Pipilotti Rist Teil 2

«Ich bin altmodisch»

14.08.2009 von Finn Canonica

Was ist denn Ihre Vorstellung von absolutem Glück?
Ich würde gerne irgendwo in der Antarktis in einer Eishöhle sitzen und beobachten, wie neben mir das Eis bröckelt und in die Tiefe stürzt.

Warum realisieren Sie Ihren Traum nicht? Die Mittel dazu haben Sie doch gewiss.
Träume sind nicht dazu da, immer verwirklicht zu werden. Ich habe bei der Antwort auch gar nicht an die Machbarkeit gedacht. Einerseits macht mich schon die reine Vorstellung ein bisschen glücklich, und anderseits kann ich Ähnliches auch in einem hiesigen Winterwald erleben.

Glück als Utopie, das ist ein Zentralmotiv in vielen Ihrer Arbeiten. Woran scheitern wir denn alle am Glück? Warum sind so viele Leute auch in unserer entwickelten Welt oft unglücklich?
Das weiss ich nicht, ich kann da nur Vermutungen anstellen. Glück ist ein sehr individuelles Empfinden, das aber mit der vermuteten Glücksmenge von anderen Menschen verkoppelt zu sein scheint. Glück ist brutal relativ. Dann steht dem Glück immer auch die Angst vor Verlust im Wege, und wir haben hier in Mitteleuropa recht viel zu verlieren. Ich glaube auch, dass viele Leute genauso angstgesteuert sind wie ich. Wir gehen eigentlich alle durch den Alltag mit einem Gedanken: Wenden sich die andern von mir ab? Wir schränken uns ein, fürchten uns vor Blamagen. Diese dauernde Selbstzensur ist grauenhaft und verhindert viel Glück. Wir leben zwar in einer der freiesten Gesellschaften der Welt und der Geschichte, und doch sind wir andauernd präventiv gehemmt. Oder kennen Sie jemanden, der einfach ein Zimmer mit anderen Menschen betritt und lossingt?

Ich bin aber recht froh, dass niemand singend in mein Büro kommt.
Dann haben wir verschiedene Vorstellungen von einer glücklichen Gesellschaft. Ich liebe es, wenn jemand aus heiterem Himmel zu singen beginnt. Aber finden Sie es nicht sonderbar, dass dargestelltes Glück heute peinlicher berührt als Gewalt?

Es ist ja nicht so, dass ich jemandem sein Glück nicht gönne, es geht mir mehr um den Begriff der Peinlichkeit. Ist Ihnen denn gar nichts peinlich?
Doch, natürlich, ich habe sehr viele Komplexe. Ich sterbe vor Nervosität, wenn ich vor Leuten eine Rede halten muss. Da windet sich mein Körper, und meine Arme verrenken sich gegen meinen Willen. Das sieht dann recht seltsam aus. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem Auftritt am Filmfestival Venedig.

Darf ich Ihnen das glauben? Sie treten ja immer sehr exzentrisch auf, mindestens optisch.
Ich begebe mich oft vorsätzlich in kritische Situationen, ich verlange das von mir als eine Art Mutprobe. Es hilft mir, wenn ich in solchen Situationen «verkleidet» bin. Genau wie meine Helden in «Pepperminta».

Sie sind ein Star der internationalen Kunstszene, muss man sich da überhaupt noch irgendwelche Gedanken machen. Künstlern verzeiht man doch alles.
Tatsächlich? Ich müsste mir vielleicht keine «irgendwelche Gedanken» mehr machen, aber ich tu es. Ich bin ein Arbeitstier und ein Tüpflischisser. Meine Hauptangst ist eigentlich immer dieselbe geblieben, ich fürchte mich davor, irgendeinen Wix zu produzieren, eine Arbeit abzuliefern, die ausser für mich selbst keine Relevanz hätte. Da bin ich sehr altmodisch und protestantisch: Ich suche nach Resultaten, die vor allem den andern was bringen sollen. Das heisst, sie müssen erbarmungslos ehrlich und mit viel Blut und Schweiss gemacht worden sein. Auch einen ganzen Spielfilm zu machen war, wie ein unverzeihendes Monster zu besteigen, genau darum wollte ich dies tun.

Pipilotti Rist wurde mit ihren Videoarbeiten und Installationen zu einer der bekanntesten Gegenwartskünstlerinnen; erst seit wenigen Monaten zeigt das New Yorker Museum of Modern Art im Atrium ihr Werk«Pour Your Body Out». Rist lebt mit ihrer Familie in Zürich. «Pepperminta» kommt am 10. September in die Kinos.

Nächste Woche: Pipilotti Rist über künstlerische Begabung

Bild Andrea A. Panté
Bild Andrea A. Panté

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