No sex please!

Erst kommt man vor Verliebtheit gar nicht aus dem Bett, nach ein paar Ehejahren dann will man nur noch darin schlafen. Vier Paare erzählen, warum sie keinen Sex mehr haben.

15.04.2007 von Finn Canonica

Es gibt wenig, was Tischrunden heute noch zum Schweigen bringt. Es wird freimütig über alles geredet, etwa über die letzte Affäre und deren intime Präferenzen. Schliesslich haben alle schon alles gesehen, wenigstens im Fernsehen, nichts Menschliches ist uns mehr fremd, schon gar nicht im Sexuellen – ausser jemand gesteht offen, keinen Sex mehr zu haben. Und das, obwohl er verheiratet ist, attraktiv, weder jenseits der 18 noch 80. Doch es gibt sie, jene, in deren Ehebett mit der Zeit auch die Lust eingeschlafen ist, wo nichts oder kaum noch etwas passiert. Es gibt sie zuhauf, selbst wenn uns all die Statistiken und sexuell aufgeladenen Werbebilder das Gegenteil weismachen wollen.

Die Wirklichkeit in den Schweizer Schlafzimmern ist düster: Die Paare, bei denen wenig bis gar nichts mehr läuft nach einigen Jahren, sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sagen Paartherapeuten. Die staunen oft darüber, wie viele Paare in einer Art unfreiwilligem Zölibat leben, in dem einer von beiden Partnern irgendwann so sehr unter dem eigenen oder fremden Nichtbegehren zu leiden beginnt, dass sie auf professionelle Hilfe hoffen.

Was passiert da? Es gibt viele Gründe. Vielleicht machen die Männer mehr und mehr schlapp, weil so viele Ansprüche an sie gestellt werden. Vielleicht trauen sich Frauen heute eher, sich dem Gebot der ehelichen Pflicht zu entziehen. Vielleicht ist es aber auch einfach die ganz normale Begleiterscheinung einer Ehe: Über kurz oder lang verflüchtigt sich das erotische Interesse am anderen, gleich, ob die seelische Nähe, ob das Vertrauen mit jedem Hochzeitstag wächst. Mag sein, dass Lust und Liebe sich zueinander sogar umgekehrt proportional verhalten – tröstlich wäre es wenigstens zu erfahren, dass Auf- und Erregung bei fast allen nachlässt und Umfrageergebnisse wie «Sex, 4∑ die Woche» nur eines repräsentieren: eine Lüge.

Vier Paare haben uns erzählt, wie sich die Lustlosigkeit in ihre Ehe geschlichen hat; jedes Paar hat seine eigene Geschichte, befindet sich an einem anderen Punkt. Bis auf ein Paar, das zusammen von seinen Schwierigkeiten berichten wollte, wurde einzeln befragt.

Petra*, 34, Lehrerin, und Urs, 35, Instruktor.

Seit 7 Jahren verheiratet, zwei Kinder, 4 und 6 Jahre alt.

SIE: Anfangs hat er eine sehr erotische Ausstrahlung für mich gehabt. Unser Sex später dann war auch nicht schlecht, aber Routine. Ich ergriff meist die Initiative. Das Problem kam schleichend, auch wegen der Kinder, die sind einem körperlich so nah, und beim Mann konnte ich Nein sagen, die Kinder hätten das nicht begriffen. Durch sie ist es auch nicht mehr spontan, es geht nur abends, und ich hab eher morgens Lust. Dann ist oft zwei Monate gar nichts passiert.

Mir fehlen die Schmetterlinge im Bauch; ich kenne seine körperlichen Reaktionen genau. Wir schlafen beide nackt. Dadurch ist alles verfügbar. Ich schlug ihm getrennte Schlafzimmer vor, damit wieder Spannung entsteht, aber das kam für ihn einer Trennung gleich.

Er möchte nach wie vor Sex mit mir haben. Ich hab auch das Bedürfnis nach Sex, aber nicht mit ihm. Er hat seine Anziehungskraft für mich verloren. Er versuchte es noch sehr oft. Ich sagte, wenn du mich drängst, mag ich sowieso nicht. Trotzdem hab ich gedacht, o. k., muss ich mich halt überwinden. Ich war dann gemein, dass ich ihn hab spüren lassen, dass ich es nur ihm zuliebe mache.

Ich verstehe schon, es ist brutal für ihn, abgewiesen zu werden. Er hat sich Ratgeber gekauft, wie man die Erotik zurückbringt, vielleicht Tricks daraus ausprobiert, ohne dass ich es gemerkt habe. Aber ich kann nicht Sex mit einem Mann haben, wenn ich ihn als Menschen nicht mehr akzeptiere.
Ich hab gern Freiheit, er ist ein Familienmensch. Ich glaube, Abstand ist wichtig. Ich hab Ausbruchsgedanken, Tagträume, und seit September einen Mann, auf den ich die projiziere. Dabei kenne ich den kaum. Meine Lust auf Sex ist ja da, nur mit meinem Mann gehts für mich nicht mehr. Für ihn wäre es fast leichter, er wüsste, ach, wegen dem anderen will sie mich nicht mehr. Auf einen One-Night-Stand hab ich trotzdem keine Lust, Sex allein ist es nicht.

Wenn es die Verabredung gäbe, dass es andere sexuelle Beziehungen geben darf, wären Seitensprünge o. k. Aber es bliebe komisch. Wenn ich fortginge und nicht sagte, wohin. Ich glaube nicht, dass mein Mann mich je betrogen hat.

Mich störte plötzlich, wie er sich anzieht. Er kam mir unmännlich vor. Er hat so eine Art, wo er sich kindlich gibt, das hat mich sehr genervt.

Wenn ich vielleicht merke, ich kann ihn nicht mehr haben, kommt vielleicht die Sehnsucht wieder, ihn zu spüren. Das letzte Mal Sex hatten wir vor fünf Monaten. Jetzt ist es für mich absolut unvorstellbar, es wäre wie Verrat an mir. Ich frage mich schon manchmal, wäre mit einem anderen alles anders?

ER: Das Sexproblem hat meine Frau ausgelöst, das würde ich schon sagen. Am Anfang hatten wir richtig viel Sex. Wir hatten sogar noch Sex während der Schwangerschaft meiner Frau. Fast bis in den neunten Monat. Ich finde ja, dass man zwischen der Qualität und der Quantität des Sex unterscheiden muss. Bei uns nahm die Quantität nach der Geburt des zweiten Kindes eindeutig ab. Auch die Stellungsvielfalt. Vorher hatten wir richtig scharfen Sex, nicht nur immer im Ehebett, auch an anderen Orten. Zum Beispiel auf dem Sofa. Oder im Stehen. Es gab eigentlich alles. Reiten, seitlich, Missionarsstellung. Sie hatte immer einen Orgasmus, da bin ich sicher. Manchmal haben wir den Orgasmus gemeinsam verzögert. Wir waren absolut auf derselben Linie. Ein- bis zweimal die Woche war für uns normal, inzwischen ein- bis zweimal pro Monat. Allerhöchstens. Das ist mir zu wenig. Eindeutig. Wenn wir es mal gemacht haben, muss ich mir sagen: «Scheisse, jetzt musst du wieder zwei Wochen lang warten.» Das halte ich nicht aus.

Noch etwas hat sich verändert: Früher wollte sie mich schnell zum Kommen bringen, das gefiel ihr, jetzt will lieber sie vor mir kommen. Natürlich hab ich das alles meiner Frau gesagt. Sie hat ruhig zugehört. Dann sagte sie, es gäbe Gründe. Wir hätten keine Zeit gehabt für uns. Das kann ich gut nachvollziehen. Lange Zeit dachte ich mir, das kommt schon alles wieder gut. Wenn die Kinder mal grösser sind, wenn sie nach vier Jahren zu Hause wieder mal arbeiten kann, dann erhält sie auch wieder mehr Selbstbestätigung. Das wirkt sich ja bekanntlich auch auf den Lustbereich aus. Wirklich geändert hat sich aber nie etwas. Und seit eine mögliche Trennung Thema ist, läuft gar nichts mehr.
Sie sagte, dass ich sie erotisch nicht mehr anziehe. Sie sagte, «Ich suech än männlichere Maa.» Sie hatte so eine Traumprinz-Fantasie. Das ist typisch für sie. Sie ist eine, die gerne ausgeht, feiert, es lustig hat. Ich habe ihr diese Freiheit gelassen. Es hat sie sicher auch stimuliert, und wir hatten oft scharfen Sex, wenn sie sich zu mir ins Bett legte.

Es war sehr hart, als sie mir das alles gestand. Bloss, was sollte ich tun? Ich will sie auch nicht zwingen. Ich bin nicht der Typ, der einer Frau die Kleider vom Leib reisst. Es macht keinen Spass, wenn man merkt, dass der Partner keine Lust auf Sex hat. Ich kann nicht einfach auf sie hocken und warten, bis sie kommt. Sie fühlt im Moment einfach nichts mehr für mich, darum will sie keinen Sex. Natürlich habe ich sie gefragt, ob sie auch schon Sex mit mir gehabt hat, damit ich Ruhe gebe. Sie sagte Ja.

Es ging übrigens nie um speziellen Sex. Ich hatte zum Beispiel nie Analsex, meine Frau schon, aber mit einem Exfreund. Einmal wollte ich es ausprobieren mit ihr, aber sie hatte keine Lust dazu.

In einer ersten Phase habe ich mich informiert. Ich erinnere mich, dass ich in mein Tagebuch schrieb: «Ich will das Problem in den Griff kriegen.» Ich las ein Buch, die «Psychologie der sexuellen Leidenschaft».

Ehebruch ist für mich kein Thema. Wir haben ja so viel zusammen erlebt. Also onaniere ich halt öfter. Allerdings muss ich schon sagen, dass die Lust auf andere Frauen wieder am Kommen ist. Ich bin jetzt 35, und so schlecht seh ich auch wieder nicht aus. Aber ich steh zu meiner Frau. Ich bin nicht der Rumfickertyp. Obwohl Sex mir viel bedeutet. Aber es liegt nicht an mir, ich könnte jetzt auf der Stelle Sex mit ihr haben.

Esther, 44, Hausfrau, und Beat, 40, Sicherheitsangesteller.

Verheiratet seit 18 Jahren, zwei Kinder, 11 und 14 Jahre alt, seit November getrennt.
SIE: Er hat meine Freundinnen angemacht, dann meine erwachsene Nichte. Sie haben mir nicht mehr telefoniert. Ende Jahr hat eine das Schweigen gebrochen. Er hat sie berührt und anzügliche Bemerkungen gemacht – das war zu viel. So will ich nicht mehr, habe ich ihm gesagt, er soll ausziehen. Er hatte auch mit einer anderen Sex, als ich in den Ferien war. Aber keine Bekannte. Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich längst zu einer Frau gegangen. Das verstehe ich. Er hat es nicht geleugnet. Er wollte, dass ich endlich die Augen aufmache, sagte er, weil wir keinen Sex haben.
Früher waren wir überverliebt. Wir schauten uns an und wussten, was der andere dachte. Heute weiss ich, das war zu harmonisch. Er möchte, dass es wieder so ist, aber nach 18 Jahren Ehe kann es nicht mehr so sein.

Der erste Sohn ist rothaarig, und er hat immer gebohrt, das sei doch komisch. Vor ein paar Monaten wollte er für beide Kinder einen Vaterschaftstest. Das ist so abwegig. Er kann nicht verstehen, dass eine Frau über Jahre keinen Sex hat, er denkt immer, es gibt einen anderen.

Ich weiss nicht mehr, wann das Sexproblem genau angefangen hat. Mit zwei Kindern, das war natürlich viel, und er war von Beginn an eifersüchtig auf sie. Hat nie was mit ihnen unternommen, mich nie unterstützt, nie zugehört.

Wir hatten früher ein paarmal in der Woche Sex, aber vier, fünf Jahre nach dem zweiten Kind hatte ich gar kein Verlangen mehr, der Gedanke an Sex hat mich geekelt. Er fragte mich immer, wieso denn nicht, aber ich wusste es selbst nicht. Ich fragte mich, liebe ich ihn noch? Ich glaube, ich habe bei ihm die Mutterrolle übernommen, habe den Haushalt gemacht, alles ganz traditionell. Er war zwei Jahre arbeitslos und hat sich an mich geklammert. Er liebe mich, sagt er, aber ich sagte ihm, dann würdest du mir nicht so weh machen. Für mich gibts keinen Weg zurück.

Manchmal hab ich mir gedacht, ich machs einfach mal um des Friedens willen: probierte alles, nahm ein Bad, aber ich konnte einfach nicht. Ich fühlte mich so unwohl, wenn er mich streichelte. Das war eine Lüge für mich.

Ich bin immer später ins Bett gegangen oder hab im Wohnzimmer geschlafen, um es zu vermeiden. Und hab nur noch geduscht, wenn er arbeiten war, ich mochte mich nicht mehr zeigen. Manchmal kam er extra ins Bad, um mich nackt zu sehen. Ich hab ihm gesagt, er soll
zu Prostituierten gehen, wenn er das braucht, mich stört das nicht. Da war er geschockt. Und Selbstbefriedigung ist für ihn eine Sünde. Sagt er.

Eines Tages sagte er mir, er habe im Internet einen Porno gesehen, und die Frau da gleiche mir ganz fest. Er fragte mich, ob ich mal Prostituierte gewesen sei. Er glaubts heute noch nicht, dass ich das nicht bin. Das ist krank. Er will mich besitzen, und er kanns nicht. Aber grob war er nie, auch beim Sex nicht.

Ich vermisse den Sex überhaupt nicht. Bei Sexszenen im TV schaltete ich um, das widerte mich an. Inzwischen habe ich 16 Kilo abgenommen. Ich habe langsam wieder Spass, mich schön zu machen. Früher habe ich mich immer geschminkt, aber da habe ich Angst, dass er mich wieder bedrängt.

ER: Ich weiss nicht, warum sie plötzlich keinen Sex mit mir wollte. Am Anfang hatten wir viel Sex. Aber nach dem zweiten Kind hatte meine Frau plötzlich keine Lust mehr. Sie hat zugenommen, ich glaube, zwölf Kilo. Aber ich stehe auf dicke Frauen, ehrlich. Wenn jetzt Claudia Schiffer durch diese Türe käme, ich hätte gar keine Lust auf sie. Die ist mir zu dünn. Es liegt also nicht an mir. Ich kann immer Sex mit meiner Frau haben, wenn sie nur wollte. Ich habe alles versucht, Gespräche, Geschenke, gute Stimmung machen, nichts hat genützt. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich zu wenig um die Kinder gekümmert habe, als sie noch klein waren. Ich war kein guter Vater, eher so ein Pascha-Typ. Das hat sie mir nie richtig verziehen. Als ich keinen Job hatte, war das ein Stress für sie. Sie findet mich vielleicht auch darum nicht mehr sexy.

Angefangen hat es damit, dass meine Frau nicht mehr reagiert hat, als ich sie streicheln wollte. Ich habe auch gemerkt, dass sie sich nicht mehr ausgezogen hat vor mir. Ich habe ihren Po gestreichelt, was sie früher immer gemocht hat – es hat nichts genützt. Ich habe nie Druck auf sie ausgeübt, ich liebe sie ja. Jetzt masturbiere ich halt, aber zu viel ist nicht gut. Meine Frau hat mein Sexproblem nie ernst genommen, obwohl ich Zeichen gegeben habe.

Einmal hatte ich einen Plan. Ich wollte eine gute Freundin meiner Frau anmachen. Ich habe sie dann auch unsittlich angefasst. Ich erwartete eine Ohrfeige und dass sie es sofort meiner Frau erzählt. Dann hätte meine Frau verstanden, wie gross meine Not ist. Die Freundin hat aber erst mal nichts gemacht. Kein Wort gesagt. Mein Plan ist also nicht aufgegangen. Erst viel später hat sie es meiner Frau gesagt, dann war natürlich erst recht Schluss mit dem Sex.

Ich habe einen normalen Trieb, ausserdem gehört Sex in jede Ehe. Manchmal denke ich, meine Frau hat Sex mit anderen, irgendwoher muss sie doch auch ihre Befriedigung haben. Aber vielleicht bilde ich mir das auch ein. Es gibt auch Probleme mit unserem Sohn. Er hat rote Haare und einen Spreizfuss. In der Schule sagen ihm alle Ballerina.

Wir leben im Moment getrennt.

Ich seh meine Kinder am Wochenende, meine Frau fast nie. Manchmal denke ich, es ist schon verrückt, was alles kaputtgeht wegen dem Sex.

Isabelle, 42, Eventmanagerin, und Philip, 48, Finanzberater.

Seit 3 Jahren verheiratet, kennen sich seit 8 Jahren.

SIE: Es ist Teil meiner Person, dass Sexualität mir nicht wichtig ist, insofern haben wir das Problem seit eh und je. Ich müsste es gar nicht haben. Wobei ich das von früheren Beziehungen kenne, das hat nichts mit meinem Mann zu tun. Das Problem bei allen Männern ist, sie wollen mich immer retten. Jeder denkt, bisher konnte ich es zwar noch nicht erleben, aber mit ihm. Alle entwickeln Ehrgeiz.

Die Unzufriedenheit liegt eher auf seiner Seite, aber er lässt mich das so oft spüren, dass ich die Nase voll habe. Es sind so Phasen, mal sind wir beide zufrieden, dann gibt es die Zeiten des Mankos, und das steigert sich in Schuldzuweisungen: Du machst nichts, du änderst nichts, du willst nicht lernen. Streit gibts nicht, aber Liebesentzug von ihm. Entweder werde ich wütend auf ihn, oder ich schalte auf gleichgültig. Dann gehe ich in mein Zimmer und denke, his business. Es geht um eine Vereinbarung, wie geht man damit um.

Sexualität ist mir verdorben worden, in meiner Familie galt es als schmutzig. Ich war beim ersten Mal 21, dachte immer, das muss ich nicht haben, und es war dann auch eine Enttäuschung.

Es gibt für mich schon eine körperliche Anziehung – ich finde meinen Mann schön, ich umarme ihn gern, rieche ihn gern, fühle seine Haut gern –, nur ist das für mich nicht gleich Sexualität. Aber für ihn ist es das sehr wohl, und so ziehe ich mich zurück, um keine Hoffnungen bei ihm zu schüren.
Wenn er frustriert ist, steht ihm auf die Stirn geschrieben: «Mein Bedürfnis wird nicht gedeckt.» Er reagiert als Opfer. Und ich bin die Spielverderberin.

Aber ich bin normal, ich bin anders, aber nicht krank. Deshalb gelingt es mir nun gut, zu sagen, es ist auch deins. Du hast dich für mich entschieden, du wusstest es von Anfang an. Und wir haben schon viele Schritte zusammen gemacht. Bei keinem Mann hatte ich so schöne sexuelle Erlebnisse, aber es reicht trotzdem nicht.

Wogegen ich mich gewehrt habe, ist: Der Mann kommt erschöpft von der Arbeit, und ich will nicht seine Apparatur sein, mit der er entspannen kann. Inzwischen kommen die Regeln von mir; ich weiss, wir können abends kuscheln, aber weiter muss nichts passieren. Und abends spät möchte ich nicht. Nach all den menschlichen Kontakten am Tage bin ich durchlässiger, da kommt mir die Sexualität zu nah. Hell muss es sein. Für mich braucht es den idealen romantischen Raum dazu.

Wir schlafen sicher einmal in der Woche miteinander, aber mein Mann will mehr. Und er will, dass man sich hineingibt in den Sex, nicht mehr denkt. Ich bin sehr verkopft. Ich spiele nicht. Deshalb spürt er, dass ich nicht richtig da bin. Er vermisst eine Frau, die ihn zum Beispiel unter der Dusche vernascht – und dafür bin ich nicht die Richtige. Ich sagte ihm, wenn das dein Traum ist, müssen wir uns trennen. Aber ich hab eine innere Sicherheit, dass das nicht passiert. Aber diese Sicherheit hat auch etwas Lusttötendes.

Dann haben wir drüber gesprochen, ob er das Problem nicht ausserhalb lösen kann. Denn ich kann ihm das Leiden nicht nehmen. Er sagt, es gibt so viele attraktive Frauen, aber wir haben nebst Sex so viel anderes in unserer Ehe, was sehr stark ist. Nur eine feste Affäre würde ich nicht ertragen, aber wenn es auf Dienstreisen weit weg eine Nacht geschieht, interessierts mich nicht. Den Gedanken an Prostituierte finde ich sehr schlimm – ist die Not so gross, dass mans kaufen muss? Es ist eklig, so viele Männer davor und danach.

Manchmal sagt er, du bist nicht laut – aber ich kann mich nicht zu irgendwelchen Sätzen oder zum Stöhnen zwingen. Will ich auch nicht.

Wir haben mal erotische Literatur zusammen gelesen, das ist anregend, aber die Phase ist vorbei. Ich glaube, Pornografie interessiert ihn nicht. Er freut sich sehr, wenn ich Neues versuche. Ich berühre ihn woanders, massiere ihn oder versuche andere Stellungen. Ich wünsche mir, dass er mal keine Lust hat, damit ich selber in die Lust kommen kann. Bei ihm ist immer zu viel, bei mir zu wenig.

Ich habe kein Liebesmanko, überhaupt nicht, ich fühle mich bloss zu sehr begehrt. Er dagegen sagt oft, er fühlt sich nicht begehrt. Vielleicht platzt ja der Knoten bei mir noch. In anderen Ländern, wo die Frauen in der Werbung nicht immer halb nackt sind, bin ich entspannt. Hier wirbt schon der Bäcker mit einer Nackten: Das viele Fleisch ödet mich an, es hat keinen Wert.

ER: Ich muss ein bisschen ausholen, damit man besser versteht: In meiner vorhergehenden Ehe war der Sex super, richtig toll. Es war ganz allgemein eine sehr symbiotische Beziehung, das hat sich eben auch im Bett gezeigt. Meine jetzige Frau lernte ich in der Trennungsphase kennen. Sie ist sehr eigenständig. Sie war auch lange Single, sie kann sehr gut allein sein. Ich dagegen kam aus einer achtzehnjährigen Beziehung, ausserdem bin ich ein Mensch, der viel Körperkontakt braucht, viel Nähe, das muss nicht immer nur Sex sein. Das liegt vielleicht daran, dass meine Mutter mir kaum Nähe gegeben hat. Generell liebe ich Frauen. Ich will sie verführen. Ich liebe ihre Aura, ihren Geruch, einfach alles. Es tut mir richtig gut, eine Frau in meiner Nähe zu haben. Früher schämte ich mich dafür, heut geniesse ich es.

Unsere sexuellen Bedürfnisse waren von Anfang an verschieden. Trotzdem habe ich mich auf sie eingelassen. Meine Frau ist ein sehr feinfühliger Mensch, wir haben insgesamt eine erfüllte Beziehung. Aber sie braucht offenbar keinen Sex, das sagt sie auch sehr offen. Vermutlich ist da mal etwas schiefgelaufen in ihrer Jugend, Genaueres weiss sie selber nicht. Sie sieht übrigens sehr gut aus, meine Frau, käme sie jetzt zur Tür rein, fiele sie auf, vom Gesicht her und von der Figur. Die Kleider, die sie trägt, sind allerdings nicht sehr sexy.

Ich bin ein Mann, der gerne Sex mag, ich rede auch gerne drüber. Wir haben circa einmal die Woche Sex. Zu wenig. Ausserdem fehlt mir ganz klar die Leidenschaft, es ist schön und zärtlich, aber nicht geiler Sex. Meine Frau ist fast nie richtig in der Lust, phasenweise ist der Sex sehr funktional. Sie sagt, sie spüre manchmal sehr viel, manchmal fast nichts. Im Moment haben wir eine Absprache: Sex nur am Wochenende und tagsüber. Dazu braucht es immer Kerzen, Musik und so. Auf Dauer ist dieser Zustand für mich belastend. Ich kompensiere das mit Selbstbefriedigung. Dass es zwischen uns noch nicht zum grossen Knall gekommen ist, liegt vielleicht auch daran, dass wir viel miteinander reden. Wir haben so ein Ritual. Ein wöchentliches Zwiegespräch nennt sich das. Jeder darf abwechselnd fünfzehn Minuten lang dem Partner alles sagen, was er will. Eine Stunde geht das. Der Partner muss schweigen und zuhören. Ich glaube, das ist ein gutes Ventil.

Ja, es ist schwer zu verstehen, weshalb ich vor drei Jahren die Frau geheiratet habe, mit der es im Bett nicht so toll ist, aber das ist vermutlich die Liebe. Sie weiss, dass ich manchmal leide. Sie sagte auch von Anfang an, ich könne machen, was ich wolle. Ich meine, mit anderen Frauen und so. Solange es nicht eine Frau aus ihrer Umgebung ist und die Beziehung nicht belastet. Bis jetzt hab ich das kaum ausgenützt, weil ich finde, dass wir zusammen weiterkommen müssen.

Einmal waren meine Frau und ich in so einem Massageinstitut. Topseriös, nicht schmuddelig, aber schon erotische Massagen. Ich liess mich massieren von der Frau, und meine Frau half mit. Am Schluss gab es eine sogenannte Lingam-Massage, Lingam heisst Penis auf Hindi. Ich fand es herrlich! Auch meiner Frau hat es übrigens gefallen. Jetzt gehe ich immer wieder allein dahin, meine Frau weiss das. Die Prostata-Massage dagegen gefiel mir gar nicht. Wir haben einige Massagetechniken übernommen, obwohl sich durch diesen Besuch unser Grundproblem nicht verändert hat.

Im Moment bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit der Situation zu arrangieren. Manchmal sehne ich mich nach einer Frau, die alles bietet. Liebe und heissen, spontanen Sex. Dann habe ich wieder Angst, dass ich tatsächlich so einer begegnen könnte. Meine Fantasie kann ich nicht abstellen.

Neulich sah ich im Tram eine sehr schöne Frau, sie trug ein Bild von Botticelli unter dem Arm, natürlich kein echtes. Irgendwie war da eine Anziehung, ich fragte sie, ob sie Lust habe, einen Punsch mit mir zu trinken. Sie sagte: Sie trinke lieber einen Punsch zu Hause. Das hab ich als eine Art Einladung verstanden, aber ich habe dann doch nicht darauf reagiert. Aber die Frau blieb in meinem Kopf, ich überlegte sogar mal, Nachforschungen anzustellen, liess es aber sein. Ich glaube immer noch, dass meine Frau einfach mehr Zeit braucht. Ob sie schuld ist an meiner latenten sexuellen Unzufriedenheit? Ich sehe das nicht so. Wir wissen beide, was wir aneinander haben.

Sara, 33, Trainerin, und Martin, 49, technischer Projektleiter.

Seit 9 Jahren verheiratet, zwei Kinder, 5 und 8 Jahre alt.

SIE: Wir haben eine lustlose Zeit verbracht, hatten viele Spannungen. Ich habe mich elend gefühlt: wie eine schlechte Frau, die ihm sein Recht vorenthält.

ER: Ich habe mich meiner Männlichkeit total beraubt gefühlt. Dann kommt irgendwann Resignation. Den Grund hab ich nicht bei mir gesucht, sie war die Schuldige. Sie will mich nicht, als Ehemann schon, aber nicht als Liebhaber.

SIE: Schon nach der ersten Geburt wars ein Problem. Dann hatten wir ein kurzes Highlight, weil wir noch ein Kind wollten. Aber der Hauptgrund ist die Angst vor Nähe. Und ich hatte so Kitschroman-Erwartungen von Explosionen und so. Einerseits hab ich ihn schon gewollt, anderseits habe ich auf ihn als Partner gezählt, und er hat meine Ansprüche da nicht erfüllt.

ER: Wenn sie abends von ihrem Tag erzählte, hatte ich das Gefühl, sie will Tipps von mir, auch weil ich älter bin, aber sie wollte einfach erzählen und wurde sauer. Ein schreckliches Klima.

SIE: Ein Mann funktioniert einfach anders. Ein Mann will ein Problem lösen, eine Frau will sich anlehnen. Als ich zu Hause blieb, sollte mein Mann alle Bedürfnisse erfüllen, die sonst Freundinnen usw. abgedeckt haben. Ich bin allerdings von Grund auf nicht die Heissblütigste, die rumläuft. Ich könnte mir vorstellen, ohne Sex zu leben.

ER: In den Flitterwochen hatten wir den ersten grossen Krach deswegen, ich dachte, ach toll, jetzt schon darf ich sie nicht mehr anlangen. Sie war schwanger und empfindlich auf Berührungen, aber das wussten wir da noch nicht.
SIE: Ich hab schon den Abschiedskuss morgens nicht ertragen. Ich merkte, etwas ist mit ihm. Das ist dein Problem, hast du gesagt, wenn überhaupt was. Ich glaubte, ich bin krank.

ER: Frauen müssen reden, damits nachher Sex gibt. Und Männer können nur reden, wenn sie Sex hatten. Und sie ist ja nicht die erste Frau, die ich habe, also hatte ich das Gefühl, mit ihr stimmt was nicht. Wenn man nicht dauernd was anderes erwartet, kann man auch ohne Sex eine gute Ehe führen. Aber dafür muss man es mal thematisieren, ich wäre sonst zugrunde gegangen oder hätte Quatsch gemacht, extern. Einen Seitensprung. Der Gedanke war da, aber ich kann nicht lügen, sie würde es sofort wissen. Deshalb war das keine Lösung, obwohl ich es bei jeder Frau, die ich sah, im Kopf hatte. Es staut sich etwas an.

SIE: Selbst wenns gut klappt, denkt jeder, wäre doch mal schön. Ich auch, aber ich bin anders gesteuert, ich wollte verwöhnt werden, im Mittelpunkt stehen bei einem anderen, es war nicht das Körperliche, was ich vermisste.

ER: Ich war nie speziell gut darin, für meine Frau eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Wir haben sicher unterschiedliche Vorstellungen von dem. Wenn ich sie halte oder massiere, dann war das für mich schon das Vorspiel – für sie alles andere. Nur das nicht.

SIE: Ich war wirklich oft müde. Aber wenn mans wirklich will, ist man natürlich nie zu müde. Doch meine Erfahrung war, dass es schon die letzten 25 Male nicht toll war, also lieber eine Stunde früher schlafen als Stunden rummachen mit etwas, was mir nicht gefällt.

ER: Die erste Ablehnung fand ich menschlich, aber zweimal hintereinander, das trifft den männlichen Stolz.

SIE: Mir gings drum, seine Aufmerksamkeit zu kriegen, er hat den ganzen Abend in den PC gestiert. Ich fühlte mich als Mensch abgelehnt, so wie er sich körperlich von mir. Manchmal fühlte ich mich, wenn er kam, als bestehe ich nur aus Busen und Muschi für ihn.

ER: Ich hab mich am PC abgelenkt. Ich fand, ich gehe auf ihre Ansprüche ein.

SIE: Ich hatte mir das Problem schon lange eingestanden, nur was machen?

ER: Seit fünf Jahren ists ein Problem, ich hab mir nur ewig was vorgemacht. Ich hab sie ja immer begehrt, auch wenn ichs mir zwischendurch ausgeredet habe. Ich fühlte mich minderwertig, dass ich es nicht schaffe, ihre Leidenschaft zu befeuern.

SIE: Ich hab dann beim Frauenarzt einen Flyer für Kurse*zu dem Thema entdeckt und gedacht: Was haben wir zu verlieren?

ER: Ich hab mich für den Männerkurs «Meine Frau hat keine Lust» angemeldet. Es hat unglaublich gut getan. Danach hatte ich erkannt, dass meine Frau nicht kaputt ist, sondern in Ordnung. Eine riesige Last fiel von mir.
SIE: Mir hats auch bestätigt, dass ich nicht kaputt bin. Eigentlich hab ichs zwar gewusst, man redet ja auch mit Freundinnen. Mein Aha-Kurs-Erlebnis war, es gibt die Heissblütigen und die anderen. Es ist wie blond und braunhaarig. Nichts schlecht. Ich hab im Kopf Strichliste geführt, wann das letzte Mal war und wanns mal wieder fällig ist. Die längste Durststrecke war neun Monate.

ER: Wir waren dann noch mal in der Einzelberatung. Bekamen dort Hausaufgaben, sollten schmusen lernen, durften die Geschlechtsteile nicht berühren. Es war merkwürdig, so auf Kommando. Wir redeten drüber, was passiert, wenn sich bei mir dennoch was regt.

SIE: Ich musste keine Angst haben.

ER: Die zweite Lektion war: inklusive Berührung der Geschlechtsteile. Als ich merkte, läck, jetzt möchte ich so gern mit ihr schlafen, musste ich sie erst fragen. Es hat dann gestimmt.

SIE: Das Hingeben und Geniessen und nicht an die Einkaufsliste denken oder dass es endlich vorbei ist, das ging wieder wegen der genauen Abmachung.

ER: Es passiert etwas häufiger seitdem, alle paar Monate. Aber es ist auch nicht plötzlich eine Sexmaschine aus uns geworden, doch das Leiden ist weg, weil wir gemerkt haben: Es ist keine Voraussetzung zum Glücklichsein. Der Gedanke an Seitensprung ist nie ganz weg, aber ich würde meine Ehe nicht riskieren. Ich fixiere mich nicht drauf, dass wir irgendwann auf den Standard kommen. Und ich will nichts machen, wo ich denke, das ist jetzt genial, und sie findets schlimm. Dass wäre das Schlimmste, dass sie mit mir nur ins Bett geht, weil sie muss. Schlimmer als Fremdgehen.

SIE: Ich hab das Thema noch im Kopf, aber wenn wir miteinander schlafen, ist es gut und schön. Es wird nie kitschromanmässig sein, aber ich kann ihm irgendwie nahe sein. Das ist mir wichtiger als jeder Orgasmus. Die Intimität ist unabhängig vom Bett manchmal weg, das ist normaler Ehealltag. Die Verhütung hemmt auch, einige Tage sind dadurch gestrichen. Gerade die, wenn ich am meisten Lust habe.
ER: Es gibt einige, die sich scheiden lassen deswegen. Ich hab unser Ende nie vor Augen gehabt, wir haben ja auch Kinder. Das wäre Horror, sich zu trennen.

SIE: Solange wir immer mal wieder einen Schritt aufeinander zugehen, wird es gut gehen, eine Garantie für die Ehe gibts eh nicht. Ich hab auch keine grosse Angst vor Seitensprüngen meines Mannes. Eher würde ich gehen, weils mir stinkt. Jetzt langts, hab ich schon oft gedacht, aber ich bin immer noch da.
ER: Es gibt ein Restrisiko, dass meine Frau mal geht, aber damit muss ich leben.

Die Namen wurden von der Redaktion verändert.

*www.sexual-beratung.ch, www.zefzh.ch, www.paarimpuls.ch

Zwischen dem, was er will, und dem, was sie will oder nicht will, liegen Welten. Soll man drüber reden, tragen beide Scheuklappen. | Bild: Ruth Erdt
Zwischen dem, was er will, und dem, was sie will oder nicht will, liegen Welten. Soll man drüber reden, tragen beide Scheuklappen. | Bild: Ruth Erdt
Je mehr gefordert wird, desto mehr zieht sich jeder zurück. Nach Sex zu fragen geht irgendwann gar nicht mehr. | Bild: Ruth Erdt
Je mehr gefordert wird, desto mehr zieht sich jeder zurück. Nach Sex zu fragen geht irgendwann gar nicht mehr. | Bild: Ruth Erdt
Schliesslich ist Lust und Laune dahin, er fantasiert von anderen Frauen, und sie geht lieber früh schlafen. | Bild: Ruth Erdt
Schliesslich ist Lust und Laune dahin, er fantasiert von anderen Frauen, und sie geht lieber früh schlafen. | Bild: Ruth Erdt

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