Regula Stämpfli, Teil 2

Regula Stämpfli entschuldigt sich bei «Magazin»-Autorin Michèle Roten und hat etwas gegen Schamrasuren.

08.02.2008 von Birgit Schmid , 9 Kommentare

Sie reagieren sehr empfindlich auf Etikettierungen, sind selbst aber gnadenlos.
Ha! Jetzt geht es um Michèle Roten.

Wie kamen Sie darauf, die «Magazin»-Kolumnistin vor drei Jahren als «Schwanzlutscherin» zu betiteln?
Das habe ich so nicht getan. Ich habe in einem Satz Rotens Schreibe als sackstark bezeichnet und ihr unterschoben, dass sie sich wohl irgendwo zwischen Alles-ist-möglich-Powerfrau und Schwanzlutscherin versteht. Die Schwanzlutscherin ist doof. Postmoderne Beliebigkeitsfanatikerin wäre wohl treffender gewesen. Ich bin selber schuld. Ich habe den Mist gefahren und muss ihn noch Jahre nach diesem Ausrutscher riechen. Vielleicht kann ich mich an dieser Stelle bei Michèle Roten entschuldigen.

Was bekamen Sie zu spüren?
Eine ungeheuerliche Welle des Hasses überrollte mich, ich war nur noch die frustrierte und vertrocknete Feministin. Dabei ging es mir damals darum, Roten mal zu sagen: Halt, Mädel, es gibt Grenzen. Die Jugend zum Programm machen, das legitimiert nicht alles. Wenn man in Artikeln einen Lobgesang auf die Prostitution singt, liegt man voll daneben.

Und da schlugen Sie ausgerechnet mit einem sexistischen Wort zurück.
Ich wollte nie im Genitalbereich landen. Jetzt bin ich halt für einmal dort gelandet – und sehr unsanft gelandet.

In den Intimbereich dringen Sie vor, wenn Sie über die Schamrasur von Frauen schreiben. Was bitte interessiert eine Politologin und Historikerin daran?
Wenn erwachsene Frauen mit Kindermösen herumlaufen, so ist das durchaus politisch. Wir reden hier über ein Weltverständnis, während die klassische Politik oft mehr Schein ist, die Politologen nur noch Wahlverhalten und Vermessung des Parlaments interessiert. Ich finde Schamrasuren kein Problem, ich habe nichts gegen das private Körperhandeln. Ich sehe nur genau hin und frage: Was heisst die rasierte Möse übersetzt auf die Machtverhältnisse? Ist es eine Kompensationsstrategie, um als Frau gehört und gesehen zu werden?

Dieser feministische Groove kommt so angestrengt rüber. Eine 17-Jährige macht das doch, weil sie es schön findet.
Mir geht es darum zu fragen, warum etwas so gedankenlos übernommen wird, nur weil es gerade Mode ist. Ist es wirklich ein freiwilliger Entscheid? Ich kenne diesen Satz zur Genüge von meinen Söhnen: Das machen alle. Aber nur weil alle «Heil!» schreien, heisst das noch lange nicht, dass das «Heil!» richtig ist. Das sollen Eltern ihren Kindern erklären, sagen, du kannst auch Nein sagen, du musst auch nicht wollen.
Der Titel «Die wahre Miss Schweiz» über einem Porträt von Doris Leuthard im «Magazin» hat Ihnen auch nicht gefallen. Was ist Ihr Problem?
Bundesratswahlen sind keine Miss-Schweiz-Wahl, das wollte ich damit sagen. So werden politische Kategorien verschoben. Auch wenn der «Tages-Anzeiger» von «Blutauffrischung im Parlament» schreibt – wo führt das hin? In zehn Jahren entscheidet die Körbchengrösse über ein politisches Mandat. Biologische Kriterien haben in der Politik nichts zu suchen. Sonst werden Miss-Schweiz-Wahlen plötzlich zum Massstab für jede Frau.

Ihre Kritik wirkt oft humorfrei. Man darf doch mit Sprache spielen.
Wenn man immer mit denselben Bildern spielt, ist es kein Spiel mehr, sondern nur noch eine Repetition der Konformität. Ermüdend. übertrieben oder nicht – ich analysiere und frage nach den immer gleichen Stereotypen, mit denen Frauen in der Politik erfasst werden.

Regula Stämpfli | Bild: Rita Palanikumar
Regula Stämpfli | Bild: Rita Palanikumar

Die Diskussion

9 Reaktionen

  1. David Berger

    Diesmal und ausnahmsweise ist Frau Stämpfli zu loben.

  2. Oliver Reichenstein

    1. "die rasierte Möse übersetzt auf die Machtverhältnisse" — zu viel Foucault gelesen, wuerd’ich sagen.

    2. "Wenn erwachsene Frauen mit Kindermösen herumlaufen":

    a) Ein Omaner hat mir erzaehlt, wie schraeg ihn die Amerikaner-Jungs angeschaut haben in der Dusche, damals in seinem Austauschjahr in Colorado. (Araber sind aus hygienischen Gruenden totalrasiert, und finden alles andere nur grausig).
    b) Wie ist das mit den Kinderachselhoehlen? Und den Maennern mit den rasierten Kindergesichtern?

    Ein tolles Interview, aber Frau Staempfli kommt noch nicht wirklich aus dem genitalen Quatsch heraus. Rasieren ist Privatsache.

  3. SarahSeligman

    Schade, das so oft die falschen Leute (mit den richtigen connections..) Gehör finden.Frau Staempflis Worte sind ungefähr so substanzlos, bescheuert und pseudoprovokativ, wie die von Roten in ein paar Jahren sein werden- wenn ihre post-post-pubertäre Phase im Stadium der mittelalterlichen Bitterlichkeit enden wird.

  4. Patrick Brütsch

    Frau Stämpfli hat es noch immer nicht begriffen, für eine Dozentin mit Hochschulabschluss eher blamabel. Auch ist ziemlich klar, dass die Entschuldigung gegenüber Frau Roten entweder geheuchelt oder ein weiterer peinlicher Ausrutscher ist. Bitte das Interview mit dieser Dame sofort abbrechen – Fortsetzung wäre reine Zeit-, Geld- und Papierverschwendung. Oder machen Sie das etwa extra, um Michèle Roten weiteren Stoff zu liefern?

  5. Heiner Börlin

    Nein! Genug! Jetzt kommt diese geltungssüchtige "Dozentin" auch im Magazin zu Wort. Diese Frau nervt, ist ein Ablöscher. Ich glaube ihr dieses "Sorry" an Frau Rothen nicht. Das gute Portrait von Doris Leuthard (die wahre Miss Schweiz) schlachtet sie auch feministisch aus. Jetzt ist sie auch gegen Schamrasuren – das ist wirklich Privatsache jedes einzelnen Menschen. Ich glaubs nicht, soviel Schwachsinn, Frau Stämpfli hat irgendwelche Probleme. Sie kommt auch immer mit dem gleichen belehrenden stereotypen Phrasen. Es löscht mir schon jedesmal ab wenn ich sie in der Arena sehe – ich schalte dann jeweils auf "lautlos" wenn sie etwas sagt und belustige mich, wenn sie die Augen rollt und gestikuliert. Sie scheint irgendwie "mediensüchtig" zu sein, aufgetakelt wie sie jedesmal ist (ihr Buch will ja verkauft werden,,,). Wenn nach ihren Geschwätz ein Opponent ihr mit Argumenten "an den Karren fährt", läuft sie jedesmal rot an und bekommt einen dicken Hals. Scheinbar will sie Alice Schwarzer nacheifern mit ihrem feministischen Getue.
    Heiner Börlin, Kaiseraugst AG

  6. Doro

    Zugegeben, es ist vielleicht ungeschickt von Frau Stämpfli sich schon wieder auf ein derartiges Thema einzulassen. Aber in der Sache hat sie recht. Ich würde ihre Aussagen aber nicht als Ablehnung von Intimrasur lesen. Frau Stämpfli erlaubt sich (wenn auch ein bisschen vehement), darauf hinzuweisen, dass das Private bisweilen politischer ist als man meint. Dies ist durchaus legitim! Ausserdem schätze ich ihre breite Auffassung von Politologie. Politologie ist mehr als nur Stimmenzahlen antizipieren.

  7. Jana Wójcik

    schamhaarsträubende wortakrobatik mit hilflos herangezerrten ausrufezeichen, die im satzsumpf genauso schnell versinken wie sie geangelt werden.
    wir haben genug echte fischerinnen, die im sumpfschlamm herumstochern.
    zum glück.

  8. Dominique Raemy

    Der Interviewten «genaues Hinsehen» festigt gerade die von ihr hinterfragten Stereotypen. «Die Frau» wird durch Stämpflis Projektion entmündigt und in eine Position gedrängt, in der jede persönliche Entscheidung zur politischen Geste wird.

  9. Daniel Mahrer

    ganz unpolitisch verhindert die rasierte möse doch einfach haare auf den zähnen

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