Pokerferien

Sonne und Spanien sind nicht gut fürs Gehirn, aber gut zum Pokern.Besonders, wenn Stella mitspielt.

04.09.2007 von Michèle Roten

Stella schiebt Wolfram den Stapel Spielkarten hin. Er reagiert nicht. Erst nach Stellas noch deutlicherem Hinschieben und aufmunterndem Murren atmet er tief ein, streckt langsam die linke Hand aus und hebt ab. Lässt die Luft in kurzen Stössen entweichen: Mann! Stella. Man. Hebt. Nicht. Ab. Beim. Pokern. Zum. Hundertsten. Mal. Mir egal, jubelt fröhlich Stella, zum hundertsten Mal: So egal. Und verteilt.

Es ist okay. Wenn Stella abheben will beim Pokern, dann wird abgehoben. Hauptsache, sie spielt mit, es hat lange genug gedauert, sie zu überreden. Ich habe keine Affinität zu Karten, wirklich, das kommt nicht gut, hat Stella gemault, und sich irgendwann unseren Bitten doch gebeugt.

Es ist bald Mitternacht, immer noch warm, wir sitzen auf der Terrasse eines Hauses auf einem Hügel am Meer in Spanien, und es ist ganz furchtbar schön hier und der wohl erholsamste Urlaub, den man machen kann. Wir machen nämlich nichts. Wir liegen auf den Liegestühlen, auf dem Steinboden, auf der Luftmatratze im Pool und lesen. Verfluchen ab und zu faul die nervtötenden Zikaden. Alles ist faul, wir bewegen uns faul, wir reden faul, wir hören sogar faul, aus «Der Gott der kleinen Dinge» wird im faulen Ferienohr «Der Kot der kleinen Kinder»; Wolfram «Alles wird gut» kommt bei Stella an als: «Alles Betrug» und bei mir als: «Hallo Tattoo». Lesen. Irgendwann nachmittags beginnt irgendjemand Drinks zu mixen. Irgendwann abends schmeissen wir irgendwas auf den Grill. Diese erquickende Eintönigkeit. Heilsame Langeweile. Herrlich. Stella prüft ihre Karten und kiekst entzückt, strahlt, Wolfram senkt sanft die Stirn auf den Tisch. Wir haben eigentlich schon lange aufgehört, Stellas Spielweise zu kommentieren, mir entfährt trotzdem ein verzweifeltes Geräusch. «Was ist?», sagt Stella. «Was soll ich denn machen? Ich werde gewinnen! Ich habe fantastische Karten! Das ist Poker!» Wolfram fährt halb auf, setzt an, lässt es doch sein.

Stellas Pokerstil ist so exzentrisch, dass es manchmal schwer ist zu glauben, sie, die eigentlich so kluge, kluge! Stella, habe irgendetwas von diesem Spiel verstanden. Sie wedelt sich Luft zu mit ihren Karten und enthüllt so ihr Blatt. Sie vergisst jede Runde irgendeine andere Regel. Sie erhöht zu unmöglichen Zeitpunken um absurde Beträge. Sie legt triumphierend ein Zweierpaar neben einen Royal Flush. Und jedes Mal, wenn wir ihr einen Fehler erklären wollen, antwortet sie mit: He, das ist Poker!

Am Ende des Abends hat Stella haushoch gewonnen. Und nonchalant gesäuselt: Ich hab doch gesagt, das kommt nicht gut.

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