21.08.2009 von Finn Canonica
Ihre Kunst manipuliert unsere Gefühle sehr direkt, ihre letzte Installation im New Yorker Museum of Modern Art war Stadtgespräch. Es hiess, der von Ihnen gestaltete Raum ersetze eine psycho-therapeutische Sitzung. War das beabsichtigt?
Gefühle werden doch nicht manipuliert! Nur das Denken kann manipuliert werden. Gefühle werden ausgelöst, angetippt und entwickeln sich dann in jedem Menschen anders. Ich liefere beispielhafte Szenen von zuversichtlich bis hysterischen Gefühlen. Ich hätte das Museum zu einer Frau umgebaut, hiess es auch. Diese Behauptung gefällt mir besser.
Viele Ihrer Arbeiten sind blasig und blubberig, nass und feucht, osmotisch und organisch, traumtänzerisch und farbenpoetisch. Kurz: eine sehr weibliche Kunst. Absicht?
Danke für die Beschreibung, damit kann ich was anfangen. Wenn Sie mit «blasig-blubberig-farbenpoetischer-weiblicher Kunst» keine Angst vor Ästhetik, vor der Schönheit, vor dem starken optischen Eindruck, dem Farbenrausch und dem Gefühl meinen, ist es Absicht. Es gibt aber auch Männer, die mit diesen Sprachen arbeiten. Damit riskieren wir natürlich, dass man unsere Arbeiten als oberflächlich und minderwertig qualifiziert, weil in unserer Gesellschaft die klare Linie der Farbe generell übergeordnet wird. Farbe ist amorph, einlullend und verschlingend, endlos und gefährlich. Wer im Westen in Schwarzweiss arbeitet, gilt eher als intellektueller Künstler.
Kennen Sie denn einen Künstler, der dumm ist?
Für mich sind alle Blöffsäcke dumm, darunter gibts sicher auch ein paar Künstler.
Was glauben Sie denn, warum hat Schönheit um der Schönheit willen bei uns einen so schlechten Ruf? Egal ob Mensch, Kunst oder Fotografie: Das Schöne muss sich immer verteidigen.
Schönheit wird eben oft eingesetzt, um damit etwas anderes zu verkaufen. Leider folgt dann oft ein Kurzschluss zum Wort «korrupt», weil wir uns genötigt fühlen zu konsumieren. Mich interessiert die Suche nach absichtsloser Schönheit. Etwas als schön zu empfinden, bedeutet einen Moment der Konzentration und Ruhe. Wir geben dem Betrachteten einen persönlichen Wert, sei es einer Blüte, einem Stein oder einer Hautlandschaft. Auch evolutionär betrachtet, braucht unser Hirn Schönheit als Beruhigung, als Elixier, sonst dreht es durch. Interessanterweise unterscheiden sich unsere Hirne sehr, inwiefern sie fähig sind, etwas als schön zu betrachten.
Welches Tier ist denn zum Beispiel schöner als der Mensch?
Dies würde ich je nach Stimmung anders beantworten, Kolibris, Forellen oder Libellen. Auf jeden Fall finde ich sehr viele Tiere mindestens so schön wie uns Menschen, die eine Mischung aus einem poetischen Schwein und einer nackten Wühlmaus sind. Ich stelle mich uns oft anders gebaut vor, fände die Brüste auf dem Rücken zum Beispiel schöner.
Welcher weibliche Vorname ist noch schöner als Pipilotti?
Elodie, Edna, Miel, Yayoi, Pepperminta und Josefa.
Wie merkt man eigentlich, dass man künstlerisch begabt ist?
Vielleicht wenn man mehr als eine Antwort auf eine Frage findet. Mein Begriff von «künstlerisch begabt» ist sehr offen. Es gibt grossartige Werbefilme, medizinische Bilder oder geschriebene Artikel, die ich als reine Kunstwerke empfinde. Und auch sogenannte Kunstwerke, die ich nicht als Kunst bezeichne.
Haben Sie schon mal jemandem gesagt, dass seine Kunst schlecht ist?
Nein, dann versuche ich sie zu ignorieren. Negative Kritik lebt oft nur vom Wunsch, sich über den andern zu schwingen. Ich brauche meine Worte und Zeit lieber für solche, denen ich ein aufbauendes Kompliment oder Bewunderung aussprechen will. (Pipilotti Rists Hände formen ein Sprachrohr.) Ich danke Stephanie und dem «Magazin» für das Buch von Miranda July!
Pipilotti Rist ist eine weltbekannte Gegenwartskünstlerin. Am 10. September kommt ihr Spielfilm «Pepperminta» in die Kinos.
Nächste Woche: Pipilotti Rist über ihre Rolle in der Kunstwelt

Bild Andrea A. Panté