12.09.2008 von Max Küng
Wenn ein Wind einen eigenen Namen hat, dann kann man davon ausgehen, dass es ein ernsthafter Wind ist. Der Wind hier trägt den Namen El Cierzo, und er weht von Nordnordwest. Der Wind ist es, der nicht nur die Gegend prägt, weil man seinetwegen Dutzende von gigantisch grossen weissen Windrädern zur Stromgewinnung errichtete, sondern auch das Hotel würde nicht so aussehen, wie es aussieht. Das Hotel Aire de Bardenas – die Luft von Bardenas – liegt dort, wo es nichts gibt, ausser einer Landschaft, die an den Mond erinnert oder an viel weniger sogar. Es liegt an einer schmalen Strasse im Niemandsland ausserhalb des Städtchens Tudela. Ein Hotel, das wie hingewürfelt aussieht: Metallkisten im gleissenden Licht.
Tudela ist ein Städtchen, über das keiner viel zu sagen hat, nicht einmal Wikipedia, abgesehen von dem Fakt, dass es 30 000 Einwohner hat und der Fluss Ebro von seinem fast tausend Kilometer langen Weg vom Kantabrischen Gebirge hinunter ins Mittelmeer hindurchfliesst. Eine Stunde liegt es von Saragossa entfernt, und Gründe hierherzukommen, gibt es nicht sehr viele. Nun ja, es gibt vor allem einen Grund, in diese Gegend zu fahren (mit dem Hochgeschwindigkeitszug AVE übrigens ist man in zweieinhalb Stunden von Barcelona kommend hier – mit dem Auto braucht man fast doppelt so lange): die Bardenas Reales, ein 415 Quadratkilometer grosses Gebiet mit bizarren bis bizarrsten Gesteinsformationen, das die Unesco zum Biosphärenreservat erklärte (was aber die spanische Armee nicht daran hindert, mittendrin einen Stützpunkt zu unterhalten), eine ockerfarbene Erosionsorgie, ein Traum für jeden sentimentalen Sedimentfreak und der ideale Ort, um einen Videoclip zu drehen, wenn man eine Rockband wäre wie beispielsweise U2.
Problemlos könnte man die Abzweigung zum holprigen Strässchen verpassen, das zum Hotel führt. Bloss ein paar Holzkisten stehen dort am Wegesrand und ein grosses rotes O, das auch einfach ein Kreis sein könnte.
Man erwartet nicht viel bis nichts, wenn man auf dem Hof des Hotels vorfährt, in einer Wolke aus Staub, und man meint, man sei in einen sehr komischen Westernfilm hineingefallen, eingezäunt von einem verwitterten Holzlattenzaun, der kein Holzlattenzaun ist, sondern eine geniale Konstruktion, zu der die Architekten per Zufall kamen. Von aussen würde das Hotel problemlos als geheimer CIA-Folterknast durchgehen. Doch kaum betritt man die Lobby, die nicht gross ist und auch nicht klein, hat man sogleich eine Ahnung, dass man an einem Ort gelandet ist, der sehr speziell ist. Und vor allem: der sehr schön ist. Nur schon den wunderbaren Terrazzofussboden könnte man lange, lange Zeit betrachten und befühlen.
Das Hotel Aire de Bardenas ist ein Designhotel. Nun ist dieser Begriff meistens einer, den man als Schimpfwort verwendet, und zwar völlig zu Recht. In diesem Fall aber verhält es sich anders. Das Aire de Bardenas nämlich ist ein Paradoxon: Es ist Design, aber es ist auch Gemütlichkeit. Es ist kühl, aber es verströmt auch Wärme. Und man fühlt sich geborgen und beschützt – nicht zuletzt des Lattenzaunes wegen, der kein Lattenzaun ist. Zu dieser den ganzen Komplex umlaufenden Holzkonstruktion kam das Aire des Windes wegen. Um das Hotel vor dem Cierzo zu bewahren, benötigte man eine Konstruktion, die sowohl schützt, aber auch durchlässig ist. Lange experimentierte man mit den verschiedensten Materialien – nichts erwies sich als ideal, abgesehen von Pflanzenhecken, die jedoch viel zu teuer geworden wären. Und irgendwann sahen die Architekten grosse Kisten auf den Feldern stehen. Die Kisten, welche die Gemüsebauern der Region dazu verwenden, ihre geernteten Auberginen oder Kürbisse oder Melonen vom Feld zu schaffen. Also nahmen sie solche Kisten und fügten sie zu einem Ensemble zusammen und fanden heraus: Nichts eignet sich besser, um das Hotel vor dem Wind mit dem Namen El Cierzo zu schützen. Und nichts ist billiger. Und nichts sieht besser aus – auch wenn man etwas Betrachtungszeit investieren muss, um zu diesem Schluss zu kommen.
Die Entstehungsgeschichte des Hotels Aire de Bardenas ist geprägt von einem Traum und vielen Zufällen – wie so oft in der Architektur. Doch führte diese fatale Kombination in diesem Fall nicht zu einer Katastrophe in Stahl und Stein, sondern zu einem grossen Wurf im kleinen Format. Den Traum hatte Natalia, die in Tudela als Ökonomin arbeitete und mit einem Mann namens Carlos verheiratet ist, einem Lehrer. Während der Babypause gebar sie diesen Traum von einem Hotel, einem Hotel hier in dieser Landschaft, in der sie aufgewachsen war, einer Landschaft, die sie liebt. Sie dachte sich: Auch andere Menschen könnten doch diese Landschaft lieben und von ihr angezogen herreisen – und wo sollten diese Leute dann schlafen? Genau: in ihrem Hotel. Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Schwester fasste sie diesen Plan: Am Rande des Nichts, dieser unverdorben rohen Landschaft ein Hotel zu errichten. Das war vor sechs Jahren. Und nun fing es mit den Zufällen an. Zufälligerweise studierte Natalias Neffe in Barcelona Architektur. Zufälligerweise war der Neffe ganz begeistert von seinen Professoren, einem jungen Paar, das eben erst das Studium an der Harvard University abgeschlossen hatte und zufälligerweise nach Barcelona gezogen war: Dem Argentinier Emiliano López und der Puerto-Ricanerin Mónica Rivera. Man fragte López und Rivera an, junge Architekten, die bisher kaum etwas gebaut hatten – und so fing alles an.
Hart ist es gewesen, anfangs, sagt Natalia, ein Weg so steinig wie jener, der nun zum Hotel führt, denn hier, wo nun das Hotel steht, da war nichts. Keine Strasse führte her, keine Wasserleitung, keine Kanalisation, kein Strom. Zuerst musste sie die Politiker davon überzeugen, dass ein Hotel hier im Niemandsland Sinn macht. Obwohl sie natürlich ganz und gar nicht sicher war, ob wirklich jemand Lust hatte, hier am Rande des Nichts eine Nacht oder länger gar zu bleiben.
Seit einem Jahr ist der Familienbetrieb nun bald geöffnet. Und die Gäste, sie kommen. Die Auslastung liegt meist bei hundert Prozent – und Natalia denkt schon einmal darüber nach, die Preise etwas anzuheben.
Die von aussen nicht sonderlich lieblich wirkenden Metallcontainer sind gefüllt mit einer der Landschaft angepassten nicht zu üppigen oder gar kitschigen Gemütlichkeit. Man merkt, dass sich hier jemand um den Raum gekümmert hat, der sich für Farben und Formen interessiert – und abgesehen davon auch einen guten, dezenten Geschmack hat.
Auch nicht ohne Bedeutung: Die Räume sind schön kühl. Draussen brennt die Sonne mit allerhärtester Brutalität hernieder und lässt jegliche Aktivität erlahmen (abgesehen von einer eine Staubwolke hinter sich herziehenden Schafherde). Das Grossartigste an den Containern aber sind die Fenster, die wie grosse Guckkästen aufgesetzt sind. In diesen Kästen kann man sitzen oder liegen und hinausblicken in diese karge Gegend. Und bald liege ich in der Nische des Zimmers Nummer 20. Liege in diesem tiefen Fensterrahmen aus Pinienholz auf einer Matratze, gut gepolstert von Kissen unterschiedlicher Härte, und sehe hinaus in die Landschaft, in der es nichts zu sehen gibt und die einen hypnotisiert. Am Horizont stehen ein paar zwergige Berge, von der Sonne versengt, ein Plateau, auf dem… ich zähle schnell… sich die Rotoren von dreissig gewaltigen Windrädern lautlos und träge im Wind drehen. Es ist still im Zimmer. Entfernt höre ich ein Kind, das kreischt (und wohl in den kühlen Pool springt). Es ist acht Uhr abends, und das tagsüber brutal harte und gleissende Licht wird weicher und flacher, die Schatten werden länger und länger, bis sie so lang sind, dass es absurd aussieht, wenn man draussen herumspaziert, weil man zu einem zehn Meter langen Monsterwesen wird. Ein zehn Meter langes Monsterschattenwesen zu Besuch auf dem Mond.
Die Luft an den Abenden in der wüsten Landschaft Navarras ist noch immer heiss und trocken und erfüllt vom Duft von wildem Thymian. Im Zimmer ist es kühl. Und ich liege immer noch in dieser Nische und sehe den weissen Riesen zu, die vom Wind zu ihrer Arbeit gezwungen werden. Ich werde überschüttet mit Ruhe, und dann schlafe ich mit der Landschaft ein, die wie ein Traum ist.
PS: Bei der Buchung unbedingt ein Zimmer mit Aussicht verlangen (nicht alle der 22 Zimmer nämlich verfügen darüber, manche haben Patios, was super ist für Treffen mit geheimen Liebschaften, aber weniger für Leute mit Sehnsucht nach Ausblicken).
PPS: Das Essen im Hotel ist grossartig, vor allem die Gemüse, die Natalias Vater im hoteleigenen Garten liebevoll züchtet, insbesondere die Pimientos sollte man bestellen – es sind Natalias Meinung nach die besten der Welt, was zweifelsohne auch so ist.
Hotel Aire de Bardenas (www.airedebardenas.com), Tudela, Navarra, Spanien, Tel 0034 948 66 66, Zimmer ab 110 Euro, Suite 180 Euro

Die Raumfähre. In die Fenster dieses Hotels kann man sich hineinsetzen. | Gunnar Knechtel

Ein Zaun aus Gemüsekisten gegen den El-Cierzo-Sturm | Gunnar Knechtel

Die Hocker wurden extra für das Aire de Bardenas entworfen. | Gunnar Knechtel

Innen Wärme, aussen CIA-Folterknast | Gunnar Knechtel

Blick in ein wüstes Idyll eine Stunde von Saragossa. | Gunnar Knechtel