13.03.2010 von Julian Schuett , 14 Kommentare
Am letzten Werktag vor der neuen Zeitrechnung sitzt er wie immer in der einen Beiz und dann in der nächsten. Als wolle er Mike Müllers Parodie vorbildlich entsprechen. Aber schon im Kreuz ist spürbar, dass ein ernst zu nehmender Wandel bevorsteht, ein Kulturwandel, dass etwas nie mehr so sein würde wie bisher. Peter Bichsel bestellt lediglich «Menü 2», wie er sich ausdrückt; das ist ein Espresso und ein Glas Wasser dazu.
Er scheint sich unwohl zu fühlen, sagt bald: «Zahlen wir!» Auch wenn das Kreuz den Charme einer alternativen Beiz konserviert, hat man dort in vorauseilendem Gehorsam bereits das Rauchverbot eingeführt, vermutlich weil die Linke im Kanton an vorderster Front dafür kämpfte. Peter Bichsel ist sprachlos, als könne er nicht verstehen, wieso eine Linke und wieso erst recht eine Beiz so genuss- und kulturfeindlich sein können, dass sie ein Rauchverbot umsetzen. Er fühlt sich sichtlich fremd an diesem Ort, den er zuvor fast täglich aufgesucht hat, an dem er immer als Erstes die Zigarettenpackung aus der Tasche kramte und auf den Tisch legte. Jetzt bleibt die Packung in der Tasche und Bichsel stumm. Er sieht sich kaum um, obwohl die gleichen Leute wie immer an den Tischen sitzen, manche nicht nur bunt gekleidet, sondern leuchtend schrill, andere ganz in Schwarz, die innig diskutieren, ohne einmal zu lachen.
«Zahlen wir!», sagt er mit leidender Stimme. An sich ist man nach Solothurn gefahren, um Peter Bichsel zu fragen, wie es um die Literatur steht, doch ihn quält die dringlichere Frage, wie es um seine Beizen in Solothurn steht. Statt Zigarettenrauch ist viel Abschied in der Luft. Sollte man tatsächlich Zeuge von Bichsels letzter Beizentour werden? Man kann es nicht glauben. Aber in jeder Beiz sagt er zum Abschied das Gleiche zur Kellnerin, nämlich dass er nicht mehr käme, wenn das Rauchverbot in Kraft sei. Und weil alle Kellnerinnen nur wie über einen dahingeredeten Scherz lachen, droht er: «Du wirst schon sehen! Du wirst schon sehen.» Um kurz darauf anzufügen: «Zahlen, bitte!»
Draussen bessert sich Bichsels Laune schlagartig. Ihm ist das Flora eingefallen. «Das ist das letzte Rebellennest», sagt er, dort hätten Raucher noch eine Schonfrist bis zum nächsten Monatsanfang. Das sind immerhin noch zwei Tage. Doch vor dem Flora machen wir einen Abstecher in Bichsels Büro. Schon an der Eingangstür prangt eine kleine Vignette des Dichters Jean Paul, und drinnen sind die Wände wie die eines Teenagers mit Idolen beklebt, nur sind es Dichter und Sätze von berühmten Autoren statt Popstars.
Hinter Glas eine Tabakpfeife, deutlich René Magrittes Gemälde «Ceci n’est pas une pipe» nachempfunden. «Die Pfeife habe ich von Max Frisch. Als er gestorben war, habe ich sie mitlaufen lassen.» Das ist Bichsels Realismus. Nicht das Mitlaufen lassen. Aber die Pfeife hinter Glas. Magritte wollte sagen, dass er keine Pfeife geschaffen hat, sondern nur ein Bild. Bichsel will sagen, dass seine Pfeife hinter Glas zwar ein Bild ist, aber zugleich eine reale Pfeife. Alles ist schon da und muss doch in einer neuen Konstellation wieder zum Ausdruck gebracht werden. Selbst Schriftsteller erfinden viel weniger, als sie meinen. Die menschliche Fantasie ist begrenzt. Bichsel hat schon früh gesagt, dass das bisschen Fantasie, das er besitze, nur am ganz Gewöhnlichen funktioniere, nicht am Aussergewöhnlichen. «Es gab im sozialistischen Realismus und gibt noch heute die Forderung, ein Schreiber müsse eine möglichst spektakuläre reale Sauerei aufdecken und beschreiben. Mir ist eine Literatur völlig fremd, die so über den Inhalt bestimmt wird und sich dann eine passende Sprache sucht.»
Er sucht erst einmal eine neue Zigarettenpackung. Es folgt ein längeres Schweigen. Direkt hinter dem Schreibtisch befinden sich Ausgaben von Bichsels Heroen Goethe und Jean Paul. In einem Regal etwas abseits und in Bodennähe stehen die Bücher von Schweizer Kollegen. Adolf Muschg hat die neuere Schweizer Literatur gefördert wie kein zweiter. Peter Bichsel aber hat sie geprägt wie kein zweiter. Von ihm haben die Jungen und Jüngeren gelernt, sich von der sogenannten Inhaltsliteratur abzugrenzen. Martin Suter schreibt noch Inhaltsliteratur, Peter Stamm schreibt Inhaltsliteratur, Pascal Mercier schreibt Inhaltsliteratur, und Thomas Hürlimann ist zumindest ein Grenzfall, vermutlich schreibt auch er Inhaltsliteratur. Fast alle Bestsellerautoren der Schweiz schreiben Inhaltsliteratur. Darum sind sie Bestsellerautoren. Die Autoren, für die Bichsel eine Vaterfigur ist, kommen ausschliesslich von der Sprache her. Bichsel nennt sie die experimentelle Literatur.
Doch was ist mit dieser Unterscheidung zwischen Experimentellen und Inhaltisten gewonnen? Wird damit, böse gesagt, nicht einfach nur unlesbare Literatur nobilitiert?
Als Bichsel mit neuen Zigaretten zurückgekommen und sich wieder in seinem Sessel installiert hat, holt er aus: «Im deutschen Sprachraum hat es immer diese experimentelle Literatur gegeben, die nur am Schreiben, an der Sprache an und für sich interessiert war. Jean Paul war ein experimenteller Autor voller Sprache, aber ohne Inhalt, damals unlesbar, heute unlesbar, aber wunderbar zu lesen.»
Es gibt nur noch Inhaltsliteratur
Bichsel glaubt, dass heute auch in der Literatur eine Globalisierung im Gange sei, in der es die Experimentellen immer schwerer haben. Die französische Literatur sei inzwischen weitgehend eine Inhaltsliteratur. «Da muss man mit dem Inhalt punkten, sprachlich gebe es kaum Differenzen. Die Sprache ist immer schön und fliesst gut.» Auch die Angelsachsen würden zum grossen Teil Inhaltsliteratur schreiben, und selbst im deutschen Raum sei die Inhaltsliteratur im Vormarsch. «Ich begann als konkreter Lyriker und bin es eigentlich immer geblieben. Selbst in meinen Kolumnen und in den politischen Texten war mir die Formulierung stets wichtiger als der Inhalt.» Früher glaubte er, zwischen literarischen und politischen Texten unterscheiden zu müssen, glaubte, das eine sei die Arbeit des Schriftstellers und das andere die Pflicht des Staatsbürgers Peter Bichsel. Aber seit einigen Jahren weiss er, dass beides absolut das Gleiche sei. Selbst wenn er ein Vorwort für Helmut Hubacher schreibt oder früher an einer Rede für Bundesrat Willi Ritschard bastelte — es ist immer das Formulieren, nicht der Inhalt, was ihn vor allem interessiert. Schon vor Jahrzehnten hat er gesagt, man töte einen Geschichtenerzähler, wenn man ihn auf die Realität verpflichte. Geschichten seien immer Geschichten über Geschichten. Dieses souveräne Beharren auf dem eigenen literarischen Gesetz gilt in der Schweiz schnell als L’art pour l’art und hat es gemeinhin schwer, ausserhalb der lesefreudigen Happy Few wahrgenommen zu werden.
Anders Peter Bichsel: Er erfreut sich grosser Beliebtheit. Ja, er ist, obwohl er das nicht gerne hört, der vielleicht nicht meistgelesene, aber mit Abstand populärste zeitgenössische Autor der Schweiz. Zu dem wird man nicht, wenn man nur experimentell schreibt. Dazu braucht es mehr. Aber was?
Erstens versteht es Peter Bichsel, starke Gefühle hervorzurufen. Die eigenen Gefühle überkommen ihn immer wieder beim Reden und beim Schreiben. Unvergesslich, wie er in einem Film über den Freund Max Frisch dessen Liebe zur Zürcher Tramfarbe Blau beschrieb und er dabei trotz laufender Kamera feuchte Augen bekam. Bichsel steht zu seinen Gefühlen, zum Rührenden, zum Melodramatischen. «Im Telefonbuch steht bei mir immer noch Lehrer. Ich habe mir oft überlegt, das zu ändern. Beim Blättern im Telefonbuch stiess ich dann auf einen Hans Meier, Lizenzeninhaber. Das klang nicht schlecht und würde auch auf mich zutreffen. Doch lieber würde ich hinschreiben: Peter Bichsel, Sentimentalist.»
Ein näselnder Sentimentalist. Als ob er dauernd eine rote Clownnase trüge. Er wäre gerne Clown geworden, deutet auf ein Foto an der Wand. Sie zeigt ihn als melancholischen Clown. «Ich habe mich an meinem fünfzigsten Geburtstag selber geschminkt und ein Lied gesungen. Sogar meine Frau hat mich bei der Anfangsstrophe nicht erkannt.»
Ein bekennender Sentimentalist schreibt nie nur für die Gefriertruhen der germanistischen Seminare. Bichsels Milchmann-Geschichten sind Klassiker geworden, die Kindergeschichten werden von Kindern nicht nur gelesen, sondern gespielt und gelebt und gehen ihnen nie mehr aus dem Kopf. «Die Jahreszeiten» und «Cherubin Hammer» sind Bücher, die auf wunderbare Weise zeitlos sind. Und aus seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen lernt man, was Schreiben und Lesen heisst, vielleicht weil Bichsel darin mehr über die Stammgäste seiner Beizen spricht als über Poetik. Nicht zu vergessen die Kolumnenbände, die beweisen, dass bei diesem Autor Literarisches, Alltägliches und Politisches ein und dieselbe Sache sind. Womit wir beim zweiten Grund für Peter Bichsels Popularität sind. Seine sprachlichen Zugänge mögen experimentell sein, die Themen sind es nie. Im Gegenteil, ihm ist kein Stoff zu gewöhnlich: Er kann sich über Schönheitswettbewerbe oder Schwingerfeste genauso äussern wie übers politische Zeitgeschehen.
Mit 22 trat er 1957 in die SP Zuchwil ein, nicht unbedingt zur Freude des Vaters, der ein freisinniger Handwerker war. Elf Jahre, bis 1968, ist Bichsel das jüngste Mitglied geblieben. Mitglied ist er noch immer. Nach einem lächerlichen Wahlkampf seiner Solothurner Sozis mit dem Slogan «Kussecht und vogelfrei» trat er allerdings vorübergehend aus, um nicht als Sauglattist zu gelten. Eigentlich müsste die Partei jetzt in der Wirtschaftskrise zulegen. Warum tut sie es nicht? «Die goldenen Zeiten der SP waren immer in Hochkonjunkturphasen», antwortet Bichsel. «Während Wirtschaftskrisen wählen die Leute eher rechts. Dann funktioniert das Prinzip, dass man den Leuten Angst macht und gleichzeitig Sicherheit verspricht.» Also gibt es keine Krise der SP? «Doch es gibt sie. In der SP zahlt man als Mitglied einen hohen Beitrag. Die Partei spürt folglich am schnellsten, wenn sie Mitglieder verliert. Aber wir haben derzeit weniger eine Krise der SP als der schweizerischen Parteien insgesamt. Da bricht etwas zusammen. Wir gingen immer davon aus, dass die Leute nichts sehnlicher als die Demokratie herbeiwünschen. Heute stelle ich fest, dass ein gutes Drittel der Schweizer nicht mehr demokratiewillig ist. Es handelt sich noch nicht um einen Systemuntergang, aber wir befinden uns schon in einem grösseren Umbau.» Dazu passt für Bichsel auch das Rauchverbot.
Wo sind die Geschichten?
Diesbezüglich verhält sich allerdings die EU, die Bichsel sonst glühend verehrt, nicht toleranter. «Ich verstehe die Schweizer Ängste vor einem EU-Beitritt, nur sehe ich auf lange Sicht keine Alternative. Wir sollten endlich beginnen, über die EU richtig und heftig zu diskutieren. Nicht indem wir sie lediglich herbeisehnen oder verwerfen, sondern indem wir gutschweizerisch ‹das Dafür und Dawider› prüfen. Wie es aussieht, müssen wir auch dazu erst gezwungen werden. Wir sind politisch leider nie besonders innovativ gewesen, obwohl wir das immer meinten. Gut möglich, dass uns die Rettung der Schweiz von der EU aufgezwungen werden muss.»
Vermisst er nicht, dass es früher noch öffentliche Auseinandersetzungen zwischen Politikern und Intellektuellen, zwischen Bundesräten und Schriftstellern gab? Max Frisch duellierte sich einmal mit Kurt Furgler, und er, Bichsel, war Willi Ritschards Gesprächspartner und Redenschreiber.
Mindestens ein drittes Argument für Bichsels Beliebtheit gilt es noch vorzubringen und gleichzeitig ein Missverständnis auszuräumen. Bichsel schreibt nicht für seine Stammtischkollegen, unter ihnen finden sich kaum Leser. Sie gehören auch nicht zur schweigenden Mehrheit, die sitzt nicht in der Beiz, sondern zu Hause. In der Beiz sitzen eher Scheiternde oder Gescheiterte, wie Bichsel seit je betont, und er nimmt sich da nicht aus. Selbst das grässlichste Blabla, das man am Stammtisch zu hören bekomme, sei ein Versuch, zu einer Geschichte zu kommen, in Geschichten zu leben.
So hoch die Schweizer sonst die Arbeitsdisziplin gewichten, beim Schriftsteller schätzen sie es, wenn er nicht nur an die Schriftstellerei denkt. Man mag die Künstler, wenn sie unvollkommen sind, vermeintliche menschliche Schwächen offenbaren. Man mag nicht die Ehrgeizlinge und die Abgehobenen, die nur unter ihresgleichen aufblühen. Man mag diejenigen nicht, die unbedingt für ihre Kunst leben. «Ich glaubte als junger Autor immer, ich verderbe mir mein Leben», sagt Bichsel. «Ich wollte in der freien Natur spazieren können, ohne dauernd an die Literatur zu denken. Max Frisch dachte immer und überall an die Literatur. Das wirkte auf mich abschreckend. Einmal sagte ich ihm: ‹Weisst du, Max, die Blätter, die sich im Herbst so schön färben und beim Herunterfallen in der Luft tanzen, die tun das nicht für die Literatur.›» Frisch wollte auch beim Gespräch mit Kollegen immer, dass etwas für die Literatur abfällt. Diese professionelle Einstellung schreckt Bichsel ab. Profis mag er lieber im Fussball oder Radsport als in der Literatur.
Für Frisch wiederum war Bichsel der «Poet», was nicht abwertend gemeint war, aber doch eine Distanz zu seiner eigenen Berufsauffassung markierte. «Im Vergleich zu Max dem Fleissigen war ich der Faule. Oft wenn ich Frisch getroffen hatte und dann nach Hause kam, sagte ich zu meiner Frau: Weisst du, was ich nie werden möchte? Und sie wusste natürlich die Antwort: ein richtiger Schriftsteller, wie Frisch ihn versteht. So wie er möchte ich nicht an meinem Beruf leiden. Leben besteht für mich nicht nur aus seiner Beschreibbarkeit. Ich habe immer Angst gehabt, dass ich plötzlich zu professionell zu schreiben beginne. Das wäre das Ende meiner Literatur gewesen.»
Er scheint sein Leben auch mehr und mehr darauf angelegt zu haben, allfälligen Biografen keine Anknüpfungspunkte zu liefern, jeden biografischen Versuch zum vornherein ins Leere laufen zu lassen. Er hat sich biografisch dünngemacht wie eine Giacometti-Skulptur, damit Biografen nicht an ihm Geschmack finden. Anders als bei Frisch kommt bei ihm kein eigenes Archiv zustande. Was er vor einiger Zeit ins Literaturarchiv nach Bern brachte, seien lediglich «ein paar Papierkörbe voll Mate¬rial» gewesen. Er habe sich nie gesammelt, weder Durchschläge von Briefen gemacht noch die Briefe systematisch aufbewahrt. Dabei habe er allerhand gegen sein Chaos unternommen; er war ein Stammkunde in Papeterien, hat ein Ordnungs- und Registriersystem nach dem andern getestet. Vergeblich. Das Chaos hat gesiegt. Wenn er sich jetzt zum runden Geburtstag wieder vermehrt seinen Lebenslauf anhören muss: «Im März 1935 in Luzern geboren, zunächst Lehrer, dann erste Veröffentlichungen, Preis der Gruppe 47, Redenschreiber und Berater von Willi Ritschard und so weiter», höre sich das an wie die Biografie eines Fremden. Selbst er habe die eigenen Daten auswendig lernen müssen, wie wenn er sie nicht selbst gelebt hätte. «Habe ich sie überhaupt gelebt oder hat meine Biografie mich gelebt?»
Vielleicht sein letztes Buch
Ein wirklich professioneller Autor hätte auf seinen 75. Geburtstag einen neuen Roman geschrieben, er hätte bei seinem Verlag Druck gemacht, dass eine Gesamtausgabe herauskommt, oder er hätte zumindest eine wegweisende Rede über das schweizerische oder allgemein das kulturelle Befinden vorbereitet. Frisch hielt seinerzeit zu seinem 75. Geburtstag die viel beachtete Rede über das Ende der Aufklärung, und zwar an den Solothurner Literaturtagen. Nichts dergleichen bei Bichsel. Lediglich der Band «Über Gott und die Welt» mit seinen gesammelten Texten zur Religion ist im Suhrkamp-Verlag erschienen. «Das ist wohl mein letztes Buch», sagt er, «jetzt ist alles zusammengekratzt.» Er staunte, dass so viel über das Thema zusammenkam.
Es ist kein endzeitliches, sondern ein heiteres, ein anregendes Buch. Bichsel weiss nicht, ob er an einen Gott glaubt, aber er braucht ihn. «Nicht einfach», wie er sagt, «als Tröster und Helfer, nicht einfach als einen, bei dem sich der Leichtathlet durch Bekreuzigen einen Hochsprungweltrekord erbetet. Ich brauche ihn, damit das alles, was ist, nicht sinnlos ist und damit das alles, was ist, nicht alles ist.» Heiter meint nicht optimistisch. Bichsel misstraut seit je den Optimisten: Er hasst sie. Sie sind für ihn die Schrecklichen dieser Welt. «Ich gehe, wenn ich traurig bin, nie zu einem Optimisten, sondern dann gehe ich zu einem Traurigen. Wenn es eine kleine Hoffnung gibt, dann ist es die Solidarität der Traurigen.»
Bichsels einzige reale Hoffnung ist im Moment das Flora, die Hoffnung, dass es noch ein Rebellennest sei und man dort rauchen kann. Auf dem Gang durch die Altstadt bleibt er immer wieder stehen, um etwas zu erklären, aber keine Sehenswürdigkeiten. Er sei kein Solothurn-Fan, sagt er, «ich finde die Stadt sogar eher langweilig, jedenfalls ist es hier nicht so lustig, wie es scheint. Es ist ein kleines Städtchen. An sich gibt es keinen Grund, da zu wohnen, ausser dem einen: dass einen niemand fragt, warum man hier wohnt. In Aarau würde ich dauernd gefragt werden, ich müsste mich dauernd rechtfertigen.»
An der Eingangstür des Flora steht «Nichtraucher um die Ecke», doch um die Ecke ist nur eine Gasse, die weiter stadtauswärts führt. Drinnen empfängt einem aufs Wärmste der Qualm, es ist ein Heimspiel für Raucher. Es stehen Ostereierbehälter auf jedem Tisch, und drumherum sitzen die Stammgäste. Etwas anderes als Stammgäste gibt es hier nicht. Wenn er nicht mehr rauchen kann, komme er nicht mehr her, wiederholt Bichsel. Der Satz klingt jetzt, etwas später am Abend, schon milder. Man kann wetten: Er kommt wieder.
Was ihn neben dem Rauchverbot am meisten stört in einer Beiz, ist der Ehrgeiz, wenn sie auf Kultur macht. Die Gefahr besteht im Flora nicht. Auch Rauchen und Trinken sind hier nicht Ausdruck von Kultur, sondern einfach ein Bedürfnis. Vor zwanzig Jahren wäre er wütend geworden, wenn ihm jemand gesagt hätte, er sei nicht wirklich an Hochkultur interessiert. Aber heute stellt Bichsel fest, dass es zutrifft. Er war ein leidenschaftlicher Leser, doch das habe aus Altersgründen nachgelassen. Die Feuilletonseiten habe er immer selten gelesen. Die klassische Musik und Jazz liebe er zwar, vermisse sie aber nicht wirklich. Vor Opernfoyers graust ihm, er gehe allgemein ungern an Kulturveranstal¬tungen, denke dann immer, dass er etwas verpasse. Das denkt er im Flora nie. «Müsste ich in eine Redaktion eintreten, wäre allen klar, dass ich für die Kultur geschaffen bin. Aber ich würde nicht in die Kultur wollen, sondern in den Lokalteil oder in den Sport. Da kann man noch Geschichten erzählen.»
Ihn fasziniert vor allem das «Fabuliergeschäft». Da habe man es trotz allen Sparzwängen nach wie vor gut im deutschen Sprachraum. Man habe noch eine intakte Lesungskultur, dank der die Autoren überleben.
Ein Stammgast kommt an unsern Tisch. Er trägt ein Gilet wie Bichsel und dazu einen Cowboyhut. Die Szene ist so kitschig, dass Bichsel sie schon wieder liebt. Der Stammgast tippt an seine Zigarettenpackung und hält sie Bichsel hin. «Nimm gleich zwei», sagt er. Es ist wie ein Ritual, wie im Werbespot. Bichsel bedankt sich. Es ist die Marke, die er früher immer geraucht hat. Er legt die beiden Zigaretten zärtlich vor sich hin, sagt: «Danke, Cowboy.»
Julian Schütt lebt als freier Autor in Zürich und arbeitet derzeit an einer Biografie über Max Frisch. julian.schuett@bluewin.ch
Ab 25. März läuft der Film Zimmer 202 von Eric Bergkraut über Peter Bichsel in den Schweizer Kinos (Musik: Sophie Hunger).
Die Fotografin Pia Zanetti lebt in Zürich.
pia.zanetti@bluewin.ch

Bichsel, der Sentimentalist, im Herbst 2009 | Pia Zanetti

Porträt des Schriftstellers als junger Lehrer, Zuchwil, 1965 | Pia Zanetti

Frisch und Bichsel im Gespräch, 1965 | Pia Zanetti
“Wieso eine Linke und wieso erst recht eine Beiz so genuss- und kulturfeindlich sein können, dass sie ein Rauchverbot umsetzen”. Was der Einen Genuss ist, ist der Anderen Verdruss. Die Kultur der Einen ist Symbol der Unkultur für die Anderen. Da bleibt die demokratische Frage, ob es mehr der Einen oder mehr der Anderen gibt. Das ist selbstverständlich auch einem Mann wie Bichsel klar. Die Anderen haben gewonnen.
So sehr ich Bichsels Literatur und bodenständige Bescheidenheit liebe, so sehr hoffe ich, dass er auch in der EU-Frage zu den Verlierern gehören wird. Vielleicht wird er dann eines Tages realisieren, dass die Anderen nicht so falsch lagen, wie ein halbes Leben lang vermutet.
Nun ist die Apostrophitis auch im Tagi angekommen! Bichsel’s Rauchzeichen in Tagi’s Magi? Nein danke!
Ich liebe Peter Bichsel. Einer der letzten wahren Ikonen der Schweizer Literatur. Einer, der sich nie verstellte, nie anbiederte, ein Fabulierer wie kein zweiter. Und im Gegensatz zu Musch weniger elitär. Schade, wenn Bichsel mal verstummt.
Ich meinte natürlich Muschg. G ging verloren.
Bichsel: Ein Magier der Worte, ein Meister der Fabulierkunst!
[...] Peter Bichsel, Sentimentalist in Rauchzeichen aus Solothurn [...]
Wer war Peter Bichsel?
Erinnert sehr an die Einführung des Gurtenobligatoriums in den 70-ziger Jahren. Auch dort sahen Schweizer Intellektuelle die Freiheit und die Demokratie gefährdet. Lieber wäre mir, wenn sich Peter Bichsel literarisch mit den echten Gefahren, die unserer Demokratie bedrohen, auseinadersetzen würde, und nicht mit Rauchzeichen.
Für Peter Bichsel sollte man wie für Helmut Schmidt in Deutschland eine Ausnahme machen und ihm das Rauchen in seiner Stammbeiz erlauben. Die Anti-Raucher Kampagnen erinnern an die Hexenjagt im Mittelalter. Sie zerstören die Beizenkultur und treiben die Wirte in den Ruin. Jeder kann selbst entscheiden, ob er in einer Raucherbeiz geht oder nicht. Stattdessen verbietet man das Rauchen sogar im Tabaklädeli. Es ist etwas faul im Bevormundungsstaat Schweiz
Lieber Peter Bichsel. Warum im Kreuz ein “Menü 2” bestellen und sich fremd fühlen, seit das Rauchverbot eingeführt wurde? Hier ein Rauchzeichen “ES GEHT AUCH SO!“ aus Marbella (SP):
Ich besuche meine urgemütliche Quartier-Stammbeiz. An der Eingangstür eine etwas vergilbte Notiz die darauf hinweist, dass in diesem Lokal laut Gesetz nicht geraucht werden darf. Also alles klar? Nicht ganz. In meinem Stammlokal wird geraucht wie eh und je. Die Nichtraucher meiden das Lokal und sind in ihren rauchfreien Restaurants zufrieden und die Raucher inklusive die Wirtsfamilie, alles Raucher und in der Küche und im Service tätig, sind zufrieden! Und die Behörden sind zufrieden, weil niemand reklamiert. So einfach ist das!
@Stutz; in Gurten gefangen war und ist ein Peter Bichsel eben nie und dieses hoffentlich noch viel, viel länger als ein Rauchzeichen lang.@Huesler; schlicht verstrickt. @Zufferey; da erträgt sich auch eine solch banale Beleidigung, wenn man einen@dr.bernhart; liest und mit @Aufenast an Freiheit denkt.
Seit dem 1. Januar 2009 gilt das Rauchverbot im Kanton Solothurn. Im «Kreuz» wurden die alten Zeiten mit einer rau(s)chenden Neujahrsparty verabschiedet. Seitdem halten wir uns ans Gesetz. Nicht mehr und nicht weniger. Dass es das – ach so alternative – Magazin bedauert, dass wir einen Volksentscheid respektieren, der nicht zuletzt die Angestellten schützt und uns indirekt zum Ungehorsam ermuntert, mutet seltsam an. Not täte etwas weniger Identifikation mit dem portraitieren Dichter und mehr Recherche: Ist das von einem Kulturjournalisten zu viel verlangt?
Felix Epper, Genossenschaft Kreuz Solothurn
[...] Rauchzeichen aus Solothurn: Peter Bichsel im Gespräch mit Julian Schütt. Geburtstagsrückblick auf ein Leben. [...]
Nachdem die Leserbriefredaktion vom Magazin meinen Leserbrief zu diesem Artikel derart radikal verstümmelt hat, stelle ich ihn hier in voller Länge ins Netz – mal sehen, wie lange er hier bleibt.
In seiner Story zu Bichsels Geburtstag hält sich Julian Schütt ganz an die Devise des englischen Boulevards: „Never let the facts get into the way of a good story!“ Und so gut ist dieses Gejammer übers Rauchverbot nun auch wieder nicht, dass es sich lohnt, die Fakten derart zurechtzubiegen. Kreuzfalsch ist die Behauptung, das Kreuz hätte das Rauchverbot in vorauseilendem Gehorsam eingeführt, haben wir doch mit dem Rauchverbot, das im Kanton Solothurn seit dem 1.1.2009 gilt, bis zum allerletzten Moment zugewartet. Auch das Klischee, Bichsel hätte zuvor noch fast täglich unsere Beiz besucht, ist zwar schön für uns, wird aber durch ständige Wiederholungen in den Medien auch nicht wahrer. Beim Lesen fragt man sich in Solothurn unweigerlich, warum Peter Bichsel mit seiner Abschiedstour durch Solothurns rauchfreie Beizen so lange zugewartet hat oder ob der Autor nicht zur Kenntnis genommen hat, dass das Rauchverbot – anders als in Zürich – hierzulande längst Tatsache ist. So viel zum Gegensatz zwischen Inhaltsliteratur und experimenteller Literatur in diesem Artikel. Sicher hat sich auch unsere Beiz durchs Rauchverbot verändert. Uns aber Genuss- und Kulturfeindlichkeit vorzuwerfen, zeugt doch von einem recht einseitigen Genuss- und Kulturverständnis. Seit unsere Beiz nämlich rauchfrei ist, geniessen viel mehr Gäste das Essen und Trinken bei uns, so dass es zu Essenszeiten manchmal schwierig ist, einen Platz zu bekommen. Auch den Vorwurf der Kulturfeindlichkeit wollen wir nicht auf uns sitzen lassen, führt doch KreuzKultur in unserem Saal jährlich über 50 Kulturveranstaltungen durch. Schleierhaft bleibt für uns auch der Zusammenhang zwischen fehlendem Demokratiewille bei einem guten Drittel der Schweizer und dem Rauchverbot, das in Solothurn immerhin Resultat einer demokratischen Abstimmung ist. Aber eben: Wenn fürs „Fabuliergeschäft“ die Fakten ausgeblendet werden, wird die Story deswegen noch lange nicht besser.