Personenkult: Klaus Petrus

26.07.2008 von Guido Mingels , 8 Kommentare

Es waren fiebrige Stunden im Dienst der Wahrheit. Klaus Petrus, Sprachphilosoph, war Assistent am philosophischen Seminar der Uni Bern, und wir, seine Studenten, restlos fasziniert von diesem unerbittlichen Skeptiker und strengen Logiker. Abgeschirmt von der Welt kämpfte man im Seminarraum unter seiner Anleitung um zweifelsfreie Einsichten, auch wenn es während Wochen nur um Fragen wie diese ging: Wie kann ich etwas meinen, indem ich etwas sage?

Was Petrus meinte, als er kürzlich u. a. sagte, Blindenhunde seien so etwas wie Sklaven, war klar: Tiere sind auch nur Menschen. Man darf sie also nicht züchten, nicht töten, nicht essen, nicht besitzen. Offenbar hat der Mann, inzwischen Professor, die Strenge seines Denkens nun auf dem Gebiet der Tierethik zur Anwendung gebracht. Und plötzlich wird ein simpler Syllogismus, aus dem Studierzimmer in die Öffentlichkeit entlassen, zu Dynamit. Weil seine Thesen in letzter Konsequenz das Halten von Haustieren verunmöglichen, ist er zum Ziel des Volkszorns geworden. «Blick» nennt ihn nur noch den «irren Professor» und zieht ihn tagelang durch den Dreck der Empirie. («Er will uns Büsi und Hamster verbieten!», «Irrer Professor geht mit Hund Gassi!»)

Doch das heutige Prinzip, Tiere als Mittel zu Zwecken zu verwenden, die dem Menschen dienlich sind (Nahrung, Kleidung, angenehme Gesellschaft), hat möglicherweise nicht für immer Bestand. Wer hat nicht schon, am Mittagstisch sitzend, diese Gewissensbisse beim Kauen des Steaks verspürt: Was esse ich eigentlich da? Wieso hat das Rindvieh, das mich auf der Weide noch seelenvoll ansah, weniger Recht auf Leben als ich? Es ist gut möglich, dass solche Gefühle Vorahnungen sind einer künftig selbstverständlichen Ethik. In hundert Jahren wird man vom Grillplausch unserer Tage womöglich mit ähnlicher Abscheu sprechen wie wir heute vom Kannibalismus. Je mehr wir dank der Wissenschaft erfahren werden über die Tiere, über ihre Kommunikationsformen, ihre Gefühle, ihre Fähigkeit zum Bewusstsein, desto schwieriger wird es werden, sie zu instrumentalisieren.

Philosophen sind dazu da, weiter zu denken als wir anderen. Klaus Petrus hat das getan; er ist dafür bestraft worden.

Die Diskussion

8 Reaktionen

  1. Josef Rafter

    Lieber Herr Mingels

    da sorgen sie doch für das positive Highlight des Wochenendes in dem Sie als einer der wenigen dem Herrn Petrus die Ehre gebühren die im korrekterweise zusteht. Auch wenn Sie die Entwicklung des Status der Tiere in die ferne Zukunft prophezeien (wünschen?) wird es wohl es doch früher sein. Blättert man jedoch eine Seite weiter im Magazin Ihres Arbeitgebers zeigt die hässliche Realität Ihre Fratze in Form eines ganzseitigen ‘Schweizer Fleisch’ Inserates und übertüncht sogleich Ihre intelligenten Worte im Leichengestank.
    Ich verbleibe in der Hoffnung, dass das in ihrem Profil an erster Stelle stehnde ‘Fleisch’ an einem Lebenden Tier oder Mensch gemeint ist (oder zählen sie sich etwa zu den Kannibalen?)!

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    Guido Mingels

    Lieber Josef Rafter, mit Recht erkennen Sie hier einige Inkonsequenzen. Das Thema Tierethik interessiert mich bislang nur auf Diskurs-Ebene, nicht im Sinne einer Anleitung für mein eigenes Handeln. Grade gestern war Grillabend bei uns. Ich trage Lederschuhe. Ich besitze einen Hund (und würde nicht einmal behaupten wollen, dass der Hund vor dem Gesetz keine ‘Sache’ sein darf). Ich störe mich aber am Furor, mit dem auf Petrus eingeprügelt wurde, dessen Ansichten im Kern bedenkenswert sind, auch wenn sie zu kontraintuitiven Konsequenzen führen.

  3. David Meili

    Den Kommentar im aktuellen Magazin zu Klaus Petrus teile ich in etwa.
    Ich habe mich aus ethnologischer Sicht und verbunden mit der Landwirtschaft vor mehr als zehn Jahren ausgiebig mit der Thematik befasst.

    Heute und nach vielen Reisen bin ich in unschlüssig, ob die Abkehr von Nahrung aus der zweiten Verwertungsstufe tatsächlich ein zivilisatorischer Prozess ist. Gestern war ich wieder einmal auf einer Alp im Schächental, und das Zusammenleben von Menschen und Tieren ist doch sehr schön und bereichernd. Nur, – wenn man eine Kuhherde pflegt, muss jemand die Muneli auch essen. Man kann sie nach der Geburt ja nicht zurücklassen oder über die Fluh hinauswerfen.

  4. Marcel Meier

    Klaus Petrus liefert, so meine ich, einen wesentlichen Beitrag zur Dikussion über unserem Umgang mit Tieren und deren gewissenlosem Verbrauch in vielen Bereichen, wie sie heute weltweit und tabulos geführt wird, wobei sich die intelligenten Medien leider noch immer sehr zurückhalten, wenn es um Positionen geht. Die Kampagne des “Blick” gegen Klaus Petrus ist (sorry liebe Schweine!)) unter aller Sau. Einen anderen Beitrag liefert der Film “Earthlings”, der, soviel ich weiss, nächstens in die Kinos kommt. Er ist demselben Thema gewidmet. Er verhagelt einem nicht nur den Appetit auf den nächsten Grillabend, sondern vermiest auch die Lust am Zoobesuch und das gute Gewissen beim Kauf einer neuen Lederjacke. Seine schonungslose Offenheit und Realitätsnähe kann niemanden unberührt lassen. Auf Youtube gibt es ihn unter dem Stichwort “Earthlings” (Erdlinge).

  5. Andrea Martina Graf

    Ihre Zeilen sind ein Lichtblick, eine Wohltat inmitten der Schlagzeilenverblödung/ VolksVollverblödung von Blick + Co.
    Wann endlich kapiert der letzte Mensch der zivilisierten Welt, dass man Tier + Pflanze (+ Umwelt überhaupt) nicht länger misshandeln darf, dass Tiere nicht dazu da sind, um in Menschs Magen zu landen.
    Es will mir einfach nicht in den Kopf gehen, dass, sogar in unserer christlichen Musterdemokratie, Tiere vorsätzlich gemordet werden, einzig um Mensch wenige Minuten Gaumengenuss zu ermöglichen. Es macht mich traurig zu hören, wie sogar Friedens-/ MenschenrechtsaktivistInnen, PazifistInnen, sogar sehr spirituelle Menschen ihren Fleischkonsum rechtfertigen, mit Argumenten wie:
    Tiertöten ist halt Tradition
    ich esse nur wenig Fleisch (nur ein bisschen Töten) + wenn, dann BioFleisch (Biotiere werden natürlich human geschlachtet, BioFleisch wird gar von den Bäumen gepflückt)
    ich spüre, dass mir Fleisch gut tut
    Oder wenn z.B. die KAGFreilandOrganisation vor Festtagen das ev. doch ein wenig schlechte Gewissen wegwischen will mit Schlagworten wie “mit gutem Gewissen geniessen” “Fleisch von glücklichen Tieren”.
    Wieso endet Ethik oft am Tellerrand?
    Wann endlich werden wir die ganze Schöpfung in unsere Nächstenliebe einbeziehen.
    Gerade von bewussteren Mitmenschen erwarte ich, dass sie zumindest Vegetarier werden.
    Wenn bereit’s Pythagoras, Leonardo da Vinci, Michelangelo … fleischlos leben konnten, sollten wir’s, in unserem Schlaraffenland der Fleischalternativen, erst recht können.
    War einst die Armee die heilige Kuh, ist’s heute wohl Fleischkonsum (+ Auto das heilige Kalb).
    Zu hoffen bleibt, dass diese heiligen Kühe möglichst bald geschlachtet werden.

    Hoffentlich kommt mal eine Zeit, in der man Klaus Petrus’ Äusserungen nicht mehr als mutig, sondern als selbstverständlich empfindet.

  6. Profile Pic
    Guido Mingels

    Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin keineswegs Vertreter einer Tierbefreiungsethik. Für die Gegenwart scheint mir die Position der pathozentrischen Ethik am vernünftigsten: Wir müssen Tiere leidensfrei halten und schmerzfrei töten. Damit wäre schon viel gewonnen. Dass aber auch dies nicht für alle Zeiten der Weisheit letzter Schluss ist, scheint mir offensichtlich. Die Einschätzung des Werts tierischen Lebens wird sich möglicherweise verändern. Es ist leicht denkbar, dass in der Zukunft eine grosse Zahl von Menschen in der ersten Welt zur Ansicht gelangt, dass das Töten von Tieren generell zu vermeiden ist. Wenn es je soweit kommen sollte, stehen alle demokratischen Instrumente zur Verfügung, um die Dinge (also die Gesetze) zu verändern. Denn die einzige mögliche gesellschaftliche Basis jeder Ethik ist am Ende der Mehrheitsentscheid.

  7. Vanessa Gerritsen

    Super Artikel, verständlich, logisch und bestechend ehrlich.

  8. Patrick Mink

    Danke für diesen gedankenanregenden Artikel. Persönlich begrüsse ich die Ansichten des Klaus Petrus, sehr interessant. Und durchaus möglich, ja gar wünschenswert, dass zukünftige Generationen mit Abscheu auf unseren ausbeuterischen Umgang mit Tieren zurückblicken werden. Zwar bin ich – allem Anschein nach da ich kein Blickleser bin – mit Herrn Petrus’ Thesen nicht tiefer vertraut. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, springen mir bei der Lektüre Ihres Artikels ein paar Inkonsequenzen in dessen Denken ins Auge:

    1. Wir sind wohl oder übel dazu verpflichtet, uns die Dienstleistungen der Tiere zu Nutzen zu machen. Denken wir bloss einmal an die Insekten, die lieben Bienen. Wer Petrus’ Gedanken konsequent weiterspinnt, müsste wohl auch auf deren Fronarbeit verzichten. Bloss wer bestäubt dann unsere Nutzpflanzen?

    2. Und wenn wir schon bei den Pflanzen sind: wie können wir sicher sein, dass diese nicht auch über so etwas ähnliches wie eine Seele, ein Wesen, oder gar über Intelligenz verfügen? Ist es gerechtfertigt, diese weiterhin eng aneinandergepfercht auf Feldern zu „kultivieren“, mit Dünger und Pestiziden zu besprühen, um sie letztendlich brutal zu ermorden, bloss damit sich die Menschheit am Leben erhalten kann?

    Das Fleischessen und die Fleischfresser pauschal zu verteufeln führt in meinen Augen nirgendwo hin. Das Räsonnement ist simpel (und wird hier überspitzt dargestellt) : wenn es a priori unethisch ist, sich die Tiere Untertan zu machen, gibt es keine allgemeingültige Rechtfertigung mehr, die es uns erlauben würde, die Pflanzenwelt auszubeuten. Aber was bleibt dann noch für unsere Ernährung übrig? Müssen wir uns aus lauter Tier- und Pflanzenliebe gar vor einer „Rückkehr“ zum Kannibalismus fürchten?

    Ich möchte dem Sarkasmus aber nicht allzu sehr verfallen, und natürlich stimme ich Ihnen zu Herr Mingels. Das Wichtigste ist, dass man den Tieren mit Respekt begegnet, und dass das Tierwohl gewährleistet ist. Dasselbe gilt darüber hinaus für die Nutzpflanzen und den Rest der Artenvielfalt dieses Planeten. Stichwort ist einmal mehr der ausgelutschte Begriff der Nachhaltigkeit.

    Alles andere ist Heuchelei.

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