Pipilotti Rist Teil 1

«Blut ist heilig»

31.07.2009 von Finn Canonica

Ihr erster Spielfilm «Pepperminta» erzählt von einer Frau,die mit einer Art Terrortruppe der Fantasie unser Spiesserleben auf den Kopf stellen will. Sind wir Nichtkünstler denn so furchtbar langweilig und verklemmt?
Überhaupt nicht. Ich erzähle in meinem Film, wie wir uns alle mit Regeln, Konventionen und Zwängen im Weg stehen. Pepperminta will das ändern. Selber bin ich leider auch nicht wie sie, ich bin auch nur so ein Menschlein. Dass Sie von «Terroristen» sprechen, finde ich eigenartig. Eine friedlichere Truppe als Pepperminta und ihre Freunde kann ich mir nicht vorstellen.

Pepperminta entwickelt ein ziemlich rabiates Verhalten. Einer wird genötigt, Menstruationsblut zu trinken.
Werwen, gespielt von Sven Pippig, wird nicht genötigt, er ist zwar unsicher, trinkt aber freiwillig. Diese Szene macht Mühe, deshalb wollte ich sie auch unbedingt im Film lassen. Sperma oder Speichel zu schlucken, wäre wahrscheinlich einfacher zu akzeptieren gewesen. Im Ernst: Blut ist ein heiliger Saft, der in vielen Mythen, Religionen und Ritualen eingesetzt, getauscht und getrunken wird. Es stört mich, dass das Menstruationsblut links liegen gelassen wird, weil es als schmutzig bezeichnet wird. Werwen zeigt Pepperminta sein Vertrauen, indem er vom Fruchtbarkeitssaft trinkt, dadurch werden sie unschlagbar.

Mich hat der Film etwas wütend gemacht. Ich kann doch nicht Schneckenhäuser anmalen und hoffen, dass die Welt dann besser wird. Ist das nicht schrecklich naiv?
Aber dem Fahrgast, der vor Ihnen sitzt, aus Freundlichkeit eine Frisur zu kämmen, könnte Ihr Leben ändern. Versuchen Sies mal. Der Film will keine Gebrauchsanweisung fürs Leben sein, und schon gar kein politisches Manifest. Ich wollte einen poetischen Film machen, mit einer Sicht auf die Welt, die vielen von uns abhandengekommen ist. Wenn Sie sich darüber aufgeregt haben, ist schon vieles erreicht. Der Film provoziert in Ihnen offenbar Gefühle, die Ihnen irgendwie peinlich sind.

Ich war auch fasziniert von seiner Radikalität. Er ist eine perfekte Flucht in eine Gegenwelt zum Alltagsleben.
Man empfindet den Alltag und die Wiederkehr des immer Gleichen gelegentlich, vielleicht sogar sehr oft, als Gefängnis, aus dem wir in das Reich der Vorstellungen entfliehen. Die meisten Menschen tun das ganz unbewusst, täglich wahrscheinlich.

Ist nicht das genau das Problem? Die Welt ist doch gerade ziemlich aus den Fugen geraten. Dann wegträumen?
Man muss das eine nicht gegen das andere ausspielen. Die grössten Pragmatiker sind diejenigen, die auch träumen können. Den Vorwurf des Eskapismus erheben nur Leute, die zu fantasielos oder schlicht zu feige sind, um die Welt zu verlassen, die sie schon so gut kennen und in der sie sich sicher fühlen.

Lässt sich daraus eine Art Programm Ihrer Kunst ganz allgemein ableiten?
Wenn es mir gelingt, Menschen zu berühren oder auch zu erschüttern, dann bin ich schon mal sehr zufrieden. Wer nur eine Wirklichkeit zulässt, verhält sich eindimensional, ich finde das sehr bedauernswert. Kunst bildet, weil sie Wirklichkeit von verschiedensten Seiten darstellt, eine Art Wirklichkeitsersatz. Das kann doch sehr befreiend wirken. Kunst erlaubt dem Betrachter, mit inneren Widersprüchen umzugehen, ohne dass es einen zerreisst. Kunst machen und Kunst betrachten, erquickt die Seele, was wollen Sie mehr?

Vielleicht möchte ich etwas lernen, um die Welt besser zu verstehen. Gegenwärtig wird dieses Bedürfnis vor allem von der Wissenschaft befriedigt, weniger von der Kunst.
Ich betrachte Kunst auch als eine Forschung, sie untersucht Irrationales und Emotionales. Auch die sogenannte Wissenschaft ist ein künstlerisches System, das Phänomene mit verschiedenen Methoden und Theorien zu beleuchten versucht. Es ist mir klar, dass man mit Kunst nicht das Klimaproblem löst. Und ich weiss auch, dass die Computer, auf denen ich arbeite, von extrem rationalen Menschen gebaut wurden. Trotzdem: Es gibt in jedem Menschen eine Seite des Möglichen und Logischen und eine Seite des Erahnten, Gefühlten und Ersehnten. Letzteres ist, was mich als Künstlerin interessiert.

Pipilotti Rist, 1962 geboren als Elisabeth Charlotte Rist in Grabs (SG), wurde mit ihren Videoarbeiten und Installationen zu einer der bekanntesten Gegenwartskünstlerinnen; erst seit wenigen Monaten zeigt das New Yorker Museum of Modern Art im Atrium ihr Werk «Pour Your Body Out». Rist lebt mit ihrer Familie in Zürich. «Pepperminta» kommt am 10. September in die Kinos.

Im nächsten Heft erzählt Pipilotti Rist von ihrem Leben als Kunststar.

Bild Andrea A. Panté
Bild Andrea A. Panté

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