Selbstversuch: Max fährt schwarz

Man kann das aus niederflurigen Motiven machen. Oder aus anderen. Vorbildlich ist allerdings keines.

28.03.2008 von Max Küng , 13 Kommentare


Seit November des letzten Jahres fahre ich Tram und Bus, ohne vor Fahrantritt ein Ticket zu lösen oder ein Abonnement zu besitzen*. In der Umgangssprache heisst dies schwarzfahren. Das ist illegal und asozial – und ich bin ein wirklich schlechtes Vorbild. Man sollte es nicht tun.
Es fing harmlos an. Ich hatte zehn Rappen zu wenig Münz dabei, um ein Billett zu lösen. Die ganze Hand voll Münz und doch zehn Rappen zu wenig. Ich fütterte den Automaten, und am Ende leuchtete doch der noch fehlende Betrag von zehn Rappen auf der Digitalanzeige. Was also hätte ich tun können? Nach Hause zurück und dort das Sparschwein des Sohnes plündern? Oder zum nächsten Postomaten gehen? Hundert Franken rauslassen? Und dann an den Kiosk und etwas kaufen, damit ich Münz bekäme? Und dann am Kiosk kräht die Kioskfrau, weil ich einen Zwanzigermocken mit einer Hunderternote bezahlen will? Nein, dachte ich, da fahre ich lieber schwarz. Lieber ein böser Kontrolleur als eine böse Kioskfrau. Und so begann meine Karriere als Rechtsbrecher.
Kaum hatte sich mit hydraulischem Pfeifen die Türe hinter mir geschlossen, kaum hatte ich mich ohne Berechtigung auf einen Einersitz gesetzt, kaum ruckte das Tram an, da kam das Adrenalin geschossen. Nun ja, geschossen ist etwas übertrieben. Aber immerhin, es tröpfelte. Würde ich kontrolliert? Und falls ja: Würde ich mich schämen? Blieb ich cool? Es wurde eine interessante Fahrt. Tram fahren ist ja an und für sich keine besonders spannende Tätigkeit – im Gegenteil. Schwarzfahren aber irgendwie schon.
Das zweite Mal: Ich hatte einen Fünfliber. Ich wollte ein Ticket lösen. Aber der Fünfliber fiel durch. Der Automat wollte ihn nicht. Ich versuchte es zehn Mal. Ich rieb die Münze an der rauen Aussenhaut des Automaten. Ich redete ihr gut zu. Nichts nutzte. Also fügte ich mich dem Schicksal und stieg ticketlos ins Tram. Wieder geschah nichts. Dann überlegte ich, wie es wäre, wenn ich es konsequent betreiben würde. Nie mehr müsste ich mir Gedanken darüber machen, ob ich genügend Kleingeld dabei hätte. Nie mehr hätte ich die Säcke meiner Jeans voll rasselnder und mich gen Erdmittelpunkt ziehender Münzenfracht. Und das Beste: Nie mehr müsste ich diese schmierigen Tasten des Ticketautomaten drücken. Ich stieg einfach ins Tram. Ja, dachte ich, das ist ein Stücklein neue Freiheit, das ist Abenteuer im kleinsten urbanen Rahmen, das ist Action für den kleinen Mann: Jede Fahrt eine Reise mit ungewissem Ausgang. Ich wurde noch nie erwischt, denn ich wurde noch nie kontrolliert. Gut, ich fahre selten Tram, denn ich gehe umweltfreundlichst zu Fuss zur Arbeit. Aber wenn ich Tram fahre, dann fahre ich schwarz, ob Kurz- oder Langstrecke, ob frühmorgens, mittags oder spätabends. Ich habe Geld gespart – aber darum geht es mir gar nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob das Schwarzfahren verspätete Jugendübermü­tigkeit ist oder vorgezogene Altersrenitenz.
Wenn ich mal erwischt werde, so habe ich beschlossen, werde ich wieder ein gehorsamer Teilnehmer des öffentlichen Verkehrs. Ich werde die Busse bezahlen und zurückkehren in das legale Leben, wieder Tickets lösen, mit Hosen voller Münz durch die Stadt fahren und Fünfliber reiben (oder ich kaufe mir ein Abo, das wäre auch eine Idee). Das Schwarzfahren wird eine Episode werden. Vielleicht aber auch nicht.
PS: Einmal löste ich ein Ticket. Im Februar. Als ich mit grossen Schmerzen zum Zahnarzt unterwegs war. Ich dachte, mit so argen Zahnschmerzen beim Schwarzfahren erwischt zu werden, das wäre wohl kein Spass. Ich wurde auf dieser Fahrt jedoch nicht kontrolliert.

*abgesehen vom Halbtaxabo

Schwarzfahren | Schaub Stierli
Schwarzfahren | Schaub Stierli

Die Diskussion

13 Reaktionen

  1. Wendelin Wurmloch

    ich bewundere ihren mut, herr küng. das ist es nämlich: mut! sie sind doch in wahrheit noch einer der letzten heroes im dschungel der zivilisierten biederkeit. ich bin nämlich feige. mir passiert es jedesmal, wenn ich öv’s benutzen will, dass ich ungenügendes kleingeld zur hand habe. und weil ich so ein feiges schwein bin, fahre ich dann taxi. obwohl das unter umständen mehr kostet, als die busse für das schwarzfahren. ich erkläre sie hiermit offiziell zum rambo der schiene.

  2. Peter Rossel

    Nicht ganz ernst genommen, ist der Beitrag lustig. Der erzieherische “Wert” hingegen bleibt fragwürdig. Sollte Ihr Beispiel Schule machen, müssten die verbleibenden Weissfahrer die Zeche bezahlen. Angesichts der schon jetzt prohibitiv teuren Abonnements- und Einzelbilletpreise stellt sich ohnehin die Frage, ob man nicht die Idee der einstigen POCH wieder aufnehmen sollte, nämlich den Nulltarif für den ÖV (Mobilität ist in der heutigen Welt ein Grundrecht, oder etwa nicht?). So wie gemäss der (zumindest vorrevisionären) Bundesverfassung jede/r Bürger(in) Recht auf ein würdiges Begräbnis hat(te), sollte er/sie auch Recht auf einen würdigen Transport haben.

  3. Beat Hess

    Ja, die Frage ist: Muss man das ernst nehmen oder wird dem Leser hier einen Bären aufgebunden? Auf Letzteres könnte ich allerdings dankbar verzichten. Wenn wir einmal davon aus, dass Max Küng die Wahrheit schreibt, dann kann ich nichts Mutiges daran finden, sich öffentliche, kostenpflichtige Leistungen zu erschleichen, ohne dafür zu bezahlen und dies somit den dummen ehrlichen, so verachteten Bünzlis zu überlassen. Wenn dies Schule machen würde, würde der öV nämlich schnell mal vor die Hunde gehen oder wenigstens den hohen Standard einbüssen, welchen wir hier im Kanton Zürich sehr schätzen. Das gleiche gilt für die von Peter Rossel aufgegriffene POCH-Idee, welche in Genf wieder aufgegriffen und zu Recht wuchtig abgeschmettert wurde. Wenn schon, dann freie Fahrt für Leute mit kleinem Einkommen (zu welchen der z.B. teure Reisetaschen sammelnde Max Küng wohl nicht gehört). Alle anderen sollen dem Gemeinwesen (Staat) das bezahlen, was dem Gemeinwesen zusteht.

  4. Peter Rossel

    Der Schwarzfahrer Max Küng hat einen Problemkreis aufgegriffen, der zu vielen Gedanken anregt. Dafür sollte ihm die Hälfte der Bussgeldzahlung erlassen werden, welche nach seinem öffentlichen, schriftlichen Geständnis hoffentlich fällig ist. So ein Geständnis muss mindestens so beweiskräftig sein wie ein In-Flagranti-Ertapptwerden. Der Ertappte war eventuell unabsichtlich ohne gültigen Fahrausweis unterwegs, der Geständige absichtlich. Also, zahlen!
    Andererseits, warum soll Fahrpreishinterziehung strenger geahndet werden als Steuerhinterziehung? Letztere ist doch gemäss Bundesrat Merz bloss ein Kavaliersdelikt. Also, Schwarzfahr-Kavaliere, gründet eine Lobby und fordert Rechtsgleichheit mit den Steuerhinterziehern! Immerhin habt ihr gute Chancen, einen weiteren schwer verständlichen Bundesgerichtsentscheid herauszuholen.
    Zur Kostenverteilung: Schwarzfahrer, Vandalen (Basler Hooligans, welche ganze Autobusse und Bahnwagen in ihre Einzelteile zerlegen) verteuern das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis jenseits der Schmerzgrenze. Dass die von ihnen verursachten Kosten einzig von den ehrlichen, treuen ÖV-Kunden berappt werden, ist ungerecht. Entweder wird hier subito eine neue Finanzierung gefunden, oder ich gründe zusammen mit Gleichgesinnten…
    …die Selbsthilfeorganisation “Weissfahrerwehr”, deren Mitglieder ein Abzeichen tragen (z.B. mit einem Dampflokerli oder einem Poschi drauf), und die als verschworene Gemeinschaft für Ordnung sorgen, indem sie Fahrausweise kontrollieren und Schwarzfahrer, Alkoholisierte, Belästiger und Vandalen kurzerhand aus dem Wagenfenster werfen.

  5. Pat Ina

    Eigentlich mag ich ihre Selbstversuche aber dieser lässt mich ein wenig an ihrer Kreativität zweifeln. Bewusst schwarz zu fahren ist schlicht und einfach Betrug und hat überhaupt keinen Coolness-Faktor und hat natürlich schon gar nichts mit Mut zu tun. Wenn ihnen das Tram-Fahren zu langweilig ist, dann setzen sie sich nächste Mal auf einen Zweier-Sitz und sprechen ihren Nachbarn an, vielleicht hat der was tolles zu erzählen über das sie dann schreiben könnten – das gäbe wahrscheinlich eine interessante Kolumnenreihe. Wenn ich nicht so eine ehrliche Seele wäre, dann würde ich ab jetzt jeden Samstag zum Kiosk gehen und den Tagi klauen mit dem Magi drin.

  6. David Herzog

    Das Problem liegt ganz woanders: Bei der Abschaffung der Kondukteure. Sie wären das einzige Mittel, Schwarzfahrertum und Vandalismus zu bekämpfen. Nicht mit Bussen, sondern mit dem Verkauf von Billets im Zug. Dann wären auch die unsäglichen Videokameras überflüssig.

  7. Wendelin Wurmloch

    es scheint so, als hätten einige magazin leser einen selbstversuch in ironie nötig.

  8. LAIILA LADEN

    Ich schlage Ihnen folgende Selbstversuche vor:
    1)Rauchen Sie eine Zigarette in einem Tram
    2)Tun Sie so,als ob das Tram ein öffentliches Züri-WC wäre
    3)Gehen Sie in den Laden Saus&Braus, machen einen auf Kleptoman und versuchen etwas zu klauen
    4)Gehen Sie mit einer Plastik-Kalashnikov in ein Schulhaus und simulieren einen Amoklauf-Sie beginnen im Lehrerzimmer versteht sich
    5)Halten Sie sich an der Bahnhofstrasse auf und zischen Passanten folgende Worte ins Ohr: Coci ,Sugar….
    6)Simulieren Sie einen Nervenzusammenbruch an Ihrem Arbeitsplatz
    7)Schreiben Sie über Sex-das tut sonst niemand…

  9. Rana-jeanne

    @ LAIILA

    DAS sind doch mal wirklich nette Ideen!!!

    Die meisten anderen Leute, wie man hier sieht, haben zu wenig Humor! Trinken sie mehr Hochprozentiges liebe Magi-Leser, so wird das Leben gleich viel erträglicher für uns alle!

  10. Profile Pic
    Rebeka Rytz

    herr küng; da mein ga ende märz abgelaufen ist, überlegte ich mir zunächst ähnliche schritte, jedoch siegte nach vier tramstationslängen die vernunft und ich stieg paradeplatz aus, riskierte das zu-spät-zum-perfekten-dinner-kommen und kaufte mir ein monatsabo zone 10. ihre erzählung fand ich herrlich, amüsant und – wie stets – aus dem leben gegriffen.

  11. LAIILA LADEN

    ..das sollte ehrlich gesagt nicht lustig sein.
    Auch ich habe keinen Humor.Aber ich trinke gelegentlich hochprozentiges.

  12. Wolfgang Bogey

    Mit Selbstversuchen sollte man vorsichtig sein!
    Schlecht durchdacht waren z.B. die kürzlich vorgenommenen Versuche mit Helium…
    Auch Laillas Anregungen, eine Zigarette im Tram zu rauchen oder so zu tun, als wäre das Tram eine öffentliche Toilette, halte ich für fragwürdig.
    Erstens sollten sie überhaupt nicht rauchen und zweitens, würden sie das Tram als öffentliches WC betrachten, stünden sie heute noch an der Haltestelle. Oder haben sie schon einmal ein freies öffentliches WC gesehen?

    Aber ernsthaft: ich wusste gar nicht, dass Tramfahren kostenpflichtig ist !?
    Damit wird mir hingegen klar, weshalb all die Leute, die ich bis dato als Spielsüchtige abgetan hatte, da sie keine 10 Minuten einfach mal ruhig dastehen können, an den bereitgestellten Geldautomaten ihr Geld verprassen. Offenbar berappen sie lediglich die bevorstehende Tramfahrt.

    Interessant!

  13. Mladen Milic

    Der Mann verdient Respekt! Kein Verständnis hingegen für all die Betriebe die sowieso dem Volk gehören (öffentlicher Verkehr, Post, Gesundheitswesen) und die dennoch Geld verlangen für ihre Dienstleistungen. Das Volk bezahlt Steuern und hat somit Anspruch auf unentgeltliche Beförderung, Briefverkehr und Krankenpflege. Der Staat hingegen soll mit Einheitslöhnen für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen für einen Alltag ohne Sorgen, Konkurrenzkampf und Missgunst.

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