03.04.2009 von Mathias Plüss , 1 Kommentar
In einer Sonderausgabe der Zeitschrift «Scientific American» machte der kanadische Futurologe Hans Moravec kürzlich wieder einmal eine seiner berüchtigten Vorhersagen: Obwohl die bisherigen Prognosen stets viel zu optimistisch waren, wie Moravec selber halbwegs zugibt, prophezeit er nun, dass der Roboter schon 2010 (!) die Eidechse intelligenzmässig überholen und spätestens 2050 mit dem Menschen gleichziehen werde.
Wir Journalisten kennen das Problem der Überoriginalität: Wer um jeden Preis originell sein will, ist meist schlicht banal. Mir scheint nun, dass analog dazu ein Problem der Überintelligenz existiert: Wenn jemand ganz besonders intelligent sein will, wirkt er in Wahrheit oft einfach blöd. Das gilt im Übrigen nicht nur für Maschinen, aber wir wollen uns hier auf diese beschränken.
Ich kämpfe täglich mit den Tücken real existierender «intelligenter» Maschinen. Ich kämpfe mit computerisierten Hotlines, die meine Stimme nicht verstehen; mit Computeruhren, die mindestens zweimal pro Woche selbstherrlich in eine andere Zeitzone umschalten; mit Fotoapparaten, die sich weigern auszulösen, weil irgendein Parameter ihrer Meinung nach nicht stimmt. Ich kämpfe mit Kopiergeräten, die ohne nachzufragen auf A3 umschalten, wenn ihnen die Vorlage nicht passt, und sich selbst unter Gewaltandrohung nicht zu einer hundskommunen Kopie herablassen. (Ein Tipp: Am Bahnhof Zofingen steht ein geniales Vorkriegsmodell, das nichts anderes kann als A4, das dafür aber rasend schnell!) Und ich kämpfe, nein, ich amüsiere mich über das Übersetzungsprogramm, das mich anweist, meinem Kuchenteig noch «Wahnsinnige» beizufügen (weil «nuts» sowohl «Nüsse» als auch «Wahnsinnige» bedeuten kann).
Mein Hauptgegner war lange Zeit das Computerprogramm Word, aber mittlerweile habe ich es weitgehend besiegt. Das Korrekturprogramm, das sich in neun von zehn Fällen meldete, weil ES das Wort nicht kannte und nicht weil ICH einen Fehler gemacht hätte, habe ich rasch ausgeschaltet. Nach und nach gelang es mir, auch weitere «Hilfen» abzustellen: die neunmalkluge Auto-Korrektur etwa, die mir jedes DNA automatisch in ein DANN verwandelte, oder den unsäglichen Büroklammern-Boy mit seinem penetranten «Anscheinend möchten Sie einen Brief schreiben» (Neeeeeeeeeeeeeeein!!! Ich möchte nicht!!!). Nur mit jener Arial-Schrift, die seit Jahren durch meine Dokumente spukt und ungefragt immer wieder an den unmöglichsten Stellen auftaucht, kämpfe ich noch.
Mein neuer Hauptgegner heisst Google. Mir scheint, dass die Suchmaschine zunehmend schlauer sein will als der Suchende — jedenfalls häufen sich die Fälle von mutwilliger Uminterpretation meiner Anfragen. Ich suche nach Nussbäume Schweiz, und es kommen Tobias Nussbaum, Yves Nussbaum, Cordula Nussbaum und dergleichen mehr, aber keinerlei Nussbäume. Ich suche nach Korinna Klavier, und es erscheinen ausschliesslich klavierspielende Corinnas. Ich suche nach Beintritt, und es kommen bloss Resultate zu Beitritt und bei Tritt. (Auf Rang zehn etwa ist ein Diskussionsforum zum Thema «Was tut mehr weh? Ein Tritt in die Eier oder Regelschmerzen».) Ich suche nach Endemit, und ich bekomme — es isch zum Göisse — Ende mit Schrecken, Ende mit Tränen, Ende mit Bluteffekt.
Nach längerem Pröbeln habe ich herausgefunden, dass man die Verzerrung verhindern kann, indem man einzelne Wörter in Anführungszeichen setzt: Man muss also nach «Beintritt» suchen statt nach Beintritt oder nach «Nussbäume» Schweiz (Vorsicht, nicht «Nussbäume Schweiz»!) statt nach Nussbäume Schweiz. Einen Sinn vermag ich aber hinter den automatischen Google-»Verbesserungen» nicht zu erkennen. Wenn ich explizit eine Korinna suche, dann will ich ja wohl gerade nicht eine Corinna, und es ist doch auch recht unwahrscheinlich, dass ich mich dahin gehend vertippt habe. Ich kann daher nicht umhin, zu einem Ende mit Beintritt zu kommen: Die Google-Programmierer haben ein Suchwerkzeug geschaffen, das sehr nützliche Resultate liefert, wenn man es zu nutzen und zu überlisten versteht. Von einer intelligenten Maschine sind aber auch sie noch weit entfernt.
Herr Plüss, es ist leider alles noch viel schlimmer. Das Problem sind nicht die Computer. Die sind es auch, aber wer erwartet, dass ein so opimiertes Ding wie ein Computer jemals intelligent sein wird, ist es sowieso nicht besonders.
Das Problem ist die zunehmende Verhauptstromisierung der Welt. Von Hauptstrom, neudeutsch Mainstream. Das ist genau der Grund, weshalb Google sich selbst und seiner Statistik mehr traut als einem intelligenten Individuum wie Ihnen. Deshalb werden Ihre Anfragen verunstaltet! Denn Google richtet sich nach den Bedürfnissen des statistischen Mainstreams – und liegt damit, statistisch gesehen, natürlich richtig. Nur ist dies ein Jammer für die orthographisch einigermassen gewandte, kleine Randgruppe im obersten Zwanzigstel der Glockenkurve. Oder für die nichtglobalisierten Exoten aus dem nicht Englisch sprechen wollenden Teil der Welt.
Ähnliche Tendenzen beobachtet man beim Fernsehen, im Kino, in Zeitungen und Onlinemedien. Schlagzeilen werden reisserischer, Bilder sensationslüsterner, Artikel belangloser, Informationen spärlicher, Meinungen politisch korrekter.
Die Gleichschaltung erfolgt mittlerweile auf globalisiert tiefem Niveau. Auch “Das Magazin” ist leider keine Ausnahme.