Nein, ich will nicht

7. 7. 2007, die Standesämter quillen über, der neubürgerliche Heiratskitsch hat gesiegt. Ein Plädoyer gegen den Trauschein

20.07.2007 von Birgit Schmid , 7 Kommentare

Es gibt Leute, die bezeichnen mich als Romantikerin. Unsere Blicke trafen sich an der Tramhaltestelle, wir schauten uns über die Geleise an, wir begannen zu lachen und auf uns zu zeigen, sind wir gemeint? Wir waren es. Acht Jahre sind seither vergangen. Wir sind in eine gemeinsame Wohnung gezogen, wir teilen die Freude und den Schmerz, wir streiten uns und nerven einander, wir blödeln, schwatzen, schweigen, hängen, essen, trinken, schlafen zusammen, bereisen zu zweit die Welt.

Warum heiratet ihr eigentlich nicht?, fragen uns unsere Freunde, die verheiratet sind. Sie fragen es so, als ob Heiraten die logische Folge wäre. Als ob acht gemeinsame Jahre das Endziel Ehe haben müssten. Natürlicher Verlauf einer Beziehung, in der man es ernst meint.

Das Jawort ist der dramaturgische Schlusspunkt, an dem die romantischen Filme aufhören. Einlaufen, Ankommen, Abspann. Es mag auch diese Skepsis sein, die mich davon abhält, die Ehe als Krönung, als Höhepunkt von etwas Gutem, Richtigem zu sehen. In der Lebensform, die wir gewählt haben, kann jeder Tag der schönste sein, auch wenn man nicht mehr täglich hin und weg ist, wir uns vertraut geworden sind. Warum braucht es für dieses kleine, unspektakuläre Glück einen Trauschein?

Wir gehören zu einer Minderheit. Es wird geheiratet, der Trend steigt leicht an. 2005 gingen 39 500 Schweizer und Schweizerinnen die Ehe ein, ein Jahr später waren es 40 100 Personen, 2006 fiel das Jawort 40 300 Mal. 59 Prozent der ledigen Männer und 63 Prozent der ledigen Frauen werden mindestens einmal heiraten, rechnet die Statistik aus. Auch wenn der heutige Vermählungswille nicht mehr mit demjenigen vor fünfzig Jahren vergleichbar ist, gilt es wieder als chic, zu heiraten. Heiraten ist cool, vermittelt ein neobürgerlich angeheizter Backlash.

Und die Kinder der 68er-Eltern, die in ihren WGs noch diverse Beziehungsformen erprobten, begnügen sich nicht mehr mit Hosenanzug, Trauzeugen und Standesamt, sondern feiern rauschende Feste im traditionellen Stil. Weisser Tüll, Schleierkraut, Feuersteine, der Zukünftige geht auf die Knie. Die Videokamera hält alles fest. Der Rest der Welt wird dann am Sonntag in der Zeitung mit Niveau unter der Rubrik «Just married» informiert.

Es zeigt sich am heutigen 7. 7. 2007, Heiraten ist eine Schnapsidee. Der Run auf das Datum mit der mystischen Zahl 7 dauerte am ersten Anmeldungstag eine Stunde, dann waren die Zivilstandsämter ausgebucht. Ein gutes Datum zumindest für vergessliche Ehemänner. Denn vom siebten Himmel bis ins verflixte siebte Jahr, da verblasst vieles. Man könnte die Zahlensymbolik weitertreiben. Die Quersumme aus 7. 7. 2007 ergibt 23 – eine böse Zahl, die Zahl der Verschwörung.

Wie lange bleibt es magisch? Heiraten wirkt unzeitgemäss, wenn man bedenkt, dass die Hälfte der an diesem Tag geschlossenen Ehen scheitern wird. Die Scheidungsrate liegt bei 53 Prozent! Es ist ja nichts Böses dabei, wenn man am «schönsten Tag im Leben» – auch so ein Klischee – glaubt, dass es für immer ist, höchstens naiv. Höchstens riskant, weil die Erwartungen so riesenhaft, weil die Anforderungen des Alltags so viele sind. Besser also, man lässt den Ausgang der Verbindung offen. Die meisten Heiratenden sind wohl so klug, nicht in Ka
tegorien der Ewigkeit zu denken. Dann ist es einfach ein mit viel Aufwand betriebenes Bekenntnis für den Moment. Mir wäre der Aufwand zu gross. So ein Theater. Ich würde den Aufruhr scheuen. Wollen wir nicht lieber eine Woche nach New York?

Schöner scheiden Warum habt ihr geheiratet?, frage ich meine Freunde. Man habe sich zueinander bekennen wollen. Man habe die Beziehung besiegelt. Jetzt endlich habe man das Gefühl, zu jemandem zu gehören.

Und genau darum geht es. Aber das geht auch ohne Trauschein. Spätabends heimkommen und wissen, er ist da. Seine Hand halten, die unberingte, und sich versichert fühlen.
Meine Freunde könnten fragen: Bist du zu feige, dich ganz einzulassen? Ja, vielleicht ist es ein Stück Unabhängigkeit, das man sich so bewahrt.

Dasein im Ungefähren, zumindest im Kopf. Vielleicht ist es die Freiheit, jederzeit eine andere Möglichkeit von Leben wählen zu können, so lange man ungebunden ist. Vermeintlich ungebunden. Ich bin gebunden an den Apfelbaum, der auf unserer Terrasse steht und seine Geschichte hat. Jeder Teller, das Sideboard, Tisch und Bett, die sich nicht einfach entzweisägen lassen, alle Dinge, Güter und Erinnerungen, sind wie mentales Araldit. Sie verpflichten mich, nicht irgendeine Verfassung.

Fühlt man als Verheiratete denn eine grössere Verbindlichkeit? Als sich Freunde nach zehn Jahren Zusammensein entschlossen zu heiraten, ganz ohne Kinderwunsch, fanden alle: «Wie schön!» Nach drei Monaten war das Paar wieder geschieden. Es brauchte die Ehe als Katalysator, damit sie sich trennen konnten. Heiraten kann offenbar helfen – nicht um schöner, aber um endgültiger auseinanderzugehen.

Nicht heiraten ist kein antibürgerliches Manifest mehr, und dass wir in «wilder Ehe» leben, ein schönes Wort, davon leiten höchstens noch unsere Grosseltern das Unglück ab, das uns widerfährt. Es hat noch immer was: Man mag die Verbindung nicht gesetzlich verankern, weil sie etwas Privates ist. Man will Gefühle nicht staatlich absegnen lassen.

Und doch, als Gegenentwurf zur vorgeschriebenen Moral hat auch dieses Lebenskonzept an Kraft verloren. Der entfesselte Beziehungsmarkt macht vieles gleichwertig. Man kann nicht mal mehr die Dichter ins Feld führen, die einst gegen «die Institution der Ehe» gifteten. Françoise Sagan: «Viele, von denen man glaubt, sie seien gestorben, sind bloss verheiratet.» Anton Tschechow: «Wer die Einsamkeit fürchtet, sollte nicht heiraten.» Gottfried Benn: «Die Ehe ist eine Institution zur Lähmung des Geschlechttriebs.»

Der Spott wirkt eigenartig veraltet, weil man heute den Ausweg gefunden hat, die serielle Monogamie. Eine Ehe nach der andern, eine Beziehung nach der andern. Die Ehe als Einrichtung auf Zeit ist viel weniger fatal, und gerade dieser Bedeutungsverlust stellt sie in Frage. Zweimal, dreimal, viermal heiraten, es ist nichts dabei. Dreimal, viermal, fünfmal lieben, es ist nichts dabei – vor allem beim Abschied kein Scheidungsanwalt.

Die Wenn-dann-Falle Die pragmatischen Gründe schliesslich, auch sie sind nicht überzeugend genug, vors Standesamt zu treten. Ein Kind. Der erste Gedanke, wenn ein Paar, das seit fünf oder zwölf Jahren liiert ist, heiratet: Da formiert sich unter perlenbesticktem Satin, schlichtem Babydoll-Kleidchen eine Familie. Warum nun der Gesinnungswandel? Es vereinfache rechtliche Fragen, kläre das Finanzielle, so die Begründung. Man kann das heute auch in einer «Wohn-, Tisch- und Geschlechtsgemeinschaft» (Konkubinat) regeln lassen. In einem Konkubinatsvertrag könnten wir die Zukunft durchspielen: Stösst dem Partner etwas zu, dann. Trennt man sich, dann. Pensionsgelder werden ausgezahlt, wenn. Zudem umgehen wir die «Heiratsstrafe». Heiratsstrafe! Würden unsere Löhne zusammen besteuert, kämen wir in die stärkere Progression. Es sind nicht solche Rechnereien, die den Entscheid beeinflussen.

Heiraten wäre für ihn ein Grund, sagt ein geschiedener Freund, wieder mal ein grosses Fest zu feiern. Aber dafür eignen sich doch auch gewöhnliche Tage. Rituale brauchen keinen äusseren Anlass. Ich trage zwei Ringe, die mir mein Mann geschenkt hat, der nicht mein Freund ist, auch kein Partner, sondern ohne gesetzliche Grundlage mein Mann. Die Romantikerin sagt: Wir sind dauerhaft verlobt, im altmodischen Zustand der Erwartung. Pathetisch: wie ein Versprechen, das nie eingelöst werden muss, weil der Akt letztlich zu unbedeutend, überflüssig ist.

Sollten wir aber doch noch heiraten, wie wäre es am 12. 12. 2012, dem letzten Schnapszahldatum für immer und ewig, mein Mann? War nur ein Witz. Muss wirklich nicht sein.

Die Diskussion

7 Reaktionen

  1. Martin Weidmann

    Guter Text im Tagimagi. Ich teile seit 15 jahren Tisch und Bett und Freizeit und Ärger und Freude mit meiner Konkubinatspartnerin, Lebenspartnerin, freundliche Lebensbegleiterin, Freundin, Beraterin, und ich sage oft; meine Frau. Sie liest das Magazin eigentlich nicht. Aber bei ihrem Text sagte sie: Die schriebt genau das, was mir dänket.

  2. Oliver Reichenstein

    Alles ausreden.

  3. Martin Steiger

    @Oliver Reichenstein: Verheiratet?

  4. Oliver Reichenstein

    @Martinsan: Ja, ich bin verheiratet.

  5. Thomas Loretan

    Hallo Frau Schmid
    Ich habe Ihren Artikel im "Magazin" gelesen und mich nach dessen Sinn
    gefragt. Geht es um den Versuch, die Leserschaft vom Heiraten wegzubringen? Oder ist es einfach ein persönliches Statement? Falls letzteres zutrifft, möchte ich nur kurz mein eigenes Statement hinzutun, weil ich das in Ihrem Artikel vermisst habe. Ich bin seit sechs Jahren verheiratet und fühle mich gut dabei. Wir haben Kinder und uns entschlossen zu heiraten, weil wir uns so mehr als Familie fühlen. Wir sind Familie Loretan. Nicht Frau Schmidt und Herr Loretan mit ihren Kindern. Ich denke, das ist ein wesentlicher Punkt für Paare, die Kinder haben. Nicht unbedingt wirtschaftliche oder pragmatische Gründe. Was heutigen verheirateten Paaren etwas fehlt, ist die Entschlossenheit, für ihre Beziehung zu kämpfen, deshalb wahrscheinlich auch deer hohe Prozentsatz an Scheidungen. Gut, vermutlich schwingt da noch ein starker Egoismus mit, immer das Gute
    für einen selber in einer Beziehung zu suchen. Viele geben sich und ihre Beziehung leichter auf, wenn sie nicht das finden, was sie gesucht haben. Aber ich schweife ab. Ich wollte Ihnen ja lediglich den für mich wesentlichen Grund für meine Eheschliessung nahe bringen. Letztendlich ist auch eine Heirat ein persönliches Ding, genauso wie Ihr Artikel Ihre persönliche Meinung ist.

  6. Min Jeong KIM

    Wegen des Fotos im Artikel aus Südkorea wurde ich von KollegInnen gefragt, ob wir in Korea alle so heiraten. Die Antwort lautet: NEIN. Das Foto passt ja nicht mal zum Inhalt des Artikels!

  7. luouo

    Auch wenn die Veröffentlichung ihres Beitrags bereits einige Jahre her ist, komme ich nicht umhin, Ihnen meinen Standpunkt zum Thema heirat hier aufzuzeigen.
    Die aus logischer Folge eines Lebenslaufs und die aus dem Erbringen eines Beziehungsbeweises resultierenden Argumente für eine Heirat habe Sie nach meinem Geschmack in Ihrem Erörterung recht eingängig beleuchtet. Die meiner Meinung nach jedoch gesellschaftlich wichtigsten Argumente für eine solche – die leider auch in keinem der bereits erfolgten Kommentare anerkennenswert berücksichtigt wurden, sind in Ihrem Artikel leider nur stiefmütterlich behandelt worden.

    Die eigentlich aus staatlicher Sicht verfolgte Funktion einer Heirat, ist deren fördernde Bedeutung für die Ausbildung gesunder sozialer gesellschaftlicher Strukturen. Damit ist z.B. das ökonomisch günstige Profil einer Familie gemeint. Die Familie – auch die kinderlose – ist im Gegensatz zum Singledasein rein finanziell gesehen schon ein effektiveres Format. Sozial gesehen ist die gegenseitige Unterstützung der Mitglieder einer normgerechten Familie viel ausgeprägter als bei freundschaftlichen Beziehungen. Darüberhinaus ist für den Staat besonders bedeutsame Fortpflanzungspotential einer Familie besonders wichtig, weil nur die heute eben gefährdete Garantierung einer sich reproduzierbaren Gesellschaft eine Kultur dauerhaft nachhaltig existent halten kann. Die Familie ist durch deren unterstützende Funktion eine besonders günstige soziale Gruppe, um das zu garantieren.
    Soviel zur Funktion und zu den Eigenschaften einer Ehe-Gemeinschaft.
    Eben diese früher zugegebenermaßen besser zutreffenden Eigenschaften sind jedoch ausschlaggebend für die an die standesamtliche Heirat geknüpfte staatliche Förderung der Ehe. Wäre eine Partnerschaft nicht durch die Registrierung der im Standesamt stattfindenden Vermählung protokolliert, könnten Behörden nicht zwischen partnerschaftlichen Gemeinschaften und Single-Gemeinschaften unterscheiden, und daraufhin nach deren Standpunkt die förderungsbedürftigeren Ehe-Gemeinschaften (bespielsweise finanziell) unterstützen.

    Der Ort, an dem meiner Meinung nach der Hase im Pfeffer liegt, ist der Umstand das die auf Nachwuchsenstehung beruhende Frühförderung von Ehen als sich entwickelnde Familien durch den starken Anteil kinderloser Ehepaare zugenommen hat. Daher hat sich auch der Umfang der staatlichen Förderung dieser verringert, der jedoch dessen Ursache, die Kinderlosigkeit, wiederrum verstärkt.

    Ich werde bald beginnen zu arbeiten, und da sich der durch den Einkommensunterschied zu meiner studierenden Freundin bedingte Effekt der finanziellen Förderung unserer künftigen Ehe mit immerhin über 100 Euro im Monat auszahlt, werden wir auch heiraten. Zugegebenermaßen auch, weil wir ein gutes Gefühl dabei haben, wenn wir darüber nachdenken, die viel Jahre – vielleicht auch wer weiß es, für immer – zusammen zu bleiben.
    Der ausschlaggebende Primärgrund für uns ist und sollte auch für alle anderen Eheschließenden sein: der Ökonomische. Jeder, der einen Partner besitzt, mit dem er es ernst meint, und der eine für Ihn nicht unwesentliche Summe bei einer Eheschließung sparen könnte, wäre nach meiner Sicht dumm, wenn er sich diese Förderung entgehen ließe, nur um sich seinen Stolz zu bewahren, den Staat die für den jedoch rein objektiv relevanten, persönlichen Informationen zum Familienstand nicht zu “verraten”.

    Das dieser für viele, aus zwei arbeitstätigen Menschen bestehenden Paare leider nicht mehr gegeben ist, ist, wie ich finde, das eigentliche Problem. Partnerschaften und auch Ehen, die sich ökonomisch nicht als abgesichert bezeichnen können, und die Ihren Kindern dadurch keine guten Zukunftsperspektiven bieten können, schaffen sich nun mal keine an, und solange eine bessere Absicherung nicht garantiert ist darf man sich in Deutschland nicht über die durch finanzielle Unsicherheiten verursachte Kinderlosigkeit beschweren. Und damit auch nicht über den hohen Anteil an Scheidungen, der zu nicht unerheblichen Teil von Kinderlosigkeit geprägt ist.
    Die Frage hoher Scheidungsraten und die Frage nach Ehe-Schließung steht für mich also in direktem Zusammenhang mit Nachwuchsperspektiven, auch wenn diese sicherlich nicht die einzigen, aber einen wesentlichen Anteil in der Argumentation einnehmen.
    Mein Bruder und seine Freundin werden nicht heiraten, weil Sie beide arbeitstätig sind, und es sich für sie daher nicht lohnt. Er ist Kfz-Mechaniker, sie ist Kellnerin. Sie schaffen sich leider jedoch auch keinen Nachwuchs an, da sie sich beide von ihren beruflich Alltagsleben sehr ausgelastet fühlen, jedoch sich auch nicht abgesichertfühlen . Ihr wohlhabender Nachbar ist Single, und leitet einen kleineren mittelständigen Betrieb. Eine wie diese in diesem Fall zugegebenermaßen zugespitzte Situation ist es jedoch, die das zu großen Teilen kinderfeindliche soziale Umfeld in Deutschland manifestiert!

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