Nie mehr tot

Gibt es ewiges Leben, im Diesseits? Für manche Forscher und ihre reiche Klientel ist Unsterblichkeit nur noch eine Frage der Zeit.

06.06.2008 von Rico Czerwinski , 14 Kommentare

Der Mann ist völlig irr. Gehetzt geht er auf und ab, sein Blick ist starr auf den Horizont gerichtet. Er überquert eine Brücke im Park des exklusivsten Colleges in Cambridge, kommt an ein paar sicher 5000 Pfund teure Parkbänke. Auf denen sitzen ein paar Seniorinnen in rahmengenähten Damenschuhen. Der Mann starrt unbeirrt vor sich hin, sein alter Schafwollpullover ist zerzaust, seine Tennisschuhe sind verwittert wie die eines Bettlers. Und dann redet er. Mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs. In derselben Lautstärke. Die Stirn in Falten, der dunkelbraune Bart struppig, aber er verschluckt nicht nur die erste und letzte Silbe jedes Worts. Er sagt vor allem Dinge, die müssten ihn sofort in eine Gummizelle führen. Doch die Damen bleiben aufmerksam lauschend sitzen.
Der Mann ist vielleicht doch nicht verrückt. Er ist vielleicht genial.
Bis vor Kurzem verursachte der Glaube, man könne das Altern aufhalten, nicht mehr als trauriges Gelächter. Der Papst der Biogerontologie hat das geändert. Die Überzeugung, der Tod sei nicht unabwendbares Schicksal, sondern eine Frage der Gegenmittel, gewinnt dank Aubrey David Nicholas Jasper de Grey zunehmend Anhänger. Der 45-jährige, eben noch namenlose Gerontologe und Ingenieur, hat ein beeindruckendes Grundlagenwerk über das Altern geschrieben. Es hat trotz seinem Inhalt erstaunlich viel Zustimmung hervorgerufen. De Grey sagt: Der menschliche Alterungsprozess ist eine Krankheit, die sich aus sieben Prozessen zusammensetzt. Sie sei heilbar, und er wisse wie.
Die Zustimmung kommt von überraschend unterschiedlichen Seiten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Welt scheine Befreiung vom grausamen Schicksal jedes Menschen nicht mehr unmöglich – schrieb nicht Tom Cruise, sondern der auf Utopien allergische «Economist». Den Bioethiker Sherwin Nuland verwunderte de Greys «erstaunlicher Intellekt». Plötzlich interessieren sich anerkannte und respektierte Forscher wie der Molekularbiologe Bruce Ames für ihn. Und nicht nur Universitäten weltweit wollen mit dem Briten zusammenarbeiten: Besonders grosser Beifall kommt von den reichsten Menschen der Erde.

Sehe dich vor!

Wer unsterblich werden wolle, solle sich jetzt darauf vorbereiten. Das ist de Greys Botschaft. Die Dynamik in der Biotechnik sei seiner Meinung nach derart in Schwung gekommen, eher früher als später erreiche sie einen speziellen Punkt. «Die Rakete startet früher, als Sie denken.» De Grey will sagen: Die Lebenserwartung von Menschen wird sich viel schneller als gedacht erhöhen. Wenn sie bis 2030 fit bleiben, haben bereits heute Lebende eine Chance. Ab dann würde sich die Lebenserwartung bald jährlich um mehr als ein Jahr erhöhen.
Immer mehr Menschen wollen in diese Rakete. Eine ganze Industrie reagiert auf die Nachfrage nach Spaceshuttles an diesen Punkt. Sie bereitet ihre Kunden darauf vor, den Raumbahnhof in körperlichem und mentalem Bestzustand zu erreichen. Denn nur im Bestzustand könne einen die Dynamik in der Biotechnik bereits ab 2030 pro Jahr immer noch ein weiteres Jahr am Leben erhalten, den Tod stoppen.
Das Altern ist eine der hässlichsten Erfindungen. Immer mehr Menschen verstehen: Ihr Körper ist das willenlose Werkzeug zur Vervielfältigung ihrer Erbinformation. Ihre Gefühle sind der Natur egal. Die Natur ist grausam, die Evolution will Gene bewahren, es ist effektiver, sie in einem neuen Körper weiterzugeben. Die Natur kümmert nicht, wenn unsere Körper zugrunde gehen. Sie und alles, was wir ausser unseren Geschlechtszellen sind, ist nicht mehr als eine Wegwerfverpackung. Immer mehr Leute ertragen das nicht länger. Jetzt schlägt der Mensch endlich zurück.
Zum Beispiel Frank Dick. Der 67-Jährige sitzt in einem dieser Shuttles. Einem dieser Programme, die ihn im Bestzustand nach 2030 bringen sollen. Er will der Natur entfliehen. Er will ihre Grausamkeit schlagen. Er hat sie zum ersten Mal eindrucksvoll mit 40 bemerkt. Er kniete auf einem Laufplatz, neben Daley Thompson, einem der weltbesten Zehnkämpfer. Dick lief damals zuweilen zum Spass ein Rennen gegen ihn. Dick kniete, startete, lief und verlor zum ersten Mal die 1500 Meter. Und beschloss, Hand statt Werkzeug zu sein. Irgendwann lernte er Dr. Richard Reyes kennen und begab sich in seine Obhut. Reyes spielt in der Topliga einer Branche, in der das Maximum aus der Lebenserwartung geholt wird.
Es ist eine Branche, die von sehr vermögenden Kunden lebt. Eine sehr verschlossene Branche. Reporter kommen aus der ganzen Welt. «Sie stellen uns nach wie seltenem Wild», klagt Reyes am Telefon, um ein Treffen angefragt. Er sagt zu, dann wieder ab, hält hin, droht unterschwellig mit Klage. «Kollegen von Ihnen recherchieren meinen besten Klienten auf eigene Faust wochenlang hinterher. Eine Reporterin rief in einem Büro an, sie hatte die Telefonnummer herausbekommen. Sie fragte nach den Lebensgewohnheiten des Mannes – hey, so was gibt eine Klage! Sie war im Vorzimmer des Bosses eines der grössten Hedge Funds der Welt!»

Alle Zeit der Welt

Die Lebensverlängerungsbranche wächst seit einigen Jahren dreistellig. Seit 2003 verdoppelt bis verdreifacht sich mit jedem Jahr die Zahl der Anfragen etwa bei Dr. Reyes. Zu seinen Kunden zählen Investmentbanker, Dotcom-Industrielle, Leute aus der Hedge-Fund-Szene. Einer von ihnen ist «Besitzer von dreiundzwanzig Häusern», ein anderer der «Eigner von acht Jets». Daneben habe es noch ein «paar Künstler, einen der gefragtesten Bildhauer» und damals seinen ersten Kunden, einen der wichtigsten britischen Sportfunktionäre, eben jenen Frank Dick. Diese Leute haben die Lebensverlängerung entdeckt. «Wissen Sie», sagt Reyes, «an den Enden unserer Gene hängt etwas namens Telomer und teilt sich bei jeder Zellteilung mit.» Irgendwann sei es zu kurz. Es sei die biologische Uhr, welche die maximale Lebensdauer eines Menschen bestimme. «Bei fast allen ist sie sehr gross. Neunzig Prozent schöpfen sie nie aus.»
Seine Kunden wollen sie ausschöpfen. Sie rufen an, etwa ein CEO aus Chicago, Reyes sitzt gerade am Strand in Südengland. Der CEO ist drüben in Deauville, sein Sohn hat sich am Fuss verletzt. Reyes nennt ihm aus dem Kopf den nächstgelegenen Experten für Verletzungen an Gliedmassen. Legt auf, ruft den Experten an. Macht sofort einen Termin. Er bietet seinen Kunden medizinisches Wissen auf Maximalniveau. Sein grösstes Asset aber ist seine in Jahrzehnten angeeignete Kenntnis der globalen Medizinlandschaft. Und seine Kontakte zu den brillantesten Ärzten. «Meine Kunden wollen die beste spezifische medizinische Versorgung. Sofortigen Zugang. Das Gesundheitssystem ist ein Wrack. Sie wollen nicht irgendwo in einer Reihe stehen und bei einem Assistenten landen. Sie wollen den Professor, now.»
Daneben bietet Reyes Beratung und Zugang zu fortgeschrittenster Infrastruktur. Er organisiert am Anfang des Programms einen intensiven Tag in den besten Blut-, Gehirn- und sonstigen Analyselabors. Deckt Erkrankungen in der frühestmöglichen Phase auf, erarbeitet personalisierte Ess- und Sportprogramme, gibt Nahrungszusätze und Wachstumshormone. Die Patientendaten seiner Klienten sind auf einem Server in seinem Haus verschlüsselt, aber mit Passwörtern für Mediziner in den globalen Businesszentren jederzeit abrufbar. Nur aus dem Kopf, so Reyes, kenne er die letzten Körperfasern seiner Klienten sogar noch besser – und könne auf jedes auftretende Bedürfnis noch schneller reagieren. «Lebensdauer ist das Thema der nächsten fünfzig Jahre. Meine Kunden leben viel gefährlicher als die Mittelschicht. Der Stress, dem diese Leute mit den Rieseneinkommen ausgesetzt sind, ist enorm. Sie sind wie Kamikaze-Piloten. Zwei Drittel meiner Patienten über 50 sind herzkrank. Ich kenne 31-jährige Investmentgurus mit Herzinfarkt. Der Stress, der Druck, die Geschwindigkeit, die Businesskultur mit all dem Essen und dem Alkohol. Sie leben total artifiziell. Sie haben das Gefühl, sie müssten später etwas zurückzahlen. Lebensjahre. Aber sie wollen sich nicht auf den Altären ihrer Jobs opfern. Sie leisten ungeheuer viel. Sie wollen nicht sterben.»
Sie alle wollen in den Shuttle. Wollen von der Dynamik in der Biotechnik profitieren. «Wenn ich sage, ich habe fünfzig Leute in meinem Portfolio, ist das nicht korrekt. Es sind eigentlich viel mehr. Zuerst kommt immer der Vater, der Ernährer der Familie. Und nach einigen Monaten will er für seine ganze Familie dasselbe Programm. Nein sagen geht dann nicht. Dabei ist mein Portfolio voll. Ich nehme niemanden mehr an.»
Dem braun gebrannten Briten Frank Dick offenbar nützt sein Platz: Er sieht aus wie ein gut erhaltener Playboy, sitzt in einer Lounge im Flughafen Gatwick. Jedoch schaut er ständig zwischen seiner Blancpain und dem Gesicht von Dr. Reyes hin und her. Er wirkt gestresst. Er ist 67. Er läuft dreimal in der Woche 5000 Meter. Noch zweiundzwanzig Jahre bis zu dem Jahr, in dem die Biotechnik laut de Grey erstmals ihr ganzes Potenzial offenlegt. Reyes verschreibt ihm Nahrungsmittelzusätze, Reyes verschreibt ihm Scans – doch es wird knapp. Wenn Dick will, kommt Reyes so wie jetzt gerade an jeden Ort. «Rick, es gibt ein Problem. Ich hatte wieder dieses Herzklopfen. Rick, ich habe Angst.»

Kampf gegen die Todesreiter

Nicht nur Frank Dick geht es zu langsam. Viele noch bedeutend ernster zu nehmende Menschen wollen den Fortschritt in der Biomedizin beschleunigen. Und sie sind in der Lage dazu. Sie können viel mehr als die 50 000 Dollar für die Beratung durch Dr. Reyes investieren. Immer mehr Superreiche finanzieren privat ganze Zweige biomedizinischer Grundlagen- und Spezialforschung, unterhalten Forscherteams an Universitäten – offiziell, um «die Biomedizin nach vorn zu bringen».
In Wirklichkeit haben die meisten dieser Projekte eine einzige Stossrichtung: radikale Lebensverlängerung. Larry Ellison, der Gründer der Softwareschmiede Oracle, finanziert mit 300 Millionen Dollar aus seiner Privatkasse Forscherteams, die an der Behandlung altersbedingter Krankheiten wie Alzheimer arbeiten. Die meisten halten diese Investments geheim. Leute wie Peter Thiel, der Gründer von Paypal und Kopf von Clarium Capital, einem der einflussreichsten Makro-Hedge-Funds, oder wie der chinesische Dotcom-Unternehmer Bill Liao hingegen finanzieren offen. Sie unterstützen den Papst der Forscherszene. Der Brite Aubrey de Grey ist dafür als Werbeträger und Botschafter in der politischen Elite unterwegs und wirbt für Biotechnik. Ende diesen Monats versammelt er Politiker in Kalifornien, dem Mekka der Genetik, Stammzellenforschung und zellularen Regeneration.
Er versucht die Verbindung von Lifestyle, Business, Politik und Medizin. Noch grösser als sein Marketing-Instinkt ist nur seine Potenz als Theoretiker. Aubrey de Grey wirft die plastischsten und genauesten Bilder der Zukunft an die Wand. An der Konferenz in Kalifornien soll er den Politikern die Theorie des Fluges in die Ewigkeit, des rapiden Fortschritts in der Biomedizin erklären. Das Bild einer Welt mit radikal verlängerter Lebenserwartung, den Weg in diese Welt und ihre Herausforderungen. Er hat den Weg vorgezeichnet. Er sieht diese Welt vor sich.
In dieser Welt erhält man in Spitälern am Anfang chirurgische Operationen, doch mit der Zeit werden die Eingriffe weniger invasiv. Man muss es sich vorstellen wie eine Ersatzteilwerkstatt. Der Körper ist eine Maschine. Der Körper ist eine Art Auto. Man bringt ihn alle zehn Jahre in eine Werkstatt. Er wird generalüberholt und repariert.
Sieben Prozesse werden in den Spitälern gestoppt und sogar umgekehrt – de Greys sieben Reiter des Todes. Bei denen er jeweils zu wissen meint, wie ihnen das Genick zu brechen sei. Erstens: der Verfall von Zellen. Er führt etwa dazu, dass Gewebe in Herz und Gehirn abstirbt. Dagegen werden Ärzte Wachstumsfaktoren injizieren und verlorene Zellen mit Stammzellen ersetzen.
Zweite Ursache des Alterns: die Vermehrung unerwünschter Zellen, etwa von Fettzellen, die mit der Zeit Muskelzellen ersetzen. De Grey ist überzeugt, die Wissenschaft werde eines Tages Substanzen herstellen, die diese Zellen zur Selbstvernichtung anregen und sie angreifen.
Drittens: Erbgut-Veränderungen im Zellkern und Entstehung von Krebs. Die Bösartigkeit der Krebszellen hat etwas mit den Telomeren zu tun, jenen Chromosomen-Enden, die sich bei jeder Zellteilung mitteilen. Man eliminiert das Gen für das Enzym, das die Telomere erhält, und die Krebszellen sterben.
Viertens: Erbgut-Veränderungen in den Mitochondrien, den Energiekraftwerken der Zelle. De Grey hat herausgefunden, dass ein Teil ihrer DNA deshalb für Mutationen anfällig ist, weil er sich ausserhalb des Zellkerns befindet. Also kopiert man die dreizehn Gene der Mitochondrien-DNA in den Zellkern.
Fünftens: Ablagerungen von Abfallprodukten in der Zelle. De Grey schlägt vor, die Gene bestimmter Bakterien in den Körper zu schleusen. Er glaubt, dass sie diese Ablagerungen abbauen können.
Sechstens: Abfallprodukte ausserhalb der Zellen. Diesen Ablagerungen etwa im Gehirn, die Alzheimer verursachen, möchte de Grey mit einer Impfung begegnen. Der bisher nicht entwickelte Impfstoff würde das Immunsystem zur Beseitigung der Ablagerungen anregen.
Und siebtens: unerwünschte Proteinverbindungen, die Gefässwände versteifen und etwa zu Bluthochdruck führen, mit neuen Lösemitteln behandeln.
Die Forschung hat bisher keinen dieser Vorschläge praktisch umgesetzt. Weil sie es bis jetzt nicht kann. Zu mehreren Punkten gab es jedoch bereits Ergebnisse, die vorsichtig optimistisch stimmen können: Die Erforschung der Proteinverbindungen gegen die Gefässversteifungen etwa hat Medikamente im Entwicklungsstadium hervorgebracht. Bei den meisten anderen Lösungen handelt es sich um Spekulationen de Greys. Vielleicht werden sie tatsächlich zur erfolgreichen Entwicklung von Gegenmitteln führen. Denn sein Masterplan gilt als neu und erstaunlich, weil er den menschlichen Körper aus dem Blickwinkel eines Ingenieurs begreift.

Wir retten die Welt

Sein Ansatz ist nach Auffassung vieler Ingenieurkunst auf höchstem Niveau. Man nimmt Erfindungen, die bereits funktionieren, und verfeinert sie. De Grey glaubt, die wirklichen biomedizinischen Durchbrüche habe es schon vor Jahrzehnten gegeben. Mediziner mit Ingenieurtalent müssten sie kultivieren. Dies sei schnell möglich. De Grey kritisiert die Medizin: Die meisten Kollegen hätten den Fortschritt zum Wohl der Menschheit aufgehalten, weil sie eines von ihm unterscheide: Wie Ingenieure sollten sie Lösungen für Probleme finden. Nicht Jahre verschwenden, um ein Problem aus medizinischem Stolz bis ins Kleinste zu verstehen.
Kollegen wie der Bioethiker Sherwin Nuland halten de Grey und seinen Ansatz für hochinteressant. Seine Theorie sei das Produkt eines erstaunlichen Intellekts. Nur leider das eines vollkommen verantwortungslosen Intellekts. «Scheitern seine Pläne nicht», raunte Nuland gar, «führen sie mit Sicherheit zu unserer Vernichtung» – viele indes halten Nuland für einen Spielverderber. Und helfen lieber de Grey mit neuen Checks, Ehrungen, Einladungen.
Für seine vermögenden Unterstützer ist die Frage entschieden. Wird es eine Welt voller sehr alter Menschen geben? Ja. Für sie ist nur noch die Frage: ab wann? Wie bald? Es sei eine Spirale: umso wertvoller das Leben, umso höhere Investitionen in Biotechnik. Umso grösser die Möglichkeiten der Biotechnik, umso höher die Lebenserwartung. Umso wertvoller das Leben. Denn ist es erst einmal möglich, wollen es alle. «Treten erst einmal ein paar völlig gesunde 90-, 100-, 130-jährige Menschen am TV auf», so de Grey, «ändert sich alles. Dann gibt es einen unvorstellbaren Run. Alles wird rekalibriert. Die Erhaltung des Lebens hätte ab diesem Moment völligen Vorrang vor allem anderen. Denn wer wollte dann noch sterben? Sie?» Solange man in einigen Jahren sicher am Alter stirbt, ist das Leben und sein Wert relativ. Doch können wir Gesundheit und Leben erhalten, steigt ihr Wert ins Astronomische. Und das ist toll. Sagen die wichtigsten Unterstützer de Greys.
Mittagessen mit einem von ihnen. Der chinesische Dotcom-Milliardär Bill Liao sitzt in einer abgeschirmten Lounge eines Klubs in Zürich, der sich «dem informellen Gedankenaustausch zur Meinungsbildung und Orientierung jüngerer Schweizer Unternehmer, Politiker, Intellektueller und ihrer Gäste» verschrieben hat. Gleich hinter der blickdichten Glastür im Klub zum Rennweg sitzt gerade FDP-Vizepräsident Noser beim Mittag. Bill Liao tippt am Anfang noch lässig in sein neues Apple MacBook Air, trinkt dann aber immer mehr Wasser, weil er immer enthusiastischer wird. Angesichts der Welt aus dem Kopf seines Investments Aubrey de Grey.
«Ich sehe Aubreys Arbeit vor allem unter dem Aspekt der Weltrettung.» Bill Liao ist Investor, seit er nach der Schule mit Social-Network-Software zunächst seine erste Million Dollar, dann seine erste Milliarde verdiente. «Ich habe in meinem Leben ein paar weise Investments gemacht. Aber wir alle sind von der Erde. Jetzt will ich der Erde etwas zurückgeben.»
Radikale Lebensverlängerung ist die Lösung aller Probleme auf der Welt. Das ist das Credo von Liao, de Grey und ihren Mitstreitern. Sie würde den Klimawandel beenden. «Wir wären in so einer Welt», sagt Liao aufgeregt, «historisch vernetzt. Wenn Texaner dreihundert Jahre leben oder länger, würden sie nicht mehr SUV fahren. Dann interessieren sie sich für den Planeten.» Es bringe die Künste voran. Wer würde nicht gern ein Instrument erlernen? «Und hätten Sie nicht gern einen Karate-Black-Belt? Wir würden uns nie langweilen. Es gibt so vieles.» All das sieht natürlich auch Aubrey de Grey so. All diese Prognosen stammen von ihm. Auch er glaubt: «Lebensverlängerung würde die meisten uralten Probleme der Menschheit lösen» – denn das Altern, der Tod, die Endlichkeit des Seins sei überhaupt die Ursache dieser so viel Leid produzierenden Probleme.
Bald wird es, wenn es nach de Grey geht – keine Kriege mehr geben. Keine Todesstrafe. Keine Selbstmorde. Alles wegen der Rekalibrierung unseres Wertesystems. In einer Welt des endlosen, gesunden Lebens würde unversehrtes Leben von astronomischem Wert sein. Die Werte änderten sich dann auch gegenüber ungeborenem Leben. Gegenüber Kindern. In der Welt, die Liao, de Grey und die anderen voraussehen, an der sie arbeiten, in dieser Welt gäbe es fast keine Kinder mehr.
Das sei aber kein Skandal, sondern der natürliche Lauf. Alle fragen de Grey zuerst dasselbe. Voller Sorge. Was werde mit der Überbevölkerung sein? De Grey lächelt dann und wiederholt zum hundertsten Mal: «Es wird keine geben. Die Erhaltung bestehenden Lebens hätte absoluten Vorrang vor allem anderen.» Für de Grey ist eine Welt fast ohne Kinder eine Vorausschau auf das Ende einer längst stattfindenden Entwicklung. Er hat nachgezeichnet, wie sich der Grad des wirtschaftlichen und medizinischen Fortschritts zur durchschnittlichen Anzahl von Kindern pro Familie verhält. «Die Korrelation ist überwältigend.» Die Geschichte der letzten dreihundert Jahre zeige, wie Menschen sich entscheiden, wenn sie zwischen ihrer Lebensqualität und dem Leben ihrer ungeborenen Kinder wählen. «Vor zweihundert Jahren hatten viele Familien in Europa sieben Kinder. Heute haben sie meist eines bis zwei. Die Menschen werden sich künftig fast nur noch für die Bewahrung bereits geborenen Lebens entscheiden, nicht aber für neues.» Denn sie müssen sich entscheiden, weil die Erde sonst wirklich schnell hoffnungslos überbevölkert wäre. Sie würden die Geburt vieler Kinder mit hohen Steuern belasten oder gar bestrafen. Die Kosten würden ins Unendliche steigen. «Aber so sehr wie in der Vergangenheit können wir die Zahl der Geburten gar nicht mehr reduzieren.»
Sagt er, nimmt noch einen Schluck Abbots Ale, von dem er an diesem Vormittag im Pub bereits drei getrunken hat, wischt sich lächelnd den Schaum vom struppigen Bart. Er ist doch verrückt. Einer, der so was sagt, muss ja verrückt sein. Einer, der so was sagt, müsste eigentlich sogar selbst ahnen, dass er Irrsinn redet. Aber nein, widerspricht Aubrey de Grey da. Er sei ja nicht der Motor des Ganzen. Nein, sagt auch Unternehmerstar Peter Thiel. Aubrey sei nicht wahnsinnig. «Aubrey ist ein Genie, die seltene Kreuzung eines brillanten Wissenschaftlers mit einem erstklassigen Querdenker.» Die Motoren seien nicht sie, sondern der Drang des Menschen nach Selbstvervollkommnung. Aubrey zeige nur den Weg. Er helfe nur ein bisschen. Aber dürfen wir derart in die Natur eingreifen? «Ohne uns gäbe es gar kein Konzept von Natur», sagt Liao. Ist das alles nicht extrem arrogant? «Sie sind arrogant», sagt Liao. «Und dumm. Gott hat uns die Mittel zur Verbesserung unseres Lebens gegeben. Arrogant ist zu sagen: kümmert uns nicht.»

«It’s life, stupid!»

Aubrey de Grey warnt davor, sich nicht vorzubereiten. Davor, die Dynamik in der Biomedizin zu unterschätzen. Der Übergang in diese Gesellschaft werde alles andere als fröhlich verlaufen. Zunächst sei der Zugang zu medizinischen Innovationen beschränkt. Das werde einen Andrang auslösen. Die Übergangsphase, sagt de Grey, werde hässlich. Man könne sich das kaum vorstellen. Nur er könne sich das vorstellen. Und die Leute, die Krieg durchlebt hätten. «Nur die kennen echten Überlebensinstinkt.»
Doch nach zwanzig, fünfzig Jahren würden die Technologien billiger. Wenigstens in den wohlhabendsten Regionen würde es immer weniger schwache Senioren geben, welche die Gesundheitssysteme immer weniger belasten. Riesige Mengen Geld würden frei. Man könnte sie in Bio-Forschung, in die Künste, in die Dritte Welt investieren. Dann werde es grossartig. «Es wäre die beste aller Welten», glaubt Bill Liao. Bill Clintons Satz «It’s the economy, stupid» werde dann umformuliert. Kein Politiker würde gewählt, wenn er eine geringere Erhöhung der Lebenserwartung als sein Konkurrent verspreche. Dann heisse es: «It’s life, stupid!»
Und ganz sicher – man werde diese Welt schaffen. Was ihn so sicher macht? «Als ich all die Millionen verdiente», sagt Liao, «habe ich gemerkt: Nur der Wille zählt. Je mehr ich beschrieb, was ich wollte, je öfter ich es sagte, umso solider wurde es, bis es schliesslich Wirklichkeit war. Und glauben Sie mir: Mein Wille in dieser Sache ist pretty damn big.»
Es ist dunkel im Pub, in den de Grey an diesem Tag in Cambridge noch einmal gegangen ist. Er sitzt in seinem alten Schafwollpullover in einer Ecke am Tresen. Er redet immer noch laut. «Meine Mutter hat mir mit sieben gesagt: Lerne Klavier. Klavier? Ich sagte: Mutter, ich will die Welt verändern!»
De Grey hat sich wie nicht wenige wissenschaftliche Revolutionäre der Geschichte zuerst zum Star der Oberschicht gemacht. In nur fünf Jahren. «Diese Leute haben mich überrascht. Ich kannte sie nicht. Ich hatte mir diese Dotcom-Grössen und Hedge-Fund-Köpfe anders vorgestellt. Jetzt sitze ich mit ihnen in ihren Hochhäusern in Manhattan. Ich sollte das nicht sagen, aber: Sie wollen einfach nur noch ein bisschen leben. Sie mögen ihr Leben. Sie wollen sich einfach noch ein wenig an ihrer Frau, ihrem Hund, ihren Kindern erfreuen. Sie haben Angst. Wie alle anderen.»

Aubrey de Grey, 45, Vordenker «Lebensverlängerung würde die meisten uralten Probleme der Menschheit lösen.» | Peter Searle
Aubrey de Grey, 45, Vordenker «Lebensverlängerung würde die meisten uralten Probleme der Menschheit lösen.» | Peter Searle
Bill Liao, 40, Investor «Wir würden uns nie langweilen. Es gibt so vieles.» | Peter Searle
Bill Liao, 40, Investor «Wir würden uns nie langweilen. Es gibt so vieles.» | Peter Searle
Frank Dick, 67, Kunde «Ich hatte wieder dieses Herzklopfen. Ich habe Angst.» | Peter Searle
Frank Dick, 67, Kunde «Ich hatte wieder dieses Herzklopfen. Ich habe Angst.» | Peter Searle
Richard Reyes, 45, Lebensverlängerer«Neunzig Prozent der Menschen schöpfen ihre maximale Lebensdauer nie aus.» | Peter Searle
Richard Reyes, 45, Lebensverlängerer«Neunzig Prozent der Menschen schöpfen ihre maximale Lebensdauer nie aus.» | Peter Searle

Die Diskussion

14 Reaktionen

  1. m.piazza

    Die Vorstellung, dass es einer Generation gelingen sollte „ewig“ zu leben ist für mich beängstigend.
    Gerade durch den Generationenwechsel entstanden neue politische und gesellschaftliche Formen und Ansichten. Der natürliche Wechsel von Leben und Tod ist der Quell für die Entwicklung der Menschheit.
    Zu Glauben, das menschliche Bewusstsein gegenüber der Natur und der Umwelt würde sich auf Grund eines längeren Lebens ändern, empfinde ich als blauäugig. Die menschlichen Begierden bleiben dieselben, ob nun eine Lebenserwartung von 80 oder 300 Jahren zu erwarten ist.
    Im Gegenteil, eine längere Präsentszeit auf diesem Planeten mag manchen dazu veranlassen seine persönliche Entwicklung noch etwas weiter hinaus zu schieben. Ansichten und Meinung würden nicht mehr in der gleichen Form wie heute hinterfragt. Längerfristig würde dies zu einem Stillstand führen. Dem Ende der gesellschaftlichen und menschlichen Entwicklung.
    Der Wunsch unsterblich zu sein und (!) keinem Nachkommen mehr die Möglichkeit zu geben, die Welt nach seinen Wünschen zu verändern, ist meiner Ansicht nach ein ungeheurer Egoismus und von abstossender Arroganz dem Leben und dem Menschen gegenüber.

    Michel Piazza

  2. Tanja Boesch

    Purer Egoismus gepaart mit Arroganz ist wohl eine der gefährlichsten Kombinationen auf unserer Welt. Ein “Rasputin”, der der reichen Elite ewiges Leben verspricht, ungeachtet der Konsequenzen für den Rest der Bevölkerung. Wie abstossend …

    Keinem der hier zitierten Herren geht es auch nur im entferntesten um das Wohl und die Verbesserung der Lebensqualität auf unserer Erde. Wen interessiert es schon, ob Herr Liao noch Klavier spielen lernen kann, mich nicht und den Rest der Welt auch nicht. Heute ist es doch gut zu wissen, dass gewisse Menschen nach 70, 80 Jahren von der Weltbühne verschwinden und Platz machen für neues und hoffentlich auch besseres Gedankengut.

    Wenn ich mir eine Welt nach den Vorstellungen dieser Herren vor Augen halte, wird mir einfach schlecht. Degenerierte, jung aussehende Greise, keine Kinder mehr. Eine Zweiklassengesellschaft mit einem extrem hohen Gefälle und daraus resultierende Kriege. Kann das wirklich eine Zukunft sein? Kinder bewahren uns davor, noch völlig im Egoismus zu versinken, weil wir bei ihrer Geburt Verantwortung für ein neues Leben übernehmen. Wir begleiten sie, entlassen sie in die Welt und verabschieden uns dann, um Platz für neue Generationen zu machen.

    Die hier erwähnten Herren, sind leider nichts anderes, als vor dem Tod schlotternde Kreaturen, die nur zu bedauern wären, hätten wir nichts besseres zu tun.

    Und, ich finde es doch sehr befremdend, diesen Artikel so unreflektiert und einseitig im Magazin abgedruckt zu sehen.

  3. Jennifer Bebie

    Man stelle sich doch einfach einmal vor, wo wir jetzt stünden, wäre diese Möglichkeit den Staatsführern vor gut vierzig Jahren offen gestanden. Ausser Sie mögen die Vorstellung heute noch mitten im kalten Krieg zu stecken, oder auch nicht ganz abwegig gar nicht existieren zu können, weil die Welt vielleicht schon lange zerstört…Nein, es ist doch nicht möglich, dass sich irgendjemand wünscht, dass Menschen länger als im Schnitt siebzig Jahre leben. Klar die Vorstellung mag für den einzelnen verlockend sein, aber dann würde einfach eine reiche Oberschicht “ewig” bestehen, d.h. Politik, Wirtschaft, etc. stagnieren und auf dem für diese Schicht idealen status quo gehalten werden. Mittel- und Unterschicht würden dann neben diesen “Göttern” als “Verbrauchsmaterial” munter weiterwursteln…
    Ausser dass dies alles ziemlich guter Stoff für eine Dystopie-Fantasie im Stile Huxleys und Orwells bieten würde, ist es ja für die Welt wirklich nicht sonderlich wünschenswert und in seinen weiteren machtpolitischen bzw. gesellschaftlichen Folgen kaum annähernd gründlich durchdacht.
    Interessant aber, dass solche Dinge nicht nur als abstrakte Gedankenspiele existieren, sondern real propagiert werden. Im ersten Augenblick schlicht abstrus und lächerlich, bei genauerer Betrachtung wohl aber durchaus ernst zunehmen, was einen dann doch leicht beunruhigen sollte. V.a. da das “ewige” Leben ja nicht nach den Qualitäten einer Person, sonder rein nach ihrem Einkommen vergeben würde. Alles keine besonders netten Vorstellungen.

    Nun aber noch zu der Aussage es sei befremdend einen so unreflektierten Artikel im Magazin abgedruckt zu sehen.
    Meine Frage: Ist der Artikel wirklich unreflektiert? Man lese nur wie die Personen beschrieben, ihre Aussagen wiedergegeben werden. Es gibt auch sehr subtile Arten der Wertung, welche man als geübter Zeitungsleser, eben zwischen den Zeilen finden sollte.
    Ich habe es nämlich sehr geschätzt, dass im Artikel selbst kaum auf mögliche Auswirkungen und “Zukunftsszenarien” eigegangen wird, dadurch ist der Leser eben gezwungen selber zu denken und das ganze Aussmass des Beschriebenen wird einem eben genau durch diese “neutrale” Schilderung viel stärker bewusst. Da kommt etwas so ungeheuerliches so harmlos daher. “Hallo, LeserIn, wach auf! Denk selber! Wir erzählen dir etwas Schönes, logisch-wissenschaftlich aufgemacht! Du hast es geglaubt? Hast nicht aufgemerkt? Am Schluss erschrocken? Über den Inhalt? Dich selber? Gut so! Erster Schritt erfolgreich!”
    Meiner Meinung nach liegt es nämlich nicht an den Zeitungen uns zu sagen, was gefährlich, schädlich ist, sondern am Leser selber. Wir sind doch schliesslich alle aufgeklärte Menschen und nicht darauf angewiesen, dass uns unsere Meinung von den Medien gebildet und durch vorreflektierte Texte aus der eigenen Hand bzw. dem eigenen Hirn genommen wird. Denn das würde für mich auch schon wieder in eine relativ kritische Richtung (Orwell und Huxley legen die Stirn in Sorgenfalten) zeigen.

  4. Andreas M. Schnyder

    Wer über Unsterblichkeit so referieren will, sollte erst einmal bei Perry Rhodan nachlesen, der seit tausenden Jahren mit einem Zellaktivator in der Brust zum Wohle der Menschheit in der Galaxis rumreist.

    Ein paar Jahre länger leben, ist noch lange nicht unsterblich.

    Klingt doch verlockend: Die Fettpölsterchen mit ein paar Kanülen absaugen, den Stress mit ein paar Tablettchen neutralisieren, den Alkohol und die Aufputscher mit einer Blutwäsche elimieren und alle 10 Jahre zu einer Gentherapie. Schön, wenn es so einfach wäre. Doch länger leben wird nicht so einfach sein. Schon gar nicht, wenn man am Morgen ein paar Bierchen intus hat…..

    fg
    A. Schnyder

  5. Johannes Boehm-Maeder

    Nie gelebt – gibt es einen ewigen Tod im Diesseits?

    Die ganze Geschichte um die Star-Geriatrie der superreichen Erfolgreichen ist ziemlich absehbar. Auch ich habe vorübergehend schon mal 60–90 Stunden die Woche gearbeitet. Ich war verbohrt in ein Sachthema, das nach einer kurzen Durststrecke zum Erfolg wurde, doch diese Zeit hat mich im Leben keinen Schritt weiter gebracht – mit Ausnahme der Erfahrung, dass dies kein Leben ist, schon gar nicht die Welt nicht rettet und eigentlich gar nichts bringt. Ich habe mich damals keineswegs an meiner Frau, an meinen Kindern oder meinem Hund erfreut.

    Aubrey de Greys geriatrische Industrie wird zunehmend zum Milliardengeschäft. Bis 2030 wird sie sich wohl maximal entwickelt haben, und jedes Jahr werden 10 Prozent weniger Kunden sich mit 10 Prozent höheren Beiträgen an ihr beteiligen. Mit ihrer megamanisch solventen Kundschaft rentiert sie natürlich viel besser, als die Bekämpfung von Infektionskrankheiten bei den Ärmsten der Welt. Lassen wir‘s ihm, soll de Grey selbst einer der Reichsten werden. Ich befürchte, auch er wird sein Leben verpassen. Mehr Geld verlangt nämlich immer nur nach noch mehr Geld, mehr Macht nach noch mehr Macht, mehr Erfolg nach noch mehr Erfolg usw.

    Die reichen Mäzene der geriatrischen Industrie leben in der Zukunft. Im hier und jetzt sind sie gestresste Maschinen – tot. Sie haben Angst zu sterben, denn sie kennen das Leben nicht. Da sie bisher nicht gelebt haben, müssen sie die Maschine ihres Körpers weiter bewahren, damit sie in Zukunft einmal leben könnten – wenn sie es täten. Es kommt nämlich nicht drauf an, *ob* ich den Karate-Black-Belt erworben habe, sondern *wie*.

    Heute arbeite ich immer noch gern und viel, doch Familie und Freunde sind mir zunehmend wichtig geworden. Ich bin 48 (kaum älter als de Grey) und überhaupt nicht lebensmüde. Aber der Tod ist mir schon heute zu einem guten Freund geworden. Meine Liebsten gehen zu lassen wird gewiss schwierig. Ich selbst jedoch werde dereinst müde sein und ihn als willkommenen Gast empfangen.

    „It’s life, stupid!“ Rennt ihr nur dem Tod hinterher. Ich habe mich für das Leben entschieden.

  6. Ursula Koeppel

    Orwell’sche Dimensionen tun sich da auf angesichts der Ideen von De Grey. Eine rasch wachsenden Zahl von alten und uralten reichen Egoisten werden auf Kosten ihrer weniger begüterten Mitmenschen die Pfründe ihrer Langlebigkeit verteidigen.

    Forschung, durch Geld und Machtstreben korrumpiert und zudem aller ethischen Werte beraubt, schafft immer jede Menge Verlierer. In diesem Fall werden es nicht nur die Kinder, geboren und ungeboren sein, sondern auch wir, Herr und Frau Jedermann. Da die neue „bessere Welt“ nur durch das Survival of the Fittest, in diesem Fall des Finanzstärksten zustande kommen kann, werden am Schluss nur die Alpha-Tiere übrig bleiben und sich gegenseitig auch noch zerfleischen. Lassen wir uns also nicht blenden von den sensationellen Ideen des genialen Gelehrten De Grey: sie sind möglicherweise realistisch – aber wahn-sinnig, denn sie beruhen auf einer wahnhaften Selbstüberschätzung des Menschen!

  7. Markus Schellenberg

    Der Traum vom Jungbrunnen ist so alt wie die Menschheit. Mich überrascht, dass zur heutigen Zeit mit dem Glauben an die Technik sämtliche ethischen Grundsätze und die Erfahrung von 5′000 Jahre Zivilisation über Bord geworfen werden, mit dem Ziel ewiges Leben zu erfahren.

    Da haben sich diese Herren unermessliche Schätze angehäuft und wollen sich damit Leben kaufen als wär’s eine Konsumware. Was sie dabei übersehen haben ist, dass die Endlichkeit des Lebens einen Teil der Lebensqualität darstellt.

    Wie soll man sich denn diese neue Gesellschaft vorstellen? Ich glaube kaum, dass 200-jährige Superreiche plötzlich Landwirtschaftsmaschinen bedienen werden, die Strassen reinigen oder in den Fabriken arbeiten sollen. Mich erinnert das eher an den Film Zardoz von John Boorman: Die Unsterblichen Bewohner des heilen „Vortex“ langweilen in unendlichem Luxus, während draussen vor der Tür das wirkliche Leben stattfindet.
    Weder die „Vortex-Bewohner“, noch die Cryonic-Freaks, Howard Hughes oder die Pharaonen haben es nämlich geschafft, sich der Essenz des Lebens mit ihrem Schritt zu nähern, im Gegenteil: Ihr Scheitern ist zum Inbegriff der Anmassung der Mächtigen und der Reichen dieser Welt geworden: Das Anbeten von Krösus in der Hoffnung, dass dieser ihnen dafür den Status eines Gottes zuteilen möge, wird dabei zu einem deutlichen Zeichen der Dekadenz unserer Zeit.

    Zum Abschluss muss dann halt nach einem 200-jährigen Leben während 20 Jahren gestorben werden: Umgeben von soviel Luxus und eingetränkt in soviel Arroganz, dass es dann ein wenig länger dauert, bis man den Styx endlich überquert hat.

  8. Daniele Meyer

    “Die Geschichte der letzten dreihundert Jahre zeige, wie Menschen sich entscheiden, wenn sie zwischen ihrer Lebensqualität und dem Leben ihrer ungeborenen Kinder wählen.”, sagt de Grey

    und was soll dann der Schluss Satz von ihm??

    “Sie wollen einfach nur noch ein bisschen leben. Sie mögen ihr Leben. Sie wollen sich einfach noch ein wenig an ihrer Frau, ihrem Hund, IHREN KINDERN erfreuen. Sie haben Angst. Wie alle anderen.”

    Welche Kinder???

    So ganz durchdacht scheint mir seine neue Welt dann doch noch nicht zu sein.

  9. Samuel Lüscher

    Eine amüsante Replik auf de Greys Sieben-Punkte-Plan: http://www.heise.de/tr/Unsterblicher-Briefwechsel–/artikel/67013/0/0

  10. Tassilo Dellers

    Die Gedankengänge von Aubrey de Grey sind durchaus interessant!
    Man könnte allerdings auch den rein geistigen Weg einschlagen,
    um “Unsterblichkeit” zu erlangen – das wäre vielleicht einfacher.
    Aber egal, schlussendlich kommt es auf’s Gleiche raus.

  11. Barbara Mazenauer

    Dieser Artikel hat mich eher amüsiert, ich kann das nicht so richtig ernst nehmen. Ich glaube, der letzte Satz bringt es am ehesten auf den Punkt, die Angst vor dem richtigen Leben, zu dem ja auch der Tod gehört, macht auch diesen Leuten Angst. Umgeben von ihrem Reichtum, Hedge Funds und Dot Coms habe sie die Bodehnaftung verloren. Es sind die gleichen, die mit der Grund-Nahrung der normalen Leute Roulette spielen. Sie glauben immer noch daran, dass man mit Geld alles kaufen kann. Aber zum Glück besteht der Mensch aus mehr als Zellen und Genen. Aber daran möchten sie wahrscheinlich lieber nicht denken.

  12. Brigitta Wider

    Leben ohne Ende

    Eine Vorstellung, wie aus einem Horrorroman. Menschen die 200 Jahre alt werden. Eine ( finanzstarke ) Elite, die der Erde möglichst lange ihren eigenen Stempel aufdrückt.
    Kinder, die die Welt mit neuen Ideen und neuen Hoffnungen bereichern, wären unerwünscht. Mitgefühl und Toleranz würden kaum mehr existent sein. Grausam!
    Ich denke, es könnte der Forschung gelingen, die Mittel dafür zu finden.
    Wir sind schon längere Zeit auf dem Weg dazu. Niemand möchte alt werden. Es ist heute möglich, das nötige Kleingeld vorausgesetzt, sich sein Äusseres nach seinen eigenen Wünschen jung und schön schnippeln zu lassen. Vieles ist machbar.

    Die Natur ist mit ihrem wachsen und werden, reifen und zurückgehen in den ewigen Kreislauf, weit weniger grausam. Ich bin überzeugt, dass all dies aufgehoben ist in einem Ganzen, das grösser ist, als der Mensch.
    Ein langes Leben, ohne alle Facetten, wie Krankheit und Endlichkeit – könnten wir das überhaupt schätzen? Ich glaube kaum!

  13. Claudia Klinger

    Wer sein Leben darauf ausrichtet, den eigenen Tod zu bekämpfen, hat es schon verpasst.

    Wie armselig, dass diesen Superreichen nichts Besseres einfällt, um ein Stück Unsterblichkeit zu erlangen.

  14. Friedrich Sternentaler

    Merkwürdig, dass viele hier den Tod als so vollkommen normal und notwendig/wünschenswert ansehen. Die Wissenschaft weiss Folgendes: wir sind biochemische Maschinen, bestehen also aus vielen Molekülen/Atomen, die zusammengenommen einen komplexen lebenden Organismus bilden. Diese Moleküle, also wir als Ganzes unterliegen wie alles andere im Universum mathematisch formulierbaren Naturgesetzen. Das, was de Grey und andere vorschlagen ist also prinzipiell physikalisch möglich, da wir schon heute auf molekularer und sogar atomarer Ebene manipulieren können. Theoretische Physiker und Computerwissenschaftler arbeiten zudem an mathematischen Modellen unseres Gehirns. Auch das Denken ist mathematisch modellierbar.
    Tatsache ist, dass wenn wir tot sind, nicht mehr existieren, also für immer vernichtet und verstorben sind. Von diesem Gesichtspunkt aus, bestand der Sinn des bisherigen Lebens darin, stets neues Leben zu erzeugen, Menschen waren im wesentlichen also Gebärmaschinen, der Einzelne hatte nur einen sehr geringen Wert. Vom Tier unterschied uns nur, dass wir nebenbei noch Autos fahren und größere Häuser bauen konnten. Wer ein solches Dasein sinnlos findet, da ja alles, was er da tut, nur der Erhaltung von etwas Abstraktem dient, nämlich der “Art”, wer den religiösen Albernheiten vom engelhaften Weiterleben in jenseitigen Märchenwelten keinen Glauben schenken will und es zutiefst bedauerlich findet, am Ende einfach totzusein, einfach nichtzuexistieren, dem müssen de Greys Absichten zusagen.
    Alle Argumente wie Überbevölkerung, Platzmangel, Langeweile werden bei genauerem Nachdenken hinfällig. Das Universum ist hinreichende groß, um Platz zu bieten für alle Menschen, es birgt mehr als genug Rätsel, Phänomene und Orte, die es zu entdecken gilt.
    Bevor er Verantwortung übernimmt, müsste der Durchschnittsmensch sich erst einmal einige Jahrzehnte bilden und studieren. Keine Ahnung, wo da Langeweile aufkommen soll. Ich würde gerne diverse zusätzliche Studiengänge absolvieren, daneben verschiedene Sportarten und Künste betreiben und in vielen verschiedenen Berufen arbeiten. Und erst recht keine Ahnung, warum man die Welt immer wieder unerfahrenen jungen Menschen überlassen soll, die die immer gleichen Fehler wiederholen.
    Im Gegensatz zu manchen Menschen, die glauben, dass man vom im Kloster sitzen erleuchtet wird, muss man doch erkennne, dass es ein langer harter Weg ist, sich Wissen zu erarbeiten und Erfahrung zu sammeln. Und wenn man diese bereits in großen Mengen gesammelt hat und dann stirbt, wer profitiert davon? Warum sollte einer überhaupt irgendwas tun, wenn er weiß, er stirbt in einigen Jahrzehnten und nimmt all sein Wissen und seine Erkenntnisse mit ins Grab – die mühsam angesammelten Informationen gehen dann alle verloren, da beim Verwesen das Gehirn zerstört wird.

    @claudia: Wenn man am Ende tot ist, was hat man dann eigentlich verpasst? Da man tot ist, das Gehirn sich zersetzt, kann man nicht mehr denken, man kann nicht bedauern, irgendetwas getan oder nicht getan zu haben, man kann sich auch nicht erfreuen, irgendetwas getan oder nicht getan zu haben. Für jemanden, der nicht existiert, spielt es keine Rolle, was jemals war, ist oder sein wird.

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