht jetzt auch ein bisschen über Blocher.
Nach der Rede tritt er noch einmal auf. Er singt. Mit dem Chor aus der Surselva, den Compagnia Rossini, singt er volkstümliche Lieder in hellster Freude. Singt manchmal falsch, wird hochrot im Gesicht, aber nie geht ihm die Puste aus. «Es ist einfach anders, es ist so speziell, wenn er dabei ist», sagt die Frau eines SVP-Nationalrats. Noch immer schmeisst er den Laden. Noch immer hat er Leute, die ihm folgen. Hansjörg Frei zum Beispiel, ehemals Präsident der Zürcher SVP, der nach Blochers Gesangsvortrag auftritt, noch etwas sagen will, aber zuerst zugibt: «Ich begehe jetzt ein Sakrileg. Denn sonst ist es ja in der SVP so, dass nach Christoph Blocher niemand mehr redet.»

Gerhards Wahrheit
Die Gäste verlassen langsam den Saal, die Vorstellung ist vorbei. Als alle gegangen sind, lässt er sich noch ein Bier bringen. Ich bekomme auch eins. Sein Bruder streift vorbei, fragt mich nach meinen Wurzeln. Was für eine Sprache ich sprechen würde? Woher meine Mutter komme? Ob ich nicht einmal zu ihm nach Hallau kommen könnte, er wolle mein interessantes Gesicht noch eingehender physiognomisch studieren. «Wissen Sie, ich vereinsame ja langsam», sagt er und lacht. Und Christoph sagt: «Ach, tums Züg, was mein Bruder da sagt.»
Blocher nippt am Bier, ein weisses Filmchen bleibt an seiner Lippe kleben; er will und will es nicht abputzen. Wie war das eigentlich, damals, mit seinem Bruder Gerhard? Dieser Fernsehfilm, der die Schweiz in Schrecken versetzte, weil dieser Gerhard Blocher dermassen unflätig, höhnisch, schrecklich dahersprach?
Ach, der habe doch ein wenig den Affen gespielt, sagt Blocher, und niemand habe es gemerkt. «Es war geradezu dürrenmattisch grotesk, wie mein Bruder da überzeichnete. Er hat ja immer gelacht dabei! Und eigentlich, eigentlich hat man ja versprochen, den Film erst nach den Bundesratswahlen auszustrahlen. Eigentlich. Das Schlimme am Film war der Kommentar! Aus jeder Ironie machte der Kommentator eine ernste Aussage. Mein Bruder ist halt nicht Politiker, sondern Pfarrer. Er kann sagen, was er für richtig hält. Vieles mag schockiert haben, in der Art, wie er es sagte – aber nichts davon war unwahr. Denn in jeder Ironie liegt ein wenig Wahrheit.»
Es war sein Bruder Gerhard, der vor den Bundesratswahlen 2003 die Sache mit ihm durchging; theologisch durchging. Schlecht standen die Chancen, unmöglich schien Christophs Wahl. «Es ist absolut unmöglich, dass ich in den Bundesrat gewählt werde», sagte Christoph seinem älteren Bruder am Telefon. Aber Gerhard Blocher zog die Bibel zurate, und das tut er auch heute noch, wenn es um eine Rückkehr seines Bruders in die Landesregierung geht: «Bei den Menschen ist es unmöglich», sagte er Christoph, «bei Gott aber sind alle Dinge möglich.» (Matthäus 19,26)
Wenige Tage später steht Blocher vor dem Kirchenvolk, es ist die evangelisch-reformierte Kirche in Wilen bei Wollerau, und auch sein Bruder sitzt mitsamt Frau auf der Kirchenbank. Gerhard Blocher lächelt immer wieder. Die Rede amüsiert den ehemaligen Pfarrer; ein köstliches Stück Theologie, das er mitentworfen hat. Er hat bei sich zu Hause in Hallau die Bücher gewälzt, ist diesem einen Wort, um das es hier und heute geht, bis ins Mark nachgegangen.
Was also ist «sozial»?
Christoph Blochers Stimme ist wässriger geworden im Laufe der Zeit, manchmal verschluckt er die Wörter oder spuckt sie mehr aus, als dass er sie ausspricht. Aber noch immer hallt seine Stimme mächtig durch die Kirche, und oft lächeln die Gottesdienstbesucher, einige fasziniert, andere schockiert, amüsiert, während die unerhörte Botschaft zu ihnen dringt.
«Sozial» komme von lat. sozialis, einem eingedeutschten lateinischen Eigenschaftswort, sagt Blocher, das von dem Verb «sequi» abstamme, und «sequi» bedeute: nachfolgen, begleiten, mitgehen. Und im Deutschen, so Blocher, würden wir unter «Sozius» zum Beispiel einen Gefährten oder den Hintersitz, den Beifahrer auf einem Töff oder auch einen Geschäftsteilhaber verstehen.
Diese also seien alle «sozial» zu nennen. «Man folgt jemandem nach, man begleitet jemanden, man geht mit.» Und so gesehen, seien alle Menschen sozial.
Blocher hält kurz inne. Wie viel Provokation steckt jetzt in seinen Worten? Und wie viel Ironie? Und welcher Teil der Ironie ist ernst gemeint? Jetzt sagt er: «Sie sehen, ‹sozial› ist etwas Selbstverständliches. Schon daran lässt sich erkennen, dass das Wort ursprünglich keine moralische Komponente besass.» Die Moral schlich sich erst später in das Wort ein. «Bist du sozial? Verhältst du dich sozial? Diese Fragen werden mit erhobenem Zeigefinger und leicht schrägem Kopf gestellt. Es sind bange, vorwurfsvolle Fragen. Dahinter steckt die andere, noch viel tiefer gehende Frage: Bist du gut oder bist du böse?»
Dabei! Dabei sei es ja letztlich immer und nur Gott allein, der den Menschen Gnade schenke, wenn das Ende aller Tage gekommen sei, sagt Blocher. Denn letztlich, letztlich gebe es keine guten Menschen auf dieser Erde. Letztlich seien alle Menschen Sünder.
Sein Bruder weiss, was jetzt kommt. Er befindet sich in Hochspannung auf der Kirchenbank.
«SIE!», tönt es aus Blocher. «Sie alle sind sozial! Indem Sie arbeiten, jeden Tag, zum Beispiel um Ihre Familie zu ernähren. Wirklich sozial sind eine Vielzahl von Menschen, an die niemand denkt, wenn er vom ‹Sozialen› spricht: all die Mütter und Väter, die für ihre Familien und Kinder sorgen, die Lehrer zum Beispiel, die ihre Aufgaben im Dienste des Kindes täglich richtig erfüllen, der Unternehmer, der mit seiner gewinnbringenden Tätigkeit einer Vielzahl von Menschen Lohn und Verdienst bringt, die Wirtin, die den Einsamen in ihrer Wirtschaft beherbergt und bemuttert.»
Langsam findet Blocher zu einem Ende. Er sagt und erntet Lacher und Applaus: «So, ich will hier enden. Obwohl ich es nicht wollte, ist der Vortrag fast zur Predigt geworden. Aber ehrlich gesagt: Ich habe auch schon schlechtere gehört!»
Dem Aufruf der Pfarrerin, man möge doch etwas zur Kollekte beitragen, wird nach dem Gottesdienst kaum Folge geleistet. Die Pfarrerin versuchte vergeblich, an Christoph Blochers Rede christlich anzuschliessen. Dr. Blocher, sagte die Pfarrerin, habe in seiner Rede ja betont, wie wichtig es sei, dass man seinen Nächsten Gutes tue. Aber da hat das Kirchenvolk Blocher wohl besser verstanden. Beim Hinausgehen meidet es die Kollekte.
Draussen steht Gerhard Blocher, etwas unzufrieden mit der Pfarrerin. Schlimm, dass sie zum Schluss noch die Hand zum Segen ausstreckte. Wie theatralisch! Fast katholisch!
Zum Glück, zum Glück trank Christoph aus dem Gemeinschaftskelch und nicht aus diesen dekadenten Einzelkelchen. Das hat Gerhard genau beobachtet, und er hätte Christoph sonst gescholten. Ja, er bewundert den kleinen Bruder, und vielleicht schwappt manchmal ein klein wenig Ruhm zu ihm herüber, wenn der bekennende Neider seinem Christoph beistehen kann. Es stecken halt zu viele theologische Mätzchen, zu viel Bibelexegese in Gerhard Blocher, als dass er für die Politik taugen würde. Sein Bruder hingegen, der strotzt nicht vor Theologie, hat sie wohl aber eingeimpft bekommen. Er hat diesen protestantischen Arbeitsethos eingeatmet, und jetzt ist sein Körper, sein Geist imprägniert damit. Christoph Blocher ist gewaltige, unendliche Strebsamkeit.
Als ich das sage, da lächelt Gerhard Blocher. Er sagt: «Wüsset Sie was? Das isch im Fall normal!»
Alles ganz normal. Die andern, das sind die Abnormalen, die nicht arbeiten wollen, die Sozialhilfe beziehen, die in den Tag hineinleben, denen es nicht ums Land geht, die in der Nacht nicht von Armeegeschäften träumen, die trödeln, die am Morgen Fischer sein wollen und am Abend Dichter; diese Träumer.
Alles ganz normal.

S hett mi gfreut
Und so natürlich strebt und strebt der Protestant und nimmermüde Protestierer gegen alles und jeden weiter und weiter. Denn es ist sein Auftrag. Der Auftrag ist, was als Nächstes an ihn herantritt, und am Ende, da fühlte er sich zum Höchsten berufen, weil nie jemand gegen ihn antrat, weil er immer nur gewann. Am Ende, da schien sein Streben grenzenlos, denn wo war der starke Mann, die starke Frau, die ihn endlich ablösen würden? Deshalb reizen ihn Gegner, die ihm das Wasser reichen. Deshalb geht er noch immer an Orte, wo eine Niederlage droht. Ein Rausch beinah.
Christoph Blocher ist ein zumeist sehr freundlicher und manchmal ein unheimlicher, ein gewaltiger Mensch.
Und so liest er Biografien über die grossen Politiker, Generäle, Heeresführer der Geschichte und vergleicht ihr Tun mit dem seinen; immer jedoch gilt der Zusatz, dass er nicht mehr als ein Sünder sei. Er meint das ernst. Gnade kann nur Gott ihm geben, am Ende aller Tage. Auch sagt Blocher: «Ich habe nicht das Gefühl, dass ich stark bin. Im Gegenteil, ich leide darunter, dass ich glaube, ich sei zu schwach.» Er sei auch kein Arbeitssüchtiger, kein Arbeitsverherrlicher. Das sind nur die andern, die ihn so sehen und nie in ihn hineinsehen. Wie sein Bruder Andreas, der einmal zu ihm gesagt habe: «Christoph, du weisst gar nicht, wer du bist. Du weisst gar nicht, wie unglaublich stark du bist.»
In der Kirche, da stieg er von der Kanzel, er hatte geschlossen, das Kirchenvolk spendete grossen Beifall, er aber blieb bitterernst, das Haupt gesenkt, die Arbeit getan, und setzte sich neben seine Gattin auf die Kirchenbank; ein Sünder.
Nach dem Gottesdienst mischt er sich unters Kirchenvolk. Er fragt die Kinder: «Isches für dich nöd langwiilig gsi?» Er nimmt sich ein Glas Wein und vom Buffett ein Canapé mit Fleischkäse, aus Anstand. Herzhaft lacht er mit den Leuten, drängt aber gegen das Ende: «So, also. S hett mi gfreut. Jawoll, danke.» Und dann kommt er zu mir und seinem Bruder Gerhard.
Christoph Blocher zeigt auf mich und sagt zu seinem Bruder: «Weisch, ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Über mich haben ja schon so viele geschrieben. Er will etwas Neues machen. Er ist ein armer Kerli. Und dort, wo er schreibt, hat er es sicher auch nicht leicht.»
Pause. Ausholen zur Pointe.
«Er wird wahrscheinlich nicht ganz kritisch über mich schreiben dürfen, wird mich nicht völlig demontieren dürfen, dort, wo er schreibt. Nein, das wird er nicht. Stattdessen muss er es wahrscheinlich auf die andere Schiene aufgleisen. Er muss schreiben, dass ich langsam alt, senil, tattrig, ein Greis werde. Oder geisteskrank, das ist jetzt die neuste Masche. Ein alter Mann, der nicht mehr recht weiss, was er tut. Ja, er ist wirklich ein armer Cheib. Ich möchte wirklich nicht in seiner Haut stecken.»
Und dann grinsen sie beide.

Michel Comte fotografiert (ab jetzt) regelmässig für «Das Magazin». www.michelcomte.org
Bilder der Fotosession finden Sie hier.

«Manchmal wache ich in der Nacht auf, dann kommen die Zweifel. Me verreckt schier.» | Michel Comte
«Manchmal wache ich in der Nacht auf, dann kommen die Zweifel. Me verreckt schier.» | Michel Comte
«Man muss jetzt schreiben, dass ich langsam alt und senil werde. Das ist jetzt die neuste Masche.» | Michel Comte
«Man muss jetzt schreiben, dass ich langsam alt und senil werde. Das ist jetzt die neuste Masche.» | Michel Comte

Die Diskussion

36 Reaktionen

  1. Profile Pic
    Ronnie Grob

    Das ist der beste Text, den ich je über Blocher gelesen habe, überhaupt der beste Text, den ich 2008 in schweizer Medien gelesen habe. Bitte mindestens einmal mit einem Journalistenpreis auszeichnen. Danke auch dafür, dass es die Redaktion ihren Lesern zutraut, auch für einen längeren Artikel genügend Geduld aufzubringen. Ich habe mich beim Lesen nicht einmal gelangweilt.

  2. Heinz Moll

    Ein anrührender Text, klug und schön geschrieben, fast schon wahrhaftig.

  3. Manuel Frischknecht

    Niklaus Meienberg wird erwähnt. Ja, ich denke dieses Stück Schreibe hätte ihm gefallen. Gut gefallen.

  4. Patric Lohri

    Hallo Thomas :)

    Also muess säge, super Artikel…!

    Wiiter soo.. (Nur (echli) schnäller ;) )

  5. Peter Pan

    Gerade im Fall CB wäre eine Psychoanalyse äusserst interessant. Diesen Menschen in seinem zu tiefst religiösen Selbstverständnis herauszufordern, wäre sehr aufschlussreich. Denn schon hier beginnen die Widersprüche. CB verneint besonders gottesfürchtig zu sein – wohl aus Auflehnung gegen seinen patriarchalen Vater – trotzdem ist die Erlösungstheorie sein einziges Weltverständnis. Über die Zweifel, welche ihn nächtens plagen, kann er als Politiker natürlich nicht sprechen. Er darf sich nicht über die Wahl in den Bundesrat freuen. Er weiss, dass das Leben nur eine Prüfung vor Gott ist und er jetzt noch härter arbeiten muss. Denn da ist ein Auftrag. Doch gibt es den göttlichen Auftrag, die göttliche Allmacht wirklich? Ist das Leben tatsächlich ein Kampf zwischen Himmel und Hölle, Freund und Feind? Darf er das Weltbild seiner Kindheit antasten oder muss er dafür den Verrat an seinem Vater oder den Einmarsch der roten Armee befürchten?
    Wissenschaft beängstigt ihn, kein Computer, lieber kein Handy.
    Trotzdem weiss auch CB, dass es der technologische und geistige Fortschritt ist, welcher Europa befriedet hat. Aber Frieden verwischt Grenzen, Frieden ist etwas für scheinheilige Sozialisten. Frieden vermischt diejenigen, welche härter arbeiten und Ihr Land mehr lieben, mit den intellektuellen Querköpfen und Skeptikern.
    Doch Gottes Barmherzigkeit gibt es nur für die ergebenen Soldaten, welche sich ihrer Sünden-Schuld am Sohne Gottes bewusst sind. Mehr Philosophie braucht der Mensch nicht.

  6. Heinz Moll

    Lieber Peter Pan, eine Psychoanalyse würde vermutlich auch bei Ihnen Interessantes zutage fördern. Dass Sie die Anonymität wählen, um Ihre krausen Verdrehungen in die Welt zu setzen, spricht allein schon Bände. Ein ganz besonderes Bubenstück ist es, dass sie Christoph Blocher zu Mars’ Jünger stilisieren. Die Absurdität begegnet einem selten in solcher Reinheit.

  7. Markus Scheuring

    Ein Medien-Junckie – unser Blocher. Süchtig bis in die Tiefe nach Publizität. Dass die Medien ihm ALLES ermöglichen, ist ihm wohl klar, er benutzt diese perfekt, um die Sucht zu befriedigen. Und wird dann wohl bemerken, wie fies und falsch die Drogenlieferanten “Medien” sind. Na ja, und wir fallen immer wieder hinein auf unsere Süchtigen in Politik und Wirtschaft.

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    Lupo Lupe

    Wenn man einen Homestory-ähnlichen Beitrag über einen Rechtsaussen-Politiker schreiben will, kann man nur scheitern.
    Durch die ganzen Bestrebungen, nicht den Politiker, sonderen den “Menschen” beobachtend, verständnisvoll, hautnah zu portraitieren, wird vieles ausgeblendet, ja fast verharmlost. Der Leser bekommt den Eindruck: “Gsehsch, isch au nur en Mensch”. Und gerade darin liegt die Gefährlichkeit eines solchen Beitrages über einen Rechtsaussen-Politiker, der massgeblich zu einem vergiften klima gegenüber Ausländern beitrug, der nicht zurück steht, wenn es darum geht, andersdenkende zu diffamieren.
    Mehr dazu im Kommentar in meinem Blog: http://swiss-lupe.blogspot.com/2008/11/blocher-als-mensch-ein-gefhrlich.html

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    Kurt Steuble

    Ich schliesse mich den ersten vier Kommentaren an und widerspreche Dir, Lupo Lupe, in diesem Fall, und ich tue es als ein Bürger dieses Landes, der seine liebe Mühe mit Herrn Christoph Blocher hat, aber auch mit den Menschen, die ihm folgen.
    Wenn ich zudem nur schon den Namen Gerhard Blocher hör(t)e, wurde mir übel. Das kann man eine gesunde Reaktion nennen – es ist aber auch eine Limite, die eine nähere Auseinandersetzung mit dem Phänomen dieser zwei Brüder verhindert.
    Dieser in höchstem Grad literarische Text – man mache sich bewusst, wie alt oder eben jung Thomas Zaugg noch ist – ist ausserordentlich dicht, differenziert und doch atmosphärisch so eigen, dass man spüren kann, dass der Schreibende sich eine Distanz bewahren kann, dem Erlebten eine eigene Deutung gebend, die dennoch nie das Protokoll von Fakten völlig ausblendet.
    Eine literarische Dokumentation.

    In den Zeiten, in denen Journalismus kaum mehr Gefässe findet, in denen in die Tiefe geschrieben werden kann, ist dies eine Sternstunde der Hoffnung, dass es auch anders sein darf. Ich freue mich schon auf die Zeit, wenn ich das Magazin als Papier in Händen halte.

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    Lupo Lupe

    at Kurt Steuble:

    Ich würde es nicht wagen, den Schreibstil von Thoams Zaugg zu kritisieren, der ist hervorragend, über Durchschnitt. Ich werde gerne weitere Arbeiten von ihm lesen. Die Schwierigkeit liegt in der Versuchsanordnung. Die Aufgabe, die er, oder der Verlag sich stellte, ist kaum lösbar.

    Ein alter Fuchs und Medienprofi wie Blocher einer ist, der weiss eine solche Situation, auch wenn sie über Tage dauert, für sich zu nutzen.

    Er wird dem beobachtenden Journalisten keinen Anlass bieten, zu negative Seiten zu entdecken. Jeder Journalist, der in einer solchen Situation nur beschreiben darf oder will, der wird einzig jene Seiten eines Blochers zu Gesicht bekommen, die dieser auch zulässt. Jeder, der sich einer solch schwierigen Aufgabe stellt, wird nur ein abgeflachtes Relief des zu Beobachtenden beschreiben können. In dieser Hinsicht hat Zaugg wohl das Mögliche aus einer solchen Situation herausgeholt.

    Aber ich bleibe dabei, eine solche Aufgabe ist – aus den im ersten Kommentar erwähnten Gründen – heikel.

  11. Fabian Auchter

    Hey Thomas! Herzliche Gratulation zu deiner ersten und wirklich hochverdienten Titelgeschichte! Bin wirklich ein Fan dieses Schreibstils; hat mich vom ersten Satz an hineingesogen!
    Auch scheinst du dich vorbildlich vorbereitet und recherchiert zu haben-grosser Respekt!
    Ich hoffe, viele Journalisten werden deinem Beispiel folgen und in gleicher Manier auch an andere Personen herangehen. Denn Herr Blocher dürfte ja nicht die einzige Person in der Schweiz sein, welche eine solche (seriöse!) Aufmerksamkeit “verdient”!
    Ich bin überzeugt, dein Stil funktioniert auch bei weniger “schillernden” Persönlichkeiten! Auf ein baldiges-Fabian

  12. Gabi Walter

    Neiiiiiin! Nicht schon wieder Blocher. Und zum zweiten Mal hintereinander ein alter grauer Mann auf dem Titelbild. Bitte etwas mehr Farbe, auch inhaltlich!

  13. Oscar Schmid

    Genau das meine ich auch.
    Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Bericht lesen werde, bezweifle aber nicht, dass es anscheinend ein hervorragender Beitrag ist.
    Für mich hat er leider nur das falsche Thema.
    Ich möchte nicht schon wieder etwas über Herrn Blocher lesen.
    Ich möchte diesen Menschen nicht näher kennen und verstehen lernen, sowenig ich einen Autoraser verstehen möchte.
    Beide sind sie aber gefährlich.
    Warum gibt man dieser Person so viel Publizität?

  14. Ueli Zberg

    @Thomas Zaugg: Brilliant, hervorragend, DAS ist Text – Gratulation!
    @Ronnie Grob: genau, absolut einverstanden.

  15. Dan Kupfer

    Wie oft wollt ihr diesen Artikel noch schreiben? Was ist diese fetischmässige Faszination von Euch mit Blocher? Übungsfeld für ehrgeizige Junge? “Die Maske herunterreissen”, jesses, wie oft haben wir das von Blocher schon gesehen?

  16. Daniel Landwehr

    Oh Gott! Bitte nichtschonwieder..Gahts no? Fällt der Redaktion wirklich nichts Wichtigeres mehr ein, als zum X-Hundertsten mal BLOCHER? Ende aus finito – Es reicht! Wurde auch Zeit.

  17. Alfred Boss

    „Grosser Mann: was nun ?“, oder: „Das Magazin“, wohin?

    Runde 18 Seiten stehen kurz vor der Bundesratswahl für einen unwählbaren Exbundesrat im „Das Magazin“ frei zur Verfügung.
    Literatur vom allerfeinsten wird da zelebriert, über einen zu tiefst christlichen und ausserordentlich sensiblen, gescheiten und gerechten Menschen, der seine Aufträge direkt vom Allmächtigen fasst und infolgedessen gar nicht anders kann, als diese auf Erden zu vollziehen. Am besten natürlich als Bundesrat, weil er in solcher Position die göttliche Mission am besten erfüllen kann.
    1.) Auf der Titelseite sehen wir CB als alten angeschlagenen Mann, verletzt wie ein Tier, nach all der Schmach mit seiner Abwahl.
    2.) Dann folgt die erste Doppelseite: Wie der Geist aus der Flasche, steht er da, frischzellenverjüngt und mit reiner, weisser Weste. Sein Blick ist klar auf die Froue und Manne fokussiert und verspricht Heil für die ganz schweren Zeiten, die da kommen werden.
    3.) Die dritte Doppelseite zeigt CB in düsterer, verhüllter, undurchschaubarer Position, kaum erkennbar.
    „Tarnposition“ wird Gerhard Blocher, als Militärstratege und Profichrist, dieses Portrait bezeichnen.
    Immer tarnen und nur kurz, im rechten Moment aus der Deckung hervorkriechen, gehört zur Strategie der Erfolgreichen.
    Mit seinem Film „Reinfall am Rheinfall“ ist GB etwas zu früh aus der Deckung geraten. Der Film und der grosse Bericht darüber im „Blick“, haben Bundesrat Blocher definitiv das Genick gebrochen.
    Und nun:
    Niemand glaubt wohl, dass sich Blocher für unwählbar hält. Sein Ego lässt das schon gar nicht erst zu. Die richtige Taktik und Strategie für eine Wiederwahl ist entscheidend für den Sieg:
    Man wähle eine renommierte Zeitung mit einem entsprechend angepassten Journalisten aus.
    Der muss CB nur glaubhaft, als einen wahren und profunden Christ von der währschaften und zuverlässigen Sorte in literarisch unangreifbarer Brillanz darstellen, so dass auch alle CVP-Parlamentarier nicht mehr anders können, als echt christlich zu wählen .
    Durch die Tarnung hindurch können wir dann wieder das Hohngelächter der Theologiebrüder vernehmen, wie dies im „Reinfall am Rheinfall“zu vernehmen war!
    Leider leistet der Tagi massive Schützenhilfe, um Blocher wieder wählbar zu machen und versucht damit, sich selber über Wasser zu halten, indem er SVP ler als mutmassliche Abonnenten anheuern will.

  18. Heinz Moll

    Ein Gespenst geht um im Schweizerland – das Gespenst des Blocherismus…

  19. Silke Gamma

    Schon wieder ein Blocher Artikel, gähn. Er ist ja schon gut geschrieben, aber das Blocher eine Ausnahmeerscheinung ist, ist ja hinlänglich bekannt und eine neue Erkenntnis hat’s auch nicht wirklich in diesem Bericht.

  20. Oscar Schmid

    Habe nun hier die Artikel gelesen.
    Den Tagi-Beitrag hab ich mir erspart.
    Habs doch vermutet, dass es so herauskommen wird ;-)
    Schade, einen so excellenten Artikel verpasst zu haben!

    Schön, dass es noch andere Menschen gibt, die ohne Herrn Blocher auskommen (können).

  21. Schaerrer

    Gut geschrieben, durchaus unterhaltsam. Die Fotos sehenswert.
    Erstaunlich ist, dass von den Journalisten nach wie vor hartnäckig am Mythos festgehalten wird, dass Blocher den EWR im Alleingang gebodigt hat. Ein schöner Anteil der Nein-Stimmen (mind. 10%) kam damals aus dem links-grünen Lager, und ohne die wäre der EWR angenommen worden.
    Ein dominantes Thema war damals die 28 Tonnen-Limite, und die Grünen glaubten, mit einem Nein könne man an dieser festhalten. Blocher argumentierte im Wesentlichen damit, dass die Schweiz „unabhängig“ bleiben müsse.
    Nun, heute wissen wir: die 28 Tonne-Limite gibt es schon lange nicht mehr, der Durchgangsverkehr durch die Schweiz wächst jährlich an, und wir haben einem „autonomen Nachvollzug“ der EU-Gesetzgebung der uns verpflichtet, jedes Komma der EU-Gesetzgebung abzuschreiben, bis in die allerletzten Anhänge hinein. Das Nein zum EWR ist nichts anderes als ein klassischer Pyrrhussieg für SVP und Links-Grün.
    Blocher hat nie mehr als rund einen Drittel der Bevölkerung angesprochen, der Rest der Bevölkerung zieht andere Politiker vor. In Europa-Fragen kommt Blocher zusammen mit Verbündeten auf einen Stimmenanteil von ca. 45%, ausser Links-Grün hilft ihm, siehe EWR (was aber seither nie mehr vorgekommen ist).
    Jetzt wäre es aber an der Zeit, die Vergangenheitsbewältigung hinter uns zu lassen und vorwärts zu schauen. Wir haben doch sicher auch Politiker in unserem Lande die Visionen haben! Ich freue mich, künftig mehr darüber zu lesen im Magazin.

  22. Martin Cesna

    Was ist das, Hofberichterstattung oder Museumsbesuch?
    Es gibt Themen, die man in Würde alt und antik werden lassen sollte, um sich Aktuellerem zuwenden zu können, zum Beispiel dem Weihnachtsmann.

  23. Tobias Bernet

    Natürlich ist der Text sehr gut geschrieben. Aber ich muss mich “Lupo” anschliessen: Ich sehe die Rechtfertigung, für einen so “literarischen”, lies: letzlich apolitischen, Text über einen noch lebenden und wirkenden Politiker nicht. Das ist letztlich das Verwerfliche an der Blocher-Faszination der Schweizer Meiden: Dass nie ein gleich langer, gleich intensiv (d.h. auch mit gleichem finanziellen Aufwand) recherchierter Text in einer so auflagenstarken Zeitschrift erscheinen wird, der besipielsweise Einblick in das Leben eines Asylbewerbers gewährt, der in einem Zivilschutzbunker und mit ein paar Franken Taschengeld am Tag lebt – wegen der von der Blocher-SVP geprägten Politik.

  24. Peter Aufenast

    Schmunzelnd habe ich die pro&contra Reaktionen zu diesem hervorragend geschriebenen Artikel von Thomas Zaugg konsumiert. Blocher ist nun mal ein Ausnahme Zeitgenosse der polarisiert und aus der jeweiligen Optik des Betrachters Zustimmung, Ablehnung, Bewunderung oder blanken Hass erntet. Ich persönlich bewundere seinen hervorragenden Leistungsausweis als Industrieller, der sich aus eigener Kraft hochgearbeitet hat und habe für seine Kritiker, vorwiegend aus dem ideologischen rot/grünen Lager nur ein mitleidiges Lächeln. Schade, dass man diesen Leuten nicht mal die Verantwortung für seine Unternehmen übertragen kann. Der Bankrott wäre so sicher wie das Amen in der Kirche vorprogrammiert. Kläffen wie kleine Hündchen ist einfach, etwas schwieriger ist es Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten.

    Als Politiker hat er einiges geschaffen obwohl ich seine rüpelhafte Art mit anders Denkenden umzugehen in keiner Art und Weise gutheißen kann. Wenn er seine Fangemeinde mit den Worten: “Liebi Manne u Froue begrüßte” kam mir unweigerlich die bekannte deutsche Sage: “Der Rattenfänger von Hameln” in den Sinn.

    Seine Abwahl hat er sich selber zuzuschreiben obwohl er einiges im Rat der Weisen bewirkt hat. Aber auch für einen Blocher gilt: Kein Mensch ist unersetzbar!

    Ich bin weder Mitglied noch Sympathisant irgend einer Partei in unserem (noch) lebenswerten “Alpenländli”. Und so wie es aussieht, wird das auch so bleiben. Gleichwohl würden mich als kritischen Bürger weitere Porträts von Promis als “Politiker und Mensch“, vorwiegend aus Parteien mit einem großen C oder E im Logo interessieren. Viele dieser lieben “Spezies”, die frei nach dem treffenden Berner Chanson: “Am Sunntig unentwägt luti Psalme singe, am Wärchtig Vögu u als Wappetier der Aal!” politisieren.

  25. Amadeo Garzotto

    Gut beobachtet. Gut verfasst.
    Warum Blocher?

  26. Christian Schweizer

    Zum ersten Mal, wahrscheinlich seit ich lesen kann, hat jemand einen Text über die Person Christoph Blocher geschrieben, welchen ihn weder glorifiziert, noch herabsetzt.

    Gratulation!

  27. Olaf Schlied

    Zitat:
    …kläffen wie kleine Hündchen ist einfach, etwas schwieriger ist es…

    Herr Aufenast, das ist eben der Blocherstil, den Sie hier so verblüffend anwenden!

    Grüsse, eines weiteren kritischen Bürgers

  28. C. D. Marquart

    Fakt:
    Herr Blocher ist der BESTE Bundesrat, den die Schweiz jemals hatte!!! Er ist der EINZIGE der etwas POSITIVES in unserer Politik bewegt hat und das sollte man ihm auch lassen. Es ist wieder einmal typisch SP&Grüne…sie verurteilen lieber andere als selbst mal etwas zu leisten!!!Sie haben bis heute noch nichts gescheites in der CHerPolitik auf die Beine gestellt*lächerlich*!

  29. Olaf Schlied

    Fakt:
    Da merkt man eben, wie Blocher + Co. polarisieren.
    Positiv, lächerlich!

  30. Heinz Moll

    Herr Bernet, es bleibt Ihnen natürlich unbenommen, Ihre vermutlich geräumige Wohnung mit einem Asylbewerber freier Wahl zu teilen und ihm auch pekuniär unter die Arme zu greifen.

  31. Profile Pic
    Peter Fischer

    Ungeachtet davon ob man CB mag oder nicht ist der Artikel, wie schon mehrfach erwähnt, wunderbar geschrieben. Die CB Mania sollte meines Erachtens schon lange aufhören, aber gegen Artikel wie diesen ist nun wirklich nichts einzuwenden.
    Polarisierende Menschen haben nunmal eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit, und dieselbe für sich selber zu nutzen liegt in der Natur der Sache.
    Was die Authenzität von CB während der Begleitung durch Thomas Zaugg angeht könnte man generell sagen, das niemand vor den Medien die Hosen komplett runterlässt (ausser Dieter Bohlen vielleicht..). Würde man dies tun, so landet man unweigerlich im medialen Fleischwolf und der zerstört im Endeffekt jedes noch so grosse Ego.

  32. Mario Oeschger

    Es ist gut, dass Sie in Ihren Blättern – Tagi und Magazin – die Figur Christoph Blocher thematisieren. Der Medienrummel um diese Person und seine Umgebung gehen zwar auf die Nerven, aber: mann muss bei diesem Phänomen schon genau hinschauen! Sie haben zu Recht den zwinglianischen Hintergrund der Pfarrersfamilie Blocher beleuchtet. Das hat noch einen weiteren gespenstischen Hintergrund: der “Spiegel” hat im Januar 2008 ein ganzes Heft der Machtergreifung vor 75 Jahren durch Hitler gewidmet. Eine Grafik zeigt die “braune Stimmenflut” in den verschiedenen Wahlkreisen bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932. Es springt ins Auge, dass die lutherischen Wahlkreise im Norden und Osten Deutschlands entscheidend zum Siege der NSDAP beigetragen haben: die Zustimmung dort geht bis zu 73%. Im Gegensatz dazu war die Zustimmung in den mehrheitlich katholischen Wahlkreisen im Westen und Süden markant tiefer, grösstenteils zwischen 5 bis 19%. – Es sollen hier nicht der Kulturkampf und die Glaubenskriege neu heraufbeschworen werden, wir haben heute ganz andere Probleme. Und trotzdem: es scheint doch einen Zusammenhang zwischen dem protestantischen Arbeits- und Leistungsethos und dem Zustand unserer globalisierten neoliberalen Gesellschaft zu geben.

  33. Eva Pfirter

    Warum tragen die klugen Magazin-Journalisten bei zum Mythos Blocher? Warum geben Sie diesem Mann sechzehn Seiten Platz? Warum muss uns interessieren, ob er Aprikosen- oder Rhabarbarwähe isst? Ich bedauere, dass auch viele intelligente Journalisten genau das tun, was die SVP will: Sie immer und immer wieder ins (Medien-)Zentrum stellen. Wenn schon SVP, dann bitte einmal ein Porträt eines differenzierteren Politikers, der nicht in erster Linie das Maul aufreisst.

  34. tim poonsombat

    Prinzippiell gehe ich eigentlich davon aus, dass man über alles schreiben darf, immer, überall und so oft man will. Wem es nicht passt: Magazin lesen = nicht obligatorisch.

    Ich säg super tomaso. Erschte kommentar seit alles. Dä Hanhart isch sicher stolz uf dich :)

  35. M. Steiner

    Erst wenn wir das erhabenste politische System, die einzige wahre Demokrtatie weltweit – man darf nicht von Demokratie sprechen, wenn ein Volk alle 4 Jahre direkt oder indirekt einen Prsäsidenten wählt, der dann 4 Jahre lang macht, was er will, wie das in allen anderen “Demokratien” der Fall ist – an den Dinosaurier EU verraten haben, erst wenn wir alle in zehnstöckigen Hochhäuser wohnen, weil die jährlichen 50′000 ausländischen Zuströme und die immer knapper werdenden Grünflächen dazu zwingen, erst wenn sich unsere aufrichtige helvetische Identität im “Multi-Weder-Fisch-Noch-Vogel-Alles-Geht-Verwahrlosungs-Kulti-Schlamm” aufgelöst hat und unsere Entwurzelung unser eigenes Wachsen hindern wird, denn kein Baum ohne feste Wurzeln kann in die Höhe wachsen, werden wir vielleicht merken, dass Herr Blocher mit seinen politischen Prioritäten Recht hatte!
    Dementsprechend ist dieser Text über den Mensch Blocher ein wichtiger Beitrag dazu, fest zu stellen, dass Herr Blocher nicht der egozentrische Unmensch ist, wie er immer wieder von all den seelischen Bettlern, die ihm Nichts gönnen, dargestellt wird, sondern ein besonnener, sündenbewusster, aufrichtiger Freidenker, der sich intuitionsgesteuert als Knecht GOTTes sieht – ein Identifikation, welche den meisten verbildeten, ein Kopf auf zwei Beinen darstellenden, ach so intelligenten Wortbrei plappernden, Akademikern fremd ist.

  36. Profile Pic
    Dr. Rafsanjani-Eggenberger

    Grosses Kino…die Schule Gerhard Van den Berghs hat ihre Spuren hinterlassen ;-) ..keep on!

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