23.05.2007 von Jörg Kalt
Man kann wirklich nicht behaupten, dass sie sich keine Mühe gegeben hätten, die Leute, die «Prison Break» auf dem Gewissen haben.
Nach solchen Sätzen steht gemeinhin ein Aber.
Hier auch.
Aber.
Es beginnt zweifellos vielversprechend. Ein gut aussehender Sympathieträger überfällt eine Bank. Er benimmt sich ungeschickt, steht schief und steif da, feuert in die Luft, draussen wartet die Polizei. Der junge Mann scheint keine Ahnung und auch keine Augenlider zu haben, er blinzelt nie. Er wird zur Aufgabe aufgefordert. Er lächelt. Er hat einen Plan.
Das ist das Hauptwort in der Grammatik dieser äusserst erfolgreichen amerikanischen Fernsehserie aus dem Jahr 2005: der Plan.
Michael Scofield hat also einen Plan. Er will seinen zum Tode verurteilten Bruder Lincoln Burrows aus dem Gefängnis befreien. Dazu muss er sich freilich erst einmal selbst einliefern. Deshalb der überfall.
Natürlich darf man sich in Amerika seinen Hochsicherheitstrakt selbst aussuchen, deshalb landet Scofield im Fox River Penitentary am Stadtrand von Chicago, und dort trifft versuchter Raubüberfall auf Mörder des Bruders der Vizepräsidentin (doppelter Genitiv; nicht strafbar).
Bald merkt man: Der Mann hat sich vorbereitet. Wie es sich gehört, arbeitete er als Ingenieur bei genau der Firma, die die besagte Haftanstalt generalsanierte, hat deshalb Zugriff auf sämtliche Baupläne und lässt sie sich, übersetzt in Racheengel, Satansfratzen und Frauennamen, auf seinen Torso tätowieren.
Wie üblich in Gefängnissen ist man auch hier nicht allein, ein Bouquet von riechenden Mitinsassen tritt auf den Plan, allesamt Figuren, die man, wenn auch nicht aus dem eigenen Privatleben, so doch aus anderen Filmen und Fernsehsendungen kennt:
– Der Mafioso, der auch hinter Gittern die Fäden in der Hand hält.
– Das Mitglied der White Arian Brotherhood, das einen gesunden Zugang zur Päderastie hat.
– Der Latino, der, auch wenn er schweigt, immer singt und deshalb dringend «Sucre» heissen muss.
– Der Schwarze, der alles besorgen kann.
– Der inwendig ausgehöhlte, moralisch korrumpierte Wärter, der, wie eine Schnecke, eine Schleimspur hinterlässt.
– Der Gefängnisleiter, autoritär, aber gutmütig, der die Häftlinge insgeheim für seine Kinder hält.
«Prison Break» greift, was das Personal betrifft, tief in den Klischeezylinder und zaubert die üblichen Kaninchen auf den Schirm, was anfangs nicht richtig stört, denn zumindest wirkt die Prämisse des Ganzen, sprich: Mann bricht in Gefängnis ein, um wieder auszubrechen, recht frisch.
Allerdings hat der Produzent und Creator von «Prison Break», Paul Scheuring, auch hier gestohlen, und zwar von einer Bekannten, der die Idee ursprünglich gehörte, was leider keinen Freiheitsentzug nach sich zieht. Ein paar Monate San Quentin hätten dem Mann gut getan.
Ein einziger Einfall reicht nicht für 24 Folgen, also wird mit Schaumstoff aufgepolstert: Scofield bricht ein, um seinen Bruder zu befreien, der Bruder ist unschuldig, die Schuldigen finden sich in den höchsten Regierungskreisen, eine befreundete Anwältin will die Verschwörung aufdecken, gerät dabei selbst in Lebensgefahr und so weiter.
Das alles entwickelt sich mit einer eigenartig sämigen Zähflüssigkeit über zwanzig Stunden Laufzeit, trotz vifen Schnitten und hantiger Kameraführung. Man fragt sich, warum, und erkennt, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die primär aus Löchern besteht.
Hart wie Marzipan Warum, fragt man sich zum Beispiel, lässt sich einer einen chiffrierten Lageplan auch auf den Rü-cken stechen? Entzifferbar ist das vielleicht in der Ankleidekabine eines Herrenbekleidungsgeschäfts, aber in einer Zelle? Ohne Spiegel? Ohne Beratung?
Warum, fragt man sich weiter, ist es einem Häftling, der mit einer Backe bereits auf dem elektrischen Stuhl sitzt, möglich, mit anderen Feld-, Wald- und Wiesenkriminellen zu fraternisieren, mit ihnen im Hof zu spazieren und Ausbruchspläne zu hecken? Müsste der nicht, so wie Charles Manson, abgeschottet und in Einzelhaft, die Speisenfolge seines letzten Abendessens kontemplieren?
Bestehen Gefängnismauern wirklich aus ausgehärtetem Marzipan?
Ist Autismus wirklich die Voraussetzung für den Beruf des Gefängnisaufsehers? Würde die Kombination eine Handvoll Sträflinge/ein abgeschlossener Raum/Klopf-, Bohr-, Tunnelgrabgeräusche nicht selbst bei Einzellern eine Art Verdacht hervorrufen?
Wie man aus anderen Film- und Fernsehproduktionen weiss, kann man eine Geschichte auch ohne glaubwürdiges Drehbuch erzählen, nur sind dann andere Departments aufgefordert, Brü-cken über dramaturgische Abgründe zu legen. Manchmal springt die Regie ein, manchmal tun es die Darsteller.
Ein Wort zu Letzteren: Seltsamerweise beschleicht einen das eigenartige Gefühl, dass sämtliche Hauptrollen nicht von Schauspielern gespielt werden, sondern von ihren unbegabteren Zwillingen, die ihre Geschwister, vom Stehplatz aus, in zweitklassigen Theatervorstellungen beobachtet haben und jetzt kopieren.
Der Zwillingsbruder von Peter Stor-mare ist so ein Fall. Er gibt den italienischen Mafiapaten Abruzzi mit grosser, und vor allem skandinavischer, Hingabe, also als Schwede. Selbst einfache Vokabeln wie «Ciao» oder «Stugazz» spricht er durch eine Portion Köttbullar im Mund, die dazu passende Sauce trägt er in den Haaren. Alles an ihm schreit nach Smörgåsbord.
Oder die Schwester von Robin Tunney, die die verschwörungsaufdeckende Anwältin vortäuscht. Warum hat niemand dieser Frau gesagt, dass man beim Sprechen den Mund zumacht? Warum schliessen ihre Lippen nie? Eine physiologische Fehlkonstruktion, die, in Kombination mit den ex aequo aufgerissenen Augen, ihr Gesicht in einen Dauerzustand der Höchstalarmierung versetzt, auch wenn sie Harmloses tut wie Kaffee zuckern oder Hunde streicheln.
überhaupt. Was ist mit den Mündern der eineiigen Verwandten unserer Hauptdarsteller los? Der Bruder von Robert Knepper, der den homophilen Arier gibt, hat eine Rindszunge im Rachen, mit der er nicht nur spricht und spielt, sondern die auch mitspricht und mitspielt. Stacy Keach (aka Mike Hammer) ist bekannt für seinen Zierschnurrbart, der superlabiale Haarwuchs seines Zwillings ist spärlicher und gibt deshalb den Blick auf eine grandiose Hasenscharte frei, deren schauspielerisches Talent allerdings dem ihres Trägers überlegen ist.
Aber, aber, aber Im Endeffekt und trotz allem ist aber nicht die Absenz von schauspielerischem Talent oder durchdachtem Drehbuch verantwortlich für die Nebensächlichkeit von «Prison Break», sondern das Fehlen eines einzigen Wortes. Und das Wort heisst «fuck».
«Fuck«, und nicht «der Plan», ist in Wahrheit das Hauptwort jeder modernen Gefängnisgrammatik. Das lese man, falls man nicht selbst in der Death Row sitzt, bei Edward Bunker nach: «The all-purpose word is ‹motherfucker›, serving as noun, verb, adverb and adjective.»
Und das erklärt viel. Wenn Sprache, beziehungsweise Körpersprache, derart gestutzt wird, kann kein Schauspieler gut spielen und kein Drehbuchautor gut schreiben.
Sie können also alle nichts dafür.
Selbst der federführende Sender Fox, auf dem offenbar nicht geflucht werden darf, ist aus dem Schneider, denn dasselbe Haus produziert die «Simpsons» und ist deshalb bis ans Ende der Fernsehgeschichte entschuldigt.
Was also tun?
Einfach.
Das Schweizer Fernsehen zeigt «Prison Break» ab dem 7. Juni, der verantwortungsbewusste Zuschauer mietet stattdessen die um zehn Jahre ältere Gefängnisserie «Oz», von HBO produziert, hervorragende Darsteller, stabile Drama-turgie, differenziertes Personal, grammatikalisch äusserst korrekt, und lässt sich so niveauvoll und einmal die Woche die Freiheit entziehen.