Sam Keller, Teil 4

Grosse Namen – Starkult mag einem Künstler helfen – nicht aber der Kunst, sagt Art-Basel-Direktor Sam Keller.

01.07.2007 von Miklós Gimes

Der Schweizer Kunstmarkt gehört zu den fünf grössten der Welt. Warum?
Weil unsere Galerien und Kunsthändler es schaffen, sich trotz dem kleinen Heimmarkt international durchzusetzen. Das geht nur über persönliche Beziehungen, die man in Kleinarbeit aufbauen muss. Den Galerien und ihrem Umfeld ist auch zu verdanken, dass Schweizer Künstler nicht auswandern müssen.

Wie gross ist eigentlich die Gemeinde der Kunstsammler?
Ein paar Tausend Menschen in der ganzen Welt. Wenn Sie wissen wollen, wie viele Leute Kunstwerke in Millionenhöhe kaufen, schrumpft die Zahl auf eine überschaubare Gruppe. Die Welt der seriösen Sammler ist nicht riesig, aber sie wächst.

Gibt es reine Sammler? Denkt heute nicht jeder, der Kunst kauft, dass sie auch eine Anlage sein könnte?
Ob es die reinen Seelen je gegeben hat, bezweifle ich. Geld hat in der Kunst immer eine Rolle gespielt, wobei im Moment zu viel von Geld geredet wird. Wir leben eben in Zeiten des Homo oeconomicus; alles wird daran gemessen, was es bringt, was es kostet.

Wie funktioniert eigentlich der Kunstmarkt? Gibt es einflussreiche Player?
Für Manipulationen ist der Markt zu gross und zu komplex. Aber es gibt clevere Leute, die den Markt gut kennen und die Trends riechen. Es gibt auch Moden, der Markt ist nicht objektiv, er übersieht immer wieder gute Arbeiten. Hohe Preise sind nicht immer mit künstlerischer Qualität gleichzusetzen.

Haben Künstler, die bei kleinen Galerien unter Vertrag sind, überhaupt eine Chance?
Kleine Galerien haben heute sogar grössere Chancen, weil der Markt wächst.
Aber an die Art Basel wurden vor allem die etablierten Galerien eingeladen.
Die Art Basel ist die Champions League der Kunst und nicht ein Juniorenturnier. Ich gebe zu, dass wir ab und zu gute Künstler übersehen, aber umgekehrt gibt es auf der ganzen Welt nirgendwo eine Konzentration von so viel guten Künstlern wie an der Art Basel.

Wer sagt denn, was gute Kunst ist? Hört man heute noch auf Kritiker?
Die Bedeutung der traditionellen Kunstkritik hat abgenommen. Heute sind es vor allem Galerien, Kuratoren und Sammler, die Einfluss auf Künstlerkarrieren haben. Zusammen mit den Kritikern definieren sie, was gute Kunst ist. Darum ist die Definition von Kunst ein fortlaufender Prozess. Picasso hat einmal gesagt, wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es niemandem sagen.

Gibt es denn keine objektiven Kriterien, um die Arbeiten zu beurteilen?
Doch, das ist ja das Erstaunliche. Es gibt einen Konsens, was Kunst ist. Plötzlich finden viele Menschen ein Werk besser als ein anderes. Dieser Wahrnehmungsprozess hat viel mit Wissen und Erfahrung zu tun.

Sind Künstler Stars? Deren Image scheint immer wichtiger zu werden.
Die meisten sind keine Stars. Aber wenn Damien Hirst in London ausstellt, stehen die Leute an wie bei einem Rockkonzert. Damien Hirst ist ein Star.

Er steht für das Image des bösen Jungen, des Rebellen. Verkauft wird mit der Kunst auch eine Haltung.
Neu ist das nicht. Dalí, Picasso, Warhol waren viel grössere Stars als die Künstler der heutigen Szene. Verändert hat sich, dass die Medien mehr berichten.

Verlangt der Markt vom Künstler Starqualitäten?
Kurzfristig kann der Starkult helfen. Langfristig verliert der Künstler mehr, als er gewinnt. Wer dauernd im Schaufenster ist, verbraucht sich. Es kann in der Kunst nicht darum gehen, ein Starsystem zu bedienen.

Worum geht es denn?
Um Freiheit.

Bild: Helmut Wachter
Bild: Helmut Wachter

Kommentar Schreiben

Nur angemeldete Benutzer können Kommentare schreiben.