08.05.2010 von Thais In der Smitten
Frau Mikeler Knaack, Sie haben in über dreissig Jahren mehr als 1500 Geburten begleitet. Auch gestern holten Sie ein Kind auf die Welt. Hat es lange gedauert?
Ich bin heute erst um vier Uhr morgens ins Bett. Jetzt habe ich zwei Stunden geschlafen und fühle mich wieder fit.
Ist alles gut gelaufen?
Es war für die Mutter das zweite Kind. Das sind in der Regel die schnellsten und unkompliziertesten Geburten.
Beim dritten Kind wird es wieder schwieriger?
Oft ist das dritte Kind in unserer Kultur das letzte, und manchmal liegen auch mehrere Jahre zwischen dem zweiten und dem dritten. Das bedeutet, Abschied nehmen von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit. Diese Frauen tragen ihre Kinder öfters über den errechneten Termin hinaus.
Weil sie das Kind länger bei sich, im Bauch, behalten wollen?
Ja, manchmal unbewusst, manchmal sagen Frauen ganz offen: «Das Kind muss noch nicht kommen, ich habe Zeit.» Bei Müttern, die kurz nacheinander drei Kinder zur Welt bringen, ist es hingegen umgekehrt. Sie sehnen sich nach der Geburt, weil ihnen der Bauch zu viel wird, sie nicht mehr gut schlafen und die anderen zwei kleinen Kinder versorgen müssen.
Das Durchschnittsalter von Erstgebärenden liegt mittlerweile bei 31 Jahren. Wie unterscheidet sich eine 38-Jährige von einer 22-Jährigen im Geburtssaal?
Jüngere Frauen gehen oft gelassener an die Geburt heran und machen sich nicht so viele Gedanken über mögliche Komplikationen. Ältere Erstgebärende, die sehr geplant ein Kind wünschen, wollen oft alles hundert Prozent richtig machen, genau nach Babyratgeber und Internet.
Planen manche Business-Frauen ihre Familie so penibel wie ihre Karriere?
Einige. Es haben mich schon Frauen angerufen, die noch gar nicht schwanger waren und trotzdem den idealen Geburtstermin mit mir absprechen wollten.
Reisst Ihnen da nie die Geduld?
Nein. Die grösste Herausforderung bei meiner Arbeit ist ohnehin, empathisch zu sein. Die Frauen können bei einer Geburt nicht alles kontrollieren. Es ist eine meiner Aufgaben, sie in ihrem Selbstvertrauen zu stärken, damit sie loslassen können.
Was haben Sie eigentlich gegen den sogenannten Wunschkaiserschnitt? Frauen sollten frei wählen können.
Beim sogenannten Wunschkaiserschnitt greift man in den Prozess der Geburt ein. Man wählt bewusst ein Geburtsdatum, ohne dem Kind die Chance zu geben, dieses selbst zu bestimmen. Man geht heute davon aus, dass dies für die psychische Entwicklung Nachteile bringen könnte. Bei einer natürlichen Geburt setzen die Wehen in der Regel spontan ein. Hormone, die in der Nebenniere des ungeborenen Kindes gebildet werden, sind dafür verantwortlich. Kaiserschnittkinder sind häufig unruhiger, sogenannte Schreibabys, und leiden vermehrt unter Drei-Monats-Krämpfen. Zudem nimmt die Anzahl der Atemnotprobleme unmittelbar nach der Geburt bedenklich zu. Die Neugeborenen müssen auf der Neonatologie überwacht, von der Mutter getrennt werden. In meiner Praxis erlebe ich wenige Frauen, die ihre Geburt so planen wollen.
Kinderärzte würden Ihnen da heftig widersprechen. Die Ursachen, die zu Schreibabys führen, sind zu zahlreich, als dass man das Problem einfach auf eine Geburt per Kaiserschnitt reduzieren könnte. Damit wird doch nur den Müttern durch gesellschaftlichen Druck ein schlechtes Gewissen gemacht, sie hätten etwas verpasst.
Ich möchte kein wertendes Urteil abgeben. Ich bin aber der Überzeugung, dass Frauen den Wunsch haben, natürlich zu gebären. Und ich bin sicher, dass die Zahl der Wunschkaiserschnitte zurückgehen wird.
Die Hebamme Lucia Mikeler Knaack, 51, holt jede Woche ein bis zwei Kinder auf die Welt und ist stolz auf ihre tiefe Kaiserschnittrate von 15 Prozent. Sie arbeitet am Basler Bethesda-Spital und begleitet Hausgeburten. Lucia Mikeler Knaack hat zwei Kinder: Das eine kam natürlich, das andere per Kaiserschnitt. Ihr Geburtshelfer konnte sie nach zwanzig langen Stunden dazu überreden.

Fotografiert von Rita Palanikumar (13 Photo)