10.07.2009 von Birgit Schmid , 10 Kommentare
Wenn Telefonkabinen die Dinosaurier des Kommunikationszeitalters sind, kann man Ansichtskarten als Keilschrift-Tontafeln bezeichnen: behäbig, zeichenhaft, schmuck, vom Aussterben bedroht. Wer schreibt heute noch Postkarten? Wer erhält noch welche zugeschickt? Stattdessen Feriengrüsse ohne Körper und Geruch, ohne Sonnenölflecken und die steile Handschrift von Freundin M., dieses einst so vertraute Bild persönlicher Prägung, das man seit Jahren nicht mehr zu sehen bekam, weil man auch keine Briefe mehr mit Füller oder Kuli schreibt. Stattdessen auch auf Reisen SMS, MMS und E-Mails, die spurlos von irgendwo abgehen. Medien, bei denen der Empfänger oft zwischen den Zeilen lesen muss, da sie es erlauben, verklausuliert oder ausschweifend zu schreiben. Die Ansichtskarte aber in ihrer Eindeutigkeit von «Wetter ist schön. Wir essen gut. Meer über 25 Grad» lässt keine Fragen offen, verlangt nie eine Antwort.
Nur ein «Danke», das gehört sich für diesen kleinen «goût de loin». Man darf es erwarten, weil Ansichtskartenschreiben aufwendig ist. Man fühlt sich nicht wirklich gehoben, wenn man in der stechenden Sonne die fünf Karten für die üblichen Adressaten am Drehständer auswählt, nie ist man mehr Touristin. Briefmarken kaufen, vier Sätze schreiben, den Ehemann nötigen, seine Unterschrift mit drunter zu setzen, Adresse recherchieren, Briefkasten suchen.
Einwerfen! Der Aufwand fürs Postkartenschreiben mag gross sein. Das spricht noch nicht dagegen, die Tradition wieder mal aufzunehmen.
Auf 10,5 mal 14,8 Zentimeter dünnem Karton gibt es keinen Platz für Ausschweifungen. Ein Ausschnitt von Welt im A6-Format, und was für eine Welt: knallfarbig, selbst Kalkutta als Hochglanzprospekt, die volle Postkartenästhetik. Die Schönheiten eines Landes verdichtet, wie man sie in dieser Überdosis nie zu sehen bekommt, weil es sie so gar nicht gibt. Eine der meistverkauften Karten der Schweiz ist seit Jahren der Zürichsee mit Eiger, Mönch, Jungfrau und Matterhorn in den Hintergrund montiert. Ansichtskarten nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau, warum sollten sie. Ferien sind immer eine Übertreibung. Man schläft zu viel, isst zu viel, trinkt zu viel und verklärt selbst die Tage als Sardine an der Costa Brava.
Die Postkarte nimmt die schön gefärbte Ferienerzählung vorweg. Kein anderes Medium generiert so viel Lügentext. Denn der Sonnenuntergang auf Bali oder die glitzernden Schneeberge dulden auf der Rückseite keinen schlechten Frass, krebsrote Haut oder Hudelwetter. Mit den lieben Grüssen, so banal sie sind, schickt man immer ein Lächeln. Es ist die letzte positive Post unter all den Rechnungen, die heute noch im Briefkasten liegen. Egal, wenn etwas Bluff mit der beleuchteten Brücke über den Bosporus mitschwingt oder die Coco de Mer auf den Seychellen prahlerisch wirken. Der Daheimgebliebene hat allen Grund, neidisch zu sein. Die Postkarte ist immer auch ein persönliches Zeugnis: mit eigenen Augen gesehen!, wird implizit mitgeteilt. Eine Vorwegnahme von Google Earth waren jene Karten, auf denen man ein Kreuzchen auf ein Chalet inmitten von Chalets oder einen Pfeil zum dritten Fenster im elften Stock des Marriots gekritzelt und sich so verortet hat, mit den Worten: «unser Chalet», «unser Hotelzimmer».
Es gehen immer weniger Zytgloggen, Big Bens und Eiffeltürme über die Schalter der Postämter weltweit. Wurden in der Schweiz 1990 noch 61,5 Millionen Ansichtskarten verkauft, waren es im Jahr 2000 noch 40 Millionen Stück, heute liegt die Zahl um 35 Millionen. Geboren wurde die illustrierte Postkarte vor 120 Jahren, mit dem Beginn des Massentourismus erlebte sie ihre Hochblüte. Sie ist auch deshalb aus der Mode gekommen, weil Reisen überhaupt nicht mehr exklusiv ist. Zudem hat man Sujets wie Meeresschildkröten oder endlose Sanddünen heute bereits auf Arte oder dem Reiseportal gesehen. Trotzdem, und es mag hoffnungslos nostalgisch klingen: Mit dem Ende der Postkarte geht etwas verloren. SMS und E-Mails aus den Ferien sind die alltägliche Art der Kontaktnahme, aktueller Facebook und Twitter: Man will vernetzt bleiben, egal wo. MMS und E-Cards, das gesimste Foto und die Postkarte aus dem Internet, gewichten das Wo zwar stärker. Auch sie kommen aber von einem Nicht-Ort und leugnen die Distanz. Onkel Paul hat die Ansicht des Pilatus auf seiner Bergfahrt einst noch in Händen gehabt, mit Floskeln gefüllt, eingeworfen. Ab in den Postsack und auf die Bahn.
Die Postkarte nimmt sich das Indianerwort zu Herzen von der Seele, die immer länger als der Körper hat, bis sie zu Hause ankommt. Sie trifft meistens ein, wenn man bereits wieder im Räderwerk des Alltags steckt und die Erinnerungen an die Ferien verblassen wie die Ansichtskarte, die vom ersten Meerurlaub noch immer in der Diele hängt. Manche Karten werden erst in letzter Sekunde vor der Rückreise am Postschalter des Flughafens aufgegeben, treffen aber erst Wochen später ein, haben in Salvador irgendeine Schlaufe gedreht, sind liegen geblieben. Sie aber deshalb mit auf den Flug nehmen, in der Schweiz einwerfen und Porto sparen? Nie. Deshalb gilt auch die Ausrede nicht, Karten aus Nairobi oder St. George zu schreiben, lohne sich nicht, da man nicht wisse, welche Wege sie gingen.
Es könnte jene um die Freude bringen, die den alljährlichen Gruss aus dem Sommer erwarten oder nie damit gerechnet hätten. Es gibt die Mutter, die die Postkarten ihres Sohnes, die er ihr jeweils aus seinen Ferien schickt, in ein Fotoalbum klebt. Er war dort — Beweisstücke, hier hat er Spuren gelegt, was für schöne Orte. Sie ist die dankbarste Postkartenempfängerin und die wahre Weltreisende in der Fantasie.
Es gibt jene passionierte Postkartenschreiberin, die auch mal daran erinnert: Ich war mit dir dort. Während er sich im Badezimmer des Hotels rasiert, schreibt sie ihm eine Ansichtskarte vom Park Güell in Barcelona, in dem man an diesem Tag war. Sie stellt sich vor, wie er, wieder zu Hause, zum Briefkasten die Post holen geht, sein Blick auf den Park Güell fällt und er denkt: Da bin ich doch vor Kurzem auch gewesen.

Bedrohtes Kulturgut: Immer weniger Ansichtskarten fallen in Briefkästen. | ZVG
Das erste Mal seit Jahren haben wir wiedermal Karten verschickt. Ein bisschen vertraute Dinge machen, die man früher telquel gemacht hat…
Meine Güte, man kann auch jedem Fetzen WC-Papier nachtrauern, das man den Abfluss der Weltgeschichte runterspühlt! Ich persönlich bin einfach nur froh, dass ich in einer Zeit mit einer brauchbaren Informationstechnologie lebe. Konservative Geister, die Papier als ein brauchbares Medium betrachten, sollen ihre perversen Neigungen bitte im Privaten ausleben.
Ich werde aufgrund dieses Artikels in diesem Sommer wieder einmal eine Karte an meine Eltern und anderen Lieben schicken. Ich vermute, dass es einfach an der Originalität der Karten liegt, was einem davon abhält, eine Postkarte zu verschicken. Ich werde mir deshalb besonders Mühe geben, ein Foto auszusuchen, welches meinen Ferienort so widergibt, wie ich am intensivsten und intimsten wahrnehme. Fassen wir dies als Votum an die Kartenmacher auf: Macht speielle Karten, stimmungsvolle, authentische Karten. Wir Menschen suchen im Urlaub doch auch die Konzentration des Lebens, die Bewusstheit des/fürs einmalige Detail.
“Kein anderes Medium generiert so viel Lügentext. Denn der Sonnenuntergang auf Bali oder die glitzernden Schneeberge dulden auf der Rückseite keinen schlechten Frass, krebsrote Haut oder Hudelwetter.” Sehr treffend formuliert:-).
Dieser Artikel hat mich an frueher erinnert. Als man 20 Freunden, waehrend Stunden, 20 verschiedene Texte auf Postkarten geschrieben hat, aus Angst, dass diese die Karten miteinander vergleichen koennten.
Na da interessiert es mich doch, mit welchem Teil seiner Sammlung von brauchbarer Informationstechnologie der Herr Wepfer seinen Hintern abwischt, da er uns ja deutlich zu verstehen gibt, dass Papier-User konservative Geister sind…
Na Frau Huber, sie wissen doch, jede Regel hat eine Ausnahme. Papier ist tatsächlich ein angemessens Medium für den Transport der Abfallprodukte des Körpers, dafür ist es gerade gut genug.
Danke, Herr Wepfer! Keine weiteren Fragen.
Tja, mit Postkarten der einschlägigen Tourismus-Seiten kann man ja tipptopp “bschiisse” und bei Freunden angeben. Dabei ists zuhause eh am schönsten, am saubersten, am gesündesten und — man weiss, was man hat — GUTEN ABEND!
Ich mag trotzdem die Ferienpostkarten / Ansichtskarten, egal, was draufsteht. Eine Karte sagt für mich nämlich oft nur, dass ich an eine Person denke. Habe selber leider ewig keine mehr verschickt. Wer schreibt mir eine?
[...] und Aufforderung wieder vermehrt dieselben zu verschicken! Aber lesen sie bitte selbst: Das Magazin » Schöne Grüsse aus der Ferne. Published: Oktober 22, 2009 Filed Under: Allgemein Tags: Ansichtspostkarte : Ferien : [...]