Michael Ringier, Teil 1

Boulevard! Der Verleger Michael Ringier sorgt sich nicht um sein Ansehen. In Rumänien gilt er ohnehin als Doppelspion.

04.09.2007 von Res Strehle

Michael Ringier, es klingt wie ein schlechter journalistischer Trick, aber ich habe gestern von Ihnen geträumt.
Das kann nicht sein. Ich träume nicht einmal selber von mir.

Hab ich aber. Sie gingen an Krücken und hatten nur noch ein Bein.
Ein Albtraum. Sport ist für mich das Lebenselixier. An Krücken gehen zu müssen – das wäre für mich traumatisch.
Ich deutete den Traum eher geschäftlich: Kann es sein, dass es Ihrem Medienkonzern nicht sonderlich gut geht?
Im Gegenteil: Uns ging es noch nie so gut wie in den letzten Jahren. Die Sorge, die gewisse Leute um mich und unsere Firma haben, überrascht mich immer wieder.

Rund fünf Prozent Umsatzrendite reichen Ihnen?
In einer Familienfirma können Sie es sich leisten, die Rendite nach unten zu optimieren.

Schöner Begriff. Das werde ich unserem Verlag vorschlagen.
In einer börsenkotierten Firma würde ich das nicht empfehlen.

Könnte man auch sagen: Geld haben Sie genug, mehr brauchen Sie nicht?
Natürlich gäbe uns mehr Geld auch mehr Möglichkeiten. Aber in der Liga, in der wir spielen, konnten wir bis jetzt ganz gut mithalten, und in die ganz grosse Liga werden wir nie kommen. Wenn ich die Firma auspressen müsste, Druckereien schliessen, Sozialleistungen abbauen, Kunst verkaufen, dann hätte ich keine Lust mehr, jeden Tag hierherzukommen.

Tönt gut, aber Sie geben ja auch ein paar Boulevardzeitungen heraus. Einzelne greifen auch mal in die unteren Schubladen. Und scheinen damit wirtschaftlich erfolgreicher als der «Blick».
Das wird behauptet, ja. Aber die meisten, die das behaupten, können unsere osteuro-päischen Boulevardzeitungen nicht mal lesen. Die sind komplett unterschiedlich.

Aus Rumänien höre ich, dass sich Ihre Boulevardzeitung häufig aus der untersten Schublade bedient.
Da muss man berücksichtigen, auf welcher Entwicklungsstufe sich diese Gesellschaft befindet. Da sind Unterhaltung und solche Dinge wichtig. In Serbien hingegen gehört unsere Boulevardzeitung zu den politisch wichtigsten Zeitungen des Landes. Das ist schon kaum mehr Boulevard. Was angebliche Medienexperten über unsere Boulevardzeitungen behaupten, ist zum Teil dummes Geschwätz.

ärgert es Sie, dass alle wissen, wie man den «Blick» machen müsste, bloss Sie nicht?
Ach nein, das gehört dazu. Es geht mir nicht anders als Fussballtrainern. Da wissen auch alle besser, wie man es machen müsste. Der eine oder andere mag sogar recht haben, aber keiner kann es beweisen. Wir sind zuversichtlich, dass wir mit dem «Blick» wieder Erfolg haben werden.

Vielleicht, wenn das Blatt wieder mehr auf der ausländerfeindlichen Klaviatur spielen würde wie seinerzeit unter Chefredaktor Peter übersax? Aber nein, geht nicht, dann hätten Sie eine Ehekrise.
Das braucht keine Ehekrise. Ich war in meinem Leben nie ausländerfeindlich, also werde ich das auch in unseren Zeitungen nicht zulassen. Das wäre ausserdem in der Schweiz kein Erfolgsrezept. Wir hätten vielleicht ein paar Leser aus diesem Spektrum mehr, aber würden dafür andere verlieren. Und ob wir dann noch Anzeigen hätten, ist eine weitere Frage.

Sicher wäre, dass Ihr gesellschaftliches Ansehen leiden würde.
Ach, das war mir immer egal. Ich verlege sechs oder sieben Boulevardzeitungen. Wäre ich um mein Ansehen besorgt, müsste ich den Job wechseln. Kürzlich schrieb eine rumänische Zeitung, ich sei Doppelagent von CIA und Mossad.

Bild: Marc Wetli
Bild: Marc Wetli

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