30.11.2007 von Peter Haffner , 2 Kommentare
China produziert schnell, präzis und preiswert. Die Frage ist, ob die Fabrik der Welt auch zu deren Labor wird und dem Westen die Führungsrolle abnimmt. Auf der Suche nach einer Antwort in Shanghai, dem New York des 21. Jahrhunderts.
Nicht nur die «Mädchen mit den Dollar-Augen» in den Hafenstädten von Chinas Sonderwirtschaftszone Shenzhen, die die MSC Texas anlief, waren jung. Auf den Strassen war kaum jemand über dreissig. Die Wohnblocks schienen gerade hochgezogen, die Modeläden eben eröffnet, die Reklameplakate noch feucht vom Leim. Alles war frisch – bis auf die Luft.
Es war ein seltsamer Kontrast zur klimatisierten Kabine des Containerfrachters, mit dem ich gekommen war. Kaum hatten wir abgelegt zu unserer überquerung des Pazifiks, hatte ich für Aufregung gesorgt, weil ich die Bullaugen geöffnet hatte, um die frische Seeluft hereinzulassen. Was die Klimaanlage durcheinanderbrachte, die für das ordnungsgemässe Funktionieren der Bordcomputer sorgt. Der Vierte Offizier, Lars Hoffsommer, hatte das ganze Schiff durchsucht, bis er mich, den Sünder, gefunden hatte.
In Chinas Hafenstädten schwamm man in der gelierten Luft wie der Fisch in der Sülze; der feuchtheisse Dunst von Nahrungsmitteln, Abfällen und Abgasen war mit Händen greifbar. War vorher nur Wasser gewesen, überschwemmte mich jetzt eine Flut bunter Sinneseindrücke. Händler riefen an jeder Ecke; kein Markenartikel, der nicht in einer Kopie zu haben war. Amerikaner, die da ihre Filme, Software und Bücher in Billigversionen entdeckten, mussten sich fühlen wie der Engländer Charles Dickens, der vor eineinhalb Jahrhunderten auf seiner Amerikareise seine Romane in Raubdrucken gefunden hatte und darüber in Zorn geriet.
Shenzhen war ein Fischerdorf in den Hügeln gewesen, die man planiert hatte; in den letzten 25 Jahren ist die Stadt um das Hundertfache gewachsen – der Weltrekord im Städtewachstum. Deng Xiaoping, der Nachfolger des Grossen Vorsitzenden Mao, der die Wirtschaftsreform eingeleitet hatte, hatte sich von Singapur inspirieren lassen, dem florierenden Stadtstaat mit dem grössten Containerhafen der Welt. Shenzhen wurde gewählt, weil es nahe der damals noch britischen Kronkolonie Hongkong und fern von Peking liegt. Die kapitalistische Finanzmetropole sollte für den nötigen Drive sorgen, die Ferne zur Kapitale den Schaden minim halten, falls das Experiment schieflief.
Es war so erfolgreich, dass den ersten 1979 geschaffenen vier Sonderwirtschaftszonen bald Dutzende weitere folgten, erst an der Küste, später im Landesinnern. Unbeaufsichtigt von der Zentralregierung, können die Lokalbehörden dieser Freihandelszonen ihre Wirtschaftspolitik selber bestimmen und multinationalen Investoren Steueranreize gewähren. Leicht- und Konsumgüterindustrien entstanden; Städte schossen aus dem Boden, mit gut ausgebildeten, jungen und ehrgeizigen Bewohnern, gebaut von Heeren von Wanderarbeitern vom Land.
Das Regime braucht sie und fürchtet gleichzeitig, dass sie seiner Kontrolle entgleiten. Lin Jiang Huai, ein 38-jähriger Unternehmer, hat mit seiner in Florida eingetragenen Firma China Public Security Technology ein überwachungssystem für Shenzhen entwickelt, von dem selbst die Hardliner des Sicherheitswahns in den USA nur träumen können. Zehntausende von Videokameras mit automatischer Gesichtererkennung werden installiert und die Einwohner mit Personalausweisen ausgestattet, deren Chips Informationen enthalten zu Name, Adresse, Arbeitsgeschichte, Bildungsgang, Religion, Ethnizität, Leumund, Krankenversicherung, Telefonnummer des Vermieters, Arbeitsmoral sowie finanziellen Transaktionen und Kreditwürdigkeit. Es ist das grösste Big-Brother-Projekt der Welt; nach Weisung der Regierung sollen bald alle grossen Städte das System einführen.
Legosteine der Weltordnung
Das Pearl River Delta der Provinz Guangdong, wo die MSC Texas leere Container ablieferte und volle lud, ist die Fabrik der Welt. Achtzehn Millionen Arbeiter, mehr als der Gesamtbestand der USA, arbeiten hier zwölf Stunden am Tag mit zwei Pausen, sechs bis sieben Tage in der Woche. Mit einem Jahresverdienst von rund tausend Dollar verhelfen sie amerikanischen Designern, Marketingleuten, Ingenieuren und Detailhändlern, tausend Dollar in der Woche zu verdienen. Sie sind flexibler als Roboter, die anderswo solche Fliessbandarbeit erledigen, da sie nicht umprogrammiert werden müssen, um ein neues Produkt zu fertigen. Dass China billig ist, ist eine seiner Stärken – die andere ist, dass es schnell ist.
Und das in allem. Nachts löschten die Hafenarbeiter unsere Ladung im Flutlicht riesiger Scheinwerfer, in dem die orangen Portalkrane leuchteten wie Korallen einer anderen Welt. Erst wenn man die Hafenanlagen von Xiamen, Chiwan oder Yantian sieht, begreift man, welch epochale Rolle der Container in der Weltwirtschaft spielt. Ohne diese Boxen aus Stahlblech, von denen die MSC Texas 8200 Stück geladen hatte, wäre China noch das, was es zu Lebzeiten Maos war – ein Drittweltland mit Hungersnöten und keiner Aussicht, am Tisch der Mächtigen zu sitzen.
Die meisten Container werden heute in China produziert, doch erfunden hat das Ding ein Amerikaner, der Transportunternehmer Malcolm McLean, der 1956 den ersten Containerfrachter auf Fahrt schickte. Das Vorbild kam von der Armee; für den Koreakrieg waren Transportbehälter entwickelt worden, die sich per Bahn, Lkw, Schiff oder Landungsboot an die Front schaffen liessen, ohne dass man zum Umlad viele Soldaten abkommandieren musste. Simpel, stapelbar und standardisiert, ist der Container so etwas wie die permanente Zügelkiste – in Minuten ist er von einem Vehikel auf dem anderen. Man braucht sich nur vorzustellen, man hätte beim Wohnungsumzug seine Waren nicht in Kisten verpackt und müsste alles einzeln in den Zügelwagen schleppen, um einen Begriff davon zu haben, wie es früher in den Häfen zu- und herging. Löschen und Laden war zeitaufwändig, personalintensiv und kostspielig. Das Container-Shipping hat den Handel revolutioniert, weil es die Distanz als Preisfaktor ausgelöscht und damit Ländern wie China die Möglichkeit gegeben hat, ihren Vorteil billiger Arbeitskräfte auszuspielen; selbst bei sperrigen Gütern wie Möbeln, die Ikea in China fertigen lässt, fallen die Transportkosten nicht ins Gewicht. Die rund 18 Millionen Container, die heute täglich auf den Weltmeeren unterwegs sind, sind die Legobausteine einer neuen Weltordnung, in deren Zentrum Asien steht.
Fortschritt!
Das Lego-Prinzip berührt alles, was mit dem Container zu tun hat. Strassen, Eisenbahntrassees, Lagerhäuser und Hafenanlagen sind Module, die nur zusammengesteckt zu werden brauchen. überall sehen die Schiffshäfen gleich aus; Krane, Hubstapler und Arbeiter in Overalls, die den Reigen dirigieren, hinter dem eine ausgeklügelte Computerlogistik steht. Was in China anders ist, ist das Tempo, mit dem alles geschieht, die brandneue Technologie und der Mangel an Rücksichten, die man bei Expansionsplänen nehmen muss. Der Hafen von Long Beach bei Los Angeles, wo meine Reise begonnen hatte, hat seine Ausbaugrenze erreicht; die Anwohner wollen nicht noch mehr Schiffe, noch mehr Verkehr und noch mehr Immissionen. Chinas Häfen brüsten sich mit Visionen, die an die Industriehochzeit in Europa erinnern – jeder rauchende Fabrikschlot wird enthusiastisch gefeiert als ein Ausrufezeichen des Fortschritts.
Der «China-Preis» – der niedrigste Preis, zu welchem ein Gut hergestellt werden kann – verändert die ökonomie der Welt, der Schadstoffausstoss Chinas deren ökologie. Sinnbild dieser Bedrohung sind die zwei Meter grossen Nomuraquallen mit ihren Tentakeln von fünf Meter Länge, die sich wegen der nährstoffreichen Abwässer aus China so vermehrt haben, dass sie die Lachse und Gelbschwanzmakrelen im Pazifik verdrängen. Zwanzig der dreissig verschmutztesten Städte der Erde sind in China; das Land, das sich noch vor zehn Jahren aus eigenen ölquellen versorgte, ist heute der zweitgrösste ölimporteur nach den USA. Diese sind zwar noch der grösste Umweltverschmutzer, aber auch hierin wird China ihnen den Rang ablaufen.
In Hongkong ging ich von Bord. Master Trümper, der Kapitän der MSC Texas, war fast ein bisschen gerührt; nun, da ich die Reise als sein einziger Passagier überlebt hatte, hatte er den befürchteten Papierkram für den Todesfall doch nicht am Hals gehabt. Ich schied ungern vom Schiff, was mit ein Grund gewesen sein mag, dass ich von Hongkong etwas enttäuscht war; «Asiens Weltstadt» erschien mir wie eine Dame, die das Dunkel der Nacht sucht, um ihre Falten zu verbergen. In den Strassen kämpften Menschen und Autos um Platz, und die Ironie will, dass der Raummangel ein grosser Gleichmacher ist – die Superreichen in ihren Ferraris werden noch überholt von den Handwagen, mit denen Männer in Bambushüten Altpapier sammeln.
Vor zehn Jahren ist die ehemalige britische Kronkolonie China übergeben worden. Hongkong ist das führende Finanzzentrum in Südostasien geblieben und geniesst Sonderstatus nach dem Motto «ein Land, zwei Systeme». Falun Gong, die in China verbotene Sekte, missioniert hier frei, und Han Dongfang, eine der Führerfiguren des 1989 blutig niedergewalzten Protestes auf dem Tiananmen-Platz, lebt unbelästigt. Befürchtungen, der freie westliche Lebensstil werde vom Drachen China zermalmt, haben sich nicht erfüllt, und in Hongkong fragt man spöttisch, wer denn eigentlich wen übernommen habe.
Mit dem Schnellboot machte ich einen Abstecher nach Macao, der einstigen portugiesischen Kolonie, die zwei Jahre nach Hongkong an China zurückging. Macao ist das Las Vegas Chinas und hat das amerikanische Sündenbabel bezüglich Umsatz bereits überholt; das Venetian ist das weltgrösste Casino. Das Gefühl der «Saudade», jene unübersetzbare portugiesische Version des Weltschmerzes, hängt noch in den alten, engen Gassen, die sich jetzt in Glücksspielpalästen spiegeln. Doch in beiden Städten wird man als Westler das Gefühl des Déjà-vu nicht los. Erst als ich nach Shanghai kam, erkannte ich warum. Hongkong und Macao verwalteten, was sie hatten. Shanghai aber erfindet sich neu.
Shanghai, frisch geschnitten
Ich war nicht der einzige mit dem Ziel Shanghai. Ein Mädchen namens Wipha wollte auch da hin, ein Taifun, der ein paar hundert Häuserdächer weggefegt und die Strom- und Wasserversorgung diverser Küstenorte lahmgelegt hatte und nun auf die Stadt zusteuerte, die man je nachdem die «Königin des Orients» oder die «Hure Asiens» nennt. Zwei Millionen Einwohner seien evakuiert worden, stand im «China Daily», den ich auf der Zugfahrt las. Doch Wipha schien die Lust auf Shanghai verloren zu haben; als ich nach neunzehn Stunden ankam, glänzte die Stadt im frischen Nieselregen.
Es gibt verschiedene Methoden, die Essenz einer Stadt zu erkunden. Shanghai besucht man am besten mit einem Stadtplan, der ein Jahr alt ist. Man wird nichts finden, was darauf ist, und was man findet, wird nicht darauf sein. Ein Drittel des Weltbestandes der Grossbaukräne steht in Shanghai, und kaum ein Tag vergeht, da man vom Hotelzimmer nicht ein neues Hochhaus sieht. In Pudong am rechten Ufer des Huangpu, eben noch ein Sumpfland mit verlassenen Fabriken, ist ein Manhattan entstanden, das sein Vorbild in den Schatten stellt.
Ich schlenderte durch die Huaihai Lu, die Fifth Avenue von Shanghai, geblendet von einem Luxus, den man nicht in New York, nicht in Paris und nicht in London findet. Es war später Abend und warm; junge Paare flanierten, hinreissend gekleidet, die Frauen mit seideglänzendem Haar und Gesichtern, die ein Buddha geträumt haben muss. Der Boulevard war breit wie die Champs-Elysées, und beidseitig waren im Scheinwerferlicht Modeschauen in Gang, Promotionen von Edelkarossen oder Komfortküchen, immer mit einer in Massanzüge gekleideten Jazzband, die dem Lebensgefühl den richtigen Swing verlieh. Hob man die Augen zum Himmel, erblickte man die illuminierten Zieraufsätze von Wolkenkratzern, die im Nachthimmel glimmten wie ein Schwarm fliegender Untertassen. Das Gefühl, in einer neuen Welt zu sein, trifft einen wie eine Begegnung der dritten Art – ein Megakapitalismus mit dem Porträt Maos auf jeder Banknote.
Aber war diese Welt wirklich neu? Es war die westliche Konsumwelt, die da zelebriert wurde wie nirgendwo im Westen – mit Marken wie Maserati, Bosch oder Prada. Und es war eine Illustration des Gesetzes der grossen Zahl. Der Mittelstand Chinas wird heute auf 200 Millionen beziffert – das sind zwei Drittel von Amerikas Gesamtbevölkerung. 80 Millionen davon sind sehr reich, und mit mehr als einhundert Dollar-Milliardären ist China nach den USA gar auf den zweiten Platz der Superreichen-Tabelle gerückt. Wie die Amerikaner, stellen auch die Chinesen ihren Reichtum gern zur Schau, weshalb man sich trotz aller Rivalität recht gut versteht.
Aber es war nicht das, was mich beeindruckte, sondern die Tatsache, dass man sich als Westler in Shanghai so wohl wie zu Hause und aufregend fremd zugleich fühlt. Französische Patisserien, spanische Tapas-Bars und japanische Sushi-Restaurants stehen an derselben Strassenecke wie die Garküchen und kleinen Lokale, deren Speisekarten nur Chinesisch beschriftet sind. Ich besuchte eines, wo merkwürdigerweise etwas auf Englisch übersetzt war, was sich las wie «Gegrillter Schafskopf mit heraushängender Zunge». Mit Kennermiene zeigte ich auf irgendeine Zeile Schriftzeichen in der verwegenen Hoffnung, damit den Schafskopf zu umgehen, und hatte bald einen Teller mit blendendweissen Shrimps auf dem Tisch.
Ermutigt vom Erfolg, besuchte ich einen der zahlreichen Frisiersalons, in dem ein Heer von topmodischen Jünglingen und Mädchen eine ebensolche Kundschaft bediente. Niemand konnte Englisch, aber alle verstanden mich, als ich mit dem Finger auf den Schädel zeigte und Schnipp-Schnapp gestikulierte. Ein junger Mann begann mir die Haare zu shamponieren, wozu er eine ganze Flasche und eine halbe Ewigkeit brauchte, war die Sache doch mit einer Kopfmassage verbunden, bei der er mal die Fingernspitzen auf die Schädeldecke schnellen liess, dann wieder trommelte, klopfte, pochte, presste oder irgendwelche Muster strich, bis ich einschlief. Als ich erwachte, war mein Geist so frisch, dass ich die Relativitätstheorie im Nu hingekriegt hätte, hätte Einstein das nicht schon erledigt.
Bigger Apple
Shanghai, die grösste Stadt Chinas, hat den Anschluss an ihre Vergangenheit als kosmopolitische Metropole gefunden und reist nun in Windeseile in ihre Zukunft als Hauptstadt der Welt. Was Wunder, dass sie auch den schnellsten Zug der Welt hat: den 431 Stundenkilometer schnellen Maglev, eine Magnetschwebebahn, die vom internationalen Flughafen Pudong in die Stadt führt. Ich musste an die deutsche Crew der MSC Texas denken – dieser Transrapid, der hier seit drei Jahren verkehrt, ist eine deutsche Erfindung, steckt in Deutschland aber immer noch im Projektstadium; 2014 soll er den Münchner Flughafen mit dem Hauptbahnhof verbinden, wenn nicht noch mehr Klagen, Beschwerden und Bedenken kommen.
Es gehört zu den Paradoxien der Stadtgeschichte Shanghais, dass sich das Elend ihrer kolonialen Vergangenheit zum Motor einer neuen Freiheit wandelt. Zu Zeiten des Opiumkriegs hatten die Briten zwischen Chinesen und Hunden nicht unterschieden und dem Kaiser im Vertrag von Nanking das Recht abgetrotzt, von Shanghai aus Drogenhandel im grossen Stil zu betreiben. Sie machten zwölf Millionen Chinesen abhängig und bereiteten den Boden für den Sündenpfuhl, zu dem Shanghai in den Zwanziger- und Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde. Was einen Missionar zum Seufzer veranlasste, wenn Gott Shanghai toleriere, sei er Sodom und Gomorrha eine Erklärung schuldig. Im Zweiten Weltkrieg dann wurde Shanghai zum Hafen für Flüchtlinge aus Europa; es war die einzige Stadt der Welt, die Juden bedingungslos aufnahm.
Das britische Erbe manifestiert sich in den Bauten am Bund, der Uferstrasse, der Einfluss der Franzosen in der French Concession ausserhalb der alten Stadtmauer. Chausseen mit italienischen und neoklassischen Gebäuden prägen das Stadtbild ebenso wie die alten chinesischen Quartiere mit ihren Shikumen-Häusern und dem Gewusel von Strassenverkäufern, die Körbe voller Waren an einer Schulterstange balancieren, vorbei an Frauen, die auf dem Trottoir Hühnchen rupfen. Shanghai ist wieder multikulturell, doch heute sind es die Chinesen, die das Sagen haben. Und sie wollen aus ihrer Metropole nichts weniger als das New York des 21. Jahrhunderts machen.
Kinder der Zukunft
Und die New Yorker kommen. In Jazzbars wie dem Cotton Club, in Lokalen wie Pane e Vino oder Blue Frog Shanghai kann man sie antreffen. Sie schwärmen von der Stadt, die sie an die Vitalität erinnert, die der Big Apple einst hatte, und sie fühlen sich in ihr willkommen. Muss man in New York vor einem Vermieter auf die Knie fallen, um in eine so versiffte wie kleine und teure Wohnung einziehen zu dürfen, überrascht einen der chinesische mit einem Geschenk, fragt, ob man andere Möbel wolle, einen Fernseher, die Mitgliedschaft in einem Fitnessklub, und führt einen gleich auf Einkaufstour, dies alles zu besorgen.
Kontakt fällt leicht. Jedes Mal, wenn ich den Renmin Park in der Nähe meines Hotels durchquerte, wurde ich von jungen Leuten angesprochen, von Einzelnen, Paaren und ganzen Gruppen von Studentinnen und Studenten. Sie umschwärmten mich, drängelten um den Platz an meiner Seite und stellten Fragen – woher ich komme, wie das Wetter da sei, was ich in China gesehen habe, wie es mir gefalle, ob ich das Essen möge? Sie übten ihr Englisch, das sehr gut war, obschon ihre Lehrer, wie sie meinten, immer noch fänden, es klinge wie Chinglish. Sie stammten von überall, von Peking, wo sie hofften, als Fremdenführer amten zu können während der Olympischen Sommerspiele 2008, oder von Shanghai selber, wo sie sich jetzt schon auf die Weltausstellung 2010 vorbereiteten. Sie waren freundlich, eifrig, hartnäckig, und als mich vier von ihnen zu einer Teezeremonie einluden, ging ich mit.
Li Hua, Yang Kai, Yan Yan und Li Jia, drei Mädchen und ein Junge, führten mich in das Hinterzimmer eines Gebäudes, wo eine junge Frau in Tracht vor einem halben Hundert Teedosen stand. Sie erklärten, wie das funktioniere, und hielten mir die Preisliste unter die Nase, worauf wir einen vergnügten Nachmittag verbrachten mit dem Kosten so exquisiter wie exorbitant teurer Teesorten, die je nachdem in winzigen Schälchen oder Tassen serviert wurden, die man hernach auf die Augenlider presste oder über Stirn und Nase rieb. Bei jeder Runde rief man «Gambe!», was Prost heisst. Sie waren irritiert, dass ich ihnen dabei in die Augen sah und sagten, das mache man in China nicht. Als ich meinte, bei uns guckten leider auch die meisten Leute ihr Glas und nicht ihr Gegenüber an, lachten sie und starrten mir fortan jedes Mal mit theatralisch aufgerissenen Augen in die meinen.
Li Hua war die Wortführerin; schwarzhaarig, etwas pummelig und frech. Wenn die Zeremonienmeisterin etwas auf Chinesisch sagte und ich nickte, kickte sie mich mit dem Ellbogen. «Warum nickst du, wenn du doch nichts verstanden hast?» Sie hielten mir Lektionen in chinesischer Geschichte, mokierten sich darüber, dass ich kein Wort ihrer Sprache konnte und waren sich sehr bewusst, dass sie über meine Welt viel besser orientiert waren als ich über ihre. Sie machten dauernd Witze, waren von einem entwaffnenden Charme und überaus neugierig. Sie wollten meinen Ehering sehen, Fotos meiner Kinder, und blieben um Kommentare nicht verlegen. Nur in einem suchten sie Rat: Ob ich Li Jia, dem etwas scheuen, schlaksigen Jungen, nicht in einem Schnellkurs beibringen könne, wie man einem Mädchen den Hof macht?
Als wir nach Stunden wieder auf der Strasse standen, trat Li Hua auf mich zu und umarmte mich mit gesenktem Kopf. Die anderen Mädchen taten es ihr gleich, und als ich den Jungen dann auch umarmte, lachten sie alle schallend.
Wie ich mit all diesen Studenten redete, wurde mir klar, wie stark das Gefühl in China ist, eine Renaissance der Geschichte zu erleben – die Rückkehr zu historischer Grösse. Bis zum 15. Jahrhundert war China die führende Macht des Planeten. Ob wir unsere Zähne mit einer Bürste putzen, ein Streichholz anzünden oder uns den Hintern mit Papier wischen: All das und noch viel mehr sind Erfindungen und Errungenschaften, die wir den Chinesen verdanken, der ältesten Zivilisation überhaupt. Auch wenn der technologische Fortschritt aus politischen Gründen gestoppt wurde, hat China bis zum frühen 19. Jahrhundert einen Viertel bis einen Drittel zur globalen Produktion beigetragen. Erst hernach löste Europa Asien als Zentrum der Weltwirtschaft ab.
Die Frage ist, ob China imstande ist, von der Fabrik der Welt auch zu ihrem Labor zu werden und dem Westen die Führungsrolle in Forschung und Entwicklung streitig zu machen. Manches spricht dafür, anderes dagegen. Dafür spricht wieder einmal das Gesetz der grossen Zahl: China bildet jährlich rund 400 000 Ingenieure aus, die USA nur rund 5000. Sind lediglich ein Prozent der chinesischen Ingenieure Spitzenkräfte, sind das fast so viele wie alle amerikanischen zusammen. Bis zum Jahr 2020 will China einen grösseren Anteil des Bruttosozialprodukts auf Forschung und Entwicklung verwenden als die Europäische Union.
Doch es gibt auch Gründe, die dagegen sprechen, dass China mit der Rückkehr in die Weltwirtschaft diese auch technologisch anführen wird. Derzeit gewinnt China mehr mit der übernahme bestehender Technologie als mit eigenen Erfindungen. Moderne Elektronik ist auch eine Art Lego – Displays, Kabel, Karten und Chips können zu jedem beliebigen Gerät zusammengesteckt werden, ob das nun ein Computer, ein Handy, ein MP3-Player oder etwas ist, was noch gar nicht erfunden ist. Chinesische Firmen prosperieren, wenn sie auf Auftrag schnell und preiswert liefern. Ein Unternehmen, das stattdessen selber Geld in die enorm teure und aufwändige Forschungs- und Entwicklungsarbeit steckte, geriete im Konkurrenzkampf ins Hintertreffen. Chinas derzeitige Stärke besteht in der Kombination von Vorhandenem – im Branchenjargon heisst das «architektonische Innovation».
Doch es fragt sich, wie lange das so bleibt. Internationale Unternehmen wie Microsoft und Google haben Forschungs- und Entwicklungszentren in China eröffnet, Intel baut eine Chip-Fabrik, in der hochkarätige Spezialisten arbeiten. Das bringt Qualitätsjobs ins Land, die das allgemeine Niveau heben.
Meine Gespräche mit den paar chinesischen Studenten sind gewiss kein Fundament, auf dem man eine Zukunftsprognose bauen könnte. Doch sie gaben einen wichtigen Hinweis: In China ist man nicht weniger neugierig, optimistisch, ambitiös, selbstbewusst, geschäftstüchtig und auf den letzten technischen Schrei versessen als in den USA – Eigenschaften, die in Europa verloren gegangen sind und die Amerika gross gemacht haben. Weder am Willen noch an Leuten mangelt es in China. Was es braucht, ist Zeit – und die Bereitschaft der Regierung, mit der Zensur Schluss zu machen. Wie sollen junge, motivierte, innovative Leute den Anschluss ans globale Gespräch finden, wenn sie nicht einmal in Wikipedia lesen dürfen?
Den letzten Tag vor der Rückkehr nach Kalifornien verbrachte ich im Shanghai Art Museum. Es zeigte eine Werkschau von Chen Jialing, farbige Tuschmalerei in Schaufenstergrösse, die der Tradition verhaftet und zugleich auf eine nie gesehene Weise modern ist. Die Bilder atmeten eine meditative Stille, wie man sie in den Gemälden eines Mark Rothko findet. Leicht, luftig und schwebend, sodass sie einen selber in eine Art von Schwerelosigkeit versetzten.
Vielleicht war es das, was den Ausschlag gab. Wenn die Kunst eines fremden Landes einen so zu bezaubern vermag, dachte ich, hat das Land als Ganzes gewonnen. Kultur ist die Trumpfkarte im Spiel um die Macht, das begonnen hat; und dass chinesische Gegenwartskunst an Auktionen Rekordpreise in Millionenhöhe erzielt, ist nur passend.
Ich dachte an meine jungen Freunde, die ihr Englisch an mir ausprobierten. Sie hatten recht, es war Zeit, Chinesisch zu lernen – die Sprache der Neuen Welt.

Bild: Peter Haffner

Bild: Peter Haffner

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Ich habe Peter Haffners Reportage mit Vergnügen gelesen habe. Trotzdem möchte ich nicht unbedingt mehr davon. Der Plot ist simpel: Amerika realisiert gerade, dass China drauf und dran ist, den Westen zu überholen und das gute alte Europa blinzelt bloss verschlafen. Auch wenn das vielleicht stimmt, hätte ich es lieber gehabt, wenn Haffner nicht schon mit dieser Erkenntnis aufgebrochen wäre, sondern erst mal genau hingeschaut, in Frage gestellt hätte. mehr dazu
Die Reportage «Per Frachtschiff in die Zukunft» von Peter Haffner ist für mich herausragend, weil
hochaktuell,
packend formuliert und
zum Nachdenken anregend.
Neben der gut geschmierten Schiffsmaschinerie, erhalten auch die Arbeitskräfte und der Pazifik eine Plattform. Lebte ich noch vor einem Vierteljahrhundert ein halbes Jahr in «beautiful California», wo ich glaubte den «Lebensraum der Zukunft» zu finden, so schweift jetzt mein Blick weiter nach Westen und ich staune einmal mehr, ob den gigantischen Auswirkungen der Globalisierung. Der geniale Container-Warenverkehr ermöglicht schnellen Wohlstand und Luxus bei uns auf Kosten der Plünderung globaler Ressourcen sowie der Hinterlassung riesiger Abfallberge und der schonungslosen Ausbeutung vieler ArbeitnehmerInnen. Es bleibt mir die Hoffnung, dass unser Denken sowohl lokal als auch global – nicht containerhaft abgeschottet – sich weiter entwickelt.