28.03.2008 von Andreas Dietrich
Sie haben Mühe loszulassen, stimmts?
Natürlich will man im Gespräch bleiben. Das Showbusiness ist ein Geschäft, das die Öffentlichkeit braucht.
Ist es nicht unter Ihrer Würde, mit einer mediokren Oldies-Kapelle zu tingeln…
Ich bitte Sie, die Band ist ein Hammer!
Wie mans nimmt. Sie bestreiten mit der Band Roots 66 PR-Auftritte wie «30 Jahre Shoppyland Schönbühl».
Jetzt müsst Ihr aber aufhören! Es hat sich längst verlagert auf Skilift-Einweihungen und diverse Hundsverlocheten auf dem Bundesplatz.
Sie ziehens ins Lächerliche. Im Ernst: Als Elder Statesman des Schweizer Rock hätten Sie solche Anlässe nicht nötig.
Ich habe halt ein Zigeunerherz, bin gern unter dem Volk.
Wann waren Sie das letzte Mal allein?
Ich war noch nie allein. Ausser im Gefängnis. Etwa mit 25 war ich in der Kiste wegen «Sachentziehung» – ich hatte aus Liebe zur Musik eine Orgel und ein Schlagzeug «ausgeliehen». Und im Militär sass ich wegen Befehlsverweigerung.
Welchen Befehl verweigerten Sie?
Zum Coiffeur zu gehen.
Kürzlich erschien ein «Tribute»-Album, auf dem andere Ihr Werk interpretieren. Zufrieden?
Nicht alles ist gut, ich höre bei den Rappern keinen Bezug zum Originalsong.
«Tributes» gibts gewöhnlich nur für Tote. Fällt Ihnen auf, dass über Sie meist im Tonfall eines Nachrufs geschrieben wird?
Das macht mir nichts aus. Auf meinem Grabstein müsste stehen: «Er hätte auch ein Vogel sein können. Er sang, um sich bemerkbar zu machen.» Aber ich will gar keinen Grabstein.
Sondern?
Die Asche soll verstreut werden. Wo, ist mir dann egal.
Die Kritiker erwarten von Ihnen ein tiefschürfendes Alterswerk, wie es Johnny Cash mit «American Recordings» gelang. Erwarten die zu viel?
Ich bin nicht der Cash der Schweiz, bin weder religiös noch enthaltsam. Ich bin ein Lustmolch und seit Jahren auf der Suche nach dem selbsttragenden Müssiggang.
Haben Sie nicht den Ehrgeiz, es mit einer CD, die man Ihnen nicht zugetraut hätte, allen zu zeigen?
Spielt alles keine Rolle. In 200 Jahren gibts die Menschheit sowieso nicht mehr.
In 37 Jahren schon, und dann wären Sie 100-jährig. Welches Bild soll man dann von Ihnen haben?
Darüber mag ich nicht nachdenken. Mein Werk wird verschwinden, wir sind alle unbedeutend. Plötzlich ereilt dich das letzte Stündchen, und dann ist nichts mehr relevant. Ich habs erlebt, als meine damalige Lebenspartnerin starb.
Sicher ist Ihnen zu Ohren gekommen, dass man Ihre heutige Frau «Charlotte Kerr des Mundartrock» nennt.
Ich finde das blöd, dumm und frech. Es kommt daher, dass sie sich der Presse verweigerte, als ich im Koma lag. Auch ist sie weder eine Alte Dame noch bin ich Dürrenmatt.
Die taffe Vermarkterin, die Profiteurin?
Sie hat sich daran gewöhnt, und wir amüsieren uns darüber.
Sollte sie Sie aber überleben, dann wird sie Ihr Erbe verwalten.
Ja, und es wäre in guten Händen.
2006 sind Sie fast gestorben. Hatten Sie ein Nahtoderlebnis?
Ich weiss rein gar nichts mehr. Mir fehlen zehnmal vierundzwanzig Stunden. Ich war in einem finsteren Tunnel. Das Aufwachen aus dem Koma war sehr schmerzhaft. Sie schränzen dir die Sonde aus der Lunge, und damit reissen sie dich zurück in den Wachzustand. Das ist wie eine zweite Geburt. Ich sehe nur die Ärztinnen über mir «Haben wir ihn? Ist er da?». Es dauerte zehn Stunden, bis ich merkte, wo und wer ich war.
Und? Wer waren Sie?
Polo Hofer.

von Herbert Zimmermann