20.11.2009 von Dieter Bachmann , 8 Kommentare
Er nannte sich einmal einen «vorbeistationierenden Autobiografiefiktionär». Eine Art biografische Kurzformel; dazu ein paar Fakten. Paul Nizon wird als Sohn einer Bernerin und eines russischen Vaters am 19. Dezember 1929 in Bern geboren. Studiert Kunstgeschichte und übersiedelt nach Zürich, wo er Kunstkritiker bei der NZZ wird. Aber nicht für lange: 1959 schon war sein literarischer Erstling, die Erzählungen «Die gleitenden Plätze», erschienen, und 1963, nach einem Rom-Jahr, war der literarische Durchbruch da, der Roman «Canto», inzwischen ein Klassiker der neuen Schweizer Literatur. Nizon etabliert sich als einer ihrer wichtigsten Vertreter.
1977 übersiedelt der Vorbeistationierer nach Paris, wo er seither sesshaft ist. Drei Ehen, vier Kinder. In Frankreich als Autor bekannt, verehrt: in Paris neben Peter Handke und Thomas Bernhard der berühmteste deutschsprachige Autor seiner Generation. Die Wahlheimat wird, ein Wunder, der Ort seines nachhaltigsten literarischen Erfolgs. Nizon gesellt seinen «autofiktiven» literarischen Büchern eine zweite Werkebene zu: die «Journale». Im nächsten Jahr erscheint ihr fünfter, vorderhand letzter Band. Sein jüngster Roman, «Das Fell der Forelle», wieder in Paris spielend, erzählt von einem, der aus der Zeit gefallen ist, vom Leben und Weiterleben in allerleichtesten Sätzen, schwebende Prosa, burleske Komik.
Dieter Bachmann, Jahrgang 1940, Autor, Redaktor, Essayist, kennt Nizon seit 1961; eine Woche lang hat er sich nun in Paris vor dem grossen Geburtstag mit Nizon unterhalten.
Das Letze Revier
Zwei Herren, in die Jahre gekommen; der eine gegen siebzig, der andere im achtzigsten Jahr, in einem dämmrigen Zimmer, Parterre, Innenhof, Paris, 14. Arrondissement. Zwischen sich einen kleinen Taperekorder. Früher, in ihrer Zeit, hätte man dafür das Wort Diktafon verwendet. Sie haben verabredet, Hochdeutsch zu sprechen, die Sprache, in der sie schreiben. Zwei Wassergläser, vorderhand. Milder Morgen; vor dem Fenster Wasserlachen, es hat geregnet. Sie schauen sich an. Bachmann drückt den Startknopf.
DIETER BACHMANN: Einst im Mai… ich glaube, es war wirklich Frühling, der Frühling des Jahres 1961 in Zürich, 48 Jahre ist es her: Du standest mit einem Schriftstellerfreund drüben beim Café Terrasse, ich auf der Seite des Odeon. Du also bei einem Tempel des Eros, wo damals schon am Nachmittag Tänzerinnen auftraten, ich auf der Seite des Kaffeehauses, in dem die Geister schwirrten; noch schwirrten sie da. Du warst grad an «Canto», deinem ersten Roman, hattest einen Band mit Erzählungen, «Die gleitenden Plätze» und eine Stellung als Kunstkritiker bei der «Neuen Zürcher Zeitung». Ich schrieb im Herbst meinen ersten Artikel in der «Weltwoche», und zwar über Walter Benjamins «Illuminationen». Weichen waren gestellt, Abfahrtszeichen gegeben, die Geleise lagen vor uns. Du standest mit Louis Jent, ich mit Hugo Loetscher, du warst 32, ich 21, das war unsere Urszene. Vor uns das ganze Leben; noch war es fast das ganze Leben. Wir trafen uns oft, in Zürich, und später in Paris nicht viel weniger. Wir schrieben Briefe, wir redeten, vor allem du über dich, und ich, deutlich weniger, über mich. Manchmal galt der erste Satz meiner Beziehungslehre auch für uns: «Es geht nicht ohne den andern, auch wenn es mit dem andern nicht geht.» Jetzt sitzen zwei alte Knacker, mit dem gleichen Altersunterschied wie immer, doch ist er unerheblich geworden, in einer kleinen Wohnung in Montparnasse. 48 Jahre weiter, oder auch nur älter. Pablo, lieber Freund: Sind wir eigentlich auch nur einen Hauch klüger geworden?
PAUL NIZON: (Lacht, schweigt, denkt nach) Ich würde sagen, wir sind stiller geworden. Ich meine damit eine gewisse Verhaltenheit. Nicht Trauer. Damals war das scheunengrosse Tor sperrangelweit offen und lud einen zu Überschwang, zu Übermut, Hoffnung, riesengrosser Erwartung.
BACHMANN: Dies ist, nach vielen Pariser Adressen, vorderhand dein letztes Revier. Wie fühlt sich diese neue Umgebung an? Du hast mit beinahe achtzig noch einmal die Wohnung gewechselt…
NIZON: Die Wohnung und den Zivilstand. Ich bin geschieden, und ich denke schon, dass dies mehr oder weniger die Endstation ist. Ich meine nicht, dass ich in fünf Minuten abtrete, aber so ein Umzug, die neue Akklimatisierung, das ist so aufwendig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ich das noch einmal machen möchte, und insofern sage ich: Das ist die letzte Adresse. Ich habe ja ein Leben geführt mit einer, 25 Jahre Rue Saint-Honoré, und daneben diese vielen Arbeitsadressen in der ganzen Stadt. Nur bin ich merkwürdigerweise nie in Montparnasse gewesen. Ich war meist auf der Rive Droite gewesen, die Wohnung gewissermassen im Herzen der Schönheit, mit diesem wunderbaren Umschwung Palais Royal, Comédie Française, Rue de Rivoli, Opéra. Seit fünf Jahren sind wir geschieden, aber noch gab es unsere zwei Wohnungen übereinander, den täglichen Grenzverkehr. Das Gefühl einer Zugehörigkeit. Während ich hier eindeutig ein Junggesellenleben führe.
Rue Campagne Première. Der Name erinnert an die napoleonischen Feldzüge. Aber die Strasse hat eine jüngere Vergangenheit, und weniger eine historische als eine literarische Berühmtheit. Viele Literaten, Fotografen, Künstler, Musiker haben im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts hier verkehrt, Aragon und Elsa Triolet, Maiakowskij und Rilke, Picabia und Erik Satie, Man Ray, Eugène Atget. Rimbaud; Walter Benjamin. Es gibt einen Roman des Journalisten und Schriftstellers Dominique Desanti, «Rue Campagne Premiere», der die Liebesgeschichte eines Mädchens mit einem kommunistischen Rechtsanwalt erzählt, der von den Nazis deportiert wird.
Durch ein zweiflügliges Gittertor geht man durch einen Portiko, an einem Schuppen für Abfallcontainer vorbei, passiert einen weiteren engen Durchgang, und betritt einen länglichen Innenhof, von hohen Häusern wie ein Innenraum umstellt. Es ist heimlich hier, ein paar Dutzend Schritte von der Strasse und hundert Meter Luftlinie vom belebten Boulevard.
Zwei hohe alte Bäume, eher schütter, behaupten ihren schattigen Platz. In der Mitte ein steingefasstes Beet mit Immergrün. Nizons Wohnung zeigt durch zwei Fenster einen Ausschnitt dieser Hinterwelt mit etwas Grün und einem Gartentisch, an dem man hie und da eine Anwohnerin mit einem Glas für sich allein sitzen sieht. Über einer Mauer sieht man in die Baumkronen im nächsten Hof. Kübelpflanzen, ein Efeu im Terrakottatopf, Grünzeug vor einer Parterrewohnung und darin ein Bronzekranich.
In einer Pfütze blieb das Wasser stehen und spiegelt eine schmale Strasse blauen Himmels zwischen den Dachtraufen. Irgendwo klingelt ein Telefon. Ein Radio tönt aus einem offenen Fenster, einsames Brabbeln, Musikschlieren, die die Ruhe unterstreichen.
BACHMANN: Du lebst nicht einsam, aber allein, und das heisst auch, dass du allein wirtschaften musst.
NIZON: Es heisst auch, dass im Bedarfsfall niemand mehr im Haus erreichbar ist.
BACHMANN: Wer kauft ein? Wer kocht? Wer putzt? Wenn ein Knopf fehlt — wer näht den Knopf an? Wäsche, Schuhe, Kleider — du weisst, was ich meine.
NIZON: Also: Wäsche mache ich in meiner Waschmaschine, trocknen im Bad, an einem zusammenklappbaren Wäscheaufhängungsmöbel. Knopfannähen und Bügeln besorgt die Concierge.
BACHMANN: Du hast also doch Kontakt aufgenommen!
NIZON: Ja, die Concierge. Die Post geht zur Concierge, sie ist die Postverteilerin. Und darum kennt sie auch alle Leute privat. Sie sagt zum Beispiel: Ich muss zu dieser alten Frau schauen da drüben, ihr geht es im Moment schlecht, ich mache ihr die Einkäufe. Sie ist kontaktfreudig, und bald einmal sind wir übereingekommen, dass sie, gegen Bezahlung natürlich, für mich bügelt. Und den Knopf annäht. Sie würde wohl im Notfall die erste Anlaufstelle sein. Und dann habe ich eine Zugehfrau, eine Araberin namens Aïcha, die einmal die Woche zwei Stunden kommt.
BACHMANN: Wo isst du, wenn du allein isst?
NIZON: Hier im Wohnzimmer, eigentlich ungern. Früher hab ich ja gern gekocht. Ich kochte immer grössere Quantitäten, Familienportionen. Das mache ich nicht mehr. Für einen allein zu kochen, ist einfach langweilig. Allerdings gönne ich mir die Freude, am Samstag auf meinen weit entfernten Lieblingsmarkt einkaufen zu gehen. Da kauf ich natürlich nicht eine Zitrone, sondern verschiedene Gemüse und ein grösseres Stück Fleisch. Wohin damit? Es ist immer zu viel.
BACHMANN: Wo ist dieser Markt?
NIZON: In der Gegend des Trocadéro. Seit vielen Jahren geh ich dorthin, weil es der schönste Markt ist für mich.
BACHMANN: Stichwort Ordnung. Ich habe immer wieder beobachtet, wie ordentlich du bist in den täglichen Handreichungen und Betätigungen: mit welcher Sorgfalt du die Dinge anfasst, im Umgang mit Papieren — das Wort Papier allein muss für dich eine erhabene Bedeutung haben —, auf deinem Schreibtisch, die sorglich ausgebreiteten Dinge, in deinen Ritualen: Tee machen, Käse und Brot auspacken, dich ausgehfertig machen. Bei meinem letzten Besuch lagen die Biskuits in sauberer Reihe im Teller… Du misst den Dingen des Alltags grosse Bedeutung bei.
NIZON: Darum ja auch, bis vor Kurzem, die Trennung von Wohnung und Ateliers; keine Vermischung der Sphären. Undenkbar, einen Tisch als Schreibtisch zu benutzen, der vor einer Stunde noch fürs Essen da war und womöglich Reste oder Krumen hat.
BACHMANN: Du bist nicht der Typus des lebensfremden, chaotischen Schriftstellers, und so hütest du auch, wie ein Schäfer seine Lämmerherde, dein Werk, hier, in einem verglasten Bücherschrank.
NIZON: Was solls, ich bin ein ordentlicher Mensch und könnte zum Beispiel nie in einem Kaffeehaus schreiben. Ich trage nie ein Notizheft auf mir, ich mache keine Notizen. Wenn mir etwas Aufhebenswertes einfällt, notiere ich es auf den Rand der Zeitung. Ich schreibe nur zu Hause.
BACHMANN: Ich sehe dich heute so elegant wie eh und je, der Mann im Zweireiher, mit Hut, Sonnenbrille — was für ein Kult allein mit der Sonnenbrille!
NIZON: Das ist, zunächst einmal, ein Ausdruck des Selbstbildes. Mein Selbstbild ist nicht Cordhose und schäbige Lederjacke. Meine Vorstellung ist: Zivilperson, und möglichst elegant. Der Anzug ist ein Akt der Höflichkeit nach aussen. Welche Zumutung für den andern, als abgerissener, stinkender, clochardähnlicher Kerl in Erscheinung zu treten. Das hat bei mir auch mit einer gewissen Gefallsucht der Frauenwelt gegenüber zu tun, vermutlich. Beim Arbeiten mache ich es mir bequem. Aber wenn ich mein Arbeitszimmer verlasse, gehe ich als Zivilist unter die Leute.
BACHMANN: Um nicht als Künstler aufzufallen?
NIZON: Keine Künstlermaskerade. Ich bin auch meistens leidlich rasiert. Aber vielleicht ist es auch eine Schutzmassnahme: um keine herausfordernde Angriffsfläche zu bieten. Und dann ist es natürlich auch eine Abgrenzung. Ich bin ja kein Rocker…
BACHMANN: …es ist ja nicht der Rocker, das Selbstbild bei jenen Künstler-Schriftstellern, es ist doch die Abgrenzung dagegen, dass man als bürgerlich betrachtet werden könnte. Davor scheinst du keine Angst zu haben.
NIZON: Überhaupt nicht. Was mir in meiner Jugend in Rom bei den Künstlern, die sich immer im Caffè Rosati an der Piazza del Popolo trafen, imponierte, war, dass sie nicht als Künstler auftraten, sondern mehr oder weniger elegant. Sie hatten einen Arbeitstag hinter sich, aber jetzt waren sie nicht bei der Arbeit und brauchten sich nicht auszustellen. Sie brauchten nicht die Marke Maler, Schriftsteller, Musiker, Filmschauspieler.
BACHMANN: Wenn man Fotos aus den Fünfzigerjahren ansieht, Via Veneto oder eben Caffè Rosati, sieht man lauter gepflegte Menschen, womöglich in Massanzügen, Hut, Hemd, Krawatte und Brusttüchlein, Flaiano, Fellini, wer auch immer. In Zürich, unvergesslich, trugst du einen bis auf die Füsse reichenden Pelzmantel, den du bei einer Auktion zurückgelassener Habseligkeiten König Faruks im Grand Hotel Dolder ersteigert hattest.
NIZON: Kleine Korrektur: Es war schon nicht mehr in Zürich. Ich hatte den Pelzmantel — und eigentlich war nur der Kragen aus Pelz, denn der Pelz war innen und das Äussere war aus Tweed — auf dem Flohmarkt in Paris gekauft, drei Nummern zu gross, und hatte ihn von einem Flickschneider umbauen lassen. Natürlich imponierte mir dieses Ungetüm von Mantel, und natürlich war es ein Rollenspiel. Ich wollte, und das gehörte zu meiner damaligen Einsamkeit, mich in diesem Mantelgehäuse verbarrikadieren. Andererseits, als ich in Zürich Kunstkritiker war und viel Aussendienst hatte, viele Vernissagen besuchte, viele kulturelle Anlässe, viele Künstler- und Atelierbesuche, als ich viel Unsinn absolvierte, da bin ich einmal, animiert durch Gerüchte, zu einer Versteigerung ins Hotel Dolder gegangen und habe mir einen sogenannten Kutschermantel von einem Grafen erstanden…
BACHMANN: …nicht von König Faruk…
NIZON: …nein, nein, doch ja, aus seinem Gefolge. Das war eine Theaterkostümierung, das hat mir gefallen, und den Mantel hab ich getragen, auch wenn er überhaupt nicht wärmte.
BACHMANN: Du hast dich immer gern fotografieren lassen, und für den Fotografen fandest du tolle Posen. Einmal gab es eine Postkarte, Paul Nizon im Trenchcoat, die Sonnenbrille in der Stirn, auf einer Seine-Brücke, im Hintergrund sein Paris: Ein Eroberer lässt sich so porträtieren —
NIZON: Wobei diese ganze Szenerie nicht von mir gewählt war, sondern von der Fotografin Doris Quarella. Die Inszenierung war vorgegeben, aber ich bin gern der Einladung gefolgt.
BACHMANN: Nennen wir es Eitelkeit, oder Paradieren. «Stolz» heisst, überhaupt nicht zufällig, ein Roman von dir. Den Stolz in dir hast du übertragen auf den Stolz auf dich. Du hast dir damit Feinde gemacht, viele Feinde —
NIZON: Mag man es rubrizieren unter dem Begriff Eitelkeit, aber es geht um einen andern Sachverhalt. Der Auszug nach Paris, den ich, etwas übertrieben, auch als Exodus bezeichnet habe, war ja eine Lebensentscheidung: Ich verliess etwas und wollte etwas anderes erobern, wollte diese Künstlerstadt Paris erobern, die mit so tausendfachen Klischees besetzt ist, aus Filmen, aus Romanen, aus Gedichten, Chansons, ich wollte es erobern und neu abbilden in meinen Büchern. In diesem Zusammenhang wollte ich auch diesen Auswanderer und Emigranten abbilden, diese Emigrantenexistenz. Das heisst, ich wollte mich auch in eine bestimmte Familie der Künstler und Schriftsteller hier einordnen, die der Emigranten.
BACHMANN: Du wolltest dich hier, wo es eine enorme Tradition der Emigration gibt, nicht nur einordnen — du wolltest dich wohl auch «ausordnen». Du wolltest mit dem, was man die Schweizer Künstler- und Intellektuellengesellschaft nennen kann, nichts mehr zu tun haben.
NIZON: Ja, vermutlich schon. Nur muss ich ein neues Wort hinzufügen: Der Mann, der hier neu anfing, war eine Selbsterfindung. Eine Eigenerfindung, die sich entsprechend manifestierte.
BACHMANN: Hugo Leber, der Kritiker und Freund, hat dich damals gern einen «Sängerknaben» genannt.
NIZON: Das war ein lieber Freund; von dem hätte ich vieles eingesteckt. Gerade er hat mir ein unglaublich schönes Schlüsselwort geliefert. Er hat damals im «du» den «Canto» rezensiert und deklariert: «Das ist ein ‹Anton Reiser› unserer Zeit.» Ich kannte damals den «Anton Reiser» von Karl Philipp Moritz noch nicht…
BACHMANN: …einen der grossartigsten Entwicklungsromane der deutschen, und wohl nicht nur der deutschen Literatur. Reiser als einer, der sich aus dem Nichts erschaffen muss…
NIZON: …ein Fremdling, ein sich selbst Fremder, einer, der sich selbst entdecken muss. Das Autobiografische bei Moritz, oder besser gesagt die Selbstabbildung, ist ein Stichwort, das auch für Robert Walser gilt. Was meinen Fremdlingshabitus oder Emigrantenhabitus betrifft, so kommt der natürlich eindeutig von meinem Vater, dessen Bild ich bis zum Abitur als Foto auf mir trug. Ich habe nie Kinder- oder Frauenbilder mit mir getragen, aber dieses Foto des damals längst verstorbenen Vaters, ja, in seinem Habitus, und dieser Habitus des Emigranten kommt vom Vater her.
BACHMANN: Zu deinem Habitus gehörte zeitweilig ein Hund. In Zürich sah man dich mit Flennie, einem Bordercollie, wenn ich nicht irre, und Hunde scheinen in Paris noch wichtiger geworden zu sein. Einem Stadtstreicher, auch er in einem langen Mantel, der wie ein Hund streunt, und einem Hund, der ein Stadtstreicher ist, hast du ein Buch gewidmet. Du erkennst dich im Stadtstreicher, aber auch im Hund?
NIZON: Natürlich. Ich hab ja vom Hund gesagt: Er ist mein Vorhund. Der keine Geschichte hat, und keine haben kann, weil er sich nicht erinnern kann, oder nur an wenige Dinge, und der sich so von Gegenwart zu Gegenwart konstituiert. Mit allen Sinnen offen. Der Hund ist natürlich mehr als ein Begleiter: Er ist die Verdoppelung der eigenen Sinne! Das kommt ja auch in meinem Buch mit dem Titel «Hund» noch und noch vor: wie sie dastehen, wie sie wittern, das Registrierenkönnen, das Durchtränktwerden mit Meldungen, die für uns gar keine Meldungen sind, über die Geruchsnerven, die Vibrationen, Schwingungen, die sich in Erregungen des ganzen Kerls umsetzen — das ist eine unglaubliche Vervielfachung von einem selbst. Ich kann mich erinnern an Spaziergänge mit dem ersten Hund, als Junge, durch den Schnee: In meinem Gefühlsleben waren das Expeditionen. Diese langen Spaziergänge durch Eis und Kälte und Schönheit und Trübnis. Und das meint man ja auch mit dem Wort Begleiter. Diese Spaziergänge sind ja eigentlich auch Rituale. In Zürich, nachdem der Hund den ganzen Tag unter dem Tisch gelegen und gewartet hatte — wenn ich ihn nachts ausfuhr und laufen liess unter Sternen und Mondschein, manchmal mit Marianne, oder mit den Kindern, das waren Höhepunkte. Der Hundespaziergang hatte einen grossen Stellenwert in meiner damaligen Lebensverbringung.
Wenn wir zwei, drei Stunden gesprochen hatten, fragte er: Hast du Hunger? Er habe etwas da, wir müssten nicht ins Restaurant. Es ist nichts Gewöhnliches, wenn Männer für Männer kochen, der Freund für den Gast. Etwas besonders Fürsorgliches ist dabei. Es muss nicht viel, es muss nichts Raffiniertes sein; nur dass einer, über das gemeinsame Thema und den Wein hinaus an das Sitzen und Essen denkt.
Max Frisch sagte einst am Telefon: Bring bitte ein Brot mit aus dem Tal, und vielleicht eine Melone. Damit war gesagt, dass für das Übrige, Schinken und Käse, gesorgt sei.
Oder mein Freund Camille, der immer alles schon vorbereitet hat: den Salat gerüstet, den Braten gedünstet und abgelöscht. Den Tisch gedeckt. Man trinkt den Aperitif in Ruhe, in diesem Fall Courseboux aus Féchy. Der Rote ist schon entkorkt. Das Kochen unterbricht das Gespräch nicht.
Einer, der für dich kocht: Das hat jedes Mal etwas Unerwartetes, etwas Befreites, Befreiendes und Freiwilliges. Der andere Mann ist nicht der von der Natur vorgesehene Ernährer.
Pablo hatte eine Schürze umgebunden; unter dem Saum schauten seine kostbaren Hosen hervor. Ich glaube, er trällerte, summte oder war sonstwie verschmitzt und vergnügt, tänzelte in seiner praktisch angelegten Küchenecke. Alles um sich versammelt; der Kühlschrank auf Augenhöhe. In einer kleinen Bratpfanne brutzelte Speck, langsam, auf kleiner Flamme, was Frauen selten zustande bringen: langsam. Er gab Eier darauf, später die in einer anderen Pfanne gerösteten Kartöffelchen dazu. Zeit verging. Den Salat hatte er in einer Schüssel angerichtet und fertig gemacht. Und was hatte er, während er für mich kochte, gesagt? Könntest du bitte den Wein aufmachen —
BACHMANN: Auch das ist ein Ritual geworden: unsere Begegnungen in Paris. Ein Paris, das du erobert hattest, und das ich dir immer wieder, wenigstens stückweise, zu entreissen versuchte. Im Hineilen, Hinlaufen, entstiegen dem Zug in der Gare de l’Est, aus Mulhouse–Belfort–Vesoul–Langres–Chaumont–Troyes. Einem Reise-Ritual. Dort hast du einmal über vier Stunden gewartet. Spätnachts sassen wir in der Brasserie de la Gare de l’Est… Also gut, dein Paris; mich hat es anderswohin verschlagen. Hast du dir eigentlich mal eine Karte gemacht all der Orte, wo du gewesen bist, gearbeitet, gewohnt hast?
NIZON: Nein. (Denkt nach) Jedenfalls, es geht bis nach Charenton und Neuilly raus. Das «Jahr der Liebe» schrieb ich an der Rue Troyon, unterhalb der Etoile, in einer Seitenstrasse der Avenue Wagram: dort, wo die Piaf als Strassensängerin entdeckt worden war. Avenue MacMahon, Avenue Wagram. Den «Bauch des Wals» habe ich angefangen in einem winzigen Ding an der Rue Mazarine, im Quartier Latin, und geschrieben in der kleinen Wohnung bei Gambetta. Das war zwei Schritte vom Friedhof Père Lachaise, dort war mein Auslauf. Der letzte wichtige Punkt war oben auf der Butte Montmartre, wo ich die «Forelle» geschrieben habe. Zwischendurch alles Mögliche… ja, ich hätte eine Liste: mindestens zwanzig Adressen.
BACHMANN: Es gibt in deiner Erzählung von der Übersiedlung nach Paris und meiner Wahrnehmung davon einen Widerspruch. Du hast immer wieder gesagt: Es war ein Aufbruch ins Ungewisse, weil du genug von Zürich hattest, der berühmten Engnis; in meinen Augen war es aber so, dass du von deiner Tante unvermutet eine Wohnung geerbt hattest und deshalb und ganz bequem nach Paris gehen konntest.
NIZON: Diese Tante hatte ich schon als Gymnasiast regelmässig besucht. Als sie starb, hat mich die Polizei ausfindig gemacht, weil sie mich in ihrem Adressbüchlein offenbar aufgeführt hatte: Sie war in Aixles-Bains, in den Ferien, gestorben. Wir sind dann dorthin gefahren, um ein paar Sachen, darunter die Schlüssel, in Empfang zu nehmen. Seit 1973 hatte ich also die Schlüssel zu dieser Wohnung und bin auch manchmal hingefahren zu einem kurzen Arbeitsaufenthalt. Aber ich bin erst 1977 definitiv ausgezogen aus der Schweiz, in diese Wohnung. Sie ist genau beschrieben in der «Forelle». Und das war nach der zweiten Scheidung, in einer totalen Krise, auch Schreibkrise, und ich hab diese Krise benutzt als Schubkraft, um mich da rauszukatapultieren. Die Wohnung hatte ich, der Rest war Mutprobe. Man kann es im «Jahr der Liebe» nachlesen.
BACHMANN: Die Freundschaft mit Peter Handke?
NIZON: In der ersten Zeit nach meiner Ankunft hatte ich noch keine Bekannten; ich war namenlos. Eine Null, und sehr allein. Ich kannte eigentlich nur Robert Müller, den Bildhauer, den ich manchmal in Villiers-le-Bel besucht oder in der Stadt getroffen habe. Dann habe ich den Kontakt wieder aufgenommen mit Peter Handke, den ich flüchtig kannte, er wohnte damals in Clamart… und da hat sich dann eine Freundschaft angebahnt, eine Regelmässigkeit, bis zum Moment, wo er wegzog, nach Salzburg. Jetzt lebt er ja längst wieder hier.
BACHMANN: Paris hat ja in gewissem Sinn mehr Vergangenheit als Gegenwart, es ist ein Museum der Literatur: Gertrude Stein, Joyce, Henry Miller, Walter Benjamin, Hemingway, Celan, Ingeborg Bachmann, der grosse Samuel Beckett, Cioran… ganz abgesehen von den Franzosen. Die Schweizer Künstler: Spoerri, Tinguély, Karl Gerstner, Robert Müller, Giacometti…
NIZON: …es gab drei wirklich grosse Schweizer Namen, alle schon tot, als ich ankam: Corbusier, Cendrars und Giacometti, drei Riesen!
BACHMANN:Das war doch wichtig?
NIZON: Absolut, all diese Stimmen, die hier in der Luft sind. Die ganze Geisterwelt, sie ist präsent im Kopf eines Menschen, der sich hier niederlässt und hier etwas vollbringen will. Dieser Stadt muss man ja etwas beweisen. Sonst geht man jämmerlich unter. Ich wollte neu anfangen mit dem Schreiben — und man will es natürlich den Grossen gleichtun! Man möchte das denkbar Grösste aus sich herausholen. In der Schweiz kannst du, wenn du es in Bern oder in Basel zu etwas gebracht hast, vielleicht noch nach Zürich aufsteigen. Hier heisst es: «Monter à Paris!» Kapitalen als Zentren sind ja nicht nur Anregung, sondern Wettbewerb. Das heisst: Herausforderung. Es ist ja nicht von ungefähr, dass so viele Künstler, die namenlos hier ankamen, wie Modigliani, Soutine, Pascin und natürlich Van Gogh, die Heimatlosen, es gerade hier zu etwas gebracht haben. In der Schweiz habe ich immer gedacht: Die Beschneidung ist weniger die Enge als die Erwartungshaltung, in die man hineinschreibt. Man hat bald einmal sein Image, wenn man aufgestiegen ist bis zum Zentrum Zürich, wo Galerien, Verlage und Künstler auf einem kleinen Platz aufeinanderhocken; und dort kriegst du deine Rolle zugewiesen, die dir übergezogen bleibt, wenn du sie nicht sprengst. Du kannst dann zu den Platzhirschen zählen, wenns hochkommt. Ich gehöre zur Generation nach Frisch und Dürrenmatt, die vielleicht zehn bis fünfzehn Generationsgenossen zählt, oder zählte, mit denen man sich mass, mit denen man Freundschaft oder Hass entwickelte. Hier hast du als Fremder all diese Heerscharen von Geistern in der Luft, die erst hier das geworden sind, was in ihnen angelegt war.
BACHMANN: Damals wie heute ist Paris aber noch etwas ganz anderes als die Stadt der Kunst, nämlich die Stadt des Aufruhrs und der Zerschlagung des Aufruhrs, von der Revolution 1789 bis zum Jahr 1968 und den jüngsten Ereignissen in den Vorstädten; die Stadt von De Gaulle und die Stadt von Sarkozy; es ist auch eine schwarze Stadt geworden… ein afrikanisches Land. Wilfried Moser, einer der Schweizer Künstler, die unmittelbar nach dem Krieg hierhergekommen und geblieben sind, hat mir einmal gesagt, wenn er von Neuem hier beginnen würde, ginge er in die Banlieue. Auf dem Hintergrund solcher Kühnheit ist mein Paris ein rückwärtsgewandtes Paris.
BACHMANN:Du hattest einmal eine Wohnung, zwar in Paris, jedoch an einer «schwarzen» Strasse…
NIZON: …Rue Labat, Querstrasse von Barbès-Rochechouart…
BACHMANN: …hast auch darüber geschrieben, «Den dunklen Erdteil von Paris und den Rassismus in dir selber». In diesem Magazin übrigens. Wie kamst du in jene Gegend, diese Wohnung?
NIZON: Die Situation in der winzigen Tantenwohnung war unlebbar geworden. Zu zweit. Ich musste sehen, dass ich mit dem Verkauf der Wohnung etwas Grösseres erwerben konnte; das war nur in einer billigen Gegend möglich. So kam ich in die Rue Labat, habe ziemlich aufwendig umgebaut und hernach miterlebt, wie das Haus von Schwarzafrikanern in Beschlag genommen wurde, von illegalen Einwanderern, die bis zu achtzehn in einem Loch wohnten. Die Treppe konnte man dann kaum benutzen, denn da wurde auch gewohnt, da war auch der Friseursalon, da lagen ausrangierte Kühlschränke, da musste man sich durchwinden mit einer Kerze in der Hand, elektrisches Licht gab es nicht mehr, dafür Afromusik in höchster Lautstärke, es gab Drogenhandel, es gab Prostitution, es gab Mord. Es gab keine Postzustellung mehr, die Kloaken waren geplatzt, die Scheisse floss im Erdgeschoss, es gab keine Haustür mehr.
BACHMANN: Mich hat es immer wieder überrascht, mit welchem Talent du dich in diesen Jahrzehnten mit Immobilien emporgehangelt hast.
NIZON: Das Glück bestand darin, dass ich die Wohnung loswurde. Gekauft hat sie Hans Mühletaler, damals Sekretär der Gruppe Olten; das Haus hat sich erholt, und meine an sich grossräumige Wohnung mit Blick über die Dächer wurde später das Dichterhotel der Gruppe Olten. Das Glück hielt an, indem ich kurz danach zu der Wohnung an der Rue Saint-Honoré kam. Ich hatte auf meinen Spaziergängen die Gegend um die alte Bibliothèque Nationale und insbesondere um den Jardin du Palais Royal entdeckt und davon geträumt, da leben zu können. Ein Wunschtraum, weil unerschwinglich. Da hörte ich zufällig durch einen Künstlerfreund von einer Wohnung unweit des Palais Royal, die unter besonderen Umständen günstig zu erwerben wäre.
BACHMANN: Und bist vom 18. Arrodissement ins 1. gerutscht…
NIZON: …in eine der schönsten Gegenden von Paris. Schliesslich konnte ich noch die darunterliegende Wohnung erwerben, als ich meine Papiere ans Literaturarchiv verkauft hatte.
BACHMANN:Du hast nicht nur Glück, sondern die Fähigkeit, das Glück beim Schwanz zu packen.
Hier nun die Atelierstudiowohnungsküche. Ein Wohnmaschinchen von 35 Quadratmetern: ein Küchenentree, ein Fernsehmusikwohnesszimmerchen mit verglastem Bücherschrank und einer Kommode, die als Träger eines Kofferradios und von Papieren dient. Nebenan eine Bibliothek mit Arbeitstisch, auf dem die alte Erika steht, Archivmöbeln und Bettnische mit einer schmalen Pritsche, die geradezu eremitischen Verzichtcharakter hat. Ein Duschbadklo, raffiniert in gelblichem Stein komponiert. Alles gedrängt im Gehäuse; selbst die Liseuse, die so viele Stationen gesehen hat, hat Platz gefunden. Von den Büchern fast nur noch die eigenen, in einem Klappenschrank mit Glastüren, in der Küche ein schöner Eisschrank und eine Geschirrspülmaschine; hier hat einer geholfen, der mit Verstand kleinräumig denken kann. Die letzte Adresse? Wer weiss das schon — aber sicher nicht als eine Altersstube, in der man die letzten Dinge und Überbleibsel des früheren Lebens versammelt, vielleicht gar schon im Übergang zum klinischen Besteck und Utilitarium, sondern durchaus behaglich: ein Miniaturfürstentum. Ein Strauss riesiger Pfingstrosen, die Lieblingsblumen, steht auf einem Beistelltisch, «schwerblütiges Rosa», sagt er auf meine Frage, wie würdest du diese Farbe nennen.
BACHMANN: Ich möchte dir eine Passage vorlesen, aus deinem letzten «Journal», du schreibst da über Jean Gabin, bewundernde und bewunderungswürdige Zeilen: «Er ist aus einem Stück, integer. Ist er zornig, ist er es ohne Maske, ein Ausbruch des Zorns, der leibhaftige Zorn. Ist er zart, dann auf dermassen reine herzerwärmende Weise. Man ist aufgehoben bei ihm, der in seiner Person nahtlos aufgeht. Man könnte sagen, es ist die totale Wahrhaftigkeit, die einen umwirft.» Ein Selbstporträt? Eine Sehnsucht, dieses «der in seiner Person nahtlos aufgeht»?
NIZON: Kein Selbstporträt, nur eine Hommage an einen verehrten Typus Mensch. Weisst du, das Unglaubliche bei diesem Mann: Viele Franzosen brüsten sich mit der Vergangenheit in der Résistance. Gabin aber, als der Krieg ausbrach, lag in den Armen von Marlene Dietrich am Swimmingpool in Hollywood. Und hat gesagt: «Ich muss in den Krieg — ade.» Ist nach Nordafrika, hat sich als Panzersoldat anmustern lassen, hat den ganzen Feldzug bis Berlin mitgemacht, als Panzersoldat, vorne an der Front — und nie ein Wort darüber verloren. Und seine Glücksfähigkeit. Gabin hat viele Geliebte gehabt, dann hat er ein Mannequin geheiratet, ist Gentlemanfarmer im Norden geworden, hat vier Kinder gezeugt, Familienvater, Familienvorstand, Patriarch. Gabin war nicht ein Prolet, von Haus aus, er war ein Künstlerkind, von Tingeltangelkünstlern, Kabarett; am Anfang war er Sänger, aus dem gleichen Milieu wie die Piaf. Belmondo, der mir immer besser gefallen hat als Delon, ist auch ein Künstlerkind.
BACHMANN: Gehst du viel ins Kino?
NIZON: So viel wie möglich. Heute Nachmittag wollte ich mit dir ins Kino gehen.
BACHMANN: Wohin?
NIZON: In den ersten Film von Martin Scorsese. «Who’s that knocking at my door?» Mit dem jungen Harvey Keitel!
Noch einmal: Am Schreiben gehen
Jeden Morgen ging ich von der Rue Fleurus durch den Jardin du Luxembourg und weiter, durch die dunkle Kastanienallee am Lycée Michelet vorbei in Richtung Observatoire.
Auf dem Weg Schüler, die auf den blassgrünen Parkstühlen Schulaufaben lösen, alte Damen, die bei einem Chinesen Unterricht in Tai Chi nehmen, da Einzelstunde, dort kleine Gruppen mit ausgestreckten, abgewinkelten Armen, sekundenlang still; dann zeichnen sie ihre Bewegungen in die Luft, ätherische Girlanden, Bewegung — und Innehalten.
Und pausenlos das scharrende Trappen und Knirschen der Läuferinnen und Läufer, die einen überholen, den Vorwurf auf der Schweissperlenstirn: dass man bloss geht. Ihr schwerer Atem, keuchend, wenn sie an einem vorbeitrotten, träg wie Kühe, von der Bedeutung ihrer Gesundheit überzeugt, den Knopf ihres Players im Ohr, das Kabel, das sich in die Hose ringelt, anwesend-abwesend wie die anderen, die vielen, die im Gehen aufgeregt telefonieren, da und nicht da, anwesend immer woanders, nur nie da, wo sie sich tatsächlich befinden.
So schienen auch diese Läufer hinter etwas herzulaufen, das nicht vor ihnen lag. Nicht ganz so anders als der Dichter im Gehäuse, der mit seinen vorwärtstastenden, tapsenden Zeilen einer Sache nachgeht, die irgendwo, ihm noch verborgen, und doch nur für ihn hier bereitsteht, sich zeigt, entzieht, mit ihm spielt, ihn quält und plagt, bis sie schliesslich noch mit ihm schlafen geht.
BACHMANN: Es hat sich eingebürgert, dass man Schriftsteller befragt über Gott und die Welt — was unterscheidet denn die Urteilsfähigkeit, die Fantasie, die Einbildungskraft eines Schriftstellers von der eines Fachmanns, von dem ich annehmen würde, er verstehe etwas von der Sache? Lebt hier das alte Orakel weiter?
NIZON: Was den Schriftsteller unterscheidet von den politischen Fachleuten ist die Tatsache, dass er ein aussenstehender Beobachter ist, einer, der sich mit Betroffenen solidarisch fühlen kann, der nicht zum Geschäft gehört und keine Geschäfte macht mithilfe von Politik. Und die Schriftsteller haben natürlich auch die Nase anders im Wind, weil sie, die historische Existenz des Menschen bedenkend, doch in einem grösseren Zeitraum zu Hause sind. Der Schriftsteller als Aussenseiter, Beobachter von Natur aus, und hellhörig, weil, wie man annehmen sollte, von moralischen Impulsen durchkreuzt.
BACHMANN: Du bist nicht, wie Frisch es war, politisch engagiert; insofern darf man bei dir an Robert Walser denken, an einen anders inspirierten Dichter.
NIZON:Ja, absolut.
BACHMANN: Du bist auf der Künstlerseite des Schriftstellers?
NIZON: In extremis. Ich habe einmal gesagt, die Literatur ist für mich der Schlüssel des Lebens. Es gibt keinen anderen. Zwar bin ich von der Politik betroffen, und mein Fatalismus geht nicht so weit, dass ich mich abkehren würde vom Tagesgeschehen, überhaupt nicht; ich bin ein passionierter Zeitungsleser und immer fürchterlich hin- und hergerissen durch das Weltgeschehen, und, weil der Mensch ein mitleidendes Wesen ist, geschüttelt und durchlöchert. Wenn man das alles zu Ende denken würde, könnte man nicht nur nicht mehr schreiben, sondern nicht mehr leben. Wenn man sich nicht wieder abwenden würde, um sich seiner Sache zuzuwenden, man würde draufgehen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie die Cohn-Bendits, zum Beispiel, letztlich vergnügte Weltbürger sein können. Bei mir wäre die Betroffenheit so, dass sie mich vernichten könnte.
BACHMANN: Es gibt den berühmten Ausspruch von Albert Camus in Uppsala, wo er anlässlich der Verleihung des Nobelpreises sagte: «Wir werden nie mehr allein sein. Wir müssen im Gegenteil wissen, dass wir uns der gemeinsamen Misere nicht entziehen können.» Kannst du damit etwas anfangen?
NIZON: Absolut. Ich gehöre ja eigentlich, wenn überhaupt, zur Familie der Joyce, also der spezifisch künstlerisch, schöpferisch ausgerichteten Spezies der schreibenden Zunft. Wenn ich höre oder lese, dass Joyce in Paris bei Heraufkunft des Nationalsozialismus, beim Nahen des Krieges verlauten liess, der Verkehr mit den Verlegern dürfte nun problematisch werden, und gleichzeitig ein anderer, Walter Benjamin, in Paris von der Weltlage auf eine ausweglose Weise betroffen war, sodass er in den Tod ging — so sprichst du den Punkt an, der für mich immer der schlimmste Stachel in meinem Schriftstellerfleisch war: die politische Mitverantwortung. Meine Feigheit; etwas, mit dem ich nie zurechtgekommen bin und heute nicht zurechtkomme, ein Schuldgefühl. Man ist ja dauernd mit der Ungerechtigkeit, mit dem Leid der Menschheit konfrontiert und kann das eigene Leben, oder Gut-Leben nur als eine Schuld, als Ungerechtigkeit rubrizieren. So hoch ich den Beruf des Schriftstellers einschätze, so wenig kann ich den Schriftsteller als Mitmenschen verehren.
Später berichtet die Zeitung von neuerlichem Schiffbruch vor der Insel Lampedusa, von vielen Toten im Meer und wenigen Überlebenden. Fünf Eritreer werden nach mehr als zwanzig Tagen auf See an Land getragen, erschöpft, halb verdurstet. 73 ihrer Gefährten, alles Leute aus Eritrea und Äthiopien, Männer, Frauen und Kinder, treiben draussen auf dem Meer, Kadaver.
NIZON: Dieser Stachel der Schuldigkeit, der Überflüssigkeit, der Feigheit, das Paket dieser Selbstvorwürfe hat mich gedrängt, Freundschaften einzugehen mit radikal anderen wie mit Konrad Farner, dem Kunsthistoriker und Marxisten. Ich war wohl einer seiner nächsten Freunde, und in der damaligen Literaturszene neben Diggelmann eigentlich der einzige ganz nahe Partner in Tausenden von Diskussionen. Farner, der Chefideologe der Partei der Arbeit der Schweiz, mit seiner unglaublichen Bildung. Wie sein Freund, der Surrealist Max von Moos, ein hochkünstlerischer Humanist. Farner, mit seinem Molotow-Gesicht, hat mich natürlich beunruhigt. Ich war aufgerüttelt, und doch konnte ich mich mit dem Marxismus nicht wirklich einlassen; er hätte mir wohl das «L’art pour l’art» vorgeworfen, den Schöngeist nicht; das Existenzialistische in meiner Kunst verhindert den Schöngeist.
BACHMANN: Ich würde das nie «l’artpour l’art» genannt haben. Alles, was dumachst, ist ja jeweils gesellschaftlich verortet, findet immer im Kontext der anderen und ihrer Gesellschaft statt. Das kann die Gesellschaft der Streuner sein, oder die Gesellschaft der Liebe…
NIZON: …ein wunderbares Wort!
BACHMANN: …die Gesellschaft der Fantasie, von Personen, wie sie die Einbildungskraft hervorbringen könnte wie im «Fell der Forelle». Alle diese Bücher sind an einem gesellschaftlichen Ort, nur ist es eben nicht ein politisch definierter.
NIZON: Ich würde mich schon darum immer links denkend eingeordnet haben, weil ich überzeugt bin, dass zukunftsorientiert engagiert nur die Linke denkt und waltet. Bei aller möglichen Korruption. Die Rechte ist konservierend, was natürlich auch bedeutet, dass Kultur verwaltet, aber nicht als Sprengkörper weitergereicht wird. Ich war nicht auf der Seite des Museums, sondern auf der Seite des Lebens.
BACHMANN: Max Frisch: Du bist ihn in den «Journalen» hart angegangen, auch wenn er mal ein Freund gewesen war. Dahinter scheint ein Zorn zu lodern — hat das etwas damit zu tun, dass Max Frisch ganz prononciert ein Mann der Öffentlichkeit gewesen ist?
NIZON: Nein. Es war mir immer klar, dass Frisch eine öffentliche Rolle übernehmen wollte, nämlich die Sartre-Rolle. Das hat uns vollkommen getrennt, wäre aber kein Vorwurf gewesen, überhaupt nicht. Nein, es war etwas anderes, an dem ich mich bei Frisch gestossen habe: Es war ein mit dem Erfolg verbundenes Machthabertum. Ich weiss, dass er vielen Leuten geholfen hat; auch mir hat er für ein Jahr einen Betrag ausgesetzt. Ein Stipendium, wenn du willst. Ich weiss es selber nicht mehr genau, was mich so gekratzt hat an Frisch. Es hängt zusammen mit der Erfolgsseite, und ich habe ein sehr kompliziertes Verhältnis zum Erfolg, ich habe nach dem «Canto», wo mir ein sehr grosser Erfolg prophezeit worden ist, vom Verleger Unseld, und dieser Erfolg nicht nur nicht eintraf, sondern das Gegenteil, die Verfolgung, übertrieben gesagt —
BACHMANN: Halt, bitte, das musst du erklären. «Canto» wurde gelobt, in den höchsten Tönen, ist sofort in die Literaturgeschichte eingegangen, «Canto» wird universitär behandelt, respektvoll auseinandergenommen und leidlich wieder zusammengesetzt; nachher kamen Bücher, eins nach dem andern, die alle mit Respekt begrüsst wurden — Verfolgung nach «Canto», wie kannst du so etwas sagen?
NIZON: Dieses damals wohl als avantgardistisch aufgefasste, alleinstehende Buch — dieses Wort ist für mich sehr wichtig —, wurde von Unseld mit einem masslosen Applaus entgegengenommen… er prophezeite einen Welterfolg. Und ich Narr, ich erwartete diesen Welterfolg auch in naiver Freude. Das Buch wurde bemerkt, dann aber zum grossen Teil mit vernichtenden Worten abgeurteilt. Ich bin mit diesem «Canto» aus einer grossen Höhe der Erfolgserwartung heruntergesaust, auf den Rücken gefallen und habe mir gleich ein Rückenleiden zugezogen, Bandscheibenlähmung von mehreren Monaten. Der Misserfolg von «Canto» «hat mich aufs Kreuz gelegt». Und ich wurde sogar Morphinist, weil ich drei Spritzen Morphium pro Tag kriegte. Ich war ratlos, ausweglos. Und ich hab das der deutschen Kritik und Literatur, und natürlich auch Frisch übel genommen. Als «Canto» erschien, traf von Frisch ein Telegramm ein: «canto gelesen und verstanden. ich beglückwünsche sie und beneide sie um möglichkeiten». Unseld fand das wunderbar. Ich fand Frischs Reaktion, nun, vorsichtig. Auf der andern Seite sah ich bei Frisch, dessen literarische Stellung ich wie gesagt nicht so hoch einschätzte, diesen einhelligen, diesen brüllenden Erfolg und die damit verbundene Macht. Um abzukürzen: Ich interpretierte dann das Verhältnis von Frisch zu mir so, dass er mich gern als exotisches Exemplar, als eine Art Affen an seinem Hof halten wollte.
BACHMANN: Bist du ein deutscher Autor, der in Deutschland nicht das Ansehen hat, das er verdient, und hat Frankreich dich umgekehrt durch Aufmerksamkeit reich belohnt?
NIZON: In der deutschen Literatur werde ich immer respektvoll wahrgenommen, aber untermischt mit Verdacht. «Im Bauch des Wals» war auf Platz eins der deutschen Bestenliste. Und der schweizerischen. Es gab viele schwärmerische Besprechungen, in allen grossen Zeitungen. Aber ich bin dann in eine Aussenseiterposition geschoben worden und da eingesperrt geblieben. In Frankreich mit offenen Armen empfangen, mit allen Ehren. Ohne negative Einsprengsel.
Rue Séguier, Actes Sud, Paul Nizons feiner Verlag seit Jahrzehnten. Heute über hundert Angestellte; der Pariser Sitz zwischen Saint André des Arts und der Seine, eine ruhige Seitenstrasse unmittelbar neben dem Höllenbetrieb einer Abfütterungsmeile, ist nur die Dépendence des Haupthauses in Arles. In dreissig Jahren ist Actes Sud aus dem Nichts zu einem der bedeutendsten Verlage Frankreichs geworden.
«Bonjour, Monsieur Nizon.»
«Salut, Paul.»
Viele junge Leute. Und der Künstler als alter Mann, wie er mit seiner Jutetasche, darin einige Manuskripte, im langen Mantel, mit grauer Mähne und Ludwig-Hohl-Brille durch die verwinkelten Räume tastet, ein Wolf auf der Suche nach dem Fotokopierer. «Je viens visiter ma seule amie, la fotocopieuse», sagt er. Der Scherz ist anscheinend nicht neu. Ein Scherz, den man aus Gewohnheit macht, en famille.
Verkaufszahlen bei Actes Sud: «Stolz» 14 000, «Dans le ventre de la baleine» 10 000, L’année de l’amour» 20 000, «Chien» 13 000.
BACHMANN: Der kürzliche Eintrag deiner Person im «Larousse Illustré» muss nun erwähnt werden, aber umgekehrt auch die Tatsache, dass der Büchner-Preis, jedenfalls bis dato, an dir vorbeigegangen ist. Unter den Preisträgern sind Leute wie Mosebach, Stadler, Jelinek, Krolow und andere, denen du dich überlegen fühlen musst. Zwar ist deine literarische Familie dabei, mit Canetti, Bernhard, Handke; drei Schweizer, Frisch, Dürrenmatt und Muschg. Übrigens zähle ich in der Geschichte des Preises dreizehn Österreicher gegen drei Schweizer.
NIZON: Das hat mich längere Zeit geärgert, auch darum, weil mir Unseld den Preis mehrmals angekündigt hatte. Elisabeth Borchers, die in der Jury sass, sagte mir einst: Du hattest so viele Vorschläge, aber es war nicht durchzusetzen, weil du zu viele Feinde hast. Da hab ich mich daran gewöhnt, das ist halt so. Aber das ist nun wirklich kein Stachel in meinem Fleisch. Ich meine, weder Proust noch Joyce hatten den Nobelpreis, auch Nabokov nicht. Während Saul Bellow, den ich kürzlich wieder gelesen habe, doch nicht ein so grosser Autor ist.
BACHMANN: Du hast Joyce als Mitglied einer Familie genannt, der du angehören möchtest, oder angehörst. Im letzten «Journal» hast du dich unverfroren mit anderen Grossen in Verbindung gebracht, unter dem Stichwort Abenteuer des Lebens, mit Hemingway zum Beispiel, Camus, Lermontow. Das verblüfft.
NIZON: (Denkt nach) Auf der einen Seite gehöre ich zu den Sprachbesessenen, das ist die Linie Joyce. Die Überzeugung, dass nicht die Fabel, der Stoff, der Aufhänger den Wert eines literarischen Werks ausmachen, sondern die Dichte, in welcher der Stoff sprachlich umgesetzt worden ist. Ich bin ein Sprachkünstler. Und doch: So sehr alles in Sprache aufgehen muss, so sehr muss alles beglaubigt sein von der Lebensfront her, denke ich. Mit dem Leben bezahlt. Da steht bei mir, wenn auch nur im Kleinen, der Abenteurer, der sich aussetzt und einiges in Kauf zu nehmen bereit ist, um Erfahrungen zu machen.
BACHMANN: Die Beglaubigung hat dir Paris gebracht?
NIZON: Nein, das war auch schon die Voraussetzung von «Untertauchen», eine Erfahrung, die weit ging, und eigentlich auch schon bei «Canto». Es muss aber alles in der höchsten Weise verdichtet werden in Sprache. Die allerhöchste künstlerische Ambition: das Sprachkunstwerk. Da, im Anspruch, vergleiche ich mich effektiv nur mit bedeutenden Dichtern…
BACHMANN:…nenne drei!
NIZON: Am verwandtesten kam mir lange vor: Malcolm Lowry. Von der unglaublichen Sprache, dann von der psychologischen Selbstausbeutung her, aber auch von der Lebensbeglaubigung bis zur Selbstquälerei, Selbstvernichtung. Geprägt bin ich natürlich von Robert Walser.
BACHMANN: Stichwort Schweizer Literatur. «Klöhni, Stöhni und Böhni» war für unsern Freund Federspiel eine Endsumme der Schweizer Literatur…
NIZON: (Lacht schallend)
BACHMANN: …du teilst mit ihm den Abstand, auch den örtlichen, und manchmal die Verachtung der schreibenden Schweiz. Das hat sich im Alter doch eher noch gefestigt als gemildert?
NIZON: (Sehr langes Nachdenken) Nein, das stimmt natürlich so nicht. Ich kann im Einzelfall sehr wohl die Qualität eines… wie sagt man?, eines Landsmanns als Schriftsteller wahrnehmen. Ich bin sehr empfänglich für das Können von Kollegen, ich habe auch Freundschaften. Ich habe zum Beispiel bei Hermann Burger von Anfang an den Rang wahrgenommen, und der war, das weisst du besser als ich, kein sehr umgänglicher Zeitgenosse. Man kann nicht von einer globalen Verachtung sprechen, überhaupt nicht. Es ist vielleicht ein Mentalitätsunterschied da, generell. Natürlich macht mich dieser Satz vom «Klöhni und Stöhni» schmunzeln… (lacht wieder schallend). Aber im Ernst: Von vornherein wollte ich Weite gewinnen, in jeder Beziehung. Das Prädikat, ein «führender Schweizer Schriftsteller» zu sein, war für mich nicht das Ziel meiner Träume. In Unbescheidenheit gesagt: Ich visierte auf Weltkunst. Für mich ist Literatur unteilbar; es gibt nicht den Platzhirsch dort oder dort oder dort. Entweder wirst du ein bedeutender Literat, oder nicht.
BACHMANN: Du nennst dich nun aber, und bei unserer letzten Begegnung hast du mir das wie eine letztgültige Findung vorgesetzt, einen «berühmten, erfolglosen Schriftsteller».
NIZON:Ich meine es im Ernst. Ich bin bekannt über den deutschsprachigen und französischen Raum hinaus. Sechs Bücher sind ins Russische übersetzt, ich werde nach Riga, nach Moskau eingeladen, nach den USA, Japan, und ich bin immer wieder erstaunt über meinen Stellenwert. Der aber gar nichts zu tun hat mit irgendeiner Popularität: Ich bin sehr selten in den Medien, ich melde mich nicht zu Wort in den Zeitungen. Ich bin ein Randgänger auch hier, in Deutschland bin ich ein umstrittener Autor geblieben; der Verkauf ist in bescheidenen Grenzen. Ich werde manchmal auf der Strasse angesprochen — «Vous n’êtes pas Paul Nizon? Votre livre, ‹L’année de l’amour›, m’accompagne touts les jours». Aber ich bin nicht populär, nicht populär. Ich habe einen ganz bestimmten Stellenwert, der mit einer ganz bestimmten Erfolglosigkeit einhergeht.
BACHMANN: Viele Autoren würden sich die Finger danach schlecken, so erfolglos zu sein wie du. Nun, du bist vielleicht nicht ein Autor der grossen, aber einer der beständigen Auflagen. Wie setzt sich eigentlich dein Einkommen zusammen?
NIZON: Neuerdings mit einer minimalen AHV und etwas Ähnlichem aus Frankreich: zwei kleinen Altersrenten. Dann die Nebeneinkünfte, Lesungen, die Einladungen zu Auftritten. Preise, ich hatte ansehnlich viele, Bücherverkauf. Pro Lesung kriege ich jetzt so gegen 1000 Euro.
BACHMANN: Hast du eine Backlist, die regelmässig etwas bringt?
NIZON: Ich muss sagen, ich überprüfe das nicht, um mich vor Enttäuschung zu bewahren — aber alle meine Bücher sind im Prinzip noch auf dem Markt. Und jetzt komme ich ja in dieser Quarto-Reihe bei Suhrkamp, wo das erzählerische Werk und die Journale zwischen zwei Buchdeckeln sind, eine Absegnung ohnegleichen.
BACHMANN: Zu der Backlist: Es gibt Autoren, bei denen ein einzelnes Werk so erfolgreich ist, dass sie davon leben können. Remarque mit «Im Westen nichts Neues», Frisch mit «Homo Faber». Ist das «Jahr der Liebe» bei dir so etwas?
NIZON: «Das Jahr der Liebe» ist in der Bibliothek Suhrkamp in der achten Auflage. Das Buch wird jetzt Schulstoff in den hamburgischen Gymnasien.
BACHMANN: Andere verkaufen Hunderttausende. Kannst du davon anständig leben?
NIZON: Ja, und ich hab seit einiger Zeit auch so einen Monatsvorschuss von Actes Sud, das haben die mir angeboten. Ich kann leben, ja.
BACHMANN: Du sprachst von einem Stachel der Erfolglosigkeit.
NIZON: (Denkt sehr lange nach) Nun, er kommt wohl aus meinen gescheiterten Ehen, vor allem der letzten, wo meine Frau den Eindruck hatte, ich kümmerte mich zu wenig um meinen Erfolg. Der auch der Familie zugute käme, die Frau davon entbunden hätte, eigenes Geld zu verdienen. Weil, so die Meinung, ein erfolgreicher Schriftsteller könnte das spielend schaffen. Der Stachel kommt von meiner ganzen Familiengeschichte her. Ich habe mich für meine drei ersten Kinder, ich war auch noch verflucht jung, wenig einsetzen können. Was ich nun nachhole bei meinem letzten Kind, dem wir ein ziemlich teures Studium zusammen berappen, Odile und ich. Das ist mir damals nicht nur nicht möglich gewesen — es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen. Damals dachte man, du kennst das, man hilft den Kindern bis zur Matura, und dann sollen sie selber schauen. Das versuche ich nun bei meinem jüngsten Sohn wieder gut zu machen. So, ich glaube, das reicht nun.
BACHMANN: Es reicht für heute, wir fahren morgen weiter. Aber eine Frage habe ich noch. Zum Alter, zum 80. Geburtstag. Ist das wie bei alten Schauspielern, die auf der Bühne sterben wollen, während Frisch mit 75 eindrücklich Abschied genommen hatte im Solothurn der Schriftsteller und Kollegen: «Man endet notwendigerweise damit, seinen Garten zu bestellen. Alles Übrige, mit Ausnahme der Freundschaft, hat wenig Bedeutung, ja, auch seinen Garten zu hegen hat wenig Bedeutung.» Um dann noch einmal, ein letztes Mal mit «Jonas und sein Grossvater» in die Öffentlichkeit zurückzukehren…: Willst du am Schreibtisch sterben?
NIZON: Ja, absolut. Ich hoffe, dass ich das angefangene Buch mit dem Titel «Der Nagel im Kopf» bald schaffe. Weil mir eine andere Daseinsform nicht vorstellbar ist, sondern eher wie eine Todesdrohung vorkäme. Und da kommen wir dann auf etwas anderes, was zu den Schwierigkeiten meines Lebensentwurfs gehört hat: dass mein literarisches Programm eigentlich eins ist mit dem Lebensprogramm. Es ist genau so, wie du meinst: Ich werde schreibend untergehen.
Teil 2 lesen Sie im nächsten Heft.
Paul Nizons Bücher erscheinen auf Deutsch im Suhrkamp Verlag. Soeben ist, als erste «Quarto»-Edition, die einem lebenden Autor gewidmet ist, die Summe seines erzählerischen Schaffens in einem Band erschienen.
Am Samstagabend, 5. Dezember, ist Paul Nizon Gast in der «Schule des Lebens», eine Veranstaltung des «Magazins» und dem Theater Neumarkt. Nizon wird von Stefan Zweifel befragt.
Am 14. Dezember spricht der Autor mit Peter Hamm über schweizerisch-französische Verbundenheiten, Heimat und Fremde im Literaturhaus Zürich.
Die Fotografin ROSWITHA HECKE lebt in Hamburg. roswithahecke@hamburg.de
Der Fotograf Alois Jauch lebt in Zürich.
alois.jauch@gmail.com

Nizon im Jardin du Luxembourg | Roswitha Hecke

Paul Nizon | Roswitha Hecke

Dieter Bachmann | Alois Jauch

Am Boulevard Saint-Michel | Roswitha Hecke

Keine Altersstube, eher ein 35-Quadratmeter-Wohnmaschinchen | Roswitha Hecke

«Ich wollte diese Künstlerstadt Paris erobern.» | Roswitha Hecke

«Ich wollte mich in eine bestimmte Familie einordnen, die der Emigranten.» Nizon am Montmartre | Roswitha Hecke
Hierzu fallen mir einige kurze Bemerkungen:
[1] Wie gross war die erste Auflage von “Cantos” – daran drueckt sich die wirkliche Hoffnung des Verlegers aus; und auch das Grad inwiefern er sich dafuer weiter einsetzt. Wenn man auf die enthusiastische Hoffnung eines Verlegers reinfaellt – vielleicht sollte einem der Verkaufserfolg nicht so wichtig sein wie das Verstaendniss des Werks von Leuten dessem Urteil wichtig ist? Oder man kuemmert sich nicht. Ich war Suhrkamp Vertreter in New York und kannte Siegfried Unseld ganz gut.
Darueber ist naeheres zu lesen bei: http://www.roloff.freehosting.net/catalog.html
Mir ist es nicht gelungen einen Amerikanischen Verlag fuer Nizon zu finden, auch meinen Nachfolgern scheinbar nicht.
Haett ich gewusst, dass wir am selben Tag geboren?
[2] Dass Max Frisch sich als Nachfolger von Sartre sah, oder ueberhaupt als “Public Intellectual,” dieser Groessenwahn
ist mir in New York nicht aufgefallen, aber es kann schon der Fall gewesen sein bei solcher Eitelheit.
3] Meines Erachtens nach wohnte Handke in Meudon, aber der Unterschied zwischen Meudon und Clamart
ist ein geringer. Ich habe in dort einmal besucht, in dem Gruenderzeit Kasten in dem er auch die Linkshaendige Frau gefilmt hat; von seiner Hoehe aus, sah/ sieht Paris genau so sanft huegelig aus wie in dem Buch am Anfang beschrieben. Ein Autor mit dem es menschlich interessanter zuging, lebte zu der Zeit in Clamart in einem Bungalow,
der damals alternde Australische “United Front” Kriegsberichtserstatter Wilfred Burchett.
4] Ich wuerde sagen, dass Saul Bellow der groesste Amerikanische Nachkriegs [II] Autor ist. Wenn man soviel geschrieben hat sind da allgemein auch schwaechere Sachen dabei. Dann kommen meines Erachtens Cormac McCarthy, Philip Roth, aber es ist eine ungeheur reichhaltige Literatur, die in den letzten 50 Jahren wahrhaftig exponentziell gewachsen ist. Mit der Einschaetzung von Lowrie’s Under The Volcano stimme ich ueberein, und auch all dessem was Paul Nizon ueber Joyce und so sagt.
Dank an Michael Roloff für den Kommentar – grossartig, solche Ergänzungen lesen zu können.
Als junge Leserin fällt mir seit längerem Ihre penetrante Berichterstattung mit, über und zu den (alten) Herren der Schöfpung auf – und sie beginnt mich zu langweilen. Würden Sie nur so penetrant an den Geschichten der Frauen bleiben!
Fabienne Friedlis Kritik stimmt leider nicht. Wir haben ebensoviele Geschichten mit Frauen als Protagonisten im Heft.
Liebes Magazin
Lieber Herr Canonica
Wenn man die Titelseiten der 10 zehn Hefte anschaut, muss ich das leider bezweifeln. Und wenn man dann noch analysiert, wieviele Seiten Ihnen Männer- bzw. Frauengeschichten wert sind, auch. Zudem wäre es auch zu berücksichtigen, in welchem Zusammenhang im Magazin Frauen als Protagonistinnen auftauchen, und in welchem Männer. Und wahrscheinlich ist jetzt meine Kritik, schon wieder etwas berechtigter. Aber das ist meine subjektive Wahrnehmung. Viel Spass beim Analysieren!
@Fabienne Friedli
Die Analyse ist längst gemacht. Der Vorwurf stimmt nicht. Subjektive Wahrnehmung bringt da leider nicht viel
@Finn Canonica
Dann bin ich ja sehr gespannt auf deren Resultate – damit ich meine subjektive Wahrnehmung nochmlas überdenken kann…
Ich habe mich sehr ueber diesen Artikel gefreut, ich das Porträt ueber eine(n) alte(n) Schriftsteller(in) wesentlich interessanter als ueber eine(n) junge(n) (der sich interessant machen und verkaufen möchte).
Weiter so, liebes Magazin, das Geschlecht ist einerlei!