Roger Federers Genie

Roger Federers Tennisspiel einmal life erleben zu dürfen, ist eine beinahe religiöse Erfahrung. Eine Liturgie des US-Kultautors David Foster Wallace.

20.07.2007 von David Foster Wallace , 4 Kommentare

Fast jeder Tennisfan, der die bedeutendsten Herrenturniere vor dem Fernseher verfolgt, hat in den letzten Jahren das erlebt, was man als Federer-Moment bezeichnen könnte. Damit sind jene Situationen gemeint, in denen man dem jungen Schweizer wie gebannt zusieht, mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen, und dabei Laute ausstösst, dass die Frau oder Freundin aus dem Nachbarzimmer herbeigelaufen kommt, um zu schauen, ob sie den Notarzt rufen soll.

Noch intensiver sind diese Momente, wenn man selbst so viel Tennis gespielt hat und weiss, dass das gerade Gesehene im Grunde unmöglich ist. Jeder hat das schon mal erlebt. Hier ein Beispiel vom Finale der US-Open 2005. Vierter Satz, Federer schlägt gegen Agassi auf. Es kommt zu einem mittellangen Grundlinienduell mit dem typischen Hin und Her des modernen Power-Grundlinienspiels. Federer und Agassi hetzen einander von einer Seite zur anderen, jeder versucht, dabei den Punkt zu machen, bis Agassi plötzlich eine harte Rückhand cross schlägt, die Federer weit in die linke Ecke schickt, aber er bekommt den Ball, schlägt ihn slice knapp hinter die Aufschlaglinie, ein Leckerbissen für Agassi, und während Federer wieder zur Mitte sprintet, läuft Agassi vor, um den Ball in genau dieselbe Ecke zu schmettern, gegen Federers Laufrichtung – Federer ist noch im linken Feld, fast schon an der Mittellinie, und der Ball nähert dem Punkt, wo Federer gerade gewesen war, der gar keine Zeit hat, sich umzudrehen, Agassi läuft dem Ball hinterher in Richtung Netz, doch Federer schaltet irgendwie auf Umkehrschub, macht drei, vier unglaublich schnelle Schritte zurück und schlägt, das ganze Gewicht nach hinten verlagert, aus der linken Ecke eine Vorhand, der Ball passiert Agassi am Netz, der sich noch streckt, fliegt longline an ihm vorbei, landet unerreichbar in Agassis Rückhandecke. Ein Winner. Federer tänzelt noch, während der Ball aufspringt. Entsetztes Schweigen bei den New Yorker Zuschauern, bevor die Menge explodiert und John McEnroe mit seinem Tapeziererhütchen im Fernsehen (mehr oder weniger zu sich, so klingt es jedenfalls) sagt: «Wie kann man aus dieser Posi-tion einen Winner schlagen?» Und er hat recht: Angesichts der Position Agassis und seines Weltklassetempos blieb Federer nur ein fünf Zentimeter brei- ter Kanal, um Agassi zu passieren, und zwar aus dem Rückwärtslauf heraus, ohne Vorbereitung und ohne sein ganzes Gewicht in den Schlag legen zu können. Es war unmöglich. Es war wie eine Geschichte aus «The Matrix». Ich weiss nicht, welche Geräusche ich gemacht habe, aber meine Frau sagt, sie sei herbeigelaufen, überall auf der Couch habe Popcorn gelegen, und ich hätte mit weit aufgerissenen Augen vor dem Bildschirm gekniet.

Jedenfalls war dies ein solcher Federer-Moment, wenngleich nur im Fernsehen – in Wahrheit ist das Verhältnis zwischen TV-Tennis und real erlebtem Tennis ja nicht viel anders als das zwischen Pornofilmen und realer Liebe.

Aus journalistischer Sicht gibt es über Roger Federer kaum etwas Neues zu sagen. Der 25-Jährige ist gegenwärtig der beste Tennisspieler der Welt, vielleicht der beste aller Zeiten. Alles an Porträts und biografischen Daten über ihn liegt vor. Erst im letzten Jahr brachte «60 Minutes» eine längere Reportage über ihn. Was immer man über Herrn Roger N. M. I. Federer wissen will – seine Herkunft, seine Heimatstadt Basel, die Eltern, die ihn vernünftig und selbstlos unterstützen, seine Karriere im Junio-rentennis, seine anfänglichen Schwierigkeiten mit seinem Temperament, sein geliebter Trainer und dessen Unfalltod im Jahr 2002, der Federer aus der Bahn warf und stählte und zu dem machte, was er heute ist, seine 39 Einzeltitel, seine acht Grand Slams, seine ungewöhnlich stabile und reife Beziehung zu der Freundin, die mit ihm auf Reisen geht (selten im Herrentennis) und sich um seine Termine kümmert (unerhört im Herrentennis), seine altmodisch ruhige Art und mentale Stärke, seine Fairness, sein Anstand, seine Grosszügigkeit, sein Engagement für wohltätige Zwe-cke – das alles ist bekannt und kann mit einem Mausklick abgerufen werden.

In diesem Artikel geht es mehr darum, wie und in welchem Kontext der Zuschauer Federer erlebt. Meine These lautet: Wer den jungen Mann noch nie live hat spielen sehen und ihn dann mit eigenen Augen auf dem heiligen Rasen von Wimbledon erlebt, in glühender Hitze und dann wieder bei Wind und Regen (wie in diesem Jahr), hat gute Chancen, ein «fast schon religiöses Erlebnis» zu haben, wie es der Fahrer des Pressebusses nannte. Im ersten Moment mag das wie eine der üblichen übertreibungen klingen, zu denen gern gegriffen wird, wenn jemand einen Federer-Moment beschreibt. Die Formulierung des Busfahrers trifft aber tatsächlich den Kern der Sache – auch wenn sich diese Wahrheit erst nach einer ganzen Weile konzentrierten Zuschauens offenbart.

Apoll und Dionysos

Im Leistungssport geht es nicht um Schönheit, aber der Spitzensport ist tatsächlich ein Ort, an dem sich menschliche Schönheit zeigt. Das Verhältnis entspricht ungefähr dem zwischen Mut und Krieg. Die menschliche Schönheit, um die es hier geht, ist von besonderer Art; man könnte sie als Schönheit des Bewegungsablaufs bezeichnen. Ihre Anziehungskraft ist universell. Sie hat nichts mit Sex oder kulturellen Normen zu tun, eher mit Körperbeherrschung.

Im Männersport redet natürlich niemand von Schönheit oder Anmut oder den Körper. Männer mögen von ihrer «Liebe» zum Sport sprechen, doch diese Liebe hat immer etwas Kriegerisches: Angriff, Gegenangriff, Rang und Status, Zahlenvergleiche, technische Analysen, regionale oder nationale Leidenschaften, Uniformen, Massenjubel, Fahnen, Kriegs-bemalung, Drohgebärden und so weiter. Aus noch ungeklärten Gründen fühlen sich die meisten von uns in der Sprache des Krieges sicherer als in der Sprache der Liebe. Wenn Ihnen das auch so geht, dann ist der Spanier Rafael Nadal mit seinem Muskelshirt und seinen theatralischen Auftritten Ihr Mann. Ausserdem ist er Federers Nemesis und die diesjährige grosse überraschung von Wimbledon, da er ein Sandplatzspezialist ist und ihm niemand zutraute, die Vorrunden zu überstehen. Während Federer bis zum Endspiel keine überraschung bot, keine dramatischen Kämpfe bestehen musste. Er deklassierte jeden so eindeutig, dass die TV-Anstalten schon besorgt glaubten, seine Spiele würden angesichts der weltweiten Fussball-WM-Begeisterung keine Aufmerksamkeit finden.

Doch das Herrenfinale am 9. Juli ist ein Traum: Nadal gegen Federer, eine Neuauflage des Endspiels der French Open, das Nadal gewann. Federer hat bislang nur vier Matches in diesem Jahr verloren, und zwar alle gegen Nadal. Die meisten waren aber auf Sand, der Nadal besonders liegt. Federer ist am besten auf Rasen. Andererseits hat die Hitze der ersten Turnierwoche den Rasen ziemlich ausgedörrt und ihn langsamer gemacht. Dazu kommt, dass Nadal seine Spielweise dem Rasen angepasst hat – bei den Grundlinienschlägen bleibt er näher an der Grundlinie, sein Aufschlag kommt höher, er überwindet seine Allergie vor dem Netz. Gerade hat er Agassi in der dritten Runde quasi fertig gemacht. Die Reporter sind in Ekstase. Kurz vor dem Spiel auf dem Centre Court, während die Linienrichter in ihren neuen Ralph-Lauren-Uniformen auf den Platz kommen, die irgendwie an Strandkleidung für Kinder erinnern, sieht man die Radioreporter hinter der Glasscheibe vor Erregung praktisch von den Sitzen hochspringen. Dieses Wimbledon-Finale hat das Zeug zu einem grossen Drama, Revanche liegt in der Luft, König gegen Königsmörder, das Duell zweier starker Charaktere. Leidenschaftlicher mediterraner Machismo gegen die klinische Kunst des Nordens. Apoll und Dionysos. Skalpell und Hacke-beil. Rechtshänder und Linkshänder. Die Nummer eins und die Nummer zwei. Nadal, der das moderne, kraftvolle Grund- linienspiel so weit getrieben hat, wie es nur geht, gegen einen Mann, der dieses moderne Spiel transfiguriert hat, dessen Präzision und Variationsbreite ebenso legendär sind wie seine Schnelligkeit, für den Nadal aber doch eine Gefahr darstellt. Ein britischer Sportreporter, der mit seinen Kollegen auf der Pressetribüne in Fahrt kommt, sagt zweimal: «Wir werden einen Krieg erleben.»

Und obendrein findet das Spiel in der Kathedrale Wimbledons statt, auf dem Centre Court. Das Finale der Herren findet stets am zweiten Sonntag des Turniers statt – eine Symbolik, die dadurch noch unterstrichen wird, dass der erste Sonntag stets spielfrei ist.

Federer und Nadal betreten den Platz, werden von Applaus empfangen, machen ihre artige Verbeugung in Richtung königliche Loge. Der Schweizer trägt das buttermilchfarbene Sport- jackett, mit dem Nike ihn in diesem Jahr ausgestattet hat. An ihm, und wohl nur an ihm, sieht das in Kombination mit kurzen Hosen und Sportschuhen nicht absurd aus. Der Spanier verzichtet völlig auf Aufwärmkleidung, sodass man seine Muskeln sofort sieht. Er und Federer tragen ausschliesslich Nike, bis hin zu dem weissen Stirnband mit dem Nike-Logo. Nadal steckt die Haare unter das Stirnband, anders als Federer, der sich die über das Stirnband fallenden Haarsträhnen immer wieder zurechtzupft und wegstreicht, der auffälligste Tick Federers, den die TV-Zuschauer zu sehen bekommen. Auch Nadals Griff zum Handtuch des Balljungen zwischen den Punkten ist so ein Ritual. Es gibt noch andere Ticks und Gewohnheiten, kleine Gratisszenen für den Zuschauer. Etwa die grosse Sorgfalt, mit der Federer sein Sportjackett über die Lehne des zweiten Stuhls hängt, damit es nicht knittert – er hat das vor jedem Spiel hier gemacht, es sieht irgendwie kindlich und rührend aus. Oder dass er irgendwann im zweiten Satz den Schläger austauscht, der neue steckt immer in der gleichen durchsichtigen Plastiktasche. Das blaue Klebeband löst er sorgfältig ab und gibt es einem Balljungen. Nadal hat die Angewohnheit, sich kurz vor dem Aufschlag, während er den Ball aufspringen lässt, seine langen Shorts aus den Kniekehlen hochzuziehen; dann die Art, wie er prüfend nach links und rechts schaut, während er die Grundlinie entlanggeht, wie ein entflohener Gefangener, der sich nach Verfolgern umsieht. Und wer genau hinschaut, bemerkt auch beim Aufschlag des Schweizers eine Besonderheit. Bevor Federer ausholt, legt er den Ball exakt in die v-förmige öffnung des Schlägerhalses, unterhalb des Kopfes, nur für einen kurzen Moment. Wenn es nicht ganz genau passt, richtet er die Position des Balles aus. Das alles geschieht sehr schnell, beim ersten und auch beim zweiten Aufschlag.

Nadal und Federer spielen sich nun fünf Minuten lang ein. Der Schiedsrichter achtet genau auf die Zeit. Diese Einspielphase hat eine bestimmte Ordnung und Etikette – die dem Fernsehzuschauer vorenthalten wird. Im Centre Court haben gut 13 000 Zuschauer Platz. Und noch einmal etliche Tausend versammeln sich mit Picknickkorb und Mückenspray vor Court 1, um das Match auf einer gigantischen Leinwand zu verfolgen.

Unmittelbar vor Spielbeginn findet am Netz der zeremonielle Münzwurf statt, durch den ermittelt wird, wer als Erster aufschlägt. Noch so ein Wimbledon-Ritual. Münzwerfer in diesem Jahr ist William Caines, assistiert von Schiedsrichter und Turnier-Referee. William Caines ist ein siebenjähriger Junge aus Kent, der mit zwei Jahren an Leberkrebs erkrankte und, nach Operationen und schrecklicher Chemotherapie, irgendwie überlebte. Er vertritt hier die britische Gesellschaft für Krebsforschung. Er ist blond und rosawangig und reicht Federer bis zur Hüfte. Die Menge klatscht. Federer lächelt die ganze Zeit, während Nadal, auf der anderen Seite des Netzes, wie ein Boxer hin und her tänzelt und die Arme schwingt. Ich bin nicht sicher, ob die US-Sender die Auslosung zeigen, ob sie diese Zeremonie übertragen müssen oder ob stattdessen Werbung gebracht wird. Unter vereinzeltem Beifall wird William wieder vom Platz geführt, die meisten Zuschauer scheinen nicht recht zu wissen, wie sie sich verhalten sollen. Als würde ihnen, sobald die Zeremonie vorbei ist, das Schicksal dieses Kindes erst richtig bewusst. Ein Kind mit Krebs wirft beim Traumfinale die Münze, das hat auch etwas Verwirrendes, das noch eine ganze Weile anhält.

Die Schönheit eines Spitzenathleten lässt sich unmöglich direkt beschreiben oder evozieren. Federers Vorhand ist eine grosse fliessende Peitsche, die einhändige Rückhand kann er flach spielen, mit Topspin oder Slice – den Slice derart angeschnitten, dass der Ball in der Luft Figuren beschreibt und auf dem Gras höchstens bis auf Knöchelhöhe abspringt. Sein Aufschlag ist so schnell und genau und variantenreich, wie das kein anderer Spieler schafft; der Bewegungsablauf beim Aufschlag ist harmonisch und nicht exzentrisch, charakteris-tisch nur eine bestimmte Körperstre-ckung in dem Moment, wo der Schläger den Ball trifft. Federers Antizipation und sein Gespür für den Platz sind legendär, seine Beinarbeit ist unerreicht – als Kind war er auch ein Fussballtalent. All das stimmt, und doch erklärt es im Grunde nichts und vermittelt auch nicht, was es heisst, diesen Mann, die Schönheit und die Genialität seines Spiels mit eigenen Augen zu sehen. Man muss sich den ästhetischen Qualitäten durch Umschreibungen nähern oder, wie Thomas von Aquin bei seinem unfassbaren Thema, versuchen, sie durch das zu definieren, was sie nicht sind.

Verkürzte Perspektive

Eines ist auf den Bildschirmen nicht zu sehen, jedenfalls nicht ganz. TV-Tennis hat Vorteile, die aber mit Nachteilen erkauft werden, und hier muss an erster Stelle die Illusion von Nähe genannt werden. Die Wiederholungen in Zeitlupe und die Nahaufnahmen privilegieren den Zuschauer, aber wir machen uns gar keine Vorstellung davon, wie viel bei der übertragung verloren geht. Beispielsweise das Gefühl für die physikalischen Verhältnisse beim Spitzentennis, für das Tempo, mit dem sich der Ball bewegt und die Spieler reagieren. Dieser Verlust ist einfach zu erklären. Das Fernsehen kann den ganzen Platz zeigen, sodass die Zuschauer beide Spieler und die Ballwechsel in ihrer ganzen Geometrie verfolgen können. Die Fernsehkamera befindet sich nämlich an einem erhöhten Punkt hinter einer Grundlinie, der Zuschauer blickt hinunter auf den ganzen Platz, der sich vor ihm erstreckt. Diese Perspektive «verkürzt» den Platz – wie einem jeder Kunststudent erklären kann. Reales Tennis ist dreidimensional, das TV-Bild aber nur zweidimensional. Verloren gehen die tatsächliche Länge des Spielfelds (knapp 24 Meter zwischen den Grundlinien) und das enorme Tempo, mit dem der Ball diese Entfernung zurücklegt – auf dem Bildschirm wird das nicht fassbar, auf dem konkreten Platz erfüllt es den Beobachter mit ehrfürchtigem Staunen. Das mag abstrakt oder übertrieben klingen – aber gehen Sie mal zu einem Profiturnier, vielleicht einen der kleineren Spielplätze in der Vorrunde, wo Sie sieben Meter neben der Seitenlinie sitzen – und urteilen Sie selbst. Wer Tennis bislang nur am TV-Bildschirm verfolgt hat, macht sich einfach keinen Begriff, wie hart diese Profis den Ball schlagen und wie schnell sich der Ball bewegt, wie wenig Zeit den Spielern bleibt, ihn zu erwischen, und wie schnell sie sich bewegen und «rotieren» und schlagen und sich wieder neu orientieren. Und keiner ist schneller oder scheinbar müheloser als Roger Federer.

Was im Fernsehen deutlicher wird, ist interessanterweise Federers Intelligenz, da sich diese Intelligenz nicht zuletzt in der Art des gespielten Winkels zeigt. Federer besitzt wie kein anderer die Fähigkeit, den richtigen Punkt, den richtigen Winkel für einen Winner zu sehen und zu schaffen, und im Fernsehen kann man diese «Federer-Momente» ideal nachvollziehen. Schwerer nachzuvollziehen ist jedoch, dass diese spektakulär geschlagenen Winner nicht aus dem Nichts kommen – sie sind meist über mehrere Spielzüge angelegt und hängen nicht nur davon ab, wie Federer die Bewegungen des Gegners bestimmt, sondern auch von Tempo und Platzierung des entscheidenden Schlags. Und wer begreifen will, warum Federer andere Weltklasseathleten derart mühelos kontrollieren kann, braucht wiederum sehr viel mehr technisches Wissen über das moderne Power-Grundlinienspiel, als es das Fernsehen vermitteln kann.

Tennis-Mekka Wimbledon

Wimbledon ist sonderbar. Es ist tatsächlich das Tennis-Mekka, die Kathedrale des Tennis. An dieser ehrfurchtsvollen Verehrung angemessen festzuhalten, wäre aber leichter, wenn die Organisatoren nicht so erpicht darauf wären, der Welt immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass Wimbledon das Tennis-Mekka ist. Die Wände von Wimbledon, in fast jedem Korridor und Durchgang, sind tapeziert mit Plakaten und Aufnahmen früherer Champions, mit Statistiken, Anekdoten und so weiter. Manches davon ist interessant, manches kurios. Das Wimbledon Lawn Tennis Museum beispielsweise besitzt eine Sammlung aller Schläger, die in all den Jahrzehnten hier verwendet wurden, Fotos und didaktische Texte vervollständigen die «Geschichte des Rackets». Der Text endet folgendermassen:

«Die heutigen Rahmen aus Hightech-Materialien wie Grafit, Boron, Titanium und Keramik haben mit ihren grösseren Köpfen – mittelgross (580-612 Quadratzentimeter) und übergross (709 Quadratzentimeter) – den Charakter des Spiels völlig verändert. Heute dominieren die schnellen Spieler mit schwerem Topspin. Serve-and-Volley-Spieler und all diejenigen, die sich auf Finesse und Feingefühl stützen, sind ausgestorben.»

Dass auch im vierten Jahr von Federers Wimbledon-Herrschaft diese Diagnose noch immer an so prominenter Stelle verkündet wird, mutet seltsam an, da der Schweizer ein solches Mass an Finesse und Feingefühl in das Herrentennis gebracht hat, wie wir es (mindestens) seit den Tagen von John McEnroe nicht mehr erlebt haben. Doch sie bestätigt letztlich die Kraft des Dogmas. Seit fast zwei Jahrzehnten wird offiziell erklärt, dass sich das professionelle Tennis aufgrund gewisser Entwicklungen in der Rackettechnologie, besserer Kondition und Krafttraining von einem Spiel von Tempo und Finesse in eines von Körperbeherrschung und brutaler Kraft verwandelt hat. Im Grossen und Ganzen trifft diese Einschätzung auch zu. Die heutigen Profis sind messbar grösser, stärker und fitter, und Hightech-Rackets geben ihnen die Möglichkeit, mit mehr Tempo und Spin zu spielen. Wie jemand von Federers Eleganz das Herrentennis dominiert, ist daher eine Frage, die zu beantworten die Dogmatiker einige Mühe haben.

Hier sind drei gültige Erklärungen. Eine, die mit Mysterium und Metaphysik zu tun hat, dürfte der Wahrheit am nächsten kommen. Die anderen sind eher technischer Natur und lassen sich besser in Worte fassen.

Die metaphysische Erklärung ist die, dass Roger Federer einer jener seltenen, phänomenalen Athleten ist, für die bestimmte phsysikalische Gesetze nicht zu gelten scheinen. ähnlich liegen die Dinge bei Michael Jordan, der nicht nur unglaublich hoch springen, sondern sich auch etwas länger in der Luft halten konnte, als es die Schwerkraft eigentlich erlaubte. Des Weiteren Muhammad Ali, der wirklich über den Boden «fliegen» und in der Zeit, die man normalerweise für einen Haken braucht, zwei, drei Haken austeilen konnte. Seit 1960 gibt es wahrscheinlich ein halbes Dutzend solcher Beispiele. Federer gehört ebenfalls in diese Kategorie – man könnte sie als Genie oder Mutant oder übernatürliches Wesen bezeichnen. Er ist nie gehetzt, verliert nie die Balance. Der Ball, der ihm entgegenkommt, ist den Sekundenbruchteil länger unterwegs als sonst. Seine Bewegungen sind eher harmonisch als athletisch. Genau wie Ali, Jordan, Maradona und Gretzky wirkt er realer und zugleich irrealer als seine Gegner. Zumal in dem weissen Dress, das Wimbledon noch immer vorschreibt, sieht er aus wie jemand, der er vielleicht sogar ist: ein Wesen, dessen Körper aus Fleisch und aus Licht besteht.

Die Vorstellung von dem Ball, der sich kooperativ langsam nähert, als gehorche er dem Willen Federers, enthält ein Quentchen metaphysischer Wahrheit. Und die folgende Anekdote auch. Nach dem Halbfinale vom 7. Juli, in dem Federer Jonas Björkman vom Platz fegte (nicht einfach besiegte, sondern vernichtend schlug), kurz vor der obligatorischen Pressekonferenz, in der Björkman, der mit Federer befreundet ist, sagen wird, er habe sich gefreut, vom besten Sitzplatz des Hauses aus dem Schweizer zusehen zu können, der so perfekt spiele, wie man nur spielen könne – plaudern und scherzen die beiden miteinander. Björkman spricht davon, wie unnatürlich gross der Ball auf dem Platz gewirkt habe, was Federer bestätigt: gross wie eine Bowlingkugel oder ein Basketball. Mit dieser Bemerkung will er Björkman darin bestärken, dass er selbst überrascht gewesen sei, wie gut er gespielt habe, aber Federer verrät damit auch, was Tennis für ihn ist. Man stelle sich vor, man besitze übernatürlich gute Reflexe, gute Koordination und viel Tempo und spiele Spitzentennis. Federer wird auf dem Platz also nicht das Gefühl haben, dass er phänomenale Reflexe besitzt, sondern eher, dass der Tennisball sehr gross ist und sich langsam bewegt und dass er immer viel Zeit hat, ihn zu schlagen. Das heisst, er wird das eigene (empirisch reale) Tempo und Geschick, das die Zuschauer ihm zuschreiben, selbst nicht empfinden.

Mal Federer sein

Tempo ist nur ein Teil davon. Wir kommen nun zum Technischen. Tennis wird oft als Spiel bezeichnet, in dem es um Zentimeter geht. Gemeint ist, wo der Ball landet. Aus Sicht eines returnierenden Spielers ist Tennis eher ein Spiel, in dem es um Mikrometer geht. Jede noch so geringfügig veränderte Schlägerhaltung im Moment des Auftreffens hat grosse Auswirkungen auf die Flugbahn des Balls. Das gleiche Prinzip erklärt, warum ein Schütze bei der geringsten Zielungenauigkeit danebenschiessen wird, wenn das Ziel nur genügend weit entfernt ist.

Zur Verdeutlichung wollen wir uns den Ablauf einmal in Zeitlupe anschauen. Stellen Sie sich vor, Sie stehen knapp hinter der Grundlinie. Der Gegner schlägt den Ball auf Ihre Vorhand – Sie bringen sich in die entsprechende Position und holen mit der Vorhand aus. Der heranfliegende Ball ist nun kurz vor Ihrer vorderen Hüfte, rund 15 Zentimeter vom Treffpunkt entfernt. Betrachten Sie einige der Variablen, die sich hier bieten. Durch leichtes Kippen des Schlägers um ein paar Grad nach vorn oder hinten produzieren Sie Topspin beziehungsweise Slice. Ein senkrecht gehaltener Schläger produziert eine flache Flugbahn ohne Drall. Wenn Sie den Schläger etwas nach links oder rechts ziehen und den Ball vielleicht eine Tausendstelsekunde früher oder später schlagen, produzieren Sie einen cross beziehungsweise long- line geschlagenen Return. Weitere kleine Veränderungen in der Art der Schlägerhaltung beeinflussen, wie hoch Ihr Ball über das Netz fliegt. Dies und die Härte Ihres Returns (sowie bestimmte Eigenschaften des Spins, den Sie dem Ball geben) wirken sich darauf aus, wie tief oder flach der Ball in der gegnerischen Spielfeldhälfte landet, wie hoch er abspringt und so weiter. Dies sind natürlich nur die allgemeinsten Unterscheidungen – also schwerer oder leichter Topspin, cross oder nur leicht cross geschlagener Ball und so weiter.

Wichtig ist auch, wie nahe Sie den Ball an sich heranlassen, wie Sie den Schläger halten, wie tief Sie die Knie beugen, wie weit Sie Ihr Gewicht nach vorn verlagern und ob Sie imstande sind, die Flugbahn des von Ihnen geschlagenen Balls zu verfolgen und gleich-zeitig zu beobachten, wie Ihr Gegner reagiert. All das ist wichtig. Ausserdem müssen Sie bedenken, dass Sie nicht ein statisches Objekt in Bewegung setzen, sondern die Flugbahn eines Flugkörpers umkehren, der auf Sie zugeflogen kommt – im Profitennis wohlgemerkt mit einer Geschwindigkeit, bei der praktisch keine Zeit mehr für Nachdenken bleibt. Mario Ancics erster Aufschlag beispielsweise erreicht ein Tempo von etwa 210 km/h. Da die Entfernung zwischen Ancics Grundlinie und Ihnen etwa 24 Meter beträgt, bedeutet das, dass der Ball in 0,4 Sekunden bei Ihnen ist. Diese Zeit reicht nicht einmal für einen raschen doppelten Lidschlag.

Im Profitennis geht es also um Bewegungsabläufe, die so schnell sind, dass dem Spieler bewusste Entscheidungen nicht mehr möglich sind. Zeitweilig befinden wir uns eher im Bereich von Reflexen, von unbewusst ablaufenden physischen Reaktionen. Und doch hängt ein erfolgreicher Aufschlagreturn von vielen Entscheidungen und physikalischen Feinabstimmungen ab, die weitaus komplexer und gezielter sind als Blinzeln oder erschrockenes Zusammenzucken und so weiter.

Ein erfolgreicher Aufschlagreturn verlangt kinästhetisches Gespür, das heisst die Fähigkeit, den Körper und dessen künstliche Verlängerung durch komplexe, blitzschnelle Reaktionen zu steuern – also: Gespür, Antizipation, Ballgefühl, Koordination, Auge-Hand-Koordination, Bewegungsfluss, Reflexe und dergleichen mehr. Für begabte Junioren geht es bei den strengen täglichen übungen vor allem darum, die kinästhetische Wahrnehmung zu verfeinern. Trainiert werden sowohl Muskeln als auch neurologische Strukturen. Wer tagaus, tagein Tausende von Bällen schlägt, entwickelt die Fähigkeit, durch Gespür und Ahnung etwas zu bewältigen, was mit bewusstem Denken nicht möglich ist. Diese repetitiven übungen mögen auf einen Aussenstehenden vielleicht langweilig oder gar brutal wirken, aber der Aussenstehende weiss nicht, was im Spieler vorgeht – kleinste Adjustierungen und ein immer ausgeprägteres Gespür dafür, was dabei anders wird, selbst wenn es sich aus dem normalen Bewusstsein immer weiter entfernt.

Weil das nur mit viel Zeit und Disziplin erreicht werden kann, fangen Top-Tennisspieler meist schon früh an, ihr Leben dem Tennissport zu widmen, allerspätestens als Teenager. Roger Federer beispielsweise gab mit 13 den Fussball und eine normale Kindheit auf und besuchte das Nationale Leistungszent-rum in Ecublens. Mit 16 verliess er die Schule und begann seine internationale Karriere. Nur Wochen später gewann er den Wimbledon-Juniorentitel. Natürlich erreicht nicht jeder konzentriert trai- nierende Jugendliche dieses Ziel. Da- für braucht es mehr als nur Zeit und Training – eben Talent. Der Betreffende muss über ausserordentliche kinästhetische Fähigkeiten verfügen, nur damit sich das jahrelange Training gelohnt hat.

Technisch liesse sich Federers Herrschaft also damit erklären, dass er kinästhetisch etwas begabter ist als seine Konkurrenten. Nur ein kleines bisschen begabter, denn jeder unter den Top 100 ist hinreichend begabt, aber wie gesagt, beim Tennis geht es um Zentimeter.

Physikstunde

Diese Erklärung ist plausibel, aber unvollständig. 1980 wäre sie vermutlich nicht unvollständig gewesen. Doch im Jahr 2006 stellt sich durchaus die Frage, warum es noch immer auf diese Sorte Talent ankommt. Erinnern wir uns an das Dogma und an Wimbledon. Wie gross sein kinästhetisches Talent auch ist, Roger Federer dominiert das grösste, stärkste, fitteste, besttrainierte Feld im Profi-Herrentennis aller Zeiten, in dem Rackets verwendet werden, von denen es heisst, sie hätten die feineren Ausprägungen der Kinästhesie überflüssig gemacht – so als wollte man während eines Metallica-Konzerts Mozart pfeifen.

Wir sind im zweiten Satz des Finals. Nadal führt 2:1, und er schlägt auf. Federer hat den ersten Satz zu null gewonnen, doch dann liess er ein wenig nach, wie das manchmal bei ihm vorkommt, und rasch liegt er ein Break zurück. Nadal schlägt sehr viel härter auf als in Paris, und dieser Aufschlag geht in die Mitte. Federers Vorhand fliegt hoch über das Netz, unerreichbar für Nadal. Der Spanier schlägt nun eine charakteris-tisch schwere Topspin-Vorhand tief auf Federers Rückhand, Federer antwortet mit einer noch extremeren Topspin-Rückhand, ein Ball fast wie auf einem Ascheplatz. Nadal weicht etwas zurück, antwortet mit einem flach und hart geschlagenen Ball, der knapp hinter dem Aufschlaglinien-T auf Federers Vorhandseite landet. Gegen die meisten anderen Gegner könnte Federer diesen Ball einfach wegtun und den Punkt gewinnen, doch Nadal ist ja deswegen ein so unangenehmer Gegner, weil er schneller ist als die anderen, weil er all die Bälle erreicht, die sie nicht erreichen. Und so schlägt Federer einfach eine flache Vorhand cross. Nadal muss den Ball mit der Rückhand nehmen, schlägt ihn aus dem Lauf heraus hart auf Federers Rückhand, Federer schlägt ihn mit Slice zurück, langsam und mit Spin, sodass Nadal an dieselbe Stelle zurückkehren muss. Er gibt den Ball zurück – drei Schläge jetzt alle im selben Winkel, und wieder schlägt Federer den Ball mit Slice zurück, diesmal noch langsamer, Nadal schlägt den Ball mit einer beidhändigen Rückhand zurück, wieder in die gleiche Richtung, er scheint jetzt in der Rückhandecke Wurzeln zu schlagen, läuft zwischen den Ballwechseln nicht mehr in die Mitte der Grundlinie zurück, Federer hat ihn ein wenig hypnotisiert. Federer schlägt nun eine extrem harte Rückhand mit tiefem Topspin in Nadals Vorhandecke, Nadal erwischt den Ball und schlägt ihn cross, Federer antwortet mit einer noch härteren cross geschlagenen Rückhand bis zur Grundlinie, Nadal schlägt den Ball wieder in Federers Rückhandecke und läuft schon zur Mitte zurück, während Federer nun eine völlig andere Rückhand schlägt, cross, aber sehr viel kürzer und in einem steileren Winkel, den niemand erwarten würde, schwer und mit so viel Topspin, dass der Ball knapp an der Seitenlinie landet und hart wegspringt, Nadal kommt nicht mehr heran. Ein spektakulärer Winner, ein Federer-Moment. Wer diese Szene live verfolgt hat, konnte aber auch sehen, dass Federer den entscheidenden Schlag mit vier oder fünf Schlägen vorbereitet hat. Alles, was nach dem ersten longline Slice kam, sollte Nadal einlullen und seinen Rhythmus stören, ihn aus der Balance bringen und schliesslich diesen letzten, unglaublichen Ball ermöglichen, der ohne extremen Topspin nicht denkbar gewesen wäre.

Das heutige Power-Grundlinienspiel zeichnet sich durch extreme Topspin-Schläge aus. Doch warum Topspin eine so grosse Rolle spielt, kann kaum jemand sagen. Bekannt ist, dass Hightech-Schläger dem Ball ein viel grösseres Tempo geben, so wie Aluminium-Baseballschläger im Gegensatz zu den guten alten Holzschlägern. Doch dieses Dogma ist falsch. Tatsächlich ist es so, dass, bei gleicher Bespannungstärke, Grafit-Composite-Schläger leichter sind als Holzschläger. Die modernen Rackets sind also um einiges leichter, und der Kopf ist mindestens einen Zoll breiter als bei den alten Kramer und Maxply. Entscheidend ist die Breite. Bei einem breiteren Schlägerkopf ist die Bespannungsfläche und damit auch der «Sweetspot» grösser. Bei einem Composite-Racket muss man den Ball nicht exakt in der geometrischen Mitte der Bespannungsfläche treffen, um ein hohes Tempo zu produzieren, oder genau den richtigen Punkt, um ihn mit Topspin zu schlagen, ihm einen Drall zu geben, den man erhält, wenn man den Ball mit leicht schräg gehaltenem Racket «bürstet», statt ihn flach zu schlagen. Mit Holzschlägern war das schwer zu erreichen, weil sie einen kleineren Kopf und einen kümmerlichen «Sweetspot» hatten. Mit den leichteren Composite-Rackets, die einen breiteren Kopf haben, kann man den Ball mit mehr Topspin schlagen – und je mehr Topspin man ihm gibt, desto härter kann man ihn schlagen, weil die Fehlertoleranz grösser ist. Topspinbälle fliegen hoch über das Netz, sie beschreiben einen scharfen Bogen und kommen in der gegnerischen Hälfte schnell herunter.

Die Topspin-Revolution

Grundsätzlich kann man also sagen, dass Composite-Rackets Topspin und da-mit wesentlich schnellere und härtere Grundlinienschläge ermöglichen als noch vor zwanzig Jahren. Heutzutage kann man viele Profis sehen, die durch die Wucht ihrer Schläge vom Boden hochgerissen werden, was man seinerzeit nur bei Jimmy Connors sah.

Connors war übrigens nicht der Vater des Power-Grundlinienspiels. Gewiss, er drosch von der Grundlinie mächtig auf die Bälle ein, aber seine Grundlinienschläge waren flach und ohne Spin und gingen knapp über das Netz. Auch Björn Borg war kein wahrer Grundlinienspieler. Borg und Connors spielten spezielle Varianten des klassischen Grundlinientennis, das sich als Gegengewicht zu dem noch klassischeren Serve-und-Volley-Spiel entwickelt hatte, welches das Herrentennis jahrzehntelang beherrschte und dessen grösster moderner Vertreter John McEnroe war. Der Leser weiss das alles wahrscheinlich, und vielleicht auch, dass McEnroe Borg entthronte und dann das Herrentennis mehr oder weniger dominierte, bis in der Mitte der Achtzigerjahre (a) die ersten modernen Composite-Rackets auftauchten und (b) Ivan Lendl, der mit einem dieser modernen Schläger spielte und der wahre Vater des Power-Grundlinienspiels war.

Ivan Lendl war der erste Top-Profi, der Spielweise und Taktik an den spezifischen Eigenschaften des Composite-Rackets ausrichtete. Sein Ziel war es, Punkte von der Grundlinie aus zu erzielen, entweder durch Passierschläge oder direkte Winner. Seine Waffe waren seine Grundlinienschläge, vor allem seine Vorhand, die er wegen des Topspins mit beeindruckender Härte schlagen konnte. Mit seiner Kombination aus Tempo und spektakulärem Topspin trug Lendl ganz wesentlich zum Heraufkommen des Power-Grundlinienspiels bei. Die Physik des aggressiven Tennis veränderte sich dadurch komplett. Jahrzehntelang wa-ren es angeschnittene Bälle gewesen, die das Serve-and-Volley-Spiel so tödlich gemacht hatten. Je näher ein Spieler am Netz ist, desto offener ist das gegnerische Feld – der klassische Vorteil des Volleys bestand darin, dass man Bälle in einem Winkel schlagen konnte, die, von der Grundlinie oder Feldmitte geschlagen, weit im Aus gelandet wären. Ein Grundlinienschlag mit extremem Topspin eröffnet aber ähnliche Vorteile, zumal wenn der Ball nicht ganz so langgeht – je kürzer der Ball, desto mehr Möglichkeiten. Tempo, Topspin und aggressive Grundlinienschläge: Und siehe da, wir haben das Power-Grundlinienspiel.

Nicht, dass Ivan Lendl ein unsterbliches Tennisgenie gewesen wäre. Er war einfach der erste Top-Spieler, der demonstrierte, was man mit Topspin und schierer Kraft von der Grundlinie aus erreichen konnte. Und das konnte man kopieren, genau wie das Composite-Racket. Abgesehen von Talent und Training, waren vor allem Gewandtheit, Kampfgeist, überragende Kraft und Kondition gefragt. Das Ergebnis ist das Herrentennis, wie es seit zwanzig Jahren gespielt wird – immer grössere, stärkere, fittere Spieler produzieren beispielloses Tempo mit Topspin, versuchen, den kurzen oder schwach geschlagenen Ball zu forcieren, den sie zum Punktgewinn verwandeln können.

Das klassische Power-Grundlinienspiel ist also keineswegs langweilig – gewiss nicht im Vergleich zum altmodischen Serve-and-Volley oder den ermüdenden Grundlinienduellen von einst. Doch es ist relativ statisch und begrenzt. Es ist nicht, wie Tennisgurus seit Jahren befürchten, der Endpunkt des Tennissports. Das beweist Roger Federer.

Das ist wichtig. Neutrale Beschreibungen lassen das ausser Acht. Sexy Attribute wie Ballgefühl und Finesse sollten nicht missverstanden werden. Bei Federer gibt es kein Entweder-oder. Federer spielt seine Grundlinienschläge genauso hart und dynamisch wie Lendl und Agassi, und gegen Nadal kann er sogar vom hinteren Feld aus punkten. Falsch und befremdlich am Wimbledon-Dogma ist die Trauer, die da mitschwingt. Finesse und Feingefühl sind im Zeitalter des Power-Grundlinienspiels keineswegs out. Wir befinden uns 2006 noch immer in diesem Zeitalter: Roger Federer ist ein erstklassiger, kraftvoller Power-Grundlinienspieler, aber noch viel mehr. Da ist seine Intelligenz, seine phänomenale An-tizipation, sein Gefühl für den Platz, sein Talent, den Gegner zu lesen und zu dominieren, Spin und Tempo zu kombinieren, zu täuschen, taktische Voraussicht und Planung und kinästhetische Fähigkeiten einzusetzen, statt nur schieres Tempo – all das hat die Grenzen und Möglichkei-ten des Herrentennis von heute deutlich vor Augen geführt.

All das klingt natürlich furchtbar überkandidelt und nett, doch wir sollten wissen, dass bei Roger Federer nichts überkandidelt oder abstrakt ist. Oder nett. So wie Lendl auf nachdrückliche Weise seine Lehren erteilte, so führt Roger Federer vor, dass Geschwindigkeit und Stärke des modernen Herrentennis nur das Skelett sind, nicht das Fleisch. Federer verkörpert, im übertragenen Sinne und buchstäblich, das Herrentennis, und zum ersten Mal seit Jahren ist die Zukunft des Tennis nicht vorhersagbar. Sie hätten die diesjährigen Wimbledon-Junioren sehen sollen! Drop-Volleys und kombinierte Spins, variantenreiche Aufschläge, drei Spielzüge im Voraus geplant – neben den üblichen Stöhnern und völlig verschlagenen Bällen. Ob sich unter den Junioren ein künftiger neuer Federer befand, war natürlich nicht zu erkennen. Das Genie lässt sich nicht kopieren. Aber Inspiration ist ansteckend und vielfältig – und mit eigenen Augen zu sehen, wie Power und Aggression gegenüber Schönheit nichts vermögen, ist inspirierend und versöhnend. ·

© NY-Times Von David Foster Wallace zuletzt bei Kippenheuer & Witsch auf Deutsch erschienen: «In alter Vertrautheit. Stories» Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork

Die Diskussion

4 Reaktionen

  1. Ziad Accaoui

    wie konnte man diesen artikel einfach unkorrigiert und unaktualisiert vom letzten sommer übernehmen? er enthält schlichtweg mehrere fehler, ist widersprüchlich und obendrein auch noch langweilig. zudem haben sie ihn nicht einmal selbst geschrieben. ist dieses journalistische debakel ihr niveau? es ist schon merkwürdig, wie sich die medien beim thema federer selber lächerlich machen, indem sie ihn entweder zum sport-jesus hinaufstilisieren oder wiederum seine entzauberung predigen und seinen niedergang voraussehen. beides zeugt von inkompetenz und narzissmus. federers erfolg hat einige offensichtliche gründe, aber auch (umso faszinierendere!) ursprünge, die man nicht auf den ersten blick sieht und die ein fähiger sportjournalist indes problemlos und umfassend in einen spannenden dreiseiter packen könnte. sie unterschätzen den sport gehörig, wenn sie glauben, irgendjemand könne über ihn schreiben, ahnungslos zwar, dafür immerhin mit leidenschaft. schuster, bleib bei deinem leistenbruch.

  2. Finn Canonica

    Es ist ein bisschen billig, einfach zu behaupten, der grossartige Artikel von David Foster Wallace enthalte Fehler. Welche denn?

  3. Ziad Accaoui

    1) Die Beschreibung des Ballwechsels Federers gegen Agassi: Wenn Federers Passierball aus der linken Ecke longline an Agassi vorbeifliegt, so landet er kaum in dessen Rückhand-, sondern logischerweise in der Vorhandecke.
    2) Der tragische Tod Carters hat Federer mitnichten aus der Bahn geworfen und ihn danach auch noch zu dem gemacht, was er nun ist. Carter war ein Freund, aber geliebt? Ausserdem seit mehreren Jahren gar nicht mehr sein Trainer. 3) Im Männersport rede niemand "über Schönheit oder Anmut oder den Körper"? Worüber spricht man denn sonst? Lesen Sie Tennismagazine (z.B. das textlich als auch photographisch fantastische "Tennis Magazine" aus Frankreich)? Haben Sie schonmal mit den Herren Günthard oder Lendl oder McEnroe über Federer gesprochen? Das sind Leute, die sich gerne in diesen Kategorien über Federer auslassen. Ganz abgesehen von Stammtischgesprächen. Von Fahnen und Kriegsbemalung habe ich allerdings noch nie ein Wort vernommen. Scho guet. 4) Der Grund für Wimbledons Langsamkeit ist nicht das Ausdörren des Rasens an der Sonne, sondern war eine bewusste Entscheidung der Organisatoren, um mehr Ballwechsel zu ermöglichen. Die hat man mit Änderungen in der Ballbeschaffenheit und in der Rasenlänge erreicht. Wenn Sie heuer die Plätze mit früher vergleichen, sehen Sie, dass sie um das T noch immer grün sind, auch nach 2 Wochen: Es gibt in Wimbledon kein Serve-and-Volley mehr. Nur so hat es Nadal zweimal in Folge ins Finale gebracht. 5) Nadal spielt zwar mit links, ist jedoch genauso wie Federer ein Rechtshänder. Okay, ein Detail, aber ob Rechts- gegen Linkshänder dem Vergleich mit Apoll und Dionysos standhält? 6) Durch den Münzwurf wird nicht der Aufschläger ermittelt, sondern der Gewinner der Wahl von Aufschlag oder Return. Der Verlierer wählt die Seite. 7) Federers Slice springt auch auf Rasen höher als bis zum Knöchel, und sein Aufschlag ist zwar variantenreicher, aber nicht schneller als derjenige der anderen. Eine Übertreibung folgt der anderen. 8) Tennis in live sieht keineswegs realer und schwieriger aus als im TV. Im Gegenteil: Durch die Präzision und Schnelligkeit der Spieler fällt nur auf, wie einfach Tennis doch sein könnte. Auch ist der Treffpunkt des Balles viel leiser als im Fernseher. 9) Zitat: "Federers Vorhand fliegt hoch über das Netz, unerreichbar für Nadal. Der Spanier schlägt nun eine charakteris-tisch schwere Topspin-Vorhand tief auf Federers Rückhand,…" Wie kann Nadal zurückspielen, wenn Federers Ball unerreichbar war? 10) Zitat (aus der Beschreibung eines bestimmten Ballwechsels im letztjährigen Wimbledon-Finale): "Federer schlägt ihn mit Slice zurück, langsam und mit Spin, sodass…" Also entweder hat der Ball Slice oder Spin! Zu deutsch: Das eine schliesst das andere aus. 11) Niemand kann genau sagen, warum heute der Topspin eine so grosse Rolle spielt?! Ein Experte würde nie eine solche hinten und vorne falsche Behauptung aufstellen. Denn erstens spielt Topspin allerspätestens seit Vilas eine grosse Rolle, und seine Wirkung ist jedem Spieler bekannt. Interessant wäre zu erfahren, welche Spieler mit wieviel Spin spielen, denn dies ist völlig unterschiedlich. Man vergleiche James Blake mit Nadal und denke an die US Open. 12) Zitat: "Tatsächlich ist es so, dass, bei gleicher Bespannungstärke, Grafit-Composite-Schläger leichter sind als Holzschläger. Die modernen Rackets sind also um einiges leichter, und der Kopf ist mindestens einen Zoll breiter als bei den alten Kramer und Maxply." Falsch. Das trifft zwar auf käufliche Hobbyschläger zu, aber heutige Profischläger sind mitnichten leichter als die alten Holzschläger – sie sind zwar grösser, aber vor allem sehr viel steifer. Das ist ja gerade der Witz (der aus marketingtechnischen Gründen natürlich verschwiegen wird: man wird NIE das Originals eines Profis kaufen können – denn damit kann eh kein Schwein spielen): Die Profis haben so viel Kraft, dass sie ihre präparierten Schläger bis zu 400 Gramm schwer machen lassen (teilweise sichtbar mit Bleibändern). Wenn man die nötige Kraft hat, kann man hiermit freilich mehr Beschleunigung erreichen. Und da Wettkampfschläger grifflastig sind, werden sie öfters vor allem am Kopf beschwert, um den Hammer-Effekt zu erzielen. 13) Zitat: " …und je mehr Topspin man ihm gibt, desto härter kann man ihn schlagen, weil die Fehlertoleranz grösser ist." Jein. Entweder geht der Schub in den Spin oder nach vorne. D.h. wenn Sie Spin machen, MÜSSEN Sie auch härter schlagen, denn Spin-Bälle sind sonst weiche, ungefährliche Bälle. Da nützt die Fehlertoleranz einen lauen Furz. Die Kunst von Nadal ist die Kombination von Spin (teilweise sogar mit seitlichem Drall – ein Novum, für das Herr Wallace blind war) und Tempo. 14) Zitat: "Der Leser weiss das alles wahrscheinlich, und vielleicht auch, dass McEnroe Borg entthronte und dann das Herrentennis mehr oder weniger dominierte, bis in der Mitte der Achtzigerjahre (a) die ersten modernen Composite-Rackets auftauchten und (b) Ivan Lendl, der mit einem dieser modernen Schläger spielte und der wahre Vater des Power-Grundlinienspiels war." McEnroe war einer der ersten (ab 1983), der mit einem Graphit-Schläger spielte (Dunlop Max 200g, später das Gerät von Geffi Straf). Dieser Schläger war mit Sicherheit nicht leichter zu spielen als Lendls Adidas (der vorher von Kneissl produziert worden war und mit dem später auch Becker spielte, bevor dieser zu Puma wechselte), der wiederum nur steifer als ein Holzschläger war. Wir erinnern uns: Holzschläger konnten sich wüst verziehen. Das geschah nun nicht mehr. Aber das Gewicht war nach wie vor sehr hoch und der Sweetspot nur minim grösser. Ein grosser Sweetspot verringert nämlich die Kontrolle – für einen Profi mit gewissen "Gewohnheiten" durchaus ein Kriterium. Die Rahmenflächen figurierten nämlich auch nun nur um die 80 bis 85 Quadratzoll. Lendl war nie und nimmer der wahre Vater des Power-Grundlinierntennis, denn er spielte nicht speziell schnell (dafür war er als erster ungeheuer diszipliniert und ausdauernd). Das wäre dann schon eher Boris Becker, der eine wahre Power-Revolution auslöste. 15) Insegsamt können Sie mir Kleinkarriert- und Detailversessenheit vorwerfen. Aber wenn man u.a. schon den Aquinaten ins Feld führt (viel besser wäre Kants Ding an sich gewesen, das man letztlich nie erfassen kann), um mit einem Text die Ästhetik des Tennis zu ergründen, was ja gemäss dem Text selber textlich gar nicht möglich ist, ja dann sollte man schon etwas mehr Genauigkeit mitbringen.
    Ich hoffe, das war nun doch nicht so billig.

  4. Christian Haberbeck

    Ich bin schwer beeindruckt. Sie sollten sich bei der FCU bewerben, der Fact Checkers Unit, Portrait unter dem Link:
    http://medienlese.com/2008/09/16/kurzfilm-fact-checkers-unit/#more-5013

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