24.07.2010 von Michèle Roten , 7 Kommentare
Es gibt immer wieder Augenblicke, wo ich an die Geborgenheit in beheizten Räumen denke, während draussen Schnee fällt, an den Kuss, der sich umso wärmer anfühlt, je kälter die Luft ist, an das klare Licht von Herbst und Winter, und dann denke ich, diese Jahreszeiten sind eigentlich auch ganz schön. Und dann wird es einmal mehr Sommer, und ich merke, dass das grosser Quatsch ist. Es gibt nur diese eine Jahreszeit. Die richtig ist. Die glücklich macht. Die alles gut macht.
Die Momente, in denen ich das verstehe, sind solche, an die ich mich erinnern werde, wenn mir dereinst jemand in irgendeinem mentalen Training sagen wird, ich solle mir ein Bild der reinen Seligkeit vergegenwärtigen. Es sind Momente, in denen die Hitze des Tages langsam abklingt, das Licht nicht mehr weiss gleisst, sondern gelb und sanft wird und die ersten Bierflaschen aneinanderklirren. In diesen Momenten ist viel Wasser, Fluss- oder Seewasser, und Badebekleidung. Die Haut ist trocken und sauber, oberflächlich kühl nach dem letzten Bad, der Schweiss und das Büro und die fettige Sonnencreme sind abgewaschen. Da sind nicht mehr: alle, die weg mussten, die Kinder heimbringen; abholen; zu einem wichtigen Abendtermin; eine Serie schauen. Es ist gut so. Da sind: Freunde, gern auch Bekannte, aber sogar Fremde sind einem nah in diesen Momenten. Der Sommer kann das.
Menschen sehen schön aus in diesem Licht. Es verfängt sich in den Haaren der Frauen, es gibt keine Frisuren mehr, nur noch Haare, was sie halt sind. Augenfarben verändern sich, vielleicht sieht man sie auch zum ersten Mal. Dieses Licht zeichnet die Kantigkeit der Männer weich. Das Gegenteil von dem passiert, was weibliche Journalistinnen aus Unzufriedenheit mit sich selber während dieser Zeit so verzweifelt postulieren — Schlankheit sei nun ein für alle Mal out, Rundungen und Weiblichkeit in: In diesen Momenten gibt es keine Diktate mehr, keine Evaluation, nur noch Körper, Männer und Frauen, was sie halt sind. Alle Wangen leicht gerötet, vielleicht wegen zu viel Sonne, wahrscheinlich wegen der Seligkeit. Verliebte haben rote Wangen. Vielleicht fühlt man sich selber verliebt, nur weil die anderen verliebt aussehen. Der Sommer kann das.
Es gibt nichts zu tun an solchen Frühabenden, als wie ein Kaltblüter dazuliegen und alles aufzusaugen, was man braucht. Die Zeit schmilzt. Nichts ist mehr wichtig, ausser genau dort zu sein. Man wird zurückversetzt in die Kindheit, in die schiere Freude am Sommer. Sommer hiess zwar vor allen Dingen grosse Ferien damals, denn Jahreszeiten sind Kindern egal. Aber er bedeutete schon damals genau dasselbe wie heute: der Ausblick auf zurechtgebogene Regeln, auf länger Aufbleiben, auf draussen sein mit Freunden, auf Quatsch machen, Spass haben. Sommer ist der Ausnahmezustand, der eigentlich Normalfall sein sollte. Wir legen uns auf den Boden, in allen anderen Jahreszeiten eine unvorstellbare Sache. Wir denken nicht mehr so sehr an die Zukunft, es geht nur noch um die endliche Unendlichkeit dieser Monate, im Hinterkopf die Erfahrung und Shakespeare: Denn kurz nur währt des Sommers Herrlichkeit. Wir werden wieder zu Menschen in dieser magischen Zeit. Nur der Sommer kann das.
Gelerntes “Bacardi feeling”. Mitnichten authentisch.
Pures Gewäsch.
Weil authentizität ja auch total objektiv ist, nicht wahr
Ich finds echt schön geschrieben! Trifft mein sommergefuehl auf den punkt.
[...] Roten schliesslich holt einen aus dem Todeskampf. Wie Recht doch Frau Weltall hat, wie Recht, WIE RECHT (auch wenn sie vielleicht auch Haaröl seicht, dass Petrus das Wetter am Veröffentlichungstag [...]
[...] Die magische Zeit [...]
Ja, der Sommer kann das! Die Wärme ist im Einklang mit dem Körper,…man ist drinnen und gleichzeitig draussen, gelassene Zufriedenheit lullt uns ein,…wir halte sie fest, möchten sie konservieren, doch diese Momente sind kurz und flüchtig, der Sommer ist kurz, aber er genügt, um die südländische Leichtigkeit zu begreifen, um uns auf den nächsten Sommer zu freuen! Für einige jedoch, so scheint mir, ists das ganze Jahr über Winter, brrr…, sie bringen vor lauter Klammheit nur ein paar gequälte Worte zu Papier!
Es gibt nur eine Zeit, in der alles klebt – die Kleider am Körper, der Hintern am Stuhl und letztlich sogar die leichte Berührung durch die Hand meiner Liebsten auf dem Unterarm. Und da wird halt auch die luftigste Kolumne leicht klebrig. Nur der Sommer kann das.
Für mich, der ich in mein früheres Leben wahrscheinlich als Eisbär oder Grottenolm gefristet habe, bleibt nur der Trost, dass auch dem längsten Sommer Grenzen gesetzt sind – höchste Zeit, dass es mal wieder schneit…