23.11.2007 von Eric Baumann
Gibt es Medikamente ohne Nebenwirkungen? Ich glaube nicht. Wenn ein Mittel beispielsweise die Funktion von Hormonen oder Neurotransmittern übernimmt, geraten körperliche Abläufe ein kleines oder grosses Bisschen aus dem Gleichgewicht.
Das lässt sich tolerieren, wenn die positiven Effekte überwiegen. Konkret: Weil meine Chemotherapie das Wachstum von Tumorzellen hemmt, nehme ich in Kauf, dass ihr Wirkstoff auch Granulozyten reduziert. Das sind weisse Blutkörperchen, die für die Immunabwehr sorgen. Fallen sie unter eine gewisse Schwelle, werde ich anfällig auf Infektionen, müsste im schlimmsten Fall in Quarantäne gehen und eine Chemopause einlegen. Für diesen Fall gibt es jedoch eine Spritze, die ich auch schon anwenden musste. Sie jagt Blutwerte schlagartig in die Höhe. Allerdings ist die Wirkung wie ein Strohfeuer, Tage später ist die Zahl der Granulozyten fast wieder gleich tief wie zuvor. Setze ich die Nadel erneut an, belaste ich meine Blutfabrik, das Knochenmark.
Der Hirntumor hat bei mir auch Epilepsie verursacht. Um Anfälle zu unterdrücken, schlucke ich dreimal täglich Tabletten. Beim ersten Mittel hatte man mich vor einer Nebenerscheinung gewarnt: Zahnfleischwucherungen. Was das ist, wurde mir bald klar: Rund um mein Gebiss war alles zerfurcht und angeschwollen. Vielleicht kennen Sie das Gefühl, wenn sich im Mund etwas geändert hat, zum Beispiel nach einer Zahnfüllung, und man die Stelle immer wieder nachfühlen geht. Dauernd bezüngelte ich das expandierende Zahnfleisch. Zahnseideln hinterliess Blutspuren. Immerhin, beim Küssen, liess ich mir sagen, war nichts zu spüren. Die ärzte verschrieben mir dann andere Pillen. Die machen mich schläfrig, deshalb muss ich tagsüber mehrmals kurz ruhen.
So ist das mit den Medikamenten. Ich bin jetzt oft müde, dafür bleibt alles ruhig in meinem Mund. Und in meinem Kopf.