Schindlers List

In Ebikon hat der Weltkonzern Schindler das Sagen. Keiner wehrt sich, als die Firma dem Dorf eine gigantische Shoppingmall bescheren will. Keiner? Ein Mann gibt nicht auf.

21.11.2008 von Michael Soukup , 6 Kommentare

Es war einmal ein kleines idyllisches Dorf – so könnte das Märchen anfangen. Es würde in Ebikon spielen, diesem Dorf im Rontal, und natürlich gäbe es Helden und Schurken und ein märchenhaftes Versprechen, das erst wahr werden kann, wenn Gut gegen Böse kämpft und am Ende siegt. Nur leider ist es nicht wie im Märchen, obwohl Ebikon tatsächlich Märchenhaftes versprochen wurde: Es beginnt damit, dass Ebikon längst kein Dorf mehr ist, sondern ein vom Architekturkrebs zerfressener Agglo-Vorort von Luzern – eine vierspurige Hauptstrasse mit unzähligen Ampeln, Garagen, Tankstellen, Einkaufszentren und Wohnblöcken haben die Idylle in den letzten Jahrzehnten kaputt gemacht. Trostlos sieht es im Zentrum des 12 000-Seelen-Fleckens aus. Selbst die Ebikoner reden der vielen Rotlichter wegen spöttisch von «Amplikon» oder vom Las Vegas Luzerns.
Und doch schwebt über ihm dieses Versprechen.
«Ebisquare eröffnet Ebikon eine einmalige Chance. In einer Zeit, wo die Flaggen der Wirtschaft auf Halbmast stehen, Arbeitsplätze verloren gehen, offeriert Schindler eine Perspektive für die Zukunft. Ebisquare wird mit einer Vielzahl von Freizeit- und Wellnessangeboten, Raum für öffentliche Nutzungen und attraktiven Einkaufsmöglichkeiten unser Leben bereichern. Ebisquare wird neue Arbeitsplätze schaffen, die Wirtschaft beleben, zusätzliche Steuereinnahmen bewirken und uns allen mehr Lebensqualität bringen. Wir wollen diese Chance nutzen.» (Proebikon – Überparteiliches Komitee für die Zukunft von Ebikon)
Ebisquare: Auf einer 80 000-Quadratmeter-Wiese im Brachland zwischen Ebikon und der Nachbargemeinde Dierikon soll eine Goldgrube entstehen, ein riesiges Einkaufs- und Erlebniszentrum. Elf Fussballfelder gross, eine der grössten Shoppingmalls der Schweiz. «Eine Welt der Wunder, des Staunens, des Verweilens».
Damit endet das Märchen schon – vorerst. Denn noch währt der Kampf, noch ist nicht einmal ganz klar, wer hier aus welchen Motiven und mit welchen Mitteln kämpft. Und vor allem: Wer ist der Gute, wer der Böse im Spiel? Also lieber schauen, was bisher geschah.
Die Idee zu Ebisquare hatte Schindler Aufzüge AG, der weltweit grösste Rolltreppen-Hersteller und zweitgrösste Produzent von Aufzugsanlagen. 13,8 Milliarden Franken Umsatz und 45 000 Mitarbeiter in über 130 Ländern – rund 1700 davon in der Zentrale in Ebikon. «Schindler ist der einzige Innerschweizer Weltkonzern», heisst es im Gemeindehaus von Ebikon. Es gibt gar eine Strasse, die nach dem CEO und Chairman benannt ist, die Alfred-Schindler-Strasse. In Ebikon sagt Schindler, wo es langgeht.
Nach Rationalisierungsmassnahmen und Arbeitsplatzverlagerung ins Ausland blieb dem Konzern in Ebikon ein Grundstück, das es für seine Produktion nicht nutzen konnte. Anfang 2000 beschloss Schindler deshalb, das Riesengelände zu Geld zu machen. Mindestens 200 Millionen Franken wollte man aus seinen weltweiten Landverkäufen lösen, den Hauptanteil in Ebikon. Aber «ohne konzeptionelle Entwicklung ist der Landwert sehr gering», räumte damals Stephan Jud, Direktor und «Konzern-Treasurer» Schindlers ein. Er ist verantwortlich für die Bereiche «Financial& Liability, Liquiditätsplanung, Währungsrisiko-Management, interne Finanzierung der Tochterunternehmen». Da kam man auf die Idee, das Grundstück «zu entwickeln»: eine gigantische Shoppingmall zu bauen.
Nun will keine Gemeinde, nicht einmal Ebikon, ein weiteres halb leeres Betonmonstrum herumstehen haben. Schindler gelang es trotzdem, den Gemeinderat und die Bevölkerung zu überzeugen. Hier, «in der Peripherie der weltbekannten Touristenstadt Luzern und damit mitten in Europa», würde eine «Touristenattraktion mit internationaler Ausstrahlung» entstehen, schwärmten sie. Kosten des Urban Entertainment Center: 600 Millionen Franken. Das ist fast dreimal so viel wie Jean Nouvels Kulturpalast KKL in Luzern.
Ebisquare soll das Innerschweizer Gegenstück zu Zürichs Sihl-City und Berns Westside werden. Mit 40 000 Quadratmeter Ladenfläche ist es sogar noch ein Drittel grösser geplant als Westside. Pro Tag rechnen die Planer mit 10 000 Besuchern, pro Jahr mit drei Millionen Autos. An der Pressekonferenz im Oktober 2001 erklärte der Projektleiter, Klauspeter Nüesch, dass gar eine Öffnung des Militärflugplatzes Emmen für Business-Flüge ein zusätzlicher Erfolgsfaktor wäre. «Es gibt in der Schweiz wenig so gut gelegene und so gut erschlossene Gebiete wie das Rontal.»
Was er nicht sagte: Nur jede Stunde fährt von Luzern eine S-Bahn nach Ebikon, und der Abendbus ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt.
Schindler spekulierte darauf, dass der Kanton Luzern eine Vorschubinvestition leisten würde: in Form des Rontaler-Autobahnzubringers für 100 Millionen Franken – das teuerste Bauprojekt des Kantons. Ohne ihn würde Ebisquare niemals gebaut werden.
Klauspeter Nüesch ist dipl. Architekt ETH, M.B.A. Insead, Oberst a. D., Ex-McKinsey-Berater, seit 1990 im Schindler-VR und Chef der Nüesch Development. Der «Developer» leitete das Schindler-Projekt – parallel zum Westside Center. Seine Mission sieht er darin, unterentwickelte, aber verkehrstechnisch gut erschlossene Standorte zu finden, um dort neue Erlebnis- und Shoppingmalls zu bauen. Nüesch schreibt über Nüesch auf seiner Firmen-Website: «Visionen hat man keine oder man hat sie.»
Eine an die Ebikoner verteilte Broschüre liest sich wie aus einem Sciencefiction-Roman: «Vergessen Sie alles, was Sie über Einkaufszentren gewusst haben. Die innovative Gestaltung der Mall als Landschaftsraum nimmt die Zukunft vorweg. Sie schafft – weltweit erstmalig – mittels wechselnd bespielter Räume Erlebnisse, welche die spezielle Identität und Atmosphäre des Ortes prägen. Der Rundgang durch Ebisquare ist wie ein Spaziergang durch die freie Natur und gleichzeitig das Flanieren durch eine Stadt.»
Auch Peter Mühlemann hat seine Vision online aufgeschaltet: «Die Erde hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.» Ein Zitat Mahatma Gandhis.
Mühlemann hat als Treffpunkt den Trumpf Buur gewählt. Die Wirtschaft liegt oberhalb des Rontals auf einem der noch weitgehend unbebauten Hügelzüge. Gleich hinterm Haus führt ein Weg in den fast stillen Wald. In die holzgetäfelte Gaststube tritt ein älterer Mann mit grau meliertem Haar und einem Strickcardigan. «Die Gewinnmaximierung dominiert die Strategien der Konzerne und der Finanzwirtschaft», hebt er an, während er einen Café crème bestellt. «Ich glaube den Ebisquare-Promotoren kein Wort mehr. Ihnen geht es alleine um die Maximierung des Gewinns.»
Peter Mühlemann ist es gewohnt, gleich zur Sache zu kommen. Seine Sache: die Verhinderung von Ebisquare. Er ist der grösste Gegner des Shoppingcenter-Projektes. Und er ist SVPler und Mitglied des fünfköpfigen Gemeinderats von Ebikon. «Ich äussere hier nur meine persönliche Meinung», schiebt der 60-Jährige hinterher. Die äussert er zum grossen Missfallen seiner Kollegen aus der CVP (2), FDP (1) und SP (1). Denn der Gemeinderat steht geschlossen hinter Ebisquare.
Kurz vor der Abstimmung zum Bebauungsplan Ebisquare erschien im Februar 2005 ein ausserordentliches Interview. Ausserordentlich, weil das gewerbefreundliche Gratisblatt «Rigi Anzeiger» seine Informationspflicht wahrnahm. Und nicht der regionale Matador, die NZZ-Tochter «Neue Luzerner Zeitung». Ausserordentlich, weil sich erstmals ein Ebikoner Exekutivvertreter öffentlich und kritisch zum Projekt äusserte. In dem Interview sagte Mühlemann: «Als Wirtschaftsfachmann vertrete ich die Meinung, dass eine langsam wachsende, lokale Wirtschaftsstruktur mit vielen kleinen Unternehmen zu besserer Beschäftigungslage und Lebensqualität führt als eine hingeklotzte Mammut-Investition.» Auf die Frage, ob die Befürworter etwa «gekauft» seien, sagte er ebenso offen: «Schaut man sich die Namensliste von ‹Proebikon› genauer an, fällt die direkte Nähe zum Konzern auf. Viele Komiteemitglieder waren oder sind Schindler-Angestellte.» Tatsächlich finanzierte der Liftkonzern das «Überparteiliche Komitee für die Zukunft von Ebikon», dem die Präsidenten der CVP, FDP und des Gewerbevereins vorstanden.

Eine unmoralische Anfrage
Die Bombe war geplatzt. Die Befürworter von Ebisquare holten zum Gegenschlag aus. «Kurz nach dem Erscheinen des Interviews bekam meine Ex-Frau einen sonderbaren Anruf aus dem Vorzimmer Stephan Juds», erzählt Mühlemann. Der Konzern-Treasurer Schindlers war inzwischen auch der Verwaltungsratspräsident von Ebisquare. «Man fragte meine frühere Ehefrau, ob sie nicht bereit wäre, einen negativen Artikel über mich zu veröffentlichen.» Er sollte im Gratisanzeiger «Rontaler», dem offiziellen Mitteilungsorgan der Gemeinde Ebikon, erscheinen. Sie lehnte ab.
Peter Mühlemann ist geschieden und lebt zusammen mit seiner 18-jährigen Tochter. «Die Trennung war heftig, aber korrekt.» Er scheint kein Mann der grossen Gefühle und Gesten zu sein. Warum bloss hat er seine Kollegen im Gemeinderat nicht über die Attacken auf ihn informiert? «Vielleicht wollte ich nicht als Jammerlappen dastehen.» Doch dann bricht es aus ihm heraus: «In mir kochte es richtig. Mit was für Methoden kämpfen die eigentlich?»
Nicht mal Stephan Jud sprach er darauf an. Dabei wäre das ein Leichtes gewesen. Immerhin haben beide ihr Segelschiff im gleichen Hafen am Vierwaldstättersee liegen. Manchmal begegnen sie sich am Samstagmorgen, dann tauschen sie ein paar höfliche Worte miteinander.
Jud sagt heute, dass Mühlemanns Anschuldigung unwahr sei. «Die Ex-Frau von Peter Mühlemann wie andere Personen auch wurden lediglich angefragt, ob sie bereit wären, einen Leserbrief zu verfassen oder ein Testimonial zugunsten von Ebisquare abzugeben», liess der Schindler-Direktor dem «Magazin» ausrichten.
Aber auch andere Stimmen aus dem Lager der Ebisquare-Kritiker sagen, sie hätten Anfechtungen erlebt. Die Ebikoner SP-Präsidentin Silvana Beeler sagte, man habe ihr zugetragen, dass wegen ihrer Ebisquare-Opposition Details aus ihrem Privatleben an die Öffentlichkeit gelangen sollten. Anders als der SVP-Politiker Mühlemann ahnt sie bis heute nicht, wer sie einzuschüchtern versuchte. Schindler erklärte, von all dem sei ihnen nichts bekannt. Die «Neue Luzerner Zeitung» berichtete nicht über die Vorfälle. Stattdessen geisselte man Mühlemann, weil er das Kollegialitätsprinzip im Ebikoner Gemeinderat nicht respektiert habe.
Auch die üblichen Verdächtigen kämpfen in Ebikon gegen das neue Einkaufszentrum, aber nur halbherzig: die SP, die Grünen und der VCS. Mühlemann jedoch ist ein ebenso entschlossener überraschender Gegner: ein alteingesessener und bekannter Ebikoner, Bauingenieur, Ex-Präsident des kantonalen Gewerbeverbandes, früherer Nationalratskandidat der SVP. Er hat die Rolle des Verhinderers übernommen. Und keiner will sie ihm streitig machen. Der VCS sagt keinen Ton, Monate vor der Abstimmung zur Abschaffung des Verbandsbeschwerderechts. Die Ebikoner Genossen haben ein Imageproblem. Sie gelten als Partei der «Hüslibsitzer», der Neuzugezogenen, die sich an den ruhigen Hanglagen breitmachen. Mal gibt man sich etwas sozial, mal etwas grün. Aber keiner traut sich, «de Grind änezhebe», wie ein enttäuschter Luzerner Grüner feststellt. Dabei habe er an den SP-Vertreter im Gemeinderat gedacht, an Bauchef Peter Schärli. Der hält zu Ebisquare und dem Gemeinderat in Nibelungentreue. «Parteihaltungen sind durch die entsprechenden Parteigremien zu kommunizieren und nicht durch die jeweiligen Gemeinderäte», liess er das «Magazin» wissen, auf die Frage, ob er als SP-Politiker das Einkaufszentrum kritisch sehe.
Auch seine Partei ging recht halbherzig in Abwehr. Denn Ebisquare würde ohne den 1,4 Kilometer langen Autobahnzubringer via Buchrain nie gebaut werden, und den wollten sie schliesslich. Eins würden sie ohne das andere aber nicht bekommen, das machte Nüesch Development vor der kantonalen Abstimmung unmissverständlich klar. «Ganz erfreulich ist, dass auch Kritiker positiv reagieren wie etwa die SP Buchrain, die Ja sagt, oder die SP Ebikon, die Stimmfreigabe beschlossen hat», freute sich ein Vertreter Nüeschs.
Sie gewannen vor drei Jahren in Ebikon die Abstimmung über den Bebauungsplan und im Kanton den über den Autobahnanschluss. Nach wie vor sind die Gegner überzeugt, dass es damals nicht mit rechten Dingen zuging. Ursprünglich hätte in Ebikon an der Gemeindeversammlung über das Schicksal Ebisquares entschieden werden sollen. In der Dreifachturnhalle der Wydenhof-Schule fanden sich 1100 Bürger ein, so viele wie nie zuvor. Schindler hatte alle seine Ebikoner Mitarbeiter per E-Mail aufgefordert hinzugehen und für die richtige Stimmung zu sorgen. «Ich war damals überzeugt, dass die Gegner Oberwasser hatten», erzählt Mühlemann. Nach einer langen chaotischen Diskussion über Rückweisungs- und Nichteintretensanträge konnten die Befürworter als Ausweg die Urnenabstimmung anbieten – und kamen damit durch. Jetzt war der Weg frei, alle Ebikoner mit einer professionellen aufwendigen Kampagne zu Freunden Ebisquares zu machen.
Und warum gibt Peter Mühlemann nicht nach, es gilt doch, den Willen des Volkes zu akzeptieren? «Der Stimmbürger hat Ja zu einem Projekt gesagt, das Ebikon angeblich beleben und aufwerten würde» – und das tue es eben gerade nicht, sagt Mühlemann. Schon 2003 hatte er öffentlich gefragt, ob Ebisquare Ebikon befruchten oder verö­den würde. «Man versprach uns eine Zürcher Bahnhofstrasse im Rontal», erinnert sich der Ebikoner CVP-Politiker und Sekundarlehrer Ubald Zemp. Sprüngli und Gucci statt Billigfachmärkte und Grossverteiler würde das Angebot von Ebisquare ausmachen, beteuerte Nüesch Development.

Ein seltsamer Investor
Im April 2007 vermeldete die «Neue Luzerner Zeitung»: Coop komme ins geplante Ebisquare – damit sei die Zukunft von Ebisquare gesichert. Dass es das Aus für das Ebikoner Hofmatt-Center bedeuten werde, schrieb die Zeitung nicht. Bereits leer steht das Wydehof-Center. Ebenso der Migros-Do it yourself gegenüber dem Bahnhof, leer seit zehn Jahren. Mit der Zusage Coops hatte Peter Mühlemann keine Zweifel mehr daran, dass die Ebisquare-Promotoren falsche Versprechen gemacht hatten. Schliesslich hatten die immer von Luxusgeschäften gesprochen. Später wurden noch Interdiscount, Ochsner Sport und Schild Mode als weitere Mieter bekannt.
Überhaupt beurteilen namhafte Branchenexperten die Erfolgschancen Ebisquares als klein. «Das Einzugsgebiet ist zu klein, und der Zentralschweizer Markt ist überdurchschnittlich gesättigt», sagt etwa Roland Zanotelli von der Basler Tivona-Gruppe. Ähnlich sieht es Thomas Hochreutener vom grössten Schweizer Marktforschungsinstitut IHA-GfK. Die Schweiz hat mit 1,8 Quadratmeter Detailhandelsfläche die höchste Verkaufsdichte pro Kopf weltweit. Noch gesättigter ist der Markt in Luzern mit dem Emmen-Center im Norden, Pilatusmarkt im Westen, Länderpark im Süden und MParc in Ebikon. Kommt dazu, dass mit der Eröffnung der durchgehenden Autobahn Zürich–Luzern zwischen Sihl-City und Ebisquare nur noch dreissig Autominuten liegen werden. Das von Proebikon an alle Ebikoner Haushalte verteilte Heftchen beruhigt: «Ebisquare soll weder die traditionellen Einkaufszentren noch die Altstadt Luzern konkurrenzieren, sondern das Angebotsspektrum der Region in den Bereichen Sport, Freizeit, Gesundheit, Schönheitspflege, Mode und Wohnbedarf sinnvoll ergänzen.»
Vor der Peitsche hat man es bei Mühlemann noch mit Zuckerbrot versucht. «Herr Jud und Herr Nüesch luden mich zum Mittagessen ein, um mir die Vorzüge ihres Projekts zu erläutern.» Als Mühlemann bereits am Telefon seine ablehnende Haltung zu Ebisquare offenlegte, verzichtete der Konzern-Treasurer darauf zu erscheinen. Mühlemann hörte sich daher alleine Nüeschs Visionen an und glaubte kein Wort. Am Schluss bestand er darauf, sein Essen selbst zu zahlen.
«Gewinnmaximierung, Abzockerei, Finanzpoker, Filz und Korruption zerstören eine anständige Wirtschaft», so starke Worte stehen jetzt auf Mühlemanns Internetseite. Er stammt selbst aus einer bekannten Baufamilie. «Bauen war schon immer in unserem Blut.» Grossvater wie Onkel hatten ein eigenes Baugeschäft, und er führte dreissig Jahre lang ein erfolgreiches Bauingenieurunternehmen. «Ich war sogar der Hoflieferant Schindlers», sagt Mühlemann, und ein feines Lächeln huscht über sein Gesicht. Schindler habe sich immer korrekt verhalten und verhält sich weiterhin korrekt, betont Mühlemann. Den Buhmann sieht er in Stephan Jud. 2002 wurde Mühlemann von den Ebisquare-Entwicklern gar zur Offertstellung der Baustatik-Arbeiten eingeladen. «Aber aufgrund der unseriösen Plangrundlage lehnte ich ab.»
Mühlemann weiss in der Sache Ebisquare genug Fachleute auf seiner Seite. Ein Dutzend Firmen, darunter die CS, UBS und eine luxemburgische Bank, prüften Ebisquare und lehnten dankend ab. Die Begründung der Credit Suisse, Sihlcity-Mitbesitzerin und grösste Bauherrin der Schweiz, lautete: «Der Markt ist zu klein, das Risiko zu gross.» Die Migros als vorgesehene Betreiberin des Spass- und Wellnessbads im Center zog sich mit der gleichen Begründung zurück; dafür stieg das Kurzentrum Rheinfelden ein.
In Ebikon ging man selbstverständlich davon aus, dass ein einheimischer Investor zum Zuge käme. So fragte ein Stimmbürger an der Podiumsdiskussion vor dem Urnengang: «Stehen die Investoren wirklich schon vor der Türe? Wie heissen sie?» Die Nüesch Development entgegnete: «Wir werden nach der Abstimmung Investoren aus der Nähe finden.» Am 18. Juli 2008 stellte Schindler endlich einen Investor vor: die La Société Générale Immobilière (L.S.G.I.). «Die wissen, wie man ein Einkaufszentrum baut», sagte Schindler-Sprecher Riccardo Biffi der «Neuen Luzerner Zeitung». Die französische Gruppe habe schon über siebzig Einkaufszentren erstellt, unter anderem in Frankreich, Belgien, Spanien und Italien. Wieder war man in Ebikon tief beeindruckt.
Für Schindler sei mit dem Verkauf der Parzelle die Akte Ebisquare erledigt, hiess es in der Zeitung weiter. Allerdings kennt man in der Schweizer Immobilienbranche L.S.G.I. nicht mal dem Namen nach. Und in den beiden grössten Wirtschaftszeitungen Frankreichs, «Les Echos» und «La Tribune», findet sich kein einziger Artikel über die Firma. Sicher ist aber, dass die Franzosen bereits mit einem sehr ähnlichen Projekt im freiburgischen Villars-sur-Glâne gescheitert sind. Mit dem 650 Millionen Franken teuren Gottéron Village hätte ein Luxus-Shoppingcenter entstehen sollen. In Freiburg war L.S.G.I. am Ende jedoch nur am Shoppingcenter interessiert und nicht bereit, auch das Schwimmzentrum und das Altersheim zu finanzieren. Erika Schnyder, Gemeindepräsidentin von Villars-sur-Glâne, ist nicht gut auf die Franzosen zu sprechen: «L.S.G.I. verlangte ständig Änderungen, bis das Projekt nicht mehr realisierbar war.» 2006 wurde schliesslich die Baubewilligung entzogen. Davon sagte Schindler nichts. Im Gegenteil, sie behaupteten: «Ebisquare wird das erste Projekt von L.S.G.I. in der Schweiz sein.»
Der Atem stockte Herbert Lustenberger, Ebikoner Gemeinderat, als er vor Kurzem von L.S.G.I.s Vergangenheit erfuhr. «Davon haben wir nichts gewusst.» Und das, obwohl er persönlich mit Schindler und L.S.G.I. zahlreiche Gespräche geführt hatte. Zur gleichen Zeit berichtete der «Tages-Anzeiger», dass der neue Investor die Einmaligkeit des Ebisquare-Konzepts gekippt hat. «Die Welt der Wunder» («Vergessen Sie alles, was Sie über Einkaufszentren gewusst haben») war zu teuer und der Nutzwert nicht ersichtlich.
Wie eine Sprecherin betonte, würde Ebisquare im Rahmen des genehmigten Bebauungsplans erstellt. L.S.G.I. überarbeite zurzeit das Konzept und sei intensiv an den Vorbereitungen im Hinblick auf den Baubeginn im zweiten Quartal 2009. Am 30. November wird in Ebikon übrigens über eine Erhöhung der Wasserrutschbahn auf dreissig Meter abgestimmt – eine reine Formalität. Eine Ablehnung der Stimmbürger würde das Gesamtprojekt keineswegs gefährden, betonen die Ebisquare-Promoter. Nicht wenige Ebikoner hoffen aber auf ein Wunder an der Urne, auf ein symbolisches Nein. Auf den Anfang vom Ende Ebisquares.

Ebikon, Vorort Luzerns, ist nicht schön, möchte es aber werden.
Ebikon, Vorort Luzerns, ist nicht schön, möchte es aber werden.
Einer gegen alle: SVP-Mann Peter Mühlemann
Einer gegen alle: SVP-Mann Peter Mühlemann
Höher als der Kirchturm im Dorf: Schindler-Hauptsitz in Ebikon
Höher als der Kirchturm im Dorf: Schindler-Hauptsitz in Ebikon
Den neuen Autobahnzubringer schätzen auch die Gegner des Projekts.
Den neuen Autobahnzubringer schätzen auch die Gegner des Projekts.
Elf Fussballfelder gross soll Ebisquare werden: Schindlers Parzelle bei Nacht.
Elf Fussballfelder gross soll Ebisquare werden: Schindlers Parzelle bei Nacht.

Die Diskussion

6 Reaktionen

  1. Stephan Jud

    Zürcher Medien attackieren Schindler und EbiSquare
    Unter rufschädigenden Titeln und in suggestivem Schreibstil versuchten in den letzten Wochen Beiträge in der «Sonntagszeitung», im Gratisanzeiger «20-Minuten» und im Magazin des Tagesanzeigers vom 22.11.2008 den Eindruck zu erwecken, Schindler habe 2005 bei der Abstimmung um den Bebauungsplan EbiSquare mit unfairen Mitteln gekämpft.
    Als verantwortlicher Projektleiter und im Artikel angesprochener Repräsentant des Schindler Konzerns weise ich diesen Vorwurf ganz entschieden von mir. Der damalige Abstimmungskampf wurde offen, fair und mit breiter Unterstützung aus der Ebikoner Bevölkerung geführt. Die in den Artikeln dazu angesprochenen Sachverhalte sind − gestützt auf die Äusserungen eines unterlegenen Gegners und angebliche Gerüchte − allesamt in perfider Weise falsch dargestellt.
    Es ist mir unverständlich, dass sich drei Zeitungen der Tamedia AG für eine derartige Schmierenkomödie einspannen lassen.
    Stephan Jud
    Präsident Ebisquare AG und
    Treasurer des Schindler Konzerns

  2. Profile Pic
    Alec von Tavel

    Beim Lesen des Artikels fühlte ich mich in eine verkehrte Welt versetzt. Da wirbt ein lokaler SP Politiker für ein neues Mega Einkaufszentrum und ein SVP Politiker profiliert sich als Verhinderer. Das hat meine Neugier geweckt. Ich habe mir die Mühe gemacht, mich über die Hintergründe zu informieren, sowohl auf der Website des betreffenden SVP Politikers (www.muehlemannpeter.ch), wie auch auf der Seite der Befürworter und Initianten (www.ebisquare.ch).
    Der Vorwurf an den SVP Politiker, sich nicht an das Kollegialitätsprinzip zu halten ist berechtigt. Wobei ich hier das Wort ‘Vorwurf’ durch ‘Kompliment’ ersetzen würde. Für mich ist ein Politiker, der sich nicht an das Prinzip der Kumpanei hält glaubwürdiger, als die politisch korrekten, ahlglatten Blender, Schönredner und Vertuscher. Wenn der SVP Politiker Peter Mühlemann es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, sich in die Reihen der Ebisquare Befürworter einzufügen und hier den Dienstverweigerer spielt, zeugt das für mich von sehr viel Zivilcourage. Leider sind solche Köpfe dünn gesät, erst recht in der Politik. Chapeau Herr Mühlemann.
    Ich bin alles andere als ein fundamentalistischer Gegner von Grossprojekten, im Gegenteil. Ich liebe grosse Würfe und wünschte, dass Ebisquare realisiert werden könnte und so funktionieren würde, wie dies von seinen Machern propagiert wird. Aber hier scheint mir, Wunsch und Wirklichkeit liegen etwas zu weit auseinander.
    Persönlich würde ich daher auch aus Investorensicht dem Projekt keine grosse Chancen geben und schon gar kein Geld nachwerfen. Wer weiss, vielleicht kommt Ebisquare wirklich nicht zu Stande, und Herr Mühlemann hat im Endeffekt seinen heutigen Gegnern geholfen, gigantische Verluste zu vermeiden und er hat Ebikon vor einer Bauruine im ganz grossen Stil bewahrt.

  3. Lily Baumann-Steiner

    Gottéron Village – wurde propagiert, wird viel grösser als Westside. Stade de Suisse-Einkaufscenter ist das Nonplusultra. Zwei Wochen nach der Eröffnung war ich einmal dort, von 14 Kassen war eine bedient. Ins Westside werden jeden Tag 10′000 Besucher strömen, 3,5 Mio im Jahr, meinten die Planer vor 10 Jahren. Insider lassen heute verlauten, dass Westside heute nicht mehr so überdimensional gebaut würde. Die Chinesen lassen wissen, dass der Dreischluchten-Staudamm ein Fehler war. Die Ebikoner Bevölkerung will am 30. November dieses Jahres über eine Erhöhung der Wasserrutschbahn auf dreissig Meter abstimmen. Im Westside wurde die Riesen-Wasserrutschbahn nach diversen Unfällen in den letzten zwei Wochen für sehr viel Geld “entschärft”. Vor drei Wochen las ich in der Berner Zeitung in einem munzigkleinen Artikel, dass ein paar gescheite Wissenschaftler zum Schluss gekommen sind, dass es in der Schweiz zu viele Shoppingcenter gibt! Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, um bei der Werbung zu bleiben. Ich bin am Rotsee aufgewachsen und liebe den Innerschachen. Ich liebe auch das Dorf, ich habe dort meine Schulzeit verbracht, aber bitte ohne Ebisquare.
    Ich hoffe sehr, dass Peter Mühlemann nicht der einzige Ebikoner ist der denken kann und für die Zukunft des Dorfes Weitblick an den Tag legt.

  4. Tobias Bernet

    Herr Jud – sofern Sie hier tatsächlich selber geschrieben haben – , was erachten Sie genau als “in perfider Weise falsch dargestellt”? Die vernichtende Einschätzung Ihres Projektes durch namhafte Experten? Den Rückzug der Firmen aus dem ursprünglich geplanten Segment? Die offensichtliche Unseriosität der L.S.G.I.? Die statistich erwiesene Detailhandels-Übersättigung Ihrer Region?

    Und wer kann sich denn überhaupt ernsthaft noch mehr dieser Auto-, d. h. Erdöl-abhängigen, d. h. in höchstem Masse umweltschädigenden Riesenklötze wünschen? (Das gleiche gilt für “nur” den Autobahnzubringer.) Da bin ich als SP-Mitglied auch sehr entäuscht von den “Genossen” vor Ort.

  5. Anna Cholinska

    Es ist sehr wohltuend, zu sehen, dass sich die von Herrn Jud weiter oben attackierten “Zürcher Medien” offenbar ausserhalb des Wirkungsbereiches der lokalen Machthaber befinden und sich deshalb weder einschüchtern und noch kaufen lassen. Meiner Meinung nach ist dies ein sehr gut recherchierter und kluger Artikel. Er ist überdies auch eine kleine Wiedergutmachung zugunsten der GegnerInnen des Projekts. Diese mussten damals nach der entscheidenden Gemeindeversammlung hilflos zusehen, wie die mit sehr viel mehr Geld ausgestattete Befürworter-Seite ein leichtes Spiel hatte, Ebikon in kürzester Zeit mit Pro-Ebisquare-Propaganda zuzudecken. Der Artikel zeigt schonungslos wunde Punkte und bedenkliche Mechanismen auf, die als Begleiterscheinung solcher Bauvorhaben überall in der Schweiz auftreten könnten.

  6. Roland Grüter

    Gut, dass Sie sich erneut den “Ebikoner-Mauscheleien” angenommen haben. Vielleicht nützt der vorgehaltene Spiegel bei gewissen Leuten etwas. Hoffen wir’s!

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