07.12.2007 von Thomas Zaugg
Die Vögel waren schwarz, und sie verfolgten ihn. Die Parkanlage lag im Dunkeln, es war irgendwann im letzten Jahrtausend, der Vogelschwarm schwarz, und allein flüchtete er durch den Park. Was sie mit ihm vorhatten? Die Vögel? Er wusste es nicht. Er hatte grosse Angst und kein Handy, um nach Hilfe zu rufen, denn Handys gab es damals noch nicht.
Solche Geschichten erzählen sich heute die Menschen, es sind Geschichten aus einer handyfreien Zeit. Nicht wenige glauben: Die Abwesenheit von Handys würde unsere Wahrnehmung der Welt radikal verändern, wir könnten uns wieder fürchten, und vielleicht wären wir glücklicher. Andere haben einen Mittelweg gefunden. Sie sagen: «Ein Leben ohne Handy wäre besser. Aber es ist utopisch.» Wieder andere sagen: «Ich kauf mir eins, aber ein ganz Schlechtes. Kein Schnickschnack. Nur telefonieren.»
Während die Handys immer mehr können, wollen viele Benutzer das Gegenteil. Was brauchen wir eine Kamera? E-Mail unterwegs? Gar GPS? Manche meinen: Es gibt nichts Uninteressanteres als ein Ding, das alles kann. Immer häufiger nehmen die Leute irgendein zerkratztes, schönes, unbekanntes Gerät aus der Tasche und sagen: «Das ist mein Handy. Es kann nur telefonieren.» Und das macht Eindruck.
Derweil wird das Handy weiter zweckentfremdet. Analysten sagen voraus: Im Jahr 2011 werden rund 23 Prozent der Mobiltelefone mit einer bahnbrechenden Technologie namens «Near Field Communication» (NFC) ausgestattet sein. NFC-fähige Handys sind der Inbegriff der eierlegenden Wollmilchsau: Kreditkarte, Fahrkarte, Parkschein, Zugangskarte aller Art. Die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten wird gerade erst entdeckt: Vielleicht, wenn wir das nächste Mal an einem Kino vorbeigehen, werden uns die Trailer der aktuellen Filme direkt aufs Handy geladen. Oder beim nächsten Mal Schwarzfahren: Da wird die Busse gleich beim Einsteigen per Kreditkarte bezahlt.
Nachdem ich von diesen monströsen NFC-Handys erfahren hatte, besorgte ich mir das sogenannte «Seniorenhandy». Es hat kein Display, dafür Mammuttasten. Der Anbieter schreibt: «Dieses Seniorenhandy ist speziell für unsere älteren Mitmenschen entwickelt worden. Es besticht durch seine einfache und unkomplizierte Handhabung – auch ideal für Kids.» Und nicht zuletzt für mich eine Wohltat: Mein Seniorenhandy EASY5 hat nur fünf Zahlentasten, eine Taste zum Abnehmen und eine zum Ablegen. Auf jeder Zahlentaste kann eine Nummer gespeichert werden. Dazu muss man eine SIM-Karte mit fünf Nummern vorprogrammieren. Von Hand können auf dem EASY5 keine Nummern gewählt werden, man muss sich also für die fünf wichtigsten entscheiden.
Das macht noch mehr Eindruck: «Sorry, aber ich konnte dich gestern nicht zurückrufen. Mein Handy kann nur fünf Nummern speichern. Deine gehört nicht dazu.»

Krass aufs Wesentliche reduziert: Seniorengenerationshandys. | Bild: Julia Marti