15.02.2008 von Michèle Roten , 1 Kommentar
Neulich war ich ziemlich fröhlich und philantrop drauf und spazierte so durch die Strassen, vielleicht pfiff ich sogar vor mich hin. Vielleicht pfiff ich dieses Lied von DJ ötzi, von dem ich erst neulich erfuhr, dass es existiert, der Text geht so: «McDonald’s, McDonald’s. Pizza Hut, Burger King, Kentucky Fried Chicken. McDonald’s, McDonald’s».
Auf Youtube sah ich ein Video von einem Liveauftritt davon, da singen tausende kleine Kinder mit, sie sitzen auf den Schultern ihrer Eltern und machen mit den Armen ein Dach und singen: Pizza Hut, Pizza Hut; auf der Bühne steht auch noch ein Junge, der als Huhn verkleidet ist, und seine Arme sind frittierte Chicken Wings. Ich kriegte Kulturpessimismus im Endstadium, als ich dieses Video sah.
Nein, ich pfiff bestimmt nicht dieses Lied. Denn, eben: Ich war ziemlich fröhlich und philantrop drauf. Als ich da also so spazierte, ging vor mir eine ältere Frau, sie trug einen langen Mantel und eine Netz-Einkaufstasche mit Altglas drin, sie tat nichts ausser gehen, und plötzlich sprang ihr ein Knopf vom Mantel, einfach so. Ich sagte «hoppla!» und hob ihn auf und gab ihn ihr und lächelte nett, und sie sagte: «Finden Sie das etwa lustig?»
Na, das kann ja heiter werden, dachte ich mir, denn ich war gerade auf dem Weg zu einem Treffen mit einer Unbekannten, und es gibt ja so Tage, an denen man einfach etwas Falsches ausstrahlt, und alles geht schief, und zwischenmenschliche Kontakte bestehen nur aus Missverständnissen und Berichtigungen und dem Wunsch, unter Wasser zu sein.
Ist sowieso etwas Schwieriges. Man lernt ja ständig Menschen kennen. Und sitzt sich gegenüber und findet sich okay und redet irgendwas und geht irgendwann, und es waren nur zwei Planeten, die sich für diesen einen Moment näher waren, als sie es je waren und je wieder sein werden. Und weiter gehts. Oder man findet sich blöd. Und manchmal, selten, aber manchmal, da lernt man einen Menschen kennen und mag den einfach sofort sehr gern, und es funktioniert einfach. Noch seltener kommt es bei mir vor, dass dieser Mensch eine Frau ist, es grämt mich, das festhalten zu müssen. Aber es ist ja salonfähig. Frauen, die von sich sagen, sie können besser mit Männern und hätten mehr männliche Freunde, gibt es genug. Das brüskiert niemanden. (Warum eigentlich gibt es kaum heterosexuelle Männer, die sagen, sie könnten besser mit Frauen? – Egal.)
Jedenfalls: Es gibt fast nichts, was mich dermassen in Hochstimmung versetzt, wie wenn ich eine tolle Frau kennenlerne. Wenn das passiert, bin ich fast ein bisschen verknallt.
Bei der Unbekannten war es entgegen meinen Befürchtungen so. Und neulich ist es gleich wieder passiert. Jetzt bin ich doppelt frisch verliebt und darf gleich beiden ganz problemlos den Hof machen. Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin.
Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll: Weder die Autorin noch das Lektorat, wenn’s denn noch eins gibt, schreiben filanthrop richtig. Es gibt eben auch Wörter wie Entropie, so dass man schon ein bisschen tiefer in die altfilologische Bildungskiste greifen muss, um die richtige orthografische Entscheidung zu fällen.