Pipilotti Rist Teil 4

«Ich wäre manchmal gern Japanerin»

28.08.2009 von Finn Canonica

Die meisten Künstler plagen sich ein Leben lang. Sie sind ein Star. Wie gross ist Ihre Genugtuung?
Ich bin jetzt seit über 25 Jahren Künstlerin, erst seit 13 Jahren kann ich davon leben. Vorher hatte ich wie die meisten Künstler mehrere Jobs gleichzeitig. Zum Beispiel arbeitete ich für die Ciba-Geigy bei Filmen mit, in denen behauptet wurde, dass sie den Umweltschutz erfunden haben. Es gab also auch ein Leben vor meinem relativen Erfolg. Ja, jetzt freue ich mich, dass ich viele Leute anspreche. Und ich hoffe, dies nützt den anderen Kunstschaffenden auch. Ich wünschte, jedem Neugeborenen würde nebst Gotte und Götti ein Künstler oder eine Künstlerin zugesprochen werden, die sein Leben und das der Familie begleitet.

Kann Kunst eigentlich die Welt verändern?
Ich würde gerne daran glauben. Kunst kann einem andere Möglichkeiten aufzeigen, Schlüssel zu Gefühlen und intellektuellen Erlebnissen sein, die man sonst im Alltag verdrängt. Kunst macht und rezipiert der Mensch seit seinen Anfängen. Genau wie Krieg. Kann Krieg eigentlich die Welt verändern? Bestenfalls bis zum nächsten Krieg.

Und wie verändern Sie sich persönlich weiter? Wie wird man als Künstler immer besser?
Verändere ich mich? Ich habe eher den Eindruck, dass das Leben mich verändert, das ist nur bedingt ein aktiver Prozess meinerseits. Es sind die Sachen, die mir zustossen und jene, die ich anpacke. Dass mein bisheriger Weg für mich recht befriedigend verläuft, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich neben der Kontinuität auch die Herausforderung suche. Der «Pepperminta»-Film zum Beispiel hat mich sowohl künstlerisch als auch persönlich brutal herausgefordert. Ob meine Kunst dadurch besser wird, weiss ich nicht. Es ist auch nicht meine Aufgabe, das zu sagen. Ich muss lediglich voll dahinter stehen können und die andere Backe hinhalten. Der Entstehungsprozess besteht aus viel trial-and-error. Ich schätze die Arbeit im Team, das war beim Film noch ausgeprägter als bei meiner Kunst. Da kommt natürlich immer viel Kraft, Anregung und Kritik während des Entstehungsprozesses. Nur die besten Ideen, Bilder und Töne sollen überleben!

Finden Sie nicht auch, dass «kreativ» das Pestwort unserer Zeit ist?
Das Wort wird effektiv sehr oft benutzt, aber das stört mich nicht besonders. Für mich ist zurzeit eher das Wort «Verantwortung» in all seinen Variationen meine liebste Pest. Ich nehme mich da auch selber an den Ohren, dass es nicht zu theoretisch dahinfault.

Was macht Sie denn so richtig wütend?
Dass wir so stark auf Bonus der Natur leben und Jahrmillionen in ein paar Generationen auffressen. Mich irritieren auch Städter, wenn wir uns untereinander im Alltag ignorieren oder unhöflich behandeln, obwohl wir uns freiwillig für eine zusammengerottete Lebensweise entschieden haben.

Ihr Lieblingsschimpfwort?
Sapperlot.

Was ist denn Ihre beste mütterliche Qualität?
Dass ich einen sportlichen, lustigen, eleganten und klugen Mann gefunden habe, der im täglichen Leben wirklich die Hälfte der Pflege und Erziehung übernimmt.

Schon mal Lust gehabt auf einen anderen Dialekt?
Ich wäre manchmal gerne eine Japanerin. Zurzeit bedauere ich aber eher die Verflachung meines Werdenberger Dialektes.

Welche, neben der Kunst, ist denn für Sie die schönste Hauptsache der Welt?
Postkarten sammeln, träumen, Kinder, Wolkenformationen, Käthe, Geschenke, Spenden und naturhistorische Museen.

Welche Frage hätten Sie gerne noch beantwortet?
Wie ist es Ihnen nur gelungen, einen so fantastisch guten Film zu machen? Das wär ne gute Frage gewesen. Dann hätte ich sagen können, dank den Leuten meiner wunderbaren Equipe, all diesen saftigen und kompetenten Menschen. Im Speziellen Andres Guggisberg und Roli Widmer, den Musikern, Pierre Mennel, dem Kameramann, Su Erdt, der Szenebildnerin, Ewelina Guzik und Sabine Timoteo, den Darstellerinnen, Gion und Davide, den Cuttern.

Pipilotti Rist ist Künstlerin und weltbekannt. Am 10. September kommt «Pepperminta», ihr erster Langspielfilm, in die Kinos.

Nächste Woche: Der Regisseur und Schriftsteller Luc Bondy im Gespräch

Bild Andrea A. Panté
Bild Andrea A. Panté

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