Michael Ringier, Teil 3

Gratis! Verleger Michael Ringier ist ein grosszügiger Mensch. Bei Zeitungen jedoch sind ihm verkaufte lieber als verschenkte.

16.09.2007 von Res Strehle

Michael Ringier, morgen ist Bettag. Sind Sie religiös? Nein. Aber meine Vorfahren waren vertriebene Hugenotten, die vor dem Widerruf des Verdikts von Nantes im 16. Jahrhundert in Zofingen landeten, dort lebten und bis heute eine eigene Kapelle in der Kirche haben. Das gibt einem eine gewisse religiöse Verankerung. Aber selbst wenn mir keine Religion mitgegeben worden wäre, würde ich mich heute für den Protestantismus entscheiden – mir gefällt diese schlichte, nicht anmassende Religion. Den Papst kann ich schlicht nicht ernst nehmen, wenn er den Protestanten abspricht, eine Kirche zu sein.

Ihre Gattin beklagt sich, dass die reichen Zürcher Protestanten knausrig sind und zum Mäzenatentum nicht taugen. Da bin ich dann in dieser Beziehung eher katholisch. Mir wurde Grosszügigkeit auf den Weg gegeben. Zwingli und vor allem Calvin waren ja eigentlich religiöse Sektierer, ähnlich radikal wie die heutigen Islamisten.

Am nächsten Mittwoch wird mit «.ch» eine neue Gratiszeitung auf den Markt kommen – sogar ins Haus zugestellt. Freuen Sie sich darauf? Journalistisch kann man sich auf eine Gratiszeitung nicht freuen, auch wenn diese Leistungen oft durchaus akzeptabel sind. Wir verlegen mit «Heute» ja selber eine Gratiszeitung, und ich schätze deren Arbeit sehr. Aber Gratiszeitungen werden dieses Land inhaltlich nicht bewegen. In Prag, wo wir auch vertreten sind, gab es zeitweilig vier Gratiszeitungen. Wir kennen folglich diese Situation und wissen, wie sie endet.

Wie? Ein Titel wird irgendwann den Schirm zumachen und wird bis dann viel Geld verloren haben.

Wenn vor Ende Jahr noch eine weitere gemeinsame Gratiszeitung von Tamedia, Espace und «Basler Zeitung» kommt – werden Sie darauf reagieren? Klar, wir werden die Auflage von «Heute» erhöhen und überlegen uns, in weitere Städte zu gehen. Wir bewegen uns mit diesem Titel am Abend gewissermassen in einer kampffreien Zone. Aber irgendeiner wird sicher auf die Idee kommen, auch am Abend noch eine Gratiszeitung herauszugeben.

Die Leserzahl von «Heute» ist mit 230 000 nicht überwältigend hoch. Ein solcher Titel braucht Zeit. Ausserdem haben wir eine sehr gute Leserschaft, noch jünger als jene von «20 Minuten». Es ist eine Frage der Zeit, bis wir höhere Zahlen ausweisen können.

Lesen Sie «Heute» mit Leidenschaft? Ich weiss nicht, ob irgendjemand eine Gratiszeitung mit Leidenschaft liest. Aber ich freue mich, wenn ich abends um vier oder fünf noch eine Zeitung auf den Tisch bekomme. Ich bin ein fanatischer Leser. Wenn alle so viel lesen würden wie ich, hätten wir den fünffachen Umsatz.

Was lesen Sie mit Leidenschaft? Ich habe morgens immer dieselbe Reihenfolge: zuerst «Blick», dann «Tages-Anzeiger», NZZ und dann selektiv ausländische Zeitungen und jede Menge Zeitschriften. Regelmässig kann ich nicht alle lesen, sonst wäre der Tag vorbei.

Die Familie wird auch noch etwas Zeit brauchen, Sie haben zwei Töchter adoptiert. Ist es denkbar, dass eine von ihnen mal Ihre Nachfolge in der Firma antritt? Uff, keine Ahnung. Die sind jetzt vierzehn und sechzehn – lassen wir sie die nächsten zehn, fünfzehn Jahre in Ruhe erwachsen werden. Es wäre in meinem Alter ausserdem absolut vermessen, die Nachfolge zu planen. Das geschäftliche Umfeld ändert sich gegenwärtig so rasch, dass man jedes Jahr neu beurteilen muss, ob man noch richtig aufgestellt ist. Wenn ich heute meine Nachfolge in zehn Jahren plante, würde ich unserer Firma keinen Dienst tun.

Michael Ringier | Bild: Marc Wetli
Michael Ringier | Bild: Marc Wetli

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