11.04.2008 von Peter Haffner , 2 Kommentare
Was unsereins der Gartengrill, ist den Bewohnern um Beverly Hills der eigene Golfplatz. Hier stehen Villen, die ein Jogger nur umrunden muss, um einen halben Marathon zu absolvieren. Da wohnt sie.
Sie!
Ihr Schloss liegt hinter Mauern, neugierigen Blicken verborgen. Wer ein spektakuläres Foto von ihr schiesst, kann sich für den Rest seines Lebens am Pool räkeln, Martinis nippen und trällern «Oops… I did it!»
Das hoffen sie alle, die am Mullholland Drive auf Britney Spears warten. Mit ihren Kopftüchern, Hip-Hop-Hosen und Klotz-Uhren sehen sie aus wie Cyber-Piraten, die zum Sturm auf Rapunzels Turm ansetzen: Laptop auf dem Schoss, Funk-Handy in der Faust, Kamera um den Hals. Ihre brandneuen Mercedes haben keine Nummernschilder, nur das Kennzeichen des Autohändlers. So tricksen sie die Kameras aus, die Verkehrssünder erfassen, wenn sie der «Queen B» über Rotlichter und Stoppsignale nachhetzen.
Es sind Typen, mit denen man keinen Streit sucht. Finstere Gesichter, Narben, die davon zeugen, dass sie es sind, die die Schlägerei überlebt haben. Fragen quittieren sie mit Schweigen, und dies nicht, weil sie als Brasilianer, Filipinos oder Armenier des Englischen nicht mächtig wären. Sie nennen sich «Paps», und die meisten sind «X-Guys» – Freelancer von X17, der aggressivsten Paparazzi-Agentur, die Los Angeles je gesehen hat.
Felix Filho, ein zu Jähzorn neigender Gemütsmensch, ist der Leader des Britney-Teams und der Mann, der sie am 16. Februar vergangenen Jahres knipste, als sie sich in einem Vororts-Coiffeursalon den Schädel kahl rasieren liess. Das Foto ging um die Welt und brachte 3,5 Millionen Dollar ein.
Leider nicht Felix, der auch nicht der Einzige ist, der Anspruch auf den Kopfschuss erhebt. Vor einem Jahrzehnt war der 35-jährige Brasilianer aus Porto Alegre in die USA emigriert, hatte als Pizzalieferant gejobbt und sich von einem Fotografen überreden lassen, bei seinen Botengängen Bilder der Celebrities zu schiessen, die er bediente. Von Fotografie hatte Felix keine Ahnung. Er übte zu Hause an Objekten wie Stuhl und Tisch, um das Wesentliche fix in den Rahmen zu bringen.
Heute hat Felix Britney ins Off Broadway Shoe Warehouse begleitet, wo die Treter so billig sind, dass Britney gar nicht erst hätte reich und unglücklich zu werden brauchen, um sie zu kaufen. Sein Kollege, der Neuling Eduardo Ravalha, machte Video, Felix fotografierte. Der Weg vom Auto zum Laden? «Das ist Bewegung, also Video», sagt er. Dann drinnen? «Da steht sie, also Foto.» Er ist ein bisschen besorgt über Britneys neue Bodyguards, die ruppig sind. «Wir respektieren sie doch, geben ihr Raum», sagt er. «Das muss man, sonst ist man raus aus dem Geschäft.» Und fügt bei, dass man als «Pap» zu allem bereit sein müsse, legal, illegal, scheissegal.
Britney Spears gilt als unberechenbar. Lässt sie einen heute zwischen die Beine blicken, zieht sie einem morgen den Schirm über die Birne. Doch meistens ist sie kooperativ. Niemand weiss das besser als Pernilla Cedenheim, die kleine Blonde mit dem grossen Charme, die wie ein Schmetterling zwischen den Rauhbeinen herumflattert und sie mit Informationen, Burgern und Soda versorgt. Die Schwedin hat den Draht zum Palast, weiss, wann Britney kommt und geht, was sie tut und vorhat. Pernilla arbeitet für «People», ihr einziges Thema ist Britney, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Ihre Berichte schickt sie per SMS nach New York, wo die Redaktion die Geschichtchen zu den Bildchen schreibt, wie etwa, dass Britney im Schuhladen zwei Tanzschrittchen gemacht habe. Pernilla ist froh, dass es wieder etwas friedlicher ist nach dem Nonstop-Chaos, wo sie vier Tage nicht schlafen konnte, weil Britney auf Tabletten war und so ruhig wie der Floh auf der heissen Herdplatte.
Um achtzehn Uhr wird sie im Millenium Dance Complex in Noho erwartet, wo sie probt und Teenagern die Schritte beigebracht hat, mit denen sie ins Rampenlicht der Popwelt hüpfte. X17 hat eine Wohnung gegenüber dem Eingang gemietet nur für dieses allmonatlich wiederkehrende Ereignis. Vom Parkplatz des Fitnessstudios nebenan hat man ebenfalls Einblick, vorausgesetzt, man hat dem Parkwächter die fünfzig Dollar zugesteckt für das Privileg, eine Leiter an die Mauer lehnen zu dürfen.
Ein Dutzend «Paps» haben das gemacht, und der Mann, um sechshundert Dollar reicher, ist guter Dinge. Dann, plötzlich: Ein schwarzer Cadillac Escalade biegt in die Einfahrt, forsch fährt ihm ein Paparazzo vor die Schnauze, wird barsch wegkommandiert; im Kamerageknatter und Blitzlichtgewitter ein verhuschtes Mädchen. Britney steigt aus dem Wagen, geht die paar Meter zum Eingang, verschwindet im Gebäude.
Frédéric, Dreitagebart, Silberkettchen und ein obszön neues BMW-Cabriolet, frohlockt. Halb Libanese, halb Franzose und ganz der Foto-Filou, der Frauen flachlegt mit dem Schwur, sie hochzubringen, hat er als Einziger das Bild, auf dem man sieht, dass Britney eine CD in der Hand hält. Das ist eine Story, das lässt sich verkaufen, und Frédéric, das will er doch gesagt haben, ist kein Paparazzo, sondern Fotograf.
Ein Job für dich und mich
Die Agentur X17 gehört dem Franzosen François Navarre und seiner amerikanischen Frau Brandy. Navarre war 1992 für «Le Monde» nach Los Angeles gekommen, um die Rassenkrawalle zu fotografieren; Brandy arbeitete für Reuters TV. Nun geniessen die beiden Journalisten den Lebensstil der Celebrities, denen ihre Paparazzi auf die Pelle rücken: eine Fünf-Millionen-Dollar-Villa in Pacific Palisades, zwei weitere Häuschen, ein Privatjet. In einem Alter, in dem man Gandhi bewundert, war der Finanzhai Gordon Gekko aus «Wall Street» das Idol von Brandy gewesen, wie sie der «Los Angeles Times» kundtat – der Mann, für den nichts so geil ist wie die Gier nach Geld.
Die Navarres haben die Branche aufgemischt. Freischaffende Paparazzi, die auf ihr Entgelt warten müssen bis zum Verkauf ihrer Fotos, haben sie an Ort und Stelle entlöhnt und die Bilder zum zehnfachen Preis weiterverdealt. Sie haben Kellnern, Parkwächtern, Monteuren und anderen Informanten, von denen Paparazzi mit Tipps versorgt werden, eine Kamera in die Hand gedrückt, damit sie selber knipsen. Ein obdachloser Vietnamveteran, der vor dem Hamburger Hamlet in Brentwood bettelte, machte seine Sache so gut, dass er nun eine eigene Wohnung hat.
«Wollen Sie die Fotos sehen?»
Die Proletarisierung des Paparazzitums, die X17 ins Extrem treibt, lässt die Vergangenheit in rosigem Licht erscheinen. Die Berufsfotografen, die Tage in einem Müllcontainer kauerten, als Gärtner posierten oder sich im Smoking Zutritt zu einer Gala erschlichen – es gibt sie kaum mehr. Sie operierten, wie James Bond, mit Helikoptern und Motorjachten, um die Hochzeiten, Ehebrüche und anderen Privatangelegenheiten der Schönen, Reichen und Prominenten zu dokumentieren. So verwerflich sein Tun, ein Mann wie Adriano Bartoloni hatte einst sieben Monate darin investiert, Papst Johannes Paul II. im Swimmingpool seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo abzulichten. Er hatte die Lokalität aus der Luft ausspioniert, die Wachpatrouillen umgangen, sich in einem Graben versteckt, eine ferngesteuerte Kamera in einem Baum montiert und elf Tage ausgeharrt, bis er bekam, was er wollte.
Nun machen Paparazzi wie Galo Cesar Ramirez von sich reden, der seinen Minivan in Lindsay Lohans Mercedes rammte, worauf Kollegen die Reaktion der Schauspielerin auf den Unfall festhielten. Dass er ihn mit Absicht verübt hatte, konnte dem für die Agentur Fame Pictures des Schweizers Boris Nizon tätigen Ramirez nicht nachgewiesen werden. Cameron Diaz und Justin Timberlake erlebten Ähnliches, als sie mit einem Freund spazieren gingen. Sie wurden von einem Auto verfolgt, aus dem plötzlich der Fahrer sprang, der ihren Begleiter niederschlug und dann knipste, wie sie sich beide über ihn beugten. «Us Weekly» brachte das Bild mit der Unterzeile: «Cameron und Justin eilen einem Freund zu Hilfe».
Die Zeiten sind rauher, die Konkurrenz ist härter. Celebrities überlegen es sich zweimal, Anklage zu erheben, ist doch jedes Gerichtsverfahren eine Einladung zu einer neuen Bilderorgie. So setzen sie ihre Hoffnung auf das eben formulierte «Britney Law». Es würde Paparazzi in Los Angeles verbieten, Celebrities näher als 20 Yard (rund 18 Meter) zu kommen. Sämtliche Einkünfte von Fotos, die innerhalb dieser «persönlichen Sicherheitssphäre» ohne Genehmigung geschossen würden, gingen in die Stadtkasse.
Frank Griffin, Mitinhaber der Bildagentur Bauer-Griffin, ist nur ein bisschen neidisch auf den Konkurrenten X17, der das Potenzial des Internet zuerst erkannt hat und mit mehr als einem halben Hundert Fotografen nun Hollywoods grösste Paparazzi-Agentur ist. Griffin wünschte sich, seine Website würde auch täglich Millionen Mal angeklickt wie die ihre. Denn Werbung ist eine neue Einnahmequelle für die Agenturen. Fans, die nicht auf die bunten Magazine warten mögen, schauen sich die Fotos im Internet an und lesen die Blogs dazu. Klatschseiten wie «PerezHilton», «TMZ» und «X17online» bringen täglich Hunderte von Zuschriften, in denen sie sich über die Frisur ihrer Idole auslassen oder sie mahnen, sich doch bitte in Zukunft im Auto anzuschnallen.
Frank hat alles gesehen und geniesst den Ruf, von jeder Celebrity innert Stundenfrist in Erfahrung zu bringen, wo sie sich aufhält. Der abgebrühte Brite, früher selber ein Paparazzo, verzieht keine Miene, als man das anzweifelt.
«Fragen Sie, nach wem Sie wollen.»
«Angelina Jolie?»
«Ist mit United nach Texas geflogen, wo sie ein Haus gemietet hat, mit Delta weiter nach New York, um an einer Sitzung des Council on Foreign Relations teilzunehmen, und von da gestern mit dem Privatflieger nach Hause zurück.»
«Und das müssen wir Ihnen glauben, Frank?»
«Wollen Sie die Fotos sehen?»
Seine Agentur bezahlt Informanten in den Fluggesellschaften, kennt die Pseudonyme, die Celebrities beim Buchen benutzen, die Nummernschilder ihrer Autos, die Namen ihrer Assistenten nebst einer Menge von Leuten, mit denen sie befreundet, bekannt, verwandt oder verfeindet sind. Information ist die Währung der Branche. «Es ist einfacher, als Sie denken», sagt Frank. «Man braucht nur zehn Leute zu kennen, von denen jeder wiederum zehn kennt…»
Griffins Leute wussten als Erste, dass «Brangelina» nicht nur ein Promotions-Gag von «Mr. & Mrs. Smith» war, sondern eine ernste Sache. Frank hatte den ersten Kuss der beiden und ist sich sicher, dass Frau Jolie Pitt Zwillinge zur Welt bringen wird.
Frank hatte die Stars der Rock- und Popszene fotografiert für Heftchen wie «Bravo», eine Menge Geld gemacht und alles mit Aktienspekulationen verloren, inklusive der kostspieligen Freundin, die ihn obendrein verklagte. Er spielte mit dem Gedanken, sich seriösen fotografischen Themen zu widmen, reiste nach Rumänien und sah, dass mit Bildern von Armen kein Geld zu machen ist. So emigrierte er nach Amerika, mit leeren Taschen und voller Hoffnung, auf einer Harley Davidson in den Sonnenaufgang seines Lebens zu röhren. Drei Wochen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, brach er sich bei einem Motorradunfall den Hals.
In seiner Agentur, die er mit Randy Bauer vor zehn Jahren gründete, liegen «People», «Touch», «Hello!» und andere Magazine gestapelt, alle voller Post-it-Zettel, die Bilder eigener Fotografen markieren. Fünf Festangestellte und zehn Freelancer in Los Angeles, drei in Hawaii, vier in New York. Qualifiziert ist, wer mit der Kamera verwachsen ist, keine schwache Blase hat und ungerührt bleibt, wenn ihn ein Star anraunzt. Von den vierhundertfünfzig Celebrities in Los Angeles, meint Frank, verkauften sich zwanzig garantiert und hundert gut. «Der Rest muss sterben, damit man sie los wird», sagt er.
Er nennt Gewinnzahlen, die zu notieren sich erübrigt, da er im gleichen Zug meint, jeder in der Branche lüge, wenn er übers Finanzielle rede. Tatsache ist, dass die Preise gesunken sind – löste früher ein Bild durchschnittlich 1000 Dollar, sind es heute nur mehr 250.
«Weil es mehr Fotografen gibt?»
«Nicht mehr Fotografen», sagt Frank. «Nur mehr Leute mit Kameras.»
Was sich verkaufe, seien Bilder von glücklichen Menschen; Paare, die Händchen, Mütter, die Babys, Väter, die beides halten. Wer sich die Heftchen ansieht, teilt für zehn Minuten ihr Glück, eine Flucht aus einer Welt, in der Monster Kinder schänden und man seinen Job verliert.
Ob er immer noch Spass an der Sache hat, Frank? Oder Geld alles ist, was zählt?
«Es ist wie mit achtzehn, als ich Autos klaute. Ich tat es des Geldes wegen und genoss den Nervenkitzel.»
Sagt es und schwingt sich auf seine blank polierte Harley, die Kamera umgehängt, mit der er Britney Spears erwischte, als sie ins Spital gekarrt wurde.
Was Penetranz wert ist
Paparazzi hatten keinen Ruf zu verlieren, als Prinzessin Diana mit ihrem Liebhaber Dodi 1997 in Paris im Tunnel zu Tode kam. Die Presse, die ein Vermögen mit ihren Fotos gemacht hatte, und das Publikum, das nie genug davon zu bekommen schien, hatten ihren Sündenbock. Sieben, die die «Königin der Herzen» auf Motorrädern verfolgt hatten, wurden festgenommen, bevor sich herausstellte, dass der Fahrer des Paares betrunken war. Dass gerade die «gestohlenen», intimen Bilder von Diana die Trauer um sie so gross machten, ist die Paradoxie der Geschichte.
So sehr Paparazzi den Celebrities das Leben versauern, ein wirkliches Problem haben diese erst, wenn das nicht mehr der Fall ist. Der Preis für den Erfolg ist der Verlust der Privatsphäre; gewinnen sie diese wieder, bedeutet es das Ende ihres Ruhms. So persönlich es manche nehmen – der Paparazzo ist nicht an ihnen selbst, sondern nur an ihrem Marktwert interessiert, und seine Penetranz ist der Massstab, wie hoch dieser ist.
Kollaboration ist das Mittel, den Kurs zu halten. Tazio Secchiaroli, der Roms dekadentes Nachtleben der Nachkriegszeit dokumentierte und Sophia Lorens Hoffotograf wurde, wies den Weg. Secchiaroli hatte erkannt, was damals noch Gültigkeit hatte, nämlich dass sich Bilder mit lächelnden Filmstars schlechter verkaufen als solche, in denen diese dem Fotografen eine herunterhauen. Bald taten die Stars bei der Inszenierung solcher Zusammenstösse kräftig mit, um in die Schlagzeilen zu kommen. Federico Fellini nahm sich Secchiaroli als Vorbild für den Fotografen von «La Dolce Vita», gab ihm den Namen «Paparazzo» und klassifizierte damit die Gattung.
Der Paparazzo liefert, wonach das Publikum lechzt. Celebrities sind wie die Götter der Griechen: unerreichbar auf ihrem Olymp, doch menschlich wie Krethi und Plethi. Was einen hoffen lässt, selber einmal da zu thronen, wie es einen tröstet, dass das Glück sich von aller Kaufkraft der Welt nicht rühren lässt. Sie mögen Privatjets und Strandvillen haben, Diamanten und Designerklamotten tragen – in ihrem Konsumparadies sind sie so verloren wie wir in unserer Mietwohnung. Sie streiten sich, sind betrunken, legen Pfunde zu, verlieren die Nerven mit ihren Kindern und sind womöglich seelisch so ramponiert, dass wir unser ereignisloses Leben dann doch nicht mit dem ihren tauschen möchten. Was Paparazzi uns zeigen, hilft uns, mit unserem Neid umzugehen, wie es uns dazu verführt, uns noch stärker mit den Beneideten zu identifizieren.
Es ist die Gewöhnlichkeit der Aussergewöhnlichen, die heute fasziniert. Die Diva Cameron Diaz, die in einem Shop etwas fotokopiert, der Megastar Madonna, der vom Velo fällt, die Leinwandgöttin Angelina Jolie, die nach dem Kinderkriegen mit ihrem Bäuchlein hadert. Sie tragen den Abfall hinaus, schieben einen Einkaufswagen, holen Kleider von der Reinigung: Seit «Us Weekly» begonnen hat, Celebrities bei Banalitäten zu zeigen, ist ihr Alltag zur Sensation geworden, die auch den unsrigen adelt. Celebrities sind wie wir. Und die von Reality-TV-Shows sind nicht nur wie, sie sind wir: Was die können, können wir auch. Wir müssen nur wollen.
Brad Elterman, dem 51-jährigen Mitinhaber von Buzz Foto, der 2006 gegründeten neusten Agentur auf dem Markt, ist das nicht genug. Brad hat sich Ruhm als «Hollywood-Fotograf» erworben mit Bildern, die den Vergleich mit den Meistern nicht zu scheuen brauchen. In seinem Haus in Belair hängen Original-Lithos von Matisse, und der Garten, selber angelegt, sieht aus, als sei er aus der Toscana eingeflogen. Ästhetik ist alles, findet Brad; warum soll dies nicht auch für Paparazzi-Fotos gelten?
Tagewerk oder Kunstwerk?
Unlängst hat er in der Seyhoun Gallery eine Schau seiner Fotografen gezeigt. «Paparazzi As An Art Form» ermunterte, einen frischen Blick auf die Branche zu werfen, deren Ruf mit Agenturen wie X17 vollends im Keller ist. Paris Hilton auf Stöckelschuhen mit Surfbrett, Bentley und Yorkshire Terrier, Tom Cruise mit Leibwächter in der Hitze der Nacht, Mike Tyson, wie er im Strassencafé Tauben füttert: «Das sind die ikonischen Bilder von morgen», sagt Brad. Farbfotos, die von unserer Ära zeugten wie die Schwarzweissbilder von Marilyn Monroe oder Muhammad Ali von der vergangenen.
Die Werke seines Mentors Ron Galella, des Doyen der Paparazzi, hängen heute im Museum of Modern Art in New York. Brad hatte als Jüngling Bob Dylan geknipst, Geld für das Bild bekommen und die Schule abgebrochen. Er war den Stars des Pop, Rock und Punk nachgereist und hatte vom Aufstieg der Abba über das Begräbnis von Elvis bis zur Revolte der Sex Pistols bald alles im Kasten.
Es waren die Siebzigerjahre, die Epoche, in der man Aids für den Namen einer Hilfsorganisation gehalten hätte und Roadies T-Shirts trugen mit dem Aufdruck «No head, no backstage pass» (Bläst du mir keinen, kommst du nicht hinter die Bühne). In seinem Atelier in Studio City porträtierte und vernaschte Brad die Groupies und Partygirls, darunter zwei «Playboy»-Playmates, wie er sich voller Wehmut erinnert. Er holt ein Foto, auf dem er, ein junger Wuschelkopf, mit einer barbusigen Schönheit in die Kamera blickt. «Die hat jetzt zwei Kinder, lebt im Mittleren Westen und wiegt dreihundert Pfund», tröstet er sich.
Hört man Brad zu, weiss man nicht so recht, ob er der Vergangenheit nachtrauert oder in eine Zukunft sieht, die bereits begonnen hat. Ob Fotos von Paris Hilton, die nur berühmt dafür ist, berühmt zu sein, dereinst Kultstatus haben werden wie die von Jacqueline Kennedy Onassis, der besseren Hälfte des glamourösesten Paares, das je das Weisse Haus bewohnt hat?
«Wo ist da die Story?»
Fraglos ist, dass bei dem Überangebot an schlechten Bildern – «People» hat wöchentlich rund 120 000 Stück zur Auswahl – Qualität gesucht ist. Interessiert daran sind nicht zuletzt Firmen, die mit Stars werben. Wenn Lindsay Lohan von Chanel für eine Anzeige gebucht wird, kostet das ein Vermögen. Ein Paparazzo-Foto, das die Schauspielerin mit einem Chanel-Schal zeigt, ist Gratiswerbung und zudem wirksamer. «Die Fans wissen dann, dass sie den Fummel auch trägt», sagt Brad.
Elterman beschäftigt nicht wie X17 illegale Immigranten, die weder Fahrausweis noch Versicherung haben, verbietet Verfolgungsjagden, prüft, ob man das Handwerk beherrscht, und fordert Bilder, die auffallen. «Eine Celebrity, die an der Tankstelle auf die Toilette geht – was soll das?», fragt er. «Wo ist da die Story?»
Sein bester Fotograf ist Henry Flores, Mitbegründer von Buzz Foto. Der 31-jährige, kompakt gebaute Honduraner mit den guten Manieren hat nichts dagegen, Paparazzo genannt zu werden. Doch er ist ein Mann der Diskretion. «Rund zwei Drittel der Celebrities, die ich fotografiere, bemerken es nicht», sagt er in The Coffee Bean am Sunset Boulevard, einem Treffpunkt der Stars.
Henry schaut sich unauffällig um. Kürzlich hat er Winona Ryder mit dem iPhone geknipst. Das Foto brachte 3000 Dollar. Er mag nicht in der Meute sein, die Celebrities jagt. Meist arbeitet er mit Teleobjektiven aus dem Auto, einem unauffälligen Nissan Maxima, verborgen hinter getönten Scheiben und schwarzen Vorhängen. «Meine kleine Festung», sagt er und weist auf den Rückspiegel mit den eingeblendeten Monitoren der vier Videokameras, die rundum alles aufzeichnen. Eine Vorsichtsmassnahme, falls es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommt; einmal ist er von der Schauspielerin Michelle Rodriguez beschuldigt worden, sie mit dem Auto blockiert zu haben. «Ich brannte eine DVD, brachte sie aufs Polizeirevier, und die Sache war erledigt», sagt er.
Ein guter Paparazzo, meint Henry, vereint die Fertigkeit des schnellen Sportfotografen mit der des Fotojournalisten, der eine Geschichte zu erzählen weiss. Henry war weder das eine noch das andere. Als Ingenieur hatte er Infrarotkameras für Raketen-Leitsysteme entwickelt. Das Risiko, seinen Job an einen billigeren Kollegen in China zu verlieren, bewog ihn, ins Paparazzo-Geschäft einzusteigen.
Henry ist ein Filmfreak, der alle Stars kennt, nicht nur die Gesichter, sondern auch die Silhouetten, die Körpersprache, die Signale, die darauf hindeuten, dass sie da sind. Gewöhnlich geht er nach dem Mittag aus dem Haus und fährt seine Routen ab in West Hollywood und Beverly Hills, jeden Tag gegen zweihundert Kilometer.
Die Fahrt mit ihm lehrt, dass ein Paparazzo mühelos bei jedem Geheimdienst anheuern könnte. Henry erkennt Kollegen, die so diskret sind wie er, weiss die Turbulenzen im Fussgängerverkehr zu deuten und wann er wo auf was achten muss. Als ein Mitarbeiter per Funk meldet, im H&M am Sunset sei vielleicht die Sängerin Kelly Clarkson, prüfen wir es nach. Träfe es zu, käme es zum «gang bang», meint Henry – der Gruppenvergewaltigung, wie die «Paps» den vereinten Sturm auf eine Celebrity nennen.
Fehlalarm. Doch nun hat ein anderer Nicky Hilton gesichtet. «Fotografier sie, dass man ihre Knochen sieht!», instruiert ihn Henry. Die kleine Schwester von Paris ist zum Klappergestell heruntergemagert, und das ist die Geschichte, die Kasse macht. Neben den drei «B» – Babys, Bikinis, Boyfriend – ist Gewichtsverlust das populärste Fotothema.
Henry scannt die Strassen, Trottoirs und Freiluftcafés, die Eingänge von Restaurants, Boutiquen und Blumenläden, von Arztpraxen, Coiffeursalons und Nagelstudios. Er fährt durch die Parkplätze von Melrose Avenue, Robertson Boulevard, Rodeo Drive und Sunset Boulevard, prüft den Gegenverkehr, die Insassen in den Autos vor und hinter ihm, ruhig und alert. Abends wird er erschöpft sein und irgendeinen Film gucken. «Ferien?», fragt er zurück. «Da gehe ich nur an Orte, wo es garantiert keine Celebrities gibt!»
Kann er drei, vier Fotos verkaufen, war es ein guter Tag. Heute ist es keiner. Wir fahren zum Haus von Halle Berry, die eben geboren hat, sichten aber nur ihren Freund, das Model Gabriel Aubry. «Ohne sie ein Nobody, nicht wert, anzuhalten», winkt Henry ab.
Knabenschiessen in Kalifornien
Ethische Bedenken hat er nicht mehr, seit er sich klar gemacht hat, dass Celebrities nicht einfach Personen, sondern Unternehmen sind. «Sie brauchen uns», sagt er. Selbst öffentlichkeitsscheue Stars wie Tom Cruise und seine Frau Katie Holmes spazieren die Strassen auf und ab, wenn «Mission Impossible III» oder «Batman Begins» startet: Jetzt wollen sie gesehen und geknipst werden.
Wer keine Paparazzi will, kann aus Los Angeles wegziehen wie Sean Penn, von dem es kaum mehr Bilder gibt seit den Zeiten, als er sich mit ihnen prügelte. Andere, wie Brad Pitt, machen sich einen Sport daraus, ihre Verfolger auszubremsen. Manche bleiben einfach stoisch wie Susan Sarandon.
Doch alle sehen hin, wenn Blaine Hewison auftaucht. Der 15-jährige Skateboarder mit Zahnspange ist einer der jüngsten Paparazzi auf dem Pflaster und Inhaber der Agentur «Pint Size Paparazzi – Where Teens Shoot the Stars!».
Sein Vater hat ihm eine sechstausend Dollar teure Kameraausrüstung gekauft, und damit die Investition sich lohnt, ist nun die ganze Verwandtschaft auf Draht, den sich cool gebenden Jungen mit dem Milchgesicht zur Celebrity zu trimmen. Die Fernsehserie «20/20» dreht ein Feature, der Schwager einen Dokumentarfilm, und Papa Robert möchte gern MTV eine Realityshow mit seinem Sohn als Hauptdarsteller verkaufen. Da wird man etwa sehen können, wie der süsse Junge den Pornostar Jenna Jameson direkt ins Gesicht blitzt; ein «money shot», wie er im Drehbuch steht.
Es ist der Stoff, aus dem die schlechten Träume Hollywoods sind. Blaines Daddy hat einen Porsche 911, eine Filmproduktionsfirma, über deren Ausstoss er einen im Dunkeln lässt, und nebst einem Mangel an Manieren nichts weiter, was er dem Sohn vererben könnte. Das Apartment in West Hollywood, in dem die Hewisons wohnen, ist die schäbige Kulisse einer Bühne, in der sich nun alles um den Showboy dreht. In dessen Zimmer findet sich eine Spiegelwand, in der man ihn selbst, den Breitbild-Fernseher und sechs Paar Vans-Sneakers sieht, die säuberlich nebeneinander aufgestellt sind wie anderswo Bücher.
Zweimal in der Woche geht Blaine zur Schule, wo er seine Hausaufgaben abgibt. Tagtäglich absolvieren er, sein Partner Josh und sein Freund Austin, ein Ausbund arroganter Blasiertheit, ihre Tour bis in die Nacht. Sunset Plaza, Robertson Boulevard, Beverly Hills, die Trendlokale Ivy, Kois und Mr. Chow’s, wo Celebrities ein- und ausgehen. Dass sie so jung sind, ist ihr Vorteil, zumal bei den Frauen, die nicht wegblicken, wenn sie fotografiert werden, sondern fragen, wie alt sie und wo ihre Eltern seien und ob sie nicht ins Bett gehörten. «Manche sagen auch», erzählt Blaine, «dass ich es weit bringen werde mit meinem Unternehmergeist.»
Ein Bild von Britney Spears hat ihm fünfhundert Dollar eingebracht. Die Sängerin zeigt darin den Mittelfinger. Natürlich hat das nicht ihm, sondern der mitknipsenden Konkurrenz gegolten.

«Es ist einfacher, als Sie denken»: Frank Griffin, Agentur Bauer-Griffin | Serge Hoeltschi

«Das sind die ikonischen Bilder von morgen»: Brad Elterman, Buzz Foto | Serge Hoeltschi

Er würde sich auch beim Geheimdienst gut machen: Henry Flores, Buzz Foto | Serge Hoeltschi

Noch ganz Sohn und schon Paparazzo: Blaine Hewison, 15, Agentur Pint Size Paparazzi | Serge Hoeltschi
Nach den ersten gelesenen Zeilen kam mir sofort der gerade abgeschlossene Prozess im Fall “Lady Diana” in den Sinn. Im weiteren Verlauf des Artikels wird später darauf eingegangen. Wie zu erwarten.
Sicher leben die Promis, die “Celebrities” davon. Unbestritten.
Doch denke ich auch, dass es zweierlei “Arten” des Prominenten-Sein gibt. Zu der anderen zählte Lady Di. Das Ende ist uns noch immer vor Augen.
Doch sind es nicht letztendlich wir, das heisst der Zeitungsleser, der Endverbraucher, der indirekt die Aufträge an die “Paps” vergibt?
Jedesmal wenn wir zu einer dieser Zeitungen greifen, oder bestimmte Sendungen einschalten, oder uns mit der Freundin über den neuesten Tratsch aus Hollywood unterhalten geben wir bereits den nächsten Auftrag weiter. Ob wir wollen oder nicht. Dies sei wohlgemerkt keine Schuldzuweisung, lediglich eine Frage der Ver-antwortung.
Wunderbar geschriebener Bericht über das Haifischbecken “Tinseltown”, das “scheue Wild” und seine Jäger….köstlich!!
So isses! Und man sollte tatsächlich nicht von “Opfern” reden, wenn man die Celebs sieht, wie sie von Paps umlagert werden: ohne die wären Promis keine Promis. Ein Pamela Anderson (nur zum Beispiel) würde sich vor einen LKW werfen, wenn morgen nicht mehr mindestens 3 Jungs mit ‘ner Kamera fotografieren würden, wie sie im transparenten Mini und in UGG-Boots über die Strasse läuft!
Auf dass das lange noch so bleiben möge….