07.11.2008 von Sven Behrisch , 8 Kommentare
Wie er den Betrieb jetzt nur ganz schnell loswird, überlegt er auf der Autobahn. Wie er die Ernte zu einem guten Preis verhökert, einen Käufer findet und das Geld über die Grenze bringt. Wie er nicht mehr wöchentlich zu Gerichtsterminen nach Kiew wird fahren müssen, die Richter schmieren, weil er keine Wahl hat, und die Polizei auf der Autobahn, weil er zu schnell ist. Wie er die korrupten Beamten zurücklässt, den Konkurrenten, der ihn verprügeln liess, die betrunkenen Mitarbeiter und den Dieselgeruch aus dem Wasserhahn. Wie er, Moritz Stamm, in die Schweiz zurückkehrt. Der Terror ein Ende nimmt. Ruhe einkehrt. Frieden.
Ganz still ist es im Auto, auch der 200-Kilo-Anwalt auf dem Beifahrersitz hat zu reden aufgehört. Doch sein «Njet» klingt nach. Ruhig hält Stamm seine hellen Augen geradeaus gerichtet, entspannt liegt seine Hand auf dem Lenker, aber hinter seiner hohen Stirn wütet ein Kampf. Aufgeben oder weitermachen. Links und rechts der Autobahn gleiten die Felder vorbei, die ihn vor vier Jahren hierher gezogen haben in die Zentralukraine zwischen Kiew und der Krim. Dunkel sind die Äcker und endlos weit. Schwarzerde, sie hat dem Land ihren Namen gegeben: Kornkammer Europas. Herr über 1500 Hektar davon ist Stamm, mehr als die Gemeinde Thayngen, wo er geboren ist, fast dreimal so viel wie der grösste Betrieb in der Schweiz, Herr über 25 Angestellte, über drei Mähdrescher, drei Hunde und 140 Schafe. Herr?
Stamm ist 28. Weil der Hof in der Heimat seinen Bruder und ihn nicht ernähren konnte, musste er sich etwas anderes suchen. Ein Freund erzählte ihm von der Ukraine. «Ich bin da rübergebrettert, in meinem Golf II», und er verliebte sich in die Erde. Drei Monate später kehrt er zurück. Einem benachbarten Landwirt berichtet er von der Ackererde, als die Tür aufgeht und er sich ein zweites Mal verliebt, diesmal in Clara, eine Deutsche.
Anfang letzten Jahres, als er den Betrieb in dem Dorf Bagwa übernahm, wollte er selbst bestimmen. Nicht mehr Angestellter sein wie auf dem Hof zuvor, nicht mehr sich rechtfertigen müssen «wegen der Brennnesseln vor dem Kuhstall». Die Getreidepreise explodierten, der Boden war günstig, sein Ukrainisch fliessend. Die Leute mögen ihn. Seine Freundin Clara zog zu ihm. Mitarbeiter, die Diesel und Werkzeuge klauen, konnten ihn nicht schrecken. Sie sind arm. Eine Bürokratie, die das Land in der Korruptionsstatistik von Transparency International den vorletzten Platz in Europa beschert, auch nicht. Stamm ist Landwirt und kein Steuerprüfer. «Und die Erde ist die beste der Welt.»
Womit Stamm aber nicht gerechnet hatte, waren sein Konkurrent Petro Jewitsch und die drei Mitglieder eines Kiewer Kickbox-Klubs, die am 7. August um 14 Uhr vor seiner Werkhalle standen. Jewitsch warnte ihn, er solle verschwinden, dann warfen ihn die anderen zu Boden, brachen ihm einen Wirbel, zerquetschten eine Niere und prellten die Rippen. «Nur ins Gesicht haben sie nicht getreten, damit man nichts sieht. Alte KGB-Methode.» Wegen der inneren Verletzungen und des Wirbelbruchs trägt er ein massives Korsett unter der Kleidung. «Das nächste Mal müssen sie stärker zuschlagen», sagt Stamm mit einem Lächeln, das all seine Erzählungen über die Ukraine begleitet. Betroffenheit und Belustigung liegen darin, als sähe er einen derben Bauernschwank. Eigentlich witzig, wäre er nicht selbst der Dumme.
Die Taktik seines Gegners lautet Zermürbung, Prozess um Prozess hängt er ihm an. An sich unproblematisch, wenn man unschuldig ist, nicht aber in der Ukraine. «Wenn du einen Prozess gewinnen willst, gibst du die Hälfte des Verhandlungswerts dem Richter. Legt der Gegner nach, musst du auch wieder was drauflegen.» Die Anklage wird zum Druckmittel: Verliert man, zahlt man, gewinnt man, zahlt man auch. Einen regierungsnahen Wirtschaftsverband in Kiew stört das nicht weiter; ausländische Investoren müssten zur Kenntnis nehmen, dass wie in jedem Staat auch in der Ukraine «landesspezifische Umstände» herrschten. Dass sein Kontrahent früher Bezirkschef war und dadurch gute Kontakte pflegt, ist ein weiterer, ein bezirksspezifischer Umstand, den Stamm zur Kenntnis nehmen muss.
«Niet Kompromiss»
Moritz Stamm ist ein seelenruhiger, ein freundlicher, ein redseliger Mensch. Er ist jemand, der gerne Ja sagt, einen Wunsch erfüllt. Bittet ihn ein Mitarbeiter um einen Gefallen, beugt er seinen Oberkörper vor, hebt die Augenbrauen, sagt «jawoll, ja, gerne» und nickt dabei. Er hat viel Nein gehört in der Ukraine, dem muss er etwas entgegensetzen. «Wenn man hier irgendetwas will, heisst es immer erst: ‹geht nicht›.» Viel war die Rede davon, wie mühsam der Weg der vom Kommunismus befreiten Russen und Ukrainer in den offenen Markt verläuft. Nicht weniger mühsam ist der Weg für Stamm, nur in die andere Richtung. Vom Alpenmilch-gebremsten Marktliberalismus der Schweiz in die sozialistisch gedüngte Schwarzerde des Ellbogen- und Prügelkapitalismus.
Es hätte ein guter Tag werden können. Mit seinem Gegenspieler, einem ukrainischen Düngehändler, der ihn mit allen Mitteln von seinem Land verjagen will, hat er in wochenlangen Verhandlungen einen Kompromiss abgemacht. Bei dem Gerichtstermin heute geht es um die Einstellung eines der vielen Verfahren, darunter auch Stamms Anklage wegen Körperverletzung. Stimmt das Gericht zu, ist der Weg zum Frieden frei. Der Dicke hatte vor der Abfahrt getrödelt, sie sind jetzt spät dran, in einer Stunde beginnt die Verhandlung. Noch sechzig Kilometer sind es bis Kiew, drei Millionen Einwohner, auf der Stadtautobahn wird gebaut.
Auf dem Weg eröffnet ihm sein Anwalt, während er erfolglos versucht, den Gurt um seinen Bauch zu bekommen, dass der Konkurrent den Kompromiss nicht unterzeichnet hat. «Njet Kompromiss», wiederholt er und schüttelt den Zeigefinger, weil sein Hals es dem Kopf nicht recht erlauben will, «Kompromiss njet.» Was bedeutet das? «Er hat ein Spielchen mit mir gespielt», sagt Stamm gefasst. «Auf dem Papier ziehe ich den Vorwurf der Körperverletzung zurück, das kann er jetzt als Beweis dafür nehmen, dass er mich gar nicht zusammengeschlagen hat.» Jetzt bloss nicht auch noch die Verhandlung verpassen, sonst kann der Konkurrent dort sonst was mauscheln.
Das Leistungsprinzip
Viel Zeit zur Verzweiflung bleibt Stamm nicht. Das Handy klingelt. Clara kämpft mit den Tränen und seiner Buchhalterin, weil sie ihr kein Blankoformular geben will. Das Handy klingelt ein zweites Mal. Zwei seiner Fahrer wurden von der Polizei angehalten, weil sie die falschen Papiere dabei haben. Ausserdem ist ihnen der Sprit ausgegangen. Jetzt brauchen sie Diesel und Schmiergeld. Und den nötigen Schein, um die Ware abzuholen, haben sie auch nicht. «An und für sich nicht ungewöhnlich», sagt Stamm, «aber heute kommt alles zusammen.»
In dem grossen zweistöckigen Ziegelgebäude der Kolchose, die Stamm übernommen hat, bewohnen er und seine Freundin zwei Zimmer. In sie gelangt man über ein finsteres Treppenhaus aus Beton, einen langen Gang und eine Lattenholztür mit einem Schiebeschloss. Einen Schlüssel gibt es nicht. Zur Verteidigung gegen unliebsamen Besuch halten sie sich einen freundlichen Schäferhund und zwei kleine Mischlinge, «aber die kämpfen nur mit dem Schlaf».
In der Küche haben sie eine Arbeitsecke eingerichtet. Mit dem Laptop kann man sich übers Handy ins Internet einwählen. Das ist die eine Verbindung zur Heimat. Die andere baumelt an der Küchenzeile gegenüber. Zwei Topflappen, von Clara gehäkelt, einer in Schwarz-Rot-Gold, einer mit dem Schweizer Kreuz. Wann sie in den Westen zurückkehren will? «Irgendwann, bald», sagt sie, wenn Moritz die Schulden beglichen hat. Auch so ein Kompromiss.
Clara hat Angst, dass die Schläger wieder kommen. Moritz nicht. Es hätte sie schlimmer treffen können, «unserem Nachbarn, einem Deutschen dreissig Kilometer weiter, haben sie in sein Sofa geschossen». «Hör auf», sagt Clara. Sie will über etwas anderes reden. Und eine Isolierung unter dem Küchenboden will sie auch, spätestens wenn Kinder da sind. «Damit die», sagt Stamm, «beim Krabbeln im Winter nicht festfrieren.» Er hat andere Sorgen. Gut eine Million Franken hat er hier investiert, zusätzlich zu den laufenden Kosten und der Pacht. Auf dem Hof zu Hause liegt eine Hypothek, vergangenes Jahr hat Dürre die Ernte dezimiert, dieses Jahr war es ein Hagelsturm. «Aber nächstes Jahr wird es was.»
Auf dem Tisch dampft ein Lamm-Gulasch aus Eigenproduktion. Stamm langt kräftig zu. Frühstück fiel aus, zwischendrin ass er nur ein wenig Schokolade, wie jeden Tag. Keine Zeit. Aufrecht sitzt er nun da, über dem Korsett seine Arbeitskluft, einen grünen Overall, den Clara «seinen Strampelanzug» nennt. Zwischen den Bissen redet er schnell. Die Behörden und die Schmiererei seien nicht das Problem. Ein paar Tausender an die Polizei, und, er nimmt die Gabel in die Faust, «ich kann einen Hammer nehmen, hier ein Loch in den Boden schlagen und ein Heizrohr verlegen». Brandschutz, Bauaufsicht, Dämmrichtlinien sind kein Thema. Aber die Angestellten. Einmal hat er einen vor Wut am Hals gepackt, es war ihm schrecklich peinlich. Am nächsten Tag gratulierten ihm die Kollegen des Malträtierten. Er werde langsam ein Kosak, ein echter Ukrainer.
Um acht beginnt die Arbeit. Eigentlich. Gegen halb neun sind die meisten da. Sie tragen Schirmmützen, Armeehosen und abgeschnittene Gummistiefel. Die Werkhalle ist hoch, mit einem Schwebekran an der Decke und neben den Mähdrescher, der hier abgestellt ist, würden noch drei weitere passen. In den Nebenräumen lagern in hohen Metallregalen Kugellager, Zahnräder und Werkzeuge. Pascha, die Frau, deren rote Haare unter ihrem Kopftuch hervorstehen, wacht über sie. Als Schreibtischstuhl dient ein ausgebauter Lastwagensitz, von einem der Modelle, die ihr Mann fuhr, früher. «Er hat Probleme mit dem Alkohol», sagt Stamm.
Ein Arbeiter kommt ins Lager und holt eine Kette für die Motorsäge. An der Werkbank unter dem Oben-ohne-Kalender nimmt ein Kollege die Kette und beginnt, sie auf das Blatt zu setzen. Der Kettenholer sieht zu. Ein Dritter kommt angeschlendert, und der Monteur ruht sich ein wenig aus. Am Ende stehen sie zu viert in der Runde und diskutieren. Es sieht gemütlich aus, und das ist das Problem.
Um seinen Leuten das Leistungsprinzip näher zu bringen, hat Stamm es einmal mit Prämien versucht. Der Traktorist, der seine Arbeit am besten machte, ein junger Mann mit Frau und kleinem Kind, bekam 1000 Griwna, rund 200 Franken. Er kaufte sich eine Karaoke-Anlage. Seitdem sind die Prämien vom Tisch.
«Im Kommunismus», sagt Stamm, «hat man die Fahrer nach dem Sprit bezahlt, den sie verbrauchen. Die haben dann den Tank abgelassen und sich ein Bier aufgemacht.» Die Bezahlung hat sich geändert, von der Mentalität ist manches hängen geblieben. Ein Sprecher der Landwirtschaftslobby in Kiew nennt es «die innere Bereitschaft, Engagement zu zeigen», ein anderer Schweizer Investor ein paar Höfe weiter den «Grund, warum das Land den Arsch nicht hochkriegt». Deshalb haue er jetzt auch ab, endgültig, in wenigen Monaten. Stamm: «Das sagt er schon seit Jahren, wie so viele.»
Pachten ja, kaufen nein
Im Volksmund geht eine alte Erzählung: Als Gott an die Völker das Land verteilte, haben die Ukrainer verschlafen. Als sie erwachten, liefen sie zu Gott und bettelten, er möchte ihnen auch etwas geben. Gott aber hatte nur noch ein Stück übrig, das schönste von allen, das er für sich aufhob. Vor dem silbern glänzenden Hoftor, die Hände in die Taschen des Overalls vergraben, blickt Stamm auf sein Land. «So etwas bekomme ich nie wieder.» Unter dem Schleier des Morgennebels wirkt die Erde, als würde sie dampfen. Frisch geschoren, verschwimmen die sanft gewellten Felder im Dunst, besiedelt von Baumgruppen, gerahmt von Alleen und bekrönt von den Schreien der Wildgänse, die sich für ihren Flug über das Schwarze Meer formieren. Bis Odessa sind es drei Stunden.
Zum Hof führt eine gepflasterte Strasse, der die Zeit, der Regen und schwere russische Schlepper so tiefe Krater geschlagen haben, dass man die letzten dreihundert Meter nur Schritttempo fahren kann. Am Strassenrand steht eine Betonwanne. Was aussieht wie eine Kuhtränke, ist der Brunnen, an dem sich Stamm und Clara ihr Trinkwasser holen, denn was bei ihnen aus dem Hahn kommt, muss vorher durch den Boden des Werkhofs, in den nicht nur der ukrainische Regen, sondern auch eine Menge Altöl gesickert ist.
Dort, im Fuhrpark, reissen zwei Männer ausdauernd an der Handleine eines gelben Schleppers, bis es knallt und der Motor zu rattern beginnt. Zwischen blassblauen Lastwagen mit knolligen Schnauzen, bulligen Erntemaschinen, aus deren Seiten die Eingeweide aus Kabeln und Gewinden quellen, und einem DDR-Mähdrescher der Marke «Fortschritt», glänzt ein hochhackiger Hightech-Traktor wie eine Diva im Paillettenkleid in einer alten Büffelherde. «250 PS, unsere stärkste Maschine», sagt Stamm, nur kompatibel sei sie nicht mit dem ukrainischen Gerät; technisch stiessen da Welten aufeinander. Das kommt ihm bekannt vor.
Er durchquert den Hof, läuft durch das offene Tor und stapft ins Feld. Dicke Klumpen hängen sich an die Stiefel. Fest saugt sich die schwere, tonige Erde an ihre Besucher, und viele, wie Moritz Stamm, lässt sie nicht mehr los. 200 000 Franken, schätzt Stamm, kann er dieses Jahr «nach Hause schicken», trotz Hagelsturm, rund zwei Drittel mehr als ein Schweizer Betrieb im Durchschnitt erwirtschaftet. Hunderte Investoren aus der ganzen Welt sind in den letzten Jahren hierher geströmt, angezogen vom Reichtum des Bodens, den hohen Erträgen und der billigen Pacht. Rund 70 Franken zahlt Stamm pro Hektar und Jahr, in der Schweiz ist es das Achtfache. Doch kaufen kann man in der Ukraine zwar die Behörden, das Land jedoch nicht. Noch nicht.
Die Parzellen des Anstosses
«Angenommen», sagt der Vizegouverneur in seinem Büro, wo es so kalt ist, dass sein Sekretär im Mantel auf der Heizung sitzt, «Investoren aus dem Ausland kauften hunderttausend Hektar Schweizer Boden. Würde» – er stockt –, «und ausserdem angenommen, die Schweiz wäre so gross wie die Ukraine. Würde das die Regierung zulassen?» Zufrieden über den gelungenen Vergleich, lüftet er kurz die Oberlippe, unter der eine makellose Reihe Zahngold erstrahlt. Die ukrainische Regierung verbiete den Eigentümern, ihr Land zu verkaufen, um sie zu schützen. «Sie würden das Geld für den Verkauf falsch ausgeben. Sie wären schnell wieder so arm wie zuvor.» Es ist das Karaoke-Argument.
Es gibt noch ein Weiteres. «Wir möchten nicht, dass die Ukrainer nicht mehr Herr ihres eigenen Grund und Bodens sind.» Libyen, Saudiarabien, auch China zeigten offenes Interesse daran, Hunderttausende Hektar ukrainischen Ackerboden zu kaufen, um die Versorgung mit Weizen und Mais zu sichern. Niemand wisse, wer hinter den Mega-Investoren stecke, die aus Steuergründen vor allem in Zypern gemeldet seien. Ernst blickt der Gouverneur über seinen massiven Schreibtisch aus Mahagoni-Imitat. Auf diesem steht ein Miniatur-Globus aus Sowjetzeiten, die Grenzen der Ukraine sind nicht eingezeichnet, annektiert vom grossen Bruder. Noch einmal soll das nicht passieren.
Damit Stamm die Felder bewirtschaften darf, muss er deren Eigentümer bezahlen. Es sind vierhundert. Denn als der neu gegründete Staat Mitte der Neunzigerjahre die Kolchosen der Sowjetzeit auflöste, teilte er das Land und gab es den Bauern, die es zuvor schon beackerten. Zwischen drei und fünf Hektar, in etwa die Fläche der Rütliwiese, sind die Parzellen gross, je nach Güte des Grundes. Von seinem Vorgänger, einem Ukrainer, der kurz vor dem Bankrott stand, übernahm er die Verträge mit den Grundbesitzern. Ein paar von ihnen wollten das aber nicht und unterschrieben bei jemand anderem, bei Petro Jewitsch.
Obwohl sie das gesetzlich nicht durften, war Stamm zunächst damit einverstanden. Aber. Im sogenannten Büro, einem Häuschen am Eingang zu dem leeren, weissen Getreidehof, wo eine Babuschka mit dicken Fingern die Scheine und Münzen für die Pachtauszahlung sortiert, deutet Stamm auf eine Karte. Sie zeigt die Grenzen seines Betriebs mitsamt den einzelnen, rechteckigen Parzellen. Einige davon sind dunkel schraffiert, wie Sprenkel. «Das sind die Flächen des Konkurrenten.» Jedes dieser Sprenkel bedeutet: Trecker anhalten, umspannen und wenden, sechzigmal, an beiden Seiten. Es kam zum Prozess, und Stamm errang einen verhängnisvollen Sieg.
Denn seither waren die Flächen doppelt verpachtet: An Stamm, der sie fortan auch kultivierte, und an Jewitsch, der ihn dafür verklagte und das von Stamm gesäte Getreide einfach selbst erntete. Im Jahr darauf verzichtete Stamm auf die Flächen und umrundete die Parzellen mit dem Traktor. Jewitsch forderte ihn auf, das ganze Land an ihn zu übergeben und zu verschwinden. Dann kamen die Schläger. Und Jewitsch verklagte sein Opfer wegen Körperverletzung. Er hatte sogar ein Attest. «Die Polizei hält sich gottlob heraus, sonst würde alles noch teurer.» Stamm blickt von der Karte auf und lächelt sein ukrainisches Lächeln aus Belustigung und Verzweiflung, mit einer Tendenz zur Entschuldigung, weil alles so absurd ist: «ein The-aterstadel. Aber jetzt haben wir ja den Kompromiss.»
Fünfzig Meter neben seinem liegt das Büro des Konkurrenten, in einem nüchternen Ziegelbau, wo auch die Bürgermeisterin residiert. Die Leute erzählen, dass man sie manchmal im Morgenmantel, eine Flasche Wodka in der Hand, auf der Dorfstrasse sehen könnte. Sie hat es nicht leicht, zwischen Stamm und dem Konkurrenten. «Jeder Konflikt ist ein Problem», stellt sie fest. Aber: «Die Polizei hat sich eingeschaltet, sie wird den Streit zwischen Moritz und Jewitsch bald lösen.»
Krieg im Dorf
Dessen Sekretärin kommt aus dem Gebäude, überquert die Strasse und läuft zu ihrem weiss und blau gestrichenen Häuschen. Sie sieht aus wie die meisten Frauen im Dorf, klein, mit Kopftuch und herzlich, geradezu überschwänglich bei der Begrüssung. Ihre Hände aber sind weich und glatt, nicht rau und rissig von der Feldarbeit. «Moritz», sogar sie duzt ihn, «ist ein netter Junge, aber leider denkt er nur an sich.» Er habe seinen Betrieb in Ordnung gebracht, gute Technik aus dem Westen angeschafft und zahle seinen Verpächtern mehr Geld, als sie es kann. «Die Leute sagen, dass sie ihn mögen, aber er hat sie gekauft.»
«Es herrscht Krieg im Dorf», sagt sie, «und das Geld markiert die Grenze.» Die wenigen Patrioten hätten ihr Land bei Jewitsch, die anderen liessen sich von Stamm bezirzen. Sogar ihre Schwester. Die Mutter, die ansehen musste, wie die Nazis die Ukrainer knechteten, ihr Getreide und sogar ihre Ackererde in Güterzügen über die Grenze brachten, sei vor Gram und im Streit darüber gestorben. Deutsche, Schweizer, alles eins, Faschisten, die ihre Väter mit Waffengewalt aus dem Land vertrieben hätten, jetzt sind sie wieder da. Sie schluchzt, Tränen rinnen ihr über die Backen. «Ich will, dass im Dorf wieder Eintracht herrscht. So lange Moritz hier ist, geht das nicht.» Und der Schlägertrupp, schafft der die Eintracht? Ihre Tränen versiegen, die hellen Augen weiten sich. Schlägertrupp? «Die Leute erzählen viele Geschichten im Dorf, ich habe Stamm am selben Abend mit dem Auto durch den Ort fahren sehen, genau hier, an meinem Haus vorbei.»
Stamm lacht, als er das hört. Er steht vor dem Getreidehof, auf der anderen Strassenseite zerrt ein kleiner, buckliger Mann einen Sack vom Gepäckträger seines Fahrrads und in ein Häuschen. Es ist die Getreidemühle für die Dorfbewohner, die Stamm betreibt und finanziert. «Das muss ich machen, für die Leute bin ich der Nachfolger der Sowjetkolchose.» Deshalb beschenkt er am Veteranentag die Veteranen, streichelt an 80. Geburtstagen faltige Wangen und hält in seinem Fuhrpark sogar einen Leichenwagen. «Manchmal ist es schön, der Dorfvorsteher zu sein, den Menschen eine Freude zu machen.» Zwei alte Frauen kommen herbei. «Moritz», rufen sie, «wann schaffst du uns endlich eine Gasleitung herbei? Es wird Winter.» Stamm grinst. «Aber manchmal ist es auch mühsam.»
Jeder schaut für sich
Pascha, die Frau aus dem Materiallager, sitzt in einem ihrer drei winzigen, reinlichen Zimmer, deren jedes sie mit grellen türkisen Vorhängen, rosa geblümten Wandtapeten und bunt bestickten Stoffdecken geschmückt hat. Blickt man zu lange auf eine Stelle, beginnt sie zu kreisen. «Habe ich alles selbst dekoriert», sagt sie. Dass sie sich diesen Wohlstand leisten könne, habe sie Moritz zu verdanken. Streng sei er, aber gütig. Um acht Uhr müsse man mit der Arbeit beginnen, aber dafür bekomme auch jeder pünktlich seinen Lohn. Wie ein Besessener arbeite er, renne am Tag zweihundertmal über den Hof und kontrolliere jeden Arbeitsschritt. «Moritz ist so dreckig wie ein Traktorfahrer, er ist einer von uns.» Sie nickt entschieden, macht dann einen Sprung von der Sofakante und marschiert nach draussen.
«Hier, die Kuh.» Wie fast jeder in Bagwa mit seinen sechshundert Einwohnern hat auch sie eine eigene Kuh. Überall, entlang den Landstrassen und sogar der Autobahn, sieht man einzelne Menschen eine einzelne Kuh zum Grasen führen. Natürlich könnten sich die Leute zusammentun. Andererseits hat eine Dörflerin einmal, anstatt die Gänse ihrer Nachbarin zu hüten, diese in ihrem Keller gekidnappt. Die revanchierte sich, indem sie ihr Diesel in den Brunnen kippte. «Mit der Dorfgemeinschaft ist das schwierig», sagt Pascha. Jeder produziert das, was er braucht, daher weitgehend selbst. Das funktioniert, weil jeder von der Kolchose zusätzlich zu den drei Hektar Land noch ein Gartengrundstück erhielt. Auf ihrem Feld, zu dem man über das glitschige Hühnergehege mit dem Schweinekoben gelangt, pflanzt sie Mais, Rüben und Kartoffeln. Die Pacht lässt sie sich in Getreide auszahlen. Ein Teil geht an die Tiere, den anderen verkauft ihr Mann. Der mit dem Problem mit dem Alkohol.
Bevor die Dorfstrasse nach einer letzten Biegung sich wieder in den Weiten der Mittelukraine verliert, steht zur Linken ein lang gestrecktes, zweistöckiges Haus, in dessen Garten Kinder in schwarzen Anzügen und Kostümchen auf einem Metallgestell turnen. Der rot lackierte Dielenboden im Inneren glänzt frisch gereinigt. Eine neue Tischtennisplatte steht im Vorraum, im Klassenzimmer für ukrainische Literatur thront eine Büste des Nationaldichters Schewtschenko vor einer Wandtapete mit Wasserfall. Die Dorfschule von Bagwa ist ein aufgeräumter Ort und die grösste Schule weit und breit. Sechzig artig bezopfte Mädchen und stramm geschorene Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren treffen hier auf ein Dutzend Lehrer. Bis vor Kurzem waren es noch dreizehn, bis sich nach einem Jahr herausstellte, dass die neue Englisch-Lehrkraft gar kein Englisch spricht.
«Njet gut»
Die anderen sitzen nun aufgeregt in dem engen Lehrerzimmer, ernst wie beim Vokabeltest. Sie wollen mehr Kinder, mehr Geld, ein anderes Schulsystem, eine andere Regierung. Der Kommunismus, sagt die Vizedirektorin Ljudmila Petriwna, habe sicherlich seine Schattenseiten gehabt, aber auch viel Gutes. «Wir haben eine wunderbare Verfassung, aber niemand hält sich daran.» Damals hätten alle Arbeit und jeder den gleichen Besitz gehabt. Heute habe fast niemand Arbeit, sehr viele wenig Besitz und wenige sehr viel Besitz. Aber dafür hätten sie Moritz.
«Moris, Moris», tönt es beschwörend. Moritz sei ein wundervoller Mensch, er habe der Schule einen Drucker, ein Faxgerät und neue Vorhänge geschenkt. Ob man sie sehen möchte? Sie hätten Angst, dass er in die Schweiz zurückkehre. Ob man Genaueres wisse? Ob alle Schweizer so seien wie er? Die Schweiz sei sicher der schönste Ort auf der Welt.
Dass er Ausländer ist, sei ihnen völlig egal, er zahle schliesslich die höhere Pacht. Sie alle hätten ihr Land an Moritz gegeben, auch weil der Konkurrent der Schule nichts gibt. Nur als er nach seiner Attacke auf Moritz um seinen Ruf fürchtete, habe er die Tischtennisplatte gestiftet.
Zwei Mädchen kommen herein, fragen, ob sie die Musikanlage in die Turnhalle mitnehmen dürfen. Die Musikanlage, ja natürlich dürfen sie, ist auch von Moritz. Die Mädchen, sagt Ljudmila, schöne Mädchen, würden sicher bald in die Stadt wegziehen, wie alle Jungen auf dem Land, wie Moritz wahrscheinlich auch. Warum helfen ihm die Schweizer nicht gegen manche Leute hier, «die ihn behandeln wie die Tiere», der Schweizer Präsident, warum hilft er nicht? «Moritz’ Probleme sind unsere Probleme.»
Sein aktuelles Problem ist der Stau auf der Stadtautobahn. Der Anwalt hat seinen Gurt losgelassen. In der Ferne ragen die Bürotürme von Kiew in die Luft, die von den Abgasen der Autos flimmert. Dort irgendwo ist das Appellationsgericht, und dort muss er in zehn Minuten sein. Stamm parkt sein Auto und ruft ein Taxi, dessen Fahrer über Nebenstrassen, Parkplätze und Kreuzungen rauscht, dass die Geldscheine seiner Expresszulage auf dem Armaturenbrett tanzen. Eine letzte scharfe Biegung in eine unscheinbare Toreinfahrt, und er ist da. Aber zu spät.
Der Prozess ist vorbei, keine zehn Minuten kann er gedauert haben, wenn er pünktlich begann. Der Anwalt redet in dem winzigen Vorzimmer auf zwei junge Beamte ein, die nicht den Eindruck vermitteln, als würden sie ihm zuhören. Schliesslich schafft er es, die Richterin ans Telefon zu bekommen. Der Beschluss des Gerichts würde Stamm binnen fünf Tagen mitgeteilt werden, per Post. «Njet gut», der Dicke, Schweisstropfen auf der Stirn, wackelt mit dem Zeigefinger, «njet gut.» Stamm sagt kein Wort. Erst als er wieder bei seinem Auto anlangt, entfährt es ihm leise: «Jetzt geht alles wieder von vorne los.»

Der Schaffhauser Moritz Stamm liebt die ukrainische Erde. | Helmut Wachter

Pascha und Clara, Stamms Freundin | Helmut Wachter

Doch, der Getreidetrockner ist in Betrieb. | Helmut Wachter

Hier der Beweis | Helmut Wachter

«Man muss die Bürger vor sich selber schützen»: der Vizegouverneur des Bezirks. | Helmut Wachter

Pascha verdankt ihren Wohlstand Moritz Stamm. | Helmut Wachter

Lehrer wie brave Schüler | Helmut Wachter

600 Einwohner, 600 Kühe in Bagwa | Helmut Wachter

Lenin ist tot, es lebe Lenin! | Helmut Wachter
Verehrte Redaktion
Ich habe ihren Artikel über Moritz gelesen und mich zuerst mal geschämt, da ich Ukrainischer Abstammung bin. Es tut mit leid dass es Moritz so schlecht ergangen ist, aber der Artikel zeigt nur einen Ausschnitt der ganzen Wahrheit. Es ist richtig dass die Korruption in der Ukraine weit verbreitet ist und es ist auch richtig dass Teile der Behörden korrupt sind, aber nicht mehr und nicht weniger als in anderen Osteuropäischen Ländern, wie z.B Bulgarien, Rumänien oder auch in Russland. Wer unvorbereitet, auf eigene Faust und ohne Rückendeckung von Verbänden und ohne Beratung von Fachfirmen ins Ausland geht um dort ein privates Unternehmen aufzubauen, muss mit einem Fehlschlag rechnen. Moritz hat also nicht gegen „die Ukraine“ gekämpft (eine unzulässige Verallgemeinerung) sondern gegen einige korrupte ukrainische Beamte und gegen seine selbstverschuldete Unwissenheit. Andere Agrarinvestoren in der Ukraine sind da wesentlich erfolgreicher als Moritz. Hier nur zwei Beispiele aus dem Internet:
http://www.eishop.de/blog/wp-content/uploads/2008/05/niels-peterson1.pdf
http://www.eishop.de/blog/wp-content/uploads/2008/06/ukraine_topagrar_teil_1.pdf
Um erfolgreich zu sein, sollten Investoren nicht nur gute Beratung suchen, sondern erst mal die Sprache lernen, ein oder zwei Jahre im Lande leben und sich Rückendeckung beschaffen z.B. bei Verbänden, bei Konsulaten, bei Grossinvestoren. Manchmal hilft auch einen vertrauenswürdigen lokalen Partner mit „ins Boot“ zu nehmen. So leid es mir für Moritz tut, aber gänzlich unschuldig ist er an der Katastrophe nicht.
Ihr
Orest Fil
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CH 8426 Lufingen
079.22999.63
Glückwunsch zum Mut von Moritz und auch zur kritischen Reportage.
Viele Schweizer gingen ins Ausland und keiner hatte es leicht, nirgends haben sie auf uns gewartet!
Ich ging damals als Agronom nach Südamerika, musste zuerst auch viel einstecken, aber was ich erlebt habe möchte ich nicht missen und heute habe ich es geschafft. Hoffentlich schaffst auch Du es und zeigst dem Pack wie ein Schweizer arbeitet!
I did read the article very carefully, but can not understand why in goodness` sake on the front page of Das Magazin are words “Schwarze Erde, Böses Blut. Ein Schweizer Bauer gegen die Ukraine”. I am sorry, but that`s exaclty what is calles political incorrectness.
Dieser Artikel ist beklemmend. Er lässt mich ratlos und Schlimmes für das mutige Paar befürchtend zurück. Ratlos, weil ich annehme, dass es in diesem Land fast unmöglich ist, Unterstützung zu finden für die Umsetzung eines Rechtsurteils. Wo das Recht des Stärkeren regiert, herrscht Angst, und es kann keinen Fortschritt geben. Auch die Bilder zum Text sprechen Bände. Ein Artikel, der schwer zu vergessen ist.
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,3490902,00.html?maca=de-podcast_made-in-germany-2111-xml-mrss
http://www.welt.de/welt_print/article2108329/Deutsche_Bauern_entdecken_die_Ukraine.html
http://www.rockymountainnews.com/news/2008/may/12/tiny-plots-spur-big-bets-ukraine/-
Here are some other experiences of other foreign farmers in Ukraine. Other pictures as well – and interesting enough they also show real Ukraine as it is.
Dieser Beitrag hat mich sehr berührt. Der junge Mann ist wirklich bewundernswert, ausgeglichen und ausdauernd. Chapeau… Andere hätten schon lange das Handtuch gworfen.Ich wünsche Herrn Stamm nur das allerbeste, mögen seine Träume in Erfüllung gehen… Sollte er in die Schweiz zurückkommen und Ruhe in sein Leben einkehren, empfehle ich ihm das Buch: „Ein russischer Aristokrat in Liechtenstein.“ Erschienen 2003. Seine Vorfahren aus Würtemberg ein Paradies in der Ukraine geschaffen haben, und 1917 mit nur was sie am Leibe hatten fliehen mussten. Eine wunderbare Biographie.
Der Artikel spiegelt die heutige Situation in der Ukraine. Die ist wirklich schlimm. Aber noch schlimmer ist der Titel „Schwarze Erde, böses Blut“. Mit einem Schuss hat der Autor alle Ukrainer und ganze Ukraine verurteilt. So wie in der Ukraine nicht nur schwarze Erde, sondern auch das Meer, die Berge, die Steppen gibt, so gibt es auch nicht nur böses Blut. Die Überschrift des Artikels finde ich absolut unkorrekt, unkonstruktiv – es könnte heissen „Schweizer Bauer gegen Korruption, oder gegen korrupte Politik, aber nicht gegen die Ukraine“. Die Ukraine ist viel zu gross und vielseitig für so ein Urteil.
Der Titel ist tatsächlich etwas unglücklich. Ich möchte aber für die fremdsprachigen User anmerken, dass “Böses Blut” soviel wie “Streit” bedeutet und sich – zumindest vordergründig – nicht auf einen angeblichen Volkscharakter der Ukrainer bezieht.