29.02.2008 von Max Küng , 2 Kommentare
Ich konnte nicht widerstehen, als ich das Angebot in einem der sonst so deprimierenden Elektro-Ramschläden sah, und als ich es sah, da vergass ich, mich zu fragen, warum ich den Laden überhaupt betreten hatte. Das Angebot: eine Box mit 2 DVDs namens «Action-Collection», acht Filme (sogenannte Toptitel) zum Preis von 19.95 Franken. Ich musste einfach zugreifen. Jeder rechte Mann hätte das getan.
Dann das Experiment. Ich richte mich zu Hause nicht hin, sondern gemütlich ein, schiebe die erste DVD ins Gerät, und bald torkelt Charlie Sheen als Rocker verkleidet (weil Undercoverpolizist) betrunken durch den Film, mühsam mit der Gegenwart kämpfend, noch schlimmer mit seiner Vergangenheit ringend, in eine ungewisse Zukunft.
Ich hatte auf Explosionen gehofft. Actionfilme müssen Explosionen haben, sonst sind es keine Actionfilme. Zischende Zündschnüre, piepende Digitalanzeigen, spritz-spratz-sprotzende Detonationen oder grosse «Wummmmmms!!!». Aber Pyrotechnik kostet Geld. In diesem Film explodiert nur einmal etwas: Sheen sprengt mit einer Stange Dynamit eine Dose Bier in die Luft, was ihm vom Rockeroberboss einen Actionfilmstreifen-Spruch einbringt («Entweder du bist der dümmste Wichser, den ich je getroffen habe, oder du hast Eier wie ein Elefant.»). Der Film ist auch eher Drama denn Action – oft sind Filme Slaloms beider Disziplinen, meist ungewollt.
Immerhin explodieren im nächsten Film, «Cover Up» (mit Dolph Lundgren), früh ein Lastwagen, ein Waffenlager, ein Auto. Ich denke: «Wow, jetzt gehts aber ab.» Doch leider ist das Spiel von Lundgren limitiert und der folgende Film «Höllenhunde des Secret Service» eine arg hinkende James-Bond-Kopie – lahm wie eine Nummer von Vincent Raven in «The next Uri Geller».
Wenn man acht Actionfilme am Stück betrachtet, hat man wahnsinnig viel Zeit. Zum Zeichnen. Zum Nachdenken. Oder Zeit, Berechnungen über die Zeit anzustellen. So fiel mir auf, dass auf der DVD-Hülle eine Gesamtlaufzeit der Filme von «über 12 Stunden» versprochen wird; addiert man aber die effektive Laufzeit der Filme, kommt man auf enttäuschende 11,7666 Stunden. Ich mache mir ein Gedanken-Post-it: «Kassensturz schreiben wegen Action-Abzocke!».
Ein anderer Gedanke: In jedem dieser acht Actionfilme gibt es eine Liebesgeschichte. Warum? Damit auch die Freundin/Frau des Filmkonsumenten ein gewisses Mass an Interesse entwickeln kann und somit einwilligt, sich den Film mit dem Partner anzusehen (um dann an seiner starken Schulter einzuschlafen)? Oder, die überzeugendere überlegung, sind die Betrachter von Actionfilmen frauenlose Männer, ähnlich wie Fussballfans Hardcore-Heteros und auf pathologische Art homophob, dass sie eine Frau in einem Film verlangen, eine Frau, die ihren Helden bezirzt und ihm weiche Seiten abgewinnt, weil damit wenigstens klar gemacht wird, dass der Held nicht schwul ist?
Der zweitletzte Film heisst «Martial Law». Er ist der von imdb.com-Usern am schlechtesten bewertete Streifen auf dieser Kollektion: 2,3 Punkte (von maximal 10). Es gibt nicht viele Filme, die noch schlechter sind. Ich finde ihn aber noch gut, nicht wirklich schlechter als die anderen. Immerhin gibt es eine recht lange Autoverfolgungsjagd.
Als der Abspann des achten und letzten Films läuft, schalte ich den Fernseher aus und schiebe mir die letzte Hand Erdnüsse mit Wasabi-Splittermantel in den Mund. Ich fühle mich leicht und frei. Ich gehe zum Bücherregal, sehe mir die entzückenden Rücken an und greife Bourdieus «Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft». Eine Stimme in mir drin ruft sehr laut: «…uuuuuuuuund… Action!» Dann schlage ich das Buch auf.

Bild: Schaub Stierli
Ich gebe Ihnen ja recht Herr Küng, normalerweise sollte in einer Packung mit der Aufschrift ‘Action’ mindestens ein Blutspritzaufkommen von 2-3 Litern pro Sekunde haben (egal ob durchlöchert, aufgeschlitzt oder mittels grossem Bumm in tausend Teile zerfetzt), dazwischen ein paar ordentliche und äusserst willige Killertitten und auch ein paar coole Sprüche der Marke Willis ("This time John Wayne does not walk off into the sunset with Grace Kelly." "That was Gary Cooper, asshole.") bevor am Ende anständig und hard ge-died wird. Der von Ihnen beschriebene Film mit Charlie Sheen scheint ‘Made of Steel’ zu sein, welcher die wahre Geschichte eines gewissen Dan Black (das war irgendsoein Undercover FBI Fuzzi) nachbildet. Auch wenn es Jahre her ist seit ich den Film zum letzten mal sah, er hat es nicht verdient zusammen mit dem Lundgreen-Zonk in eine 19.95 Franken Packung verstossen zu werden. So schlecht ist der Film nämlich gar nicht! Vielleicht müsste man ihn eher mit dem Prädikat ‘Psycho-Thriller’ etikettieren, da der Undercover Mensch -ähnlich wie Ochsenknecht als Hitler Tagebuchfälscher- eine Identitätskrise durchmacht ("Äch weiss schon gar nächt mährr wär ich bän, wo ist Eva?"). Zudem ist der von Ihnen zitierte Satz ("Entweder du bist der dümmste Wichser, den ich je getroffen habe, oder du hast Eier wie ein Elefant.") alleine schon das Ausharren vor der Glotze wert. Ähnlich wie "I love the smell of Napalm in the morning" (aus Coppolas Oscar zugetackertem Vietnam Epos), oder dem Trinkspruch von Russel Crowe in ‘Master and Commander’: "Auf unsere Frauen und Freundinnen, mögen sie sich nie begegnen!", oder Woody Allen’s enerviertem fast-Schreikrampf im Streit mit seiner ebenso grossstadtneurotischen Freundin: "Mein Analytiker hat mich immer vor dir gewarnt. Er hat das so lange getan, bis ich mir einen Neuen gesucht habe!". Action ist halt auch irgendwie dadurch zu definieren, dass es ‘Mann’ schafft mal nicht die statistisch aufdoktrinierten ‘3-Sekunden-Sex’ Gedanken zu haben, ausser der Regisseur will es so. Ob dies mit Bordieus zu schaffen ist? Mindestens die feinen Wasabi-Nüsschen aus dem zweitgrössten Lebensmittelladenkonzern der Schweiz (mit Hochhaus in Basel) sind dabei schwieriger zu essen.
Wie kann man derart unverfrohren seine Ignoranz in Sachen Filmwahl zelebrieren, und dann noch behaupten, Kant verspreche wirklichen Action? Im selben Stil könnte man sich vor einem Jerry Cotton Roman in einen Film von Godard flüchten.
"Guetä Morgä!" Wir sind im 21. Jahrhundert. Der Autor hätte besser daran getan, den Artikel seiner Kollegin Michèle nur gerade zwei Seiten weiter vorne zu lesen, als seine Zeit mit diesem Bildungsbünzliartikel zu verschwenden.