Pierre Boulez, Teil 2

Zeitgenössische Musik ist schwierig zu verstehen, gewiss. Das sollte aber nicht abschrecken, findet Pierre Boulez.

08.08.2008 von Daniel Binswanger und Peter Révai

Wie viel Vorwissen muss man mitbringen, um zeitgenössische Musik verstehen zu können?
Gar keines.
Ein bisschen Schulung kann doch nicht schaden.
Bestimmt. Ich gebe aber selbst Musikwis­senschaftlern – die von Berufs wegen Kom­positionen verstehen sollten – den Rat, keine allgemeingültigen, «objektiven» Ana­lysen anzu­stre­ben. Es ist ergiebiger, wenn jeder versucht, ein Stück nach seinen eigenen Kriterien und Wahrheiten zu rekonstruieren. Marcel Proust hat gesagt: «Ein Buch ist nicht das Geschriebene, sondern das Gelesene.» Für die Musik gilt dasselbe. Wichtig ist, was jeder hört.
Aber zeitgenössische Werke sind doch schwierig, weil sie so komplex sind.
Komplexität ist nicht eine spezifische ­Eigenschaft unserer Zeit. Es gibt sie schon in der Musik des 14. und 15. Jahr­hun­derts. Oder nehmen Sie zum Beispiel ein bekanntes Werk wie die «Kunst der Fuge» von Bach. Bei seinem Orgelstück mit Doppelkanon kann man sich am Ende mit dem besten Willen nicht mehr erinnern, was man am Anfang gehört hat. Die Schwierigkeit heutiger Musik liegt darin, dass es keine festgelegten Formen mehr gibt. Moderne Stücke halten sich nicht an Schablonen und formale Modelle. Betrachten Sie mal das klassische Sinfoniekonzert, da liegt der Fall nochmals anders. Das Publikum kennt den Ablauf genau. Das Scherzo ist für die meisten Hörer über ein bestimmtes Tempo und ein entsprechendes Metrum klar erkennbar. Niemand wird es mit dem Adagio verwechseln.
Wie soll sich denn der heutige Hörer orientieren?
In der zeitgenössischen Musik folgt ­jedes Stück seinen eigenen formalen Vorga­ben. Man fühlt sich häufig verloren, weil man sich auf unbekanntem Gelände befindet. Es ist am besten mit der ­Situation vergleichbar, wenn man in einer völlig fremden Stadt unterwegs ist und plötzlich telefonisch aufgefordert wird, sich in einer gewissen Zeitspanne an einem bestimmten Treffpunkt einzufinden.
Und da sollen Spezialisten nicht im Vorteil sein?
Wir haben in Paris einmal ein interessantes Experiment durchgeführt. Drei Testgruppen – musikalisch ungebildeten Hörern, interessierten Liebhabern und ausgebildeten Musikwissenschaftlern – wurden ein Satz einer Mozart-Sinfonie und ein modernes Klavierstück von Karlheinz Stockhausen vorgespielt. Anschliessend mussten die Hörer die Stücke analysieren. Die Antworten zu Mozart entsprachen genau dem Wissensstand der Probanden. Bei Stockhausen aber gabs ­eine Überraschung: Alle Antworten ­waren chaotisch. Auch die Wissenschaftler waren nicht in der Lage, das Stück korrekt zu beschreiben – sie vermochten lediglich ihre Überforderung etwas besser zu kaschieren.
Soll das heissen, gar niemand hat Zugang zur zeitgenössischen Musik?
Nein, natürlich nicht. Der Punkt ist: Man muss eine zeitgenössische ­Komposition mehrmals hören, bevor man sie versteht. Selbst ein knapp hundertjähriges Orchesterstück wie «Jeux» von ­Claude Debussy, das aus zahllosen narrativen Elementen besteht, kann man erst begreifen, wenn man es mehrmals gehört hat. Jeder muss versuchen, ­einen eigenen Weg zum Verständnis eines Stücks zu finden. Am hilfreichsten ist es, sich an starken musikalischen Gesten wie ­an Klanghöhen, besonderen Klangfarben ­oder rhythmischen Akzenten zu orientieren. Dann kann man ­einzelne Momente zu «Inseln» gruppieren. Schliesslich erkennt man das musikalische ­Ganze.

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