27.11.2009 von Dieter Bachmann
Es werden Hosen benötigt, und wir machen uns auf den Weg an den Boulevard Saint-Germain. Im Bus der Linie 68 haben wir reichlich Gelegenheit, der unergründlichen Frage nachzuhängen, was junge Frauen mit einem schönen Décolleté bezwecken, das zur Besichtigung offen steht, auch älteren Herren, jedoch in keinem Fall als Aufforderung zu irgendeinem weiteren Kontakt aufgefasst werden kann.
«Sie müssen es einfach zeigen, so lange sie in der Periode ihrer Fruchtbarkeit sind», sagt er, «so wie sie den Hintern zeigen müssen. Und sie wollen auch, das auf jeden Fall. Aber es geht nicht ohne die Rituale, die Balz.»
Im Bus der Linie 68 habe ich ferner Gelegenheit für die Feststellung, dass ein untrügliches Zeichen des Alterns darin besteht, dass sich einer ängstlich zum Aussteigen bereit macht, kaum hat der Bus die letzte Haltestelle verlassen.
Pablo kauft seine Kleider, «seit dreissig Jahren», sagt er, bei Michel Axel, einer Boutique am Boulevard Saint-Germain, «alles von dort», sagt er, seine ganze auffallende Eleganz, ein Stil, der vom gehobenen Gewöhnlichen (Hugo Boss) immer einen Schritt ins Exzentrische verschoben ist, so weit, dass man das Besondere sieht (im Stoff vor allem, im Schnitt, eine gewisse Gewagtheit oder Frivolität), jedoch niemals so weit wie ein Exzentriker gehen würde, dem nichts einfällt als aufzufallen.
Es geht um ein Paar Hosen, und wir warten eine halbe Stunde, bis Madame eintrifft; Nizon lässt sich nur von Madame bedienen. Es wäre äusserst ungalant, nun zu notieren, dass eintreffende Madame um die siebzig sein muss, hager bis dürr, die faltige Haut sonnenverbrannt bis auf die Knochen, mit einem Buckel versehen, überhaupt eigentlich eine als Dame aufgemöbelte kabylische Bergziege, von Make-up und Coiffeur nur knapp am Auseinanderbrechen gehindert. Madame ist überdies keineswegs besonders charmant oder gar überschwenglich, eher ruppig, und im Tonfall eingeübter gegenseitiger Ruppigkeit geht es nun zu den Hosen. Sie wirft ein paar Stücke vom Ständer auf den Tisch, er wirft sie, murrend, sofort wieder zur Seite. «Nein, sicher nicht so, das sind ja Jeans», sagt er zu Hosen, die überhaupt keine Jeans sind, und prompt sagt Madame, noch eingeschnappter als vorher: «Das sind keine Jeans, das sind Hosen. Leinen!»
«Du lin!», es tönt wie die Antwort auf eine Majestätsbeleidigung. Der Begleiter, der sich überflüssig vorkommt, verzieht sich in ein Geschäft in der Nachbarschaft. Als er zurückkommt, steht der Freund bereits in einem Anzug, den man auch, durchaus in der Modesprache bleibend, ein Kostüm nennen könnte: gelb-schwarz gekörnter Stoff, Leinen, wie nicht?, das Jackett auf vier Knöpfe geschlossen, auf vier, darüber eine Art Schalkragen.
Den Anzug hat man, das Geschäft erst witternd umkreisend, vorher im Schaufenster gesehen; ein Fliegerhabit aus dem Film «Die tollen Kerle in ihren fliegenden Kisten» hatte der Begleiter gedacht, falsch, denn das Ding sitzt auf dem Leib des Autors schon so, als wärs für ihn erdacht. Der Begleiter stellt sich Gelegenheiten vor, bei denen er dieses Outfit tragen würde, und kommt auf keinen grünen Zweig. Hingegen sieht man, wie Nizon den Anzug nur ungern zum Ändern dalässt; heute ist Samstag, am Dienstag will ers aber haben. Von Hosen war nur noch nebenbei die Rede.
Später, brummig, doch brummig-zufrieden: «Eigentlich hätte ich den Anzug gar nicht gebraucht. Wollte ja nur Hosen kaufen.»
Die blaue Leinenhose von Michel Axel, die er mir eines morosen Morgens hingeworfen hatte, «Da, ich schenk sie dir, auf ewig», ein Kindersatz, «wirst dich gleich besser fühlen», trug ich, gewaschen und gebügelt, zwei Wochen später in Sestri Levante. Als wir danach wieder einmal telefonierten, stellte sich heraus, dass er, kurz nach uns, in Sestri gewesen war, im gleichen Hotel, wohl im gleichen Zimmer. Sass im gleichen Garten, mit dem Blick über die kleine Bucht, die sie die Baia del Silenzio nennen, dem Blick auf das pfirsichfarbig-beige gestreifte Kloster. Die himmelblaue Hose hatte er mit mir als Johannes vorausgeschickt.
KINDHEIT. FAMILIE. SCHULD.
BACHMANN: Hattest du eine schöne Kindheit?
NIZON: Meine Schwester sagt immer, wir hätten eine traumhafte Kindheit gehabt. In meinen Augen war sie eher trist — es wird einfach beides gewesen sein. Ich war beschwert durch viele Umstände, in erster Linie durch den Verlust des Vaters. Als ich sechs war, trat seine Lähmung ein, er war nur noch ein liegendes Wesen, und als ich zwölf war, starb er. Das war eine Verunsicherung ohnegleichen. Das ganze Schreiben kommt ja von dieser Verunsicherung her, glaube ich. Ich habe mir zusammengereimt, dass ich durch zwei Sachen aus dem Urvertrauen gestossen worden bin: durch den Tod des Vaters, und zweitens durch meine missglückte Kinderliebesgeschichte, auch mit zwölf.
BACHMANN: Erzähle!
NIZON: Das war vielleicht der einzige Moment in meinem Leben, wo ich total, ohne Egoismus, geliebt habe. Es ging nicht um Eroberung — wenn die Angebetete daherkam, ging die Sonne auf. Nicht nur in meinem Gemüt, sondern im Weltall (lacht).Es war ein Nachbarskind, die Schönheit des Quartiers, eine Halbspanierin, gesellschaftlich gesehen ein bisschen über uns stehend: Sie war die Adoptivtochter unseres sehr begüterten Kinderarztes. Und dann kam dieser kritische Moment: Wir gingen einen Sommer zusammen, es gab kein Poussieren, und in meinem Aufruhr rutschte mir einmal am Abend, als wir Kinder wieder zurückgingen in unsere Wohnungen, das Wort heraus: Willst du mit mir gehen? Wir gingen aber schon miteinander. Da sagte sie, neckisch an ihrem Handschuh nestelnd: Ich werd es mir überlegen. Damit erlosch die Sonne, und das Weltall ging in Finsternis über. Ich habe das Mädchen nie mehr gesprochen, obwohl wir uns dauernd, jahrelang gekreuzt haben; ich war nicht einfach gekränkt, sondern vernichtet.
BACHMANN: Du hast später mit Canetti darüber gesprochen. Was war seine Erklärung?
NIZON: Die habe völlig normal gehandelt, sie hätte doch nicht sagen können: Ja, klar. Eine Spanierin könne doch nicht sagen: Ja, danke. Jedenfalls nagte ich dann an einem besonderen Problem, das du in «Grimsels Zeit» beschrieben hast, der Feststellung: Ich bin wohl der Liebe nicht wert. Oder der Gegenliebe. Ich wusste ja gar nicht, dass ich liebte; dieses Wort hätte sich mir gar nicht formuliert. Es war einfach. Die Schönheit des Viertels, die Schönheit der Stadt, das war sie. Sie hat dann früh einen Playboy geheiratet. Vor dem Münster war ein roter Teppich ausgelegt, und danach fuhren sie mit einem Sportwagen ins Glück! So hat man es mir jedenfalls hinterbracht. Mein Stolz hatte es mir nach jenem Abend verboten, auch nur die geringste Annäherung zu machen; zum Beispiel hat sie mir später auf der Eisbahn ein Mädchen hinterhergeschickt, sie möchte mit mir sprechen — ich habe nie reagiert. Und dann kam die letzte Nachricht, sie liess ausrichten: Du bist ein Affe!
BACHMANN: Dein Vater war Russe — war seine «Russizität» noch vorhanden…
NIZON: …jaja, er sprach Deutsch mit fremdem Akzent…
BACHMANN: …und war er integriert, oder eben nicht integriert?
NIZON: Nicht. Er schien mir allein und alleinstehend. Er war Erfinder, und im kleinen Rahmen hatte er so eine Art Institut Pasteur. Er war Doktor der Chemie, hatte ein privates Forschungslaboratorium und entwickelte Medikamente. Nach seinem Tod, als wir unsere beiden Wohnungen auflösen mussten, fand ich die entsprechenden Dokumente, zum Beispiel seine Korrespondenz mit Universitätskliniken, seine Medikamente waren in Kliniken getestet worden. Eine frühe Kindheit, ich übertreibe: mit Auto und Chauffeur, was in den Dreissigerjahren nicht unbedingt die Norm war; ich wurde von unserem Hausburschen oder Diener in die Schule gebracht; ich musste Schleifchen tragen und langes Haar. Ein verkleidetes Prinzchen. Und ein fremder Vater. Die Väter gingen damals nicht besonders auf die Kinder ein; sie erschienen zum Essen und zogen sich dann wieder zurück. Aber es war auch eine Fremdheit durch seine Krankheit, er hatte Multiple Sklerose, er ging am Stock, wenn er, selten, aufstand, und wurde manchmal auch abgeholt im Rollstuhl. Als er starb, empfand ich keine Trauer, ich habe das im «Canto» genau beschrieben. Aber von diesem Moment an konnte ich in der Schule in keinem Fach mehr mithalten.
BACHMANN: Deine Mutter habe icheinmal kennengelernt. Eine liebenswürdige alte Dame, Bernerin, mit einem grauen Chignon, wenn ich mich recht erinnere, und was ich nicht vergessen habe: Sie hatte Pralinés gemacht und dir mitgebracht. Ich hatte den Eindruck, dass du als Kind doch auch sehr behütet warst.
NIZON: Schon in der Krankheitszeit meines Vaters, wo es zunächst noch darum ging, seine Patente zu verkaufen, stiess die mütterliche Grossmutter zu uns. Und übernahm das Kommando. Eine Bernerin, eine tolle Frau, die mir alles an Bewunderung abverlangte. Die Familie wurde aufgelöst, und die zweistöckige Wohnung — wir hatten sechzehn Zimmer — wurde in eine Studentenpension verwandelt. Die Familie war futsch, Pensionäre waren in allen Zimmern, die Familie auf engstem Raum zusammengedrängt. Es gab einen Mittagstisch, die Grossmutter kochte, meine Grosstante wurde in ihrem Zimmer bedient, sie kam nämlich aus Paris. Die Pensionäre waren natürlich interessant, von amerikanischen Studenten bis zu den Erbinnen von Longines-Uhren, es war ein interessantes Spektakel — es war Fellini. Das ganze Haus war Fellini. Dieser krepierende Musiker und Komponist in einem unteren Stockwerk, der nur noch seinen Niedergang zelebrierte, und seine Frau, eigentlich eine ausgebildete Sängerin, die als Flickschneiderin alles durchzog — so wie bei uns die Frauen alles durchzogen. Die Männer waren nur Angeber oder Schnorrer. Bei uns gab es eine Mutter, eine Grossmutter, eine Grosstante, eine Schwester, zwei Dienstmädchen, alles Frauen, und ein kleines männliches Wesen, das war ich. Stark war nur der Hausdiener, Werner, auf dessen Schultern bin ich geritten, ich rieche noch den Geruch seiner eingefetteten Brillantinehaare… Darum eine frühzeitige Selbstständigkeit; ich konnte machen, was ich wollte. Weder Halt noch Schutz, noch Gespräch. Jemand hat dazu einmal gesagt: eine fürchterlich vorzeitige Autonomie.
BACHMANN: Es war die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Hast du etwas davon gespürt?
NIZON: Und wie! Darauf werde ich übrigens in meinem nächsten Buch zu sprechen kommen. Natürlich, es war Krieg, und wir erwarteten jeden Tag den Einmarsch. Die Städte waren leer, nur von Frauen, Greisen und Kindern bewohnt; die Männer standen an der Grenze. Parkanlagen waren in Kartoffeläcker umgewandelt, Vorgärten zur Selbstversorgung gerichtet. Anbauschlacht das Wort; das Klima war Heimatstil, korrespondierend mit Blut- und Boden-Kultur. Ich kann mich erinnern, dass wir bei einem Umzug als Berner Sennenbub und Sennenmädchen im Defilee mitmarschierten, meine Schwester und ich, als Bauernkinder verkleidet. Die Fenster waren verdunkelt, und der Unterricht immer durch Fliegeralarm unterbrochen. Die Hitler-Reden am Radio, die jedermann hörte.
BACHMANN: 1945 warst du sechzehn, und 1949 hast du Matur gemacht. Du hast dich dann an der Uni für Kunstgeschichte eingeschrieben.
NIZON: Ich hätte gar nicht Abitur gemacht, wenn nicht der Vater eines Schulfreundes mir gesagt hätte: Du musst das machen! Ich wollte austreten, schon zwei Jahre vor dem Abitur, und «leben». Ich verachtete die meisten der Lehrer, und ich mochte die Schule nicht. Am Schluss der Schulzeit hatte der Mathematiklehrer gesagt, jeder sollte nun seinen Eindruck, seine Wertung des Gymnasiums mitteilen. Und ich habe gesagt: «Der Sinn des Gymnasiums besteht darin, dass er dem infantil gebliebenen Witz der Schüler die hochtrabenden Namen des unverstandenen Geistes zur Verfügung stellt!»
BACHMANN: Ein verdammt komplizierter Satz! Wörtlich?
NIZON: Ja. Er sagte darauf nur: Es würde mich interessieren, wie du später darüber denkst. Er mochte mich. Einmal sagte er: «Nizon kann die mathematischen Manipulationen nicht. Er hat aber wohl einen mathematischen und philosophischen Geist, so ähnlich. Wir wollen ihn von den Manipulationen dispensieren; wir erwarten das nicht von ihm. Er braucht Mathematik nicht zu können.» Das ist doch unglaublich, und auch das ist wörtlich! Ich denke heute vollkommen anders über das Gymnasium, dadurch, dass ich in dieser Eliteklasse war: Griechisch/Lateinisch/Hebräisch. A-Matur; ich konnte griechisch die Texte lesen bis zu Sappho, ich konnte das Alte Testament hebräisch lesen und übersetzen. Und natürlich die lateinische Literatur dazu. Der ganze Hintergrund der Antike ist eingeflossen; und wenn ich an meine Verachtung denke, ist es ein Hochmut ohnegleichen. Ich hatte das Privilegium, durch tausend Kapillarsysteme diese Basis einschlürfen zu können, Fundus und Humus, das war gewaltig.
BACHMANN: Wieso später Kunstgeschichte?
NIZON: Nach dem Abitur habe ich gedacht: Aus mit Studium, jetzt beginnt die Schriftstellerei. Die Früchte dieses Nachdenkens waren natürlich Hefte voller Aufzeichnungen und Notizen gewesen, so lyrische Prosa, so rhythmische Versuche. Vermutlich Quatsch. Aber es war klar, dass ich Schriftsteller werden würde, auch der ganzen Klasse war es klar. Ging nach der Matur zuerst auf eine Baustelle, um Geld zu verdienen, und dann kam diese Initiationsreise nach Kalabrien, wo ich dachte, so fängt es an mit dem Schreiben, und nicht gemerkt habe, dass es so eben nicht anfängt. Dann bin ich zurückgekommen und habe zwei Jahre lang gejobbt, gewohnt in einer Mansarde; Postbote, Arbeiter, aber auch Radio Studio Bern, wo ich mal unten geläutet habe und gesagt, ich suche Arbeit, ich habe das Abitur. Ich wurde auf eine tolle Frau verwiesen, die sagte: Was weit Ir wärde? Was chöit Ir? Ich habe gesagt: Ich werde Schriftsteller. Hat sie gesagt: Gut, ich gebe Ihnen zuerst mal eine Arbeit, Sie können die neue Radiobibliothek einrichten. Später sagte sie, Sie wollen ja schreiben, ich gebe Ihnen Aufträge. Das war eine emanzipierte Frau, eine Romanistin, gefürchtet, weil sie so intelligent war, die Unabhängigkeit in Person. Eigentlich unbürgerlich. Die hat mich protegiert, würde man heute sagen. Nach zwei Jahren Jobben und Mansardendasein, auch Schreibversuchen, merkte ich: Es ist noch nicht soweit, ich muss noch Wissen anschaffen, und zwar historisches Wissen. Geschichte studieren wollte ich nicht, und dachte: Ich mache Kunstgeschichte — Geschichte in der Verpackung der Kunst. Entspricht mir mehr. Gezeichnet hatte ich nur wenig, vor der Matur mein erstes Gedicht geschrieben…
BACHMANN: Kannst du es noch?
NIZON: …wa wa, ich glaube schon, in romantischer Tradition: «Ein winzig Haus/ein Gärtchen drum / Gemüs und roter Tingelbum.» Das war eine Worterfindung! «Die Felder stehen hell im Wind / ein langer See…», ja, und dann heisst es: «Im Walde lockt ein Kuckucksruf / Ein Mädchen zieht den Wasserkrug aus tiefer Gruft.» Warum nun Kunstgeschichte? Es gab den Vater eines Freundes, der Zeichnen unterrichtete an der Uni. Mit dem hab ich viel diskutiert, über Literatur und über Kunst. Zweitens hatte ich sehr früh Zugang zu einem reichen Haus, das ganze Haus voller moderner Kunst, nämlich: Klee. Ich war natürlich im Kunstmuseum gewesen, ich hatte den Zugang zur Kunst, ich hatte Interesse; und das Verlangen nach Geschichte, nach Wissen, das Verdauen der Herkunft, der Menschengeschichte, auch Archäologie. Aber ich habe dieses Studium gewählt in der Überzeugung, dass es nie ein Beruf werden würde. Dass ich es nur aus Selbsterziehung brauche, um Schriftsteller zu werden. Also, ich habe mir das alles so zusammengereimt: dass ich aus dem Grundvertrauen geworfen worden bin durch den Tod des Vaters und durch jene Geschichte mit dem Mädchen, dass ich dadurch in dieses Zweitleben der Verinnerlichung und des Nachdenkens kam, und von dorther zum Verbalisieren, vom Verbalisieren zum Schreiben, und früh gewusst habe: Das ist mein Beruf! Peter Hamm hat dann diesen Satz, der mich zuerst verletzt hat, in Umlauf gebracht, «Pablo ist ein Schriftsteller-Darsteller». Ich dachte aber nicht an ein Bohème-Leben. Ich wusste, ich wollte ein Schriftstellerleben führen, weil es für mich nur mit dem Gebiss der Verbalisierung möglich ist, das Leben und die Wirklichkeit irgendwie zu ergreifen. Ich wollte das Leben mir aneignen durch Sprache. Das war das Schriftstellerleben, nicht eine Verkleidung mit Bart oder Béret! Ich bin eigentlich kein Romancier, sondern einer, der ununterbrochen verbalisiert, versprachlicht. Die Idee war, das Leben zu schreiben, am Schreiben zu gehen. Um der eigenen Person auf die Spur zu kommen. In diesem Programm liegt auch beschlossen die Themenlosigkeit: Das Thema ist ein unendliches.
BACHMANN: Du hast aber sehr wohl ein Thema: die Liebe. Die Liebe zu Frauen, in jeder Form und Gestalt.
NIZON: (Denkt nach) An einer Stelle habe ich gesagt, dass die einzig mögliche Kommunikation die Liebeskommunikation mit dem andern Geschlecht ist. Den Liebeszustand zu erreichen, im Sinne der Entbrennung, dieses Höhere, einen leuchtenden Zustand des Korrespondierens mit dem Leben und der Welt. Ich denke auch, ich war ein derartiger Liebesbettler, weil ich dieses Lämpchen immer neu anzünden musste. Und die Frauen waren die Pförtnerinnen, um diesen Raum zu erleuchten und diesen Zustand zu erzeugen.
BACHMANN: Die Liebe ist bei dir der absolut zentrale Zustand und die eigentliche Raison d’être — warum hält die Liebe nicht, warum bist du dreimal geschieden?
NIZON: (Sehr langes Schweigen) Weil die Liebe in der Form der Vermählung nach einer Weile nicht nur eine Behausung, sondern auch ein Gefängnis wird, mit soundso viel Diktaten, die wiederum das Schreiben verhindern könnten. Im Zustand, wo ich noch ein werdender Schriftsteller war, einsam darum rang, meine Tonart zu finden, als Werkstudent war ich schon verheirateter Vater — mit Kindern! Und musste diesen ganzen Ernährungskampf aufführen. Bis zum Rom-Aufenthalt hin, 1960/1961, war ich beschwert durch den Kampf, die Familie zu ernähren.
BACHMANN: Das ist etwas Normales, auch für viele Schriftsteller. Es geht aber offenbar tiefer bei dir: Die Einschachtelung in die Ehe scheint dann das Schreiben auszuschliessen.
NIZON: Insofern die Liebe sich in die Institution Familie verwandelt. Bei meiner zweiten Frau, Marianne, habe ich versucht, die Liebesbeziehung zu leben ohne Familie, und das ging auch, da sie als Künstlerin selbstständig war… Im Volksmund hiess es doch immer: Ein Künstler darf nicht heiraten. Und das stimmt eigentlich.
BACHMANN: Es gibt ja auch so etwas wie den Tod der Liebe…
NIZON: das stimmt absolut, das ist schrecklich…
BACHMANN: Man darf schon sagen: Für dein Werk ist bezahlt worden, von dir, aber auch von andern.
NIZON: Ich fühle mich auch schuldig. Aber ich kann nicht sagen, ich hätte es anders machen können.
BACHMANN: Dein Werk, wie schwimmt es im Ozean der Literatur? Was hinterlässt du, und wem?
NIZON: Neuerdings ist das «Jahr der Liebe» Gymnasialschulstoff in Hamburg geworden. Ein kleiner Triumph. Von der Rezeption her, abgesehen von den Rezensionen, kriege ich, wenn ich irgendwo auftrete, immer wieder unglaubliche Bezeugungen: Was Sie uns gegeben haben, an Lebensstrom, an Liebesstrom… Jeder Schriftsteller kriegt ja die Retourkutschen nicht nur durch die Kritiker, sondern in der Konfrontation mit seinem eigenen Publikum. Bei Lesungen gibt es immer wieder Leute, die mein ganzes Werk zum Signieren anbringen. Ich habe mein Publikum. Ich weiss, dass ich etwas Lebensermutigendes, etwas Lebenseröffnendes geschrieben habe, da habe ich überhaupt keinen Zweifel. Ich weiss gleichzeitig, was mir fehlt: dass ich kein Erzähler bin.
BACHMANN: Ein negatives Klischee, das so eigentlich gar nicht stimmt.
NIZON: Diese Frage ist eine wirklich brennende. Weil ich einerseits völlig von meinem Werk überzeugt bin. Auf der andern Seite stell ich mir immer wieder die Frage: Warum dringt meine Arbeit nicht in weite Kreise? Und das ist wirklich eine echte Frage. Ich sage das nicht wegen Erfolgs oder Geldverdienens, das ist mir wurst. Es geht um die Verbreitung. Warum bleibe ich immer noch so etwas wie ein konfidenzieller Schriftsteller, sozusagen ein Geheimtipp oder etwas in dieser Richtung? Und in meinem Alter, und nachdem ich mein Werk fast abgeschlossen habe, ist das eine mit Zweifeln belastete Frage. Denn so sehr meine Selbstgewissheit immer vom Fundus her da war, so sehr war ich immer von Skrupeln zerfressen, und von Zweifeln. Erstens, ob ich es herausbringe, das Pfündchen, ob ich mich realisieren kann, und zweitens auch die Frage nach der egozentrischen Beschränkung des Stoffes.
BACHMANN: Der Zweifel an dem, was man macht, ist eigentlich nur die Kehrseite des Antriebes, es noch besser oder doch so gut wie möglich zu machen. Der Zweifel gehört dazu.
NIZON: Im nächsten Journal wird stehen: «Ich könnte mich im Stich gelassen fühlen, ich könnte mich da hineinsteigern, bringe es jedoch nicht fertig. Die Fundamente meines Wesens und Gewissens wanken nicht, komisch. Es ist der 31. Dezember 2008. Ich sitze da in meiner Kombüse trockenen Auges. Mal sehen, wie weit die Geschirrspülmaschine ist. Andauernd hört man von auf der Strasse verstorbenen Obdachlosen und von Selbstmorden in Gefängnissen und von Krankenhausinsassen, die mangels Pflege oder durch irrtümliche Behandlung verrecken. Der einzige Trost sind die aufmüpfigen Schüler und Studenten, jung und todesmutig.»
Ich stand, auf Einlass wartend, und hörte das Klappern der Schreibmaschine durch die verschlossene Tür. Ein Geräusch, vertraut und doch überraschend. Wie viele Jahre schon hatte ich es nicht mehr gehört? Später der Gedanke, dass ich es hier vielleicht zum letzten Mal gehört haben werde — das Klappern, das mich durch mein ganzes schreiberisches Leben, also durch mein ganzes, begleitet hat, mein eigenes, unerschrockenes Berufsgeräusch auf wechselnden Maschinen, verschiedenen Olivettis nach einer Underwood der Frühzeit, doch auch mal Hermes aus den Büromaterialbeständen der Firma «Tages-Anzeiger», bis hin zu jener elektrischen IBM-Kugelkopf, deren insistentes Summen einen daran erinnerte, dass man mit der Arbeit voranmachen sollte, das Geräusch jenes Elektromotörchens, das ein damaliger Freund mit einem Bonmot als den «Motor der Beredsamkeit» bezeichnete. Die Form des Typoskripts ist eine andere Überlieferung als neuerdings die elektronische. Das maschinengeschriebene Manuskript, die Unregelmässigkeit der Typen, die Korrekturen, Verschreiber spielen bei Nizon die Rolle eines Fetischs. Das Manuskriptblatt ist Ding und anfassbar gewordene Schriftstellerexistenz; keineswegs bleich vor Nachahmung hängt er in frühen Jahren, wie Ludwig Hohl, die beschriebenen Papiere wie zum Trocknen auf eine Wäscheleine über den Schreibtisch. Das Faksimile solcher Seiten gehört bei ihm mit den gedruckten Büchern zur überlieferten und weitergegebenen Arbeit. Dieses dinghaft gebliebene Werk, ein Riesenœuvre, reicht wie eine Landzunge in den entmaterialisierten, verflüssigten, gefluteten Ozean der Bites. Ein Unzeitgemässer, auch hier, ein letzter Fels.
BACHMANN: Weisst du, dass du in letzter Zeit einen gewissen Automatismus angenommen hast? Du bückst dich zum Beispiel und sagst dabei «Oh là là». (Nizon lacht) Ein Stöhnen bei geringer Anstrengung. Wirkliche oder eingebildete Altersbresten? Einmal sah ich dich, die Kappe tief in die Stirn gezogen, im knöchellangen Ledermantel wegstapfen, im Regen, es war auf dem verkehrsreichen Platz vor der Comédie Française. Ohne dich umzusehen, den Blick gesenkt. Da konnte einem Angst um dich werden…
NIZON: Die Einsamkeit des Alters macht mir schon ein bisschen zu schaffen, obwohl immer viel Betrieb ist. Aber die vielen Besuche, der Umgang mit Leuten wischt die Einsamkeit nicht weg. Es ist, wie gesagt, das fehlende Gefühl der Zugehörigkeit. Hier werde ich, wenn Leute gehen oder ich von Besuchen zurückkomme, in die Situation des definitiven Alleinseins gestossen. Es ist schrecklich, das gebe ich zu, es ist wirklich schrecklich. Sogar Beckett ist am Ende noch ins Altersheim gegangen. Weil, man braucht ja nicht nur Umgang — man braucht jemanden, der zu einem schaut.
BACHMANN: Du hattest immer ein geradezu auffallendes Talent, mit jüngeren Leuten zusammen zu sein, und zwar auf Augenhöhe, ohne sie zu bevattern.
NIZON: Ja? Ja.
VON DER VERLOCKUNG, ES SICH LEICHT ZU MACHEN
BACHMANN: Wir sprachen von deiner Kindheit in den Dreissigern. Achtzig Jahre später, wie siehst du die Welt verändert?
NIZON: Ich sehe die Welt verändert dadurch, dass alle Leute verkabelt und vernetzt herumlatschen. Nicht nur mit den Ohrstöpseln in eine musikalische Monade eingesperrt, sondern dazu noch dauernd wie am Kommandopult mit irgendwelchen Korrespondenten verbunden, quatschend, für mich ein absoluter Gräuel. Das ist etwas, das neu ist. Die totale Vernetzung. Dann die Umgewichtung in der Weltpolitik, der absehbare Niedergang der Machtposition der USA, das Heraufdämmern der andern Riesen, China, Indien, Brasilien. Und was mit dem riesigen, an Rohstoffen reichen Kontinent Afrika geschehen wird, wissen wir nicht. Ich habe immer gedacht, Europa ist nur noch ein Rückwärtstraum, und für den Europäer, der da lebt, resultiert am Ende ein Schattendasein, wenn nicht eine grosse Illusion. Was mit dem zukünftigen Europa passiert, kann ich nicht abschätzen. Was hier in Frankreich passiert, möchte ich gar nicht erwähnen, weil ich allzu aufgeregt bin, mir das Sarkozy-Regiment nicht nur zum Halse raushängt, sondern zutiefst zuwider ist. Eine geistlose Managerregierung. Ein Präsident wie der Schneider im Himmel, der dieses ohnehin schon monarchisch veranlagte System noch radikaler zentralisiert und alles Mögliche an demokratischem Kontrollsystem abbaut, der ein Hampelmann an der Spitze ist, unbefleckt von Kultur, von Format. Was doch immerhin eine noch Rolle spielte bei einem Landesvater wie Chirac, der zwar als politischer Serienkiller verschrien war; aber er war kein Parvenü, er hatte doch so etwas wie Postur, Humanität, und er war letztlich eine vertrauenswürdige bürgerliche Figur, auch wenn er hie und da in die Staatskasse griff. Während der jetzige eine französische Karikatur von Berlusconi ist, wenn man das so sagen kann. Wenn die reale Macht auch woanders liegen mag als bei den Regierungen, so färbt die Mentalität der Regierenden doch sehr auf die allgemeine Lebenslage ab. Unter Mitterrand, der eine Sphinx war, ein Künstler der Macht, aber eine wirklich grosse kulturelle Persönlichkeit, war man anders beschirmt als bei diesem kleinformatigen Ubu. Mit seinem Hofstaat, seinen Leuten, seinen Reformen, dieser Omni-Président — es gibt ja keinen Premier oder Minister mehr, der etwas zu sagen hat, er zieht alle Fäden, zieht mit einem unglaublichen Tempo Reformen an, ändert, nimmt wieder zurück — muss zurücknehmen, muss, weil die grösste französische Kraft, die zur Revolution, wenigstens bei den Jungen immer noch vorhanden ist. Insofern ist das Lebensgefühl doch sehr verändert.
BACHMANN: Gegenüber Berlusconi wirkt Sarkozy schon fast wie eine Lichtfigur. Hast du eigentlich die französische Staatsbürgerschaft?
NIZON: Habe ich nicht. Ich habe damit geliebäugelt und hätte sie sicher auch bekommen, als ich mich mit Odile verheiratet habe, und ich könnte sie sicher heute noch bekommen. Aber ich dachte mir, erstens fühle ich mich nicht als Franzose, bei Weitem nicht: Wenn schon fühle ich mich als Pariser, als Kulturpariser. Die Pariser Kultur war eh immer aus Fremdlingen zusammengesetzt, Emigranten und wenigen Franzosen. (Hebt die Stimme:) Wenn es einen Pariser Pass gäbe, würde ich ihn liebend gerne annehmen.
BACHMANN: Du bist immer viel gereist, hast in anderen Städten gelebt, Rom, London, warst oft in den USA, zuletzt in Russland, im Baltikum — ist die Welt übersichtlicher geworden in diesen Jahrzehnten, oder verwirrlicher?
NIZON: Verwirrlicher. Dadurch, dass es die zwei Blockmächte und den dazwischen heruntergelassenen Eisernen Vorhang nicht mehr gibt. Heute muss man sich anpassen an ganz neue Verhältnisse; so kommt es mir manchmal vor, als wäre Frankreich im Begriff, ein afrikanischer Staat zu werden. Ich meine das nicht nur wegen der Einschwärzung, das war schon immer so, das ist mir schon als Schüler hier aufgefallen, als es in der Schweiz nur die weisse Hautfarbe gab. Wie bei den anderen einstigen Kolonialmächten hatte Frankreich schon immer eine rassisch und kulturell bunt durchmischte Bevölkerung; die hinzukommende Überflutung von Migranten ist ein Problem, ein Phänomen zwischen dem reichen Norden und armen Süden, ein Hungerproblem, unaufhaltsam. Kurzum, die andersfarbigen Mitbürger waren immer da, sie mochten den französischen Pass haben, doch hatten sie kein nennenswertes Mitspracherecht, es herrschte nicht einfach Rassismus, es herrschte Apartheid. Ich dachte immer, warum ist diese Bevölkerung nicht vertreten im Parlament und nicht in den Medien? Und nun hat dieser Vormarsch einigermassen massiv stattgefunden bis in die Regierung hinein, um von den Medien, vor allem auch von Film und Literatur ganz zu schweigen. Und das kann einen verwirren; es verwirrt, weil in uns immer noch der eurozentrische koloniale Blick herrscht, es ist der Blick auf die «Einheimischen» hinunter, sozusagen das Dienstpersonal, und damit verbunden eine Art Furcht vor deren Machtübernahme. Das Sarko-Regime spricht neuerdings von Diversität, wenn dieses soziologische Problem zur Sprache kommt. Auch das gehört zum Phänomen der neuen Unübersichtlichkeit. Sogar die ideologischen Fronten gibt es ja nicht mehr, alles ist nicht einfach unübersichtlich, sondern zwei- und mehrdeutig geworden: auch das «Zuhause».
BACHMANN: Veränderungen der Welt — Veränderungen der Literatur. Wenn ich meine Lebenszeit bedenke, die sich mit der deinen überlappt, an den damaligen Aufbruch der deutschen und mithin der deutschschweizerischen Literatur, das Hereinkommen neuer Literaturen, über England und Frankreich zum Beispiel Afrika, die grosse Woge aus Lateinamerika, an einzelne Figuren wie Beckett oder Nabokov, oder, wieder anders, ein Bulle wie Georges Simenon, mit dem du gemeinsam hast, dass euch Ausländern Paris den grossen Stoff gegeben hat. Das war einmal. Wir leben in einer End- oder Übergangszeit, da werden kleine und wenig haltbare Brötchen gebacken. Der Anspruch an das, was Literatur sein könnte, ist still und leise verduftet, implodiert, verklagenfurtet; für mich persönlich hat das die Züge eines grossen Abschieds.
NIZON: Wie von einem Krisengefühl her die wahnsinnige Mobilität der Schriftsteller, die nicht mehr auf ein Werk als ein zu entwickelndes haltbares Universum zielen, sondern unglaublich opportunistisch sind, marktorientiert, marketinggesteuert. Ich bin überzeugt: Seit es diesen Deutschen Literaturpreis gibt, werden soundso viele Bücher nur daraufhin geschrieben, auf den Preis hin konzipiert, mit der Nase im Wind; genau dasselbe hier mit den Preisen Goncourt, Médicis, Fémina. Eine mobile, merkantile Literaturkonzeption, die nicht ausschliesst, dass jeder von Anfang an über eine unerhörte Technik verfügt. Schreiber, die nicht eingeschworen sind auf ein Gebiet und jederzeit bereit, in ein anderes überzutreten, das vielleicht Erfolg verheissender ist. Diese Haltung geht natürlich einher mit einer kommerzialisierteren Ausrichtung der Verlage. Die eine gewisse Auflagengrenze zu unterschreiten nicht mehr gewillt sind, so, dass man viele gute Autoren sieht, die keinen Verlag mehr finden.
BACHMANN: Du bist von Krankheiten weitgehend verschont geblieben…
NIZON: …denke ich auch, ja.
BACHMANN: Ich persönlich glaube, dass in uns sämtliche Todeskrankheiten versammelt sind, immer schon, stumm, und nur darauf warten, losschlagen zu können — nur haben sie sich noch nicht darauf geeinigt, wer zuerst darf. Diesen prekären Zustand nennt man «Gesundheit». Ein anderer Einwanderer nach Frankreich, der rumänische Philosoph und Essayist Cioran, hat ein rabiates Buch unter dem Titel «De l’inconvénient d’être né» geschrieben, der auf Deutsch mit «Vom Unglück geboren zu sein» nur unzulänglich wiedergegeben ist.
NIZON: Ein wiederkehrender Refrain im letzten Buch ist die Wendung, Was ist die Last, was ist der Packen. Dass man so etwas mitschleppt, ist mir sehr wohl vertraut, ein Pessimismus im weitesten Sinne. Aber diesen anderen Gedanken in seiner Radikalität hätte ich nie gedacht.
BACHMANN: Du bist nicht unglücklich, geboren zu sein?
NIZON: Nein.
BACHMANN: Hast so etwas wie Gott je eine Rolle für dich gespielt?
NIZON: In der Kindheit sehr wohl. Wir sind sehr religiös aufgewachsen; Tischgebet, aber nicht nur formelartig. Auch die christlichen Feiertage waren nicht nur Anlässe zu grossen Essen, sondern waren bewusste religiöse Einkehr. Aber das ist mir dann nach der Konfirmation irgendwie abhandengekommen.
BACHMANN: Gibt es heute für dich so etwas wie das Numinose, das Transzendentale, das Übergeordnete?
NIZON: Es könnte sein, dass ich mir das vorbehalte als Möglichkeit; aber es ist keine Überzeugung. Zu diesen Fragen kann ich mich nicht äussern — weil ich sie vor mir herschiebe, jedenfalls nie wirklich angegangen bin.
BACHMANN: Ich habe dich mit dem proustschen Fragebogen konfrontiert, dessen letzte Frage heisst: Ihr Motto? Du hast darauf geantwortet: Widerstehen. Und an anderen Stellen des Fragebogens ist der Begriff Widerstand ebenfalls aufgetaucht.
NIZON: Im engsten Sinn meine ich Widerstand in einem totalitären System. Für unser beider Generation hat das Wissen um die Existenz der Konzentrationslager den Schrecken nicht verloren. Damit bleibt die Möglichkeit einer Erfahrung am eigenen Leibe akut; auch die Frage, ob man hätte widerstehen können. Genauso wie ich eine ungeheure Bewunderung habe für die Leute, die im Spanischen Bürgerkrieg für die Republik eingetreten sind, Leute aus aller Welt, in meinen Augen Helden. Wie die Leute von der Résistance. Es stellt sich die Frage des Widerstehens in einer extremen Situation nach wie vor. Widerstehen heisst aber auch, all den Verlockungen Widerstand bieten, den Einladungen, es dir leicht zu machen, gegen deine Überzeugungen, deine Veranlagungen.
BACHMANN: Für welche drei deiner Bücher würdest du Ewigkeit wünschen?
NIZON: «Canto», «Das Jahr der Liebe», «Bauch des Wals».
BACHMANN: Und wenn du zu deinem Geburtstag am 19. Dezember in froher Runde einen Toast auf die Welt ausbringen könntest?
NIZON: (Ohne nachzudenken) Ich zitierte Malcolm Lowry. «Wenn die Welt nur einen Augenblick nüchtern würde, müsste sie sich umbringen.»
Zwei Herren, gemeinsam älter geworden, jeder für sich. Kann man nach so viel Zeit ein neues Gespräch beginnen? Wie man eine neue Platte auflegt, einen neuen Maler entdeckt? Ein neues Brot anschneidet? Man hats versucht. Aber was wars denn gewesen, diesmal?
Trauer der Näherung: niemals am Ziel zu sein. Dass man das Geheimnis des anderen berührt, ohne es sehen zu können, wie ein Blinder, der das Gesicht eines anderen tastet. Freundlich ist die Erinnerung an diese Tage, und wars nur wegen der Schürze, die der Freund beim Kochen und Spülen umgebunden hatte. Oder wegen dessen nur schlecht versteckter Freude darüber, dass da einer gekommen war, er.
Die Rutschbahn ins Nichts vor sich, von der Dürrenmatt in seinem letzten Brief an Frisch sprach. Non si scherza. Wenig Sand übrig im Stundenglas. Es ist schon fast alles, beinahe alles definitiv geworden. Und wird bald unverrückbar sein.
Doch wäre dies dann immer noch nicht die letzte Weisheit. Jung wird doch einer wieder, der stirbt, jugendlich!; plötzlich erscheinen Fotos möglich, auf denen er noch kurz zuvor «zu jung» war, das Foto selbst «zu alt». Jetzt darf er wieder überall dreissigjährig sein, oder ein Jüngling. Jetzt flutet die Lebenszeit in ein Becken zurück, ebnet sich aus. Der Wasserspiegel wird beständig, still. Auf ihm wird deutlicher sichtbar sein, was gewesen ist. Aber, halt, auch dies nur für kurz.
Dann beginnt eine weite Zeit, von der wir alle nichts wissen. Die des Vergessens, des endgültigen, mit dem die meisten rechnen müssen, und die des Nicht-vergessen-Werdens der wenigen. Wohin wird man gehören? Wer weiss schon, wie das bei ihm sein wird?
Man trennt sich irgendwann, irgendwo, diesmal grad unterhalb des Pantheon, mit einem kräftigen Handschlag, gefasster Stimme, Umarmung, es wird nicht die letzte gewesen sein, aber solcher Erwartungen, Befürchtungen undeutlich gewärtig.
Paul Nizons Bücher erscheinen auf Deutsch im Suhrkamp Verlag. Soeben ist, als erste «Quarto»-Edition, die einem lebenden Autor gewidmet ist, die Summe seines erzählerischen Schaffens in einem Band erschienen.
Am Samstagabend, 5. Dezember, ist Paul Nizon Gast in der «Schule des Lebens», eine Veranstaltung des «Magazins» und dem Theater Neumarkt. Nizon wird von Stefan Zweifel befragt.
Am 14. Dezember spricht der Autor mit Peter Hamm über schweizerisch-französische Verbundenheiten, Heimat und Fremde im Literaturhaus Zürich.
Die Fotografin ROSWITHA HECKE lebt in Hamburg und ist Mitglied der Agentur 13 Photo.roswithahecke@hamburg.de

Jackett und Hemd auf jeden Fall von Michel Axel, Boulevard Saint-Germain, Paris | Roswitha Hecke

Wenn er sich gleich bückt, klingt das so: «Oh là là». | Roswitha Hecke