01.05.2009 von Barbara Klingbacher , 18 Kommentare
Man muss sich ihr Prominentsein vorstellen, als habe man als Teenager Fragebogen in Freundschaftsbüchern ausgefüllt, Hobbys, Berufswunsch, Lieblingsband, Lebensmotto, und dann wird man über Jahre behaftet auf das damals Geschriebene, da!, sagen die Journalisten, steht doch schwarz auf weiss, dass Sie später Anwältin werden, kein Glamourleben mehr führen wollen, oder hier, mindestens drei Kinder, und: Finden Sie Ihre Nase eigentlich immer noch «gruusig»?
Melanie Winiger sitzt im Büro der Filmproduktionsfirma ihrer Managerin, ein Hinterhofhaus in Zürich mit der Ausstrahlung einer Kreativwerkstatt, das WC liegt quer über dem Hof, am dazugehörigen Schlüssel baumelt eine erhängte Barbiepuppe. Nicht ihre Idee, aber harharhar, lacht Melanie Winiger, das passt doch irgendwie gut, kill Barbie, schliesslich hat sie nie diesem Ideal entsprochen, die Figur zu flachbrüstig, die Züge zu markant. Die Nase also. «Mich stört nur meine Nase» stand über dem allerersten Interview im Herbst 1996, über dem zweiten «Nur meine Nase gefällt mir nicht». Winigers Gesicht verzieht sich vor guter Laune in alle Richtungen. Man habe sie gleich nach der Wahl zur Miss Schweiz gefragt, ob sie irgendetwas an ihrem Körper störe, ihr sei erst gar nichts eingefallen, dann habe sie halt gesagt, ihre Nase sei «gruusig», und schwupps, stand das in allen Artikeln, dazu Fotos von ihr im Profil, mit Pfeilen Richtung Höcker, ein Schönheitschirurg erklärte, wie er das operieren könnte, und ein Psychiater führte in einer Folgestory aus, dass man sich mit einer nichtkonformen Nase durchaus auch asozial fühlen könne. Wenn seither ein Magazin etwas über Nasen macht, kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit voraussagen, dass Melanie Winiger um ein Statement angefragt wird.
Es ist ein Talent, das Melanie Winiger bereits als 17-Jährige mitbrachte, und es ist eine Erklärung für ihren medialen Erfolg: Journalisten lieben prägnante Aussagen, Schlüsselsätze genannt. Man erkennt sie schon während des Gesprächs, markiert sie doppelt, während man bei anderem nur aus Höflichkeit mitschreibt, auch wenn es dem Interviewten mindestens genauso wichtig wäre: «Mein Ziel ist, mich als Mensch und Schauspielerin weiterzuentwickeln» zum Beispiel wird in Gedanken gleich wieder gestrichen, «Nett sein ist die kleine Schwester von Arschloch» hingegen: ein klassischer Schlüsselsatz. Melanie Winiger produziert dauernd solche Sätze. Was sie mit diesem hier sagen will: Sie polarisiert, und das ist ihr ganz recht so. Man mag ihre Unverblümtheit oder man findet sie ordinär, weil sie gerne und oft huere oder shit sagt. Und sie relativiert nicht. Einmal, da war sie schon Mutter, löste ihre Aussage, sie habe manchmal die Schnauze voll von ihrem Sohn, einen Medienwirbel aus, grosses Bohei, andere Prominente wurden befragt, ob eine Mutter so etwas äussern dürfe, die Leser wurden aufgefordert, ihre Meinung abzugeben, aber Melanie Winiger schwächte die Aussage nicht ab. Wieso auch, sagt sie heute, schliesslich kennt doch jede Mutter dieses Gefühl, das darf man doch aussprechen, es ist doch die Wahrheit.
Dann fügt sie noch an, dass es ihr sowieso egal sei, was die Leute von ihr denken, aber das ist dann wieder ein Satz zum Streichen, natürlich stimmt er nicht, natürlich regt sie sich auf, zum Beispiel, wenn eine Schauspielkollegin in den Medien lästert, Melanie habe bei einem Filmdreh von morgens bis abends schlechte Stimmung verbreitet. Winiger ist einfach erfahren genug, sich nicht mehr zu rechtfertigen, trotz Anfrage kein Gegenstatement abzugeben, um die Story nicht hochzukochen. Aber egal? Wichtig ist ihr gewesen, dass sich nach dem Artikel im letzten Dezember Leute von der Crew bei ihr gemeldet haben und sagten: Ausgerechnet du und schlechte Stimmung, du warst es doch, die überall mitangepackt hat. Wenn diese Kollegen gesagt hätten, sie sei ein Miesmacher gewesen, das hätte wirklich wehgetan.
Sie war die jüngste Miss Schweiz aller Zeiten und ist heute die erfolgreichste. Die Schweizer Mediendatenbank findet 3306 Dokumente über Winiger, ihre Nachfolgerin Tanja Gutmann kommt gerade mal auf ein Drittel davon. Nach dreizehn Jahren prominent sein, hat sie die Regeln des Business begriffen: Es ist ein Geben und Nehmen. Wer mit Erfolgen in der Zeitung vorkommen will, darf sich nicht beklagen, wenn auch über Misserfolge geschrieben wird. Wenn man gar nichts sagt oder gibt, ist das Risiko gross, dass erfunden wird, wie bei ihrer Hochzeit mit dem Musiker Stress vor einem Jahr: keine Presse, nicht mal Fotos, die danach als Preis für die Ungestörtheit in die Redaktionen geliefert worden wären. Kein Wunder also war kurz darauf zu lesen, das Paar habe 300 000 Franken für die Exklusivbilder verlangt. («Bullshit», sagt Winiger zu der Geschichte, wären sie auf Geld ausgewesen, hätten sie bei einer der Anfragen für eine Heirats-Realitysoap im Stil von Gülcans Traumhochzeit zugesagt, «ich kann ja schliesslich rechnen».) Und noch eine Regel versucht sie zu befolgen: Man soll nicht alles lesen, was über einen geschrieben wird. Learning by doing — eine eigentliche Medienschulung gab es damals bei der Miss-Schweiz-Organisation nicht, nur ein paar Ratschläge: dass es unklug sei, sich über Politik oder Religion auszulassen etwa, dann liess man die Mädchen einfach mal plaudern.
Eine langweilige Frage, aber die Antwort ist gut: War das nicht schwierig, als 17-jährige Gymischülerin quasi über Nacht in die A-Liga der Cervelat-Prominenz aufzusteigen, von Interview zu Anlass zu Shooting gereicht zu werden? «Wenn du jetzt glaubst, ich ziehe hier über Miss Schweiz her, kannst du lange warten. Mitmachen und dann rumjammern, wäääh, ich musste ein Band an einer Einkaufszentrumseröffnung durchschneiden und wääh, alle schreiben immer noch Ex-Miss vor meinen Namen: Finde ich huere blöd. Es ist eines meiner schönsten Jahre gewesen. Ich bin in eher einfachen Verhältnissen aufgewachsen und dann dauernd in den besten Hotels, gratis Kleider und Schminkzeugs, vor allem aber, hey, ich wurde durch Miss Schweiz bekannt, und zwar nur dadurch.» Früh hat sie begriffen, dass der Titel eine Plattform ist, aber auch ein Korsett, aus dem man sich danach selber wieder befreien muss. Das gelingt nicht vielen.
Dreissig ist Melanie Winiger dieses Jahr geworden. Ihr Gesicht ist schöner und markanter denn je. Auf Fotos wirkt Winiger oft, als habe sie ein Geheimnis, aber dieser Eindruck verliert sich im Gespräch, ihre Mimik ist so ausgeprägt, dass man ihr sogar ansieht, wenn sie etwas verschweigt, das sie nicht über sich lesen möchte. Man könnte sagen, dass sie nun definitiv erwachsen ist, verheiratet, sie hat einen siebenjährigen Sohn, von dem es keinerlei Fotos gibt, weil sie findet, er müsse dereinst selber entscheiden, ob er eine private oder eine öffentliche Person sein wolle. Das Wort prominent mag sie nicht, weil es klingt, als sei sie etwas Besseres, dabei sei sie halt einfach bekannt, von Interesse, unter Beobachtung. Seit dreizehn Jahren. Einerseits hat sie sich mit der Zeit daran gewöhnt. Andererseits sei es früher easier gewesen, öffentlich zu sein, heute muss sie sich manchmal zusammennehmen, etwa wenn sie in einem Restaurant gerne ein bisschen mit ihrem Gatten streiten würde, aber seit alle Leute Handys haben, ist blitzschnell ein Foto gemacht, oder jemand ruft auf einer Redaktion an und sagt, also die Melanie und der Stress, die zoffen hier gerade grauenhaft, und schon steht es in den Zeitungen. Dass sie ausgerechnet einen Mann geheiratet hat, der ebenfalls unter Dauerbeobachtung steht, macht es natürlich nicht leichter, nur schon die Wortspiele, die den Journalisten dazu einfallen, «Stress — Melanie hat einen Neuen!» oder «Stress mit Stress». Und dauernd dieses hollywoodmässige «Strelanie», hellooo, sagt sie und verdreht die Augen, eigentlich wundere sie sich doch, dass noch niemand auf die Abkürzung gekommen ist, die ihre Beziehung viel besser auf den Punkt bringen würde: «Mess».
Dass Melanie Winiger während eines Interviews oft ihr kehliges Lachen lacht, heisst nicht, dass sie nur über gute Zeiten reden möchte. Obwohl sie als erste Tessiner Miss Schweiz gefeiert wurde, galt sie im Tessin selbst als Deutschschweizerin. Sechsjährig, sass sie mit ihren Eltern im Auto, der Hausrat im Kofferraum verstaut, die Familie wanderte von Zürich-Seebach nach Losone aus, und Melanie, ein Einzelkind, musste ihre beste Freundin zurücklassen. Wenn ich achtzehn bin, drohte sie unter Tränen, ziehe ich sofort nach Zürich zurück (sie war ein Jahr älter, als sie diese Drohung wahr machte, wenn auch aus anderen Gründen). Kaum angekommen, steckten ihre Eltern sie in ein dreiwöchiges Ferienlager, keine Besuche, keine Telefonate, und als sie nach Losone zurückkehrte, sprach sie Italienisch. Eine schöne Kindheit, sagt sie, überschüttet mit Liebe von den Eltern, umgeben von vielen Kindern, alles ganz wunderbar, aber trotzdem dieses Bild: Melanie als Kind, schmal, schwarzhaarig, der Teint selbst fürs Tessin etwas zu dunkel, zieht ihre Bahnen auf dem Eisfeld, sie fährt ein Oval, vermeidet eine Seite, denn dort steht ein rothaariges Mädchen mit Klassenkameraden, und sie rufen im Chor, «marocchina di merda, torna a casa — Geh nach Hause, Scheissmarokkanerin». Später wird Melanie ihrem Vater davon erzählen, nicht der Mutter, es würde sie als Halbinderin viel stärker treffen, dass ihre Tochter nun erlebt, was sie selber aus Zürich kennt. Der Vater wird Melanie auf den Schoss nehmen, sie wird ein bisschen weinen, dann ist wieder gut.
Noch ein Bild: Melanie, achtzehn inzwischen, hat gerade das Krönchen an ihre Nachfolgerin Tanja Gutmann weitergereicht («Drei Tage habe ich nur geheult, ich wollte diese Krone ums Verrecken nicht weggeben»), aber nun kehrt sie zurück ans Gymnasium, sie hat es ihrem Vater versprochen, er bestand darauf, noch bevor er ihr zur Wahl gratulierte. Der Schulhof des Liceo di Locarno liegt vor ihr, und sie muss ihn überqueren, ihr ist schlecht, sie hat viele ihrer Freunde verloren in diesem Jahr, sicher sechzig Prozent, sagt sie. «Die sieht doch gar nicht gut aus», wurde gelästert, «sie ist eingebildet geworden» und: «Winiger, so heisst doch keine Tessinerin.» Der Hof also ist riesig, man beobachtet sie und tuschelt, und am Abend wird ihr gelbes Peugeot Cabrio, ihr Miss-Schweiz-Gewinn, zerkratzt sein. Ausgerechnet dieses Auto, das der Grund gewesen war, weshalb sie sich überhaupt angemeldet hatte zur Wahl. «Ich meine, hey: ein Auto! Ich wusste genau, dass meine Eltern mir niemals eines würden kaufen können und ich mir selbst erst recht nicht.» Man könnte hier Koketterie vermuten, aber nein, Melanie Winiger hatte tatsächlich keine Ahnung, auf was genau sie sich da einliess, denn im Tessin verfolgte man damals nicht, wie so gut wie immer eine Deutschschweizerin das Krönchen bekommt, man fieberte bei Miss Italia mit. Als die Jury sie im Vorgespräch fragte, wie sie sich das vorstelle, die Verpflichtungen einer Miss Schweiz und die Schule, antwortete sie: «Kein Problem, ich habe ja am Mittwochnachmittag frei.»
Die Rückkehr ans Liceo nennt sie heute kurz «huere brutal», vor allem, weil ausgerechnet Freundinnen schlecht über sie redeten, die sich mit ihr zusammen für die Wahl beworben hatten, wohl aus Neid, weil sie die Einzige war, die es ins Finale geschafft hatte. Dann lacht sie die Erinnerungen weg. Nach etwa einem Monat hätten ihre Schulkollegen realisiert, dass sie sich überhaupt nicht verändert habe, sie hat verziehen, allen, keine Frage. «Ich bin eben ein Tubel», sagt sie, «ich verzeihe zu oft und zu schnell, aber sobald man sich bei mir entschuldigt, kann ich fast nicht anders.»
Vielleicht ist dies der Moment, um den Eltern das Wort zu geben, nur schon, weil Melanie Winiger erwähnt hat, man müsse die beiden unbedingt nach der schlimmsten Zeit fragen, ihrer, Originalton, «Döfel-Phase». Carol Winiger, die aussieht, wie man sich die Mutter von Melanie vorstellt, dieselben Augen, derselbe Teint, nur die schwarzen Haare grau gesträhnt, kann sich genau erinnern. An dieses Jahr, in dem alles zusammenkam, Melanie die Schule in Locarno verliess, ein Jahr vor der Matur und unfreiwillig, weil die Lehrer beschlossen hatten, sie müsse repetieren. Gleichzeitig trennten sich die Eltern, die 19-jährige Melanie zog überstürzt nach Zürich, sie befürchtete, entscheiden zu müssen, bei wem sie nach der Trennung wohnen wolle. Und dann, eine schwierige Zeit für alle Missen, war sie ja nur noch Ex-Miss, ein bisschen moderieren da, ein bisschen modeln dort, ein paar Fernsehprojekte, die im Sand verlaufen, und man spürt zum ersten Mal, dass das nicht ausreicht für ein ganzes Leben. «Wir haben uns nur gestritten», sagt also die Mutter im gleichen Sprechtempo, aber mit kanadischem Akzent, «furchtbar, ich rief sie aus dem Tessin an, sie sagte, ich kann jetzt nicht, ich ruf dich zurück, ich wartete, sie vergass es. Nur noch Party im Kopf, sie wirkte so oberflächlich, das war sie vorher nie, nicht in der Pubertät, nicht während des Miss-Jahrs, aber dann plötzlich richtig schlimm.»
Melanie Winiger sagt, sie habe voll das Klischee gelebt damals, irgendwann fange man halt an zu glauben, was alle so den ganzen Tag daherschmeicheln, dass man die schönste, beste, witzigste, gescheiteste, tollste Miss Schweiz aller Zeiten sei, und benehme sich genauso, selbst wenn man sich gerade ziemlich unglücklich und ziellos fühlt: «Horror. Wenn ich zurückkönnte, würd ich hingehen und mir eine Ohrfeige verpassen.» Beim Vater entschuldigte sie sich im Nachhinein, weil sie sich ein Jahr lang so idiotisch aufgeführt hat, es sei das erste Mal gewesen, dass sie ihn mit Tränen gesehen habe. Er schaut dann etwas verwundert, ehrlich, Tränen? sagt er, nun, wenn sie das erzählt, wird es schon stimmen, aber er habe das ausgeblendet, ein wenig pubertär sei sie gewesen, damals, aber: Das gehört halt zum Erwachsenwerden. Sowieso erinnere er sich vor allem an das Gute, an seine Überraschung, dass die Jury in diesem dünnen, dunklen, unschweizerischen Teenager, diesem Anti-Heidi, das Potenzial zu einer Miss Schweiz gesehen habe und daran, wie sie danach tatsächlich an die Schule zurückgegangen sei, wie versprochen, ohne Diskussionen. Nur etwas wirklich Negatives ist ihm geblieben: dass die Lehrer am Liceo seine Tochter durchfallen liessen. Wie kann man einer jungen Frau die Zukunft verbauen wollen? Sie war zwar als Kind manchmal eine faule Nuss und brauchte einen Tschuut in den Arsch, aber sie ist intelligent, sie wollte Anwältin werden, der ganze Ärger ging erst nach ihrem Titel los, vielleicht, weil sie in diesem einen Jahr mehr verdient hat als jeder Lehrer an der Schule, sagt er, so etwas ist doch einfach jämmerlich. Man muss hier erwähnen, dass Philipp Winiger, der eine unübersehbare Ähnlichkeit mit Peter O’Toole hat, der ruhige, besonnene Part der Familie ist.
In Wirklichkeit, hat ein Schauspiellehrer an der Lee-Strasberg-Schule in Los Angeles einmal gesagt, sei sie doch scheu und introvertiert. Nun sind das nicht die ersten Begriffe, die einem zu Melanie Winiger einfallen. Die Mutter sagt, das treffe es exakt, ihre Tochter habe eine extrem sensible Seite, die sie verberge, und ausserdem sei sie bei Menschen, die sie mag, loyal bis zur Blindheit. Der Vater fragt, introvertiert, scheu, wer behauptet denn das? Er würde Melanie eher als lebhaft und extrovertiert beschreiben, aber was sie wirklich ausmache, sei, der Ausdruck funktioniert nur in Englisch, «she cares». Leute, die sie umgeben und Dinge, die sie tut, seien ihr wichtig, manchmal zu wichtig. Sie lasse alles so nahe an sich heran, und wenn es ihr dann zu viel werde, könne sie harsch reagieren. Melanie Winiger selbst sagt, es habe sie nicht verstört, dass dieser Lehrer diese andere Seite erkannt habe, sondern, wie schnell er es erkannt habe, denn natürlich spiele sie oft den Clown, die Starke, Schlagfertige, aber bis heute macht es ihr Mühe, alleine an ein Fest zu gehen, alleine einen Raum zu durchqueren.
Das Schauspielern also, ihre Leidenschaft, ihre Zukunft: Dazu gibt es viel zu erzählen, aber es klingt stets wie aus einem Werbeprospekt für Method Acting: die Gefühle aus sich selber schöpfen statt darzustellen et cetera. Melanie Winiger sagt, Schauspielen sei ganz einfach das Einzige, wofür sie am Morgen gerne früh aufsteht. Bis jetzt hat sie meist Rollen bekommen, die sie mit sich selbst füllen konnte, eben dieses Lustige, Trotzige, Schlagfertige. Die Kritiken schwankten von bescheiden bis begeistert, sie polarisiert auch da, zum Beispiel bei ihrer letzten Arbeit, dem Kurzfilm «Brandstifter»: «Melanie Winiger verhaut noch die wenigen Szenen, in denen sie zu sehen ist» (im «züritipp», dem Ausgehmagazin des «Tages-Anzeigers»), «Melanie Winiger füllt ihre Nebenrolle gut aus» (im «Tages-Anzeiger»). Als Nächstes, sagt sie, würde sie gerne etwas spielen, das nichts mit ihr selbst zu tun hat, um endlich anzuwenden, was sie gelernt hat in den Schauspielkursen, eine dumme Tussi zum Beispiel oder ein Huscheli, also eine wirkliche Herausforderung für eine Melanie Winiger.
Noch ist kein solches Projekt in Sicht, momentan sieht man sie in einem Fernsehspot für Sanitäranlagen. Die Medien mokierten sich ein bisschen, bis nach Deutschland hat es die Geschichte geschafft, Schlagzeile: «Die schönste Klofrau der Welt». Unglaublich, dass man sich darüber aufregen könne, sagt Winiger, hey, erstens ist das ein Job wie jeder andere, zweitens ist der Spot superästhetisch gemacht, ich sitze ja nicht mit heruntergelassenen Hosen auf dem WC oder so, und drittens sei ein WC die natürlichste Sache der Welt, jeder brauche es und, Achtung, ein Schüssel-Schlüsselsatz: «Diejenigen, die sich darüber aufregen, wären vielleicht weniger verspannt, wenn sie es täglich benutzen könnten.»
Aber, wie gesagt, man soll eben gar nicht alles über sich selber lesen. Dass Melanie Winiger bei einem Publikums-Rating zur Beliebtheit von Schweizer Prominenten nur noch von Roger Federer und Didier Cuche geschlagen wurde, hat sie gar nicht gesehen. Jemand hat es am Telefon erwähnt, es hat sie gefreut, natürlich, aber trotzdem: Wer weniger liest, muss sich weniger aufregen. Jedenfalls im Moment. Denn alle diese Sätze werden bleiben. Melanies Mutter schneidet seit dreizehn Jahren jeden Text aus, der über die Tochter erscheint, auch die zugespitzten, auch die unwahren, auch die hämischen. Für später, irgendwann. Sechs Ordner sind es inzwischen — und Fortsetzung folgt, garantiert.

Bild Michel Comte

Bild Michel Comte
Wieviele dieser belanglosen People-Portraits müssen wir eigentlich noch lesen? Wäre es möglich, dass sich Journalisten wieder einmal um richtigen Journalismus kümmern würden statt um die Massenproduktion von personenbezogenen Style- und Glamourartikeli, die man bequem mit etwas Googeln und einem Telefoninterview im Büro schreiben kann? Oberflächliche Hype-Artikel gibt es in den Gratiszeitungen schon im Überfluss.
Mangelware sind hingegen die gehaltvollen Hintergrundberichte, für die man harte und aufwendige Feldarbeit verrichten muss und die sich weniger an Personen als an der Erfassung von Zusammenhängen orientieren. Was geschieht in Regionen dieser Welt, die sich zurzeit NICHT im internationalen Medienfokus befinden?
Bitte nicht noch mehr Artikel über Obama oder dessen Hund, die Kleidung seiner Frau, die Befindlichkeiten der Banker, das nächste iPhone, die Frisur von Michéline Calmy-Rey oder die Grimassen von Steinbrück, einen der Schweizer Jungstars oder Altpromis veröffentlichen.
Aber zum Beispiel: Wie sieht das Leben in Asien heute fernab der grossen Boomtowns aus? Weshalb gibt es in der Golfregion keine Autoindustrie? Gibt es eine? Welches und wo sind die grossen Güterströme heute? Welche Fortschritte gibt es in der Entwicklung von Schiffsantrieben? Wie lange werden wir noch Fleisch und Fisch essen? Welche Wirtschaftszweige blühen auf oder darben in welchen afrikanischen Ländern? Gibt es eine Wirtschaftskrise im Drogenhandel? Wie wirkt sie sich aus? Wie lebt man in den von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Gebieten heute? Wie steht es mit der Demokratie in der EU? Wer sind die Profiteure in supranationalen Gebilden, wer die Verlierer?
Werter Herr Zürcher,
Ich teile Ihre Meinung vollumfänglich – solche Berichte gehören in die “Glückspost” und nicht hierhin. Zur Ehrenrettung muss man aber anfügen, dass es bisher Ausnahmen blieben.
Problematisch an Ihren und meinen Ansprüchen ist sicher, dass es das nicht gratis gibt. Gut recherchierte Berichte erfordern ein grosses Portemonnaie und einen langen Atem. Ich bezweifle, dass die Magazin-Redaktion unendliche Geldquellen für andauernd hohe Qualität hat. Da ist es schon einfacher, extrovertierte Möchtegern-Promis zu porträtieren oder seine Konsumsucht (Max Küng zum 5832. Male) für gutes Zeilengeld zu zelebrieren.
Abgesehen von einigen Tiefpunkten ist aber das Magazin immer noch eine interessante Lektüre fürs Wochenende.
@ Finn Canonica: Weiter so, die Mischung ist mehrheitlich gelungen!
Bin nicht einverstanden, ich höre oft “Echo der Zeit” auf DRS 1 und da kriege ich immer gute Hintergrundberichte. Wie kriegt es denn das Radio hin, dass nicht nur seichte Berichte gesendet werden. Da ist kaum viel mehr Geld vorhanden.
Habe kurz im Netz gesurft und unter
http://www.drs.ch/www/de/drs/ueber-uns/unternehmen/zahlen.html
die Kennzahlen für unseren Staatsender (ich höre hauptsächlich DRS wegen des ausgezeichneten “Echos” – sonst höre ich Deutschlandfunk und meide Privatsender) gefunden.
Ich kenne die Zahlen nicht für das Magazin, aber ich glaube nicht, dass Herr Canonica 160 Mio für sein Magazin zur Verfügung hat. Dass er da gelegentlich die Seiten mit Glückspost-Beiträgen, Rankings und Fotostrecken füllen muss, ist naheliegend.
Wie geschrieben: Für ein bescheidenes Budget lässt sich das Resultat sehen…
Der Tagi wäre schön dumm, wenn er die Ratschläge da befolgen würde. Die Wirtschaftzweige in Hinterafrika interessieren kein As und alles andere auch nicht, was dort unten blüht und darbt. Anderseits sind die reinen Promireportagen auch nicht gerade das Gelbe. Die Lösung heisst natürlich Interaktivität, das beweist ja zBp. die Weisse Massai. Der Tagi müsste so eine Promifrau oder einen gefallenen Banker in ein afrikanisches Dorf schicken und schauen wie sie mit den Ureinwohnern zuschlag kommen. Das würde Kultur- und Wissenschaft- und Gesellschaftinteressen befriedigen und kostet sicher nicht alle Welt.
Ja, da muss ich Ihnen recht geben Herr Reichmuth, soviel Geld hat kaum ein Magazin zur Verfügung.
Ich lese jetzt den Tagi seit Jahren und der Samstag ohne Tagi-Magi ist nur ein halber Samstag. Mit fällt nur auf, dass vorallem der Online Tagi ein bisschen abgegeben hat. Aber wenn ich sehe, dass der Artikel über Berlusconis Frau, die sich scheiden lassen will, 6 Kommentare auslöst, dann ist es wohl auch das, was der Kunde will.
Also nichts desto trotz, ich geniesse das Magazin und wenn es mal einen Artikel drin hat, der mich persönlich nicht interessiert, dann sind dafür wieder zwei andere Artikel dabei die spannend sind.
ein weiterer meilenstein in der vertrashung des magazins. ein jammer.
Also ich finde diesen Artikel interessant. Ich wusste vorher nichts über Melanie Winiger, ausser dass sie nur wenig älter ist als ich und die schönste Miss Schweiz aller Zeiten ist. Ich lese halt eben nie die Glückspost, Schweizer Illustrierte, Annabelle und so Zeug. Ich finde auch die Artikel ganz interessant in der Rubrik “ein Tag im Leben” auf der letzten Seite. Dort liest man über Leute, die nicht berühmt sind und doch etwas zu erzählen haben. Von mir aus darf das Magazin gerne weiterhin über Menschen berichten. Ich kann das Gejammer hier nicht nachvollziehen.
GEJAMMER habe ich gerade noch gehört. Da gibt man sich Mühe, dem Tagi mit gutem Rat zu helfen und da sagt einer dem GEJAMMER und meint er müsse erzählen, was er alles nicht liest. Dabei hat doch gar niemand behauptet, das der etwas liest und das wäre auch niemand eingefallen, wenn der doch nicht einmal die Kommentare liest, über die er ausruft.
Zuerst mal kurz vorweg!
Der Artikel ist nicht schlecht geschrieben…wahrscheinlich besser als es 3/4 Unsereiner könnte.
Was jedoch wirklich zu bemängeln ist, dass diese Promi-Beiträge des öfteren erscheinen und genug in 20Minuten und Co. gelesen werden können, auch wenn nicht in dieser Form.
Personenartikel wie “Ein Tag im Leben” müssen erhalten bleiben, da sie genau den Lauf der Dinge, das Leben von Uns zeigen (Elijah etc. mal ausgeschlossen, auch wenn diese nur in gewissen Musik- oder anderen Szenen bekannt sind).
Was mich allerdings stört, ist ein Vorschlag, Banker nach Afrika zu schicken und deren Leben mit den Eigeborenen zu zeigen. Vielen Dank, für solchen Mist hab ich MTV oder Germanys Next Top Model wenn ich mir Reality Shows ansehn will.
Wenn ihr zur Verblödung der Menschheit beitragen wollt, helft nur weiter dass solche Sendungen existieren.
Ansonsten merkt auch das Magazin die Krise wies scheint, in redaktioneller Hinsicht….aber wie in einem anderen Artikel: Jede Krise ist gleichzeitig eine Chance! Why not? Ansonsten, go forward und haut immer kräftig in die Tasten.
ob und wie das magazin artikel veröffentlichen soll, sei jetzt einmal dahingestellt.
und an die leser, die sich ‘ach so intellektuell’ geben: warum lest ihr dann überhaupt diesen trash und macht euch auch noch die mühe diesen zu kommentieren
?!?
back to the topics!
bevor ich den artikel überhaupt gelesen hatte war ich bereits der innerlich vorgefassten meinung, einen aber so was von saftig negativen kommentar über unsere ex-miss-ordinaria zu verfassen … und werde eines besseren belehrt resp. realisiere einmal mehr, wie leicht wir uns doch von den nach schlagzeilen gierenden medien manipulieren lassen.
melanie ist nicht nur äusserlich sondern auch mental einfach nur ‘uhuärä’ authentisch und somit ‘cheibe’ sympathisch. und die jugensünden – hey, die begehen wir doch alle! – seien ihr hiermit verziehen: ab sofort betrachte ich sie mit anderen augen!
gerade weil sie so naiv, entwaffnend ehrlich daherkommt, so redet wie ihr der schnabel gewachsen ist und sich in diesen 13 jahren nicht hat verbiegen lassen – ‘who the fuck cares’ anderer leute meinung? – führt sie so manch sozial höher gestellten und scheinbar besser gebildeten mitbürger vor.
auch ein lob an barbara klingbacher – dass sie ein an sich oberflächliches regenbogen-presse-thema verfasst sei auch ihr hiermit verziehen – die, mit viel einfühlungsvermögen, ‘unsere’ winiger begriffen und ihr wesen auf den punkt gebracht hat.
Wenn einer sich einbildet, dass 1/4 seiner Kollegen besser schreiben als die vom Tagi, dann kann er sich natürlich auch einbilden, dass MTV gefallene Banker in Interaktivität mit Ureinwohner im Busch bringt. Dann sollte er aber auch sagen, warum diese Kollegen ihr Talent nicht zeigen. Beim Blick am Abend kann das ja jeder versuchen, aber diese Hirschen haben wahrscheinlich Angst, schon beim erstenmal hochkant abgewählt zu werden. Wahrscheinlich hat der auch nicht mehr als 2 Kollegen und da ist 1/4 davon sowieso nicht viel.
Und dann muss ich scheints noch die Frage beantworten, warum ich so Artikel lese. Also ich lese die zum wissen, was die Leute gelesen haben, die meinen man muss sagen, warum man etwas liest. Und dann sehe ich immer, dass so Leute selber die Artikel nicht gelesen haben und die Kommentare dazu schon gar nicht, sondern nur das meinen was sie schon vorher gemeint haben und das im Quadrat, wenn sie noch sagen, sie sind besser belehrt worden. Ganz speziell dann.
Otto, mach mal ‘nen Punkt. Gäähn!
Salü Herr Bugmann,
Als freiwilliger Leser des Magazines sollten Sie anderen nicht vorschreiben , was sie zu interessieren hat. Hintergründe zu Wirtschaftszweigen aus “Hinterafrika” sind für mich allemal spannender als ein Jungelcamp mit ehemaligen Bankmanagern. Vor allem da dies wohl dem übelsten Boulevard entspricht, welcher tagtäglich über die Glotze flimmert.
Da Sie zudem die Klatschpresse lesen, damit Sie mit denen mitreden können, die diese auch konsumieren ist nicht wirklich ein Argument, sondern einfach nur ein Eingeständniss. Und was für eines!
Ich will Sie nicht anpöbeln, aber ich frage mich, weshalb Sie dann das Magazin lesen. Der Beitrag ist halt Geschmackssache, und nicht jeder, da gebe ich Ihnen Recht, kann sich mit der Thematik über eine Ex-Miss anfreunden.
Ein auf Sie zugeschnittenes Buch (Feuchtgebiete? Da hat auch die ganze Klatschpresse drüber berichtet) würde womöglich Ihren Vorstellungen eher entsprechen. Viel Spass!
Da habe ich dann aber Glück gehabt, dass niemand mich anpöbeln will. Wenn ich mir vorstelle, dass hier ein paar wären die mich doch anpöbeln wollten, also mir grauts direkt. Aber das ist halt der Vorteil, dass es in dem Forum nur Leute gibt die gut lesen können und zivilisiert schreiben.
Ich lese DAS MAGAZIN immmer, wenn ich in der Schweiz bin und kann Ihnen nur gratulieren, das ist doch eine tolle Zeitschrift! Die kleine Schwester des SZ-Magazin sozusagen. Der Artikel mit der mir zuvor unbekannten Melanie Wininger ist doch sehr interessant. Zum einen erfährt man zu Beginn etwas zum Handwerk des Interviewers und zum anderen vermittelt es mir als Nicht-Schweizer ein gutes Bild des popkulturellen Geschehens. Und nebenbei habe ich so noch erfahren, wer Didier Cuche ist.
Ja genau das sag ich immer. Man lernt, wer der Didier Cuche ist und wer weiss, wer der Didier Cuche ist und wer meint er weiss, wer der Didier Cuche ist und wer nicht weiss.