Selbstversuch: Max schläft im Kinderbett

Es wurde eine unvergessliche Nacht, die auf traumhafte Weise Eindruck machte.

15.02.2008 von Max Küng , 2 Kommentare

Ich habe einen Sohn. Er ist zwei Jahre und zwei Monate und fünfzehn Tage alt, und er ist der schönste und wunderbarste und witzigste Mensch, den es gibt. Manchmal beneide ich ihn. Ich beneide ihn beispielsweise ein bisschen, wenn er in die Krippe darf und Spinatspätzli auf dem Menüplan stehen. Ich beneide ihn, wenn er sich von einem Bagger bannen lässt, stundenlang, der einen Lastwagen mit dreckigen Klumpen belädt, und er dann selber zum Bagger wird, brummend, zitternd. Ich beneide ihn aber vor allem um eines: sein neues Kinderbett.
Er hat es erst seit ein paar Tagen. Es ist blau, hat zwei lautlos auf Rädern gleitende Schubladen unten drunter und farbige Stoffaufsätze oben drauf, damit er nicht aus dem Bett purzelt. Das Bett kostet einen rechten Batzen, aber es ist es wert, und da es klugerweise auf einem guten Lattenrost von Bico eine Matratze mit den Dimensionen 90×200 cm beherbergt, wird es noch lange, lange sein Bett sein können (theoretisch bis er zwei Meter gross ist, oder neunzig Zentimeter breit) – ausserdem wird es in einer Werkstatt in Basel Kleinhüningen hergestellt, aus Fichtenholz, und nicht in Hinterchina aus formaldehydbeschichteten Leimkartonpressklumpenplatten.
Da ich auch gern ein solches Bett haben wollte, machte ich mit meinem Sohn einen Deal. Er durfte eine Nacht in meinem Bett schlafen und ich eine in seinem. Zuerst wollte er den Deal nicht eingehen, aber ich bestach ihn mit einer Banane, und als er die Banane schon fast verdrückt hatte, legte er noch einen Wunsch nach: «Kran». Noch einen? Klar.
Ich putzte mir ohne zu klagen die Zähne, zog das Pyjama an, legte mich ins Bett und machte die Papageienlampe aus. Dann machte ich sie sofort wieder an. Es war viel zu früh. Ich war noch gar nicht müde. Niemand kam ins Zimmer, um zu schimpfen, als ich das Licht anmachte. Das fand ich gut. Sollte ich ein bisschen mit den Autos spielen? Dianas letzte Fahrt nachspielen? Sollte ich mit Lego das Olympiastadion von Herzog & de Meuron nachbauen? Sollte ich mich in die Küche schleichen und ein Glace nehmen? In die Stube robben und den CD-Spieler anwerfen, in dem die Scheibe noch liegen musste, auf der Linard Bardill vom Zirkus des Jahrhunderts singt? Pingu schauen? Den kleinen Maulwurf? Nein, ich wollte brav sein. Also griff ich unter das Bett, zog die Schublade hervor und nahm ein Buch heraus. Es war ein Buch von Richard Scarry mit von Schweinen gesteuerten Autos drin und von Füchsen pilotierten Flugzeugen und Baggern natürlich. Ich habe das Buch sehr gern. Und gern hätte ich auch eine Schublade unter meinem Erwachsenenbett. Ich dachte, dass es ein gutes Gefühl sein müsse, auf einer Schublade zu schlafen, in der all die Schätze lagen, mit denen man sich die Zeit vertrieb.
Dann wurde ich doch recht müde. Ich löschte das Licht. Ich dachte, dass mein Sohn ich sei, in diesem Moment, und ich sei mein Sohn. Irgendwie stimmte das ja auch. Dann schlief ich ein und fiel in einen Schlaf, der an Normalität nicht zu übertreffen war. Die Nacht, sie war… vor allem eines: dunkel. Als ich aufwachte, war der neue Morgen schon da. Ich wachte auf um Viertel nach sieben, erinnerte mich nicht einmal an einen Splitter eines Traumes. Ich hatte eine Nacht eines Erwachsenen. Ich wurde nicht zum Kind. Ich blieb ich. Das fand ich ein bisschen schade, aber irgendwie auch beruhigend.
Als ich im Bad in mein knitteriges Morgengesicht schaute, sah ich einen Abdruck auf meinem Gesicht. Sah aus wie… etwas mit… ja… vier Beinen… ein Tier? Ich ging zurück zum Bett, und da lag er, der Affe. Ich hatte die Nacht mit dem Gesicht auf einem Babygorilla von Schleich verbracht. So einen tiefen Schlaf, sagte ich zu mir selbst, hätte ich auch gern.

Bild: Schaub Stierli
Bild: Schaub Stierli

Die Diskussion

2 Reaktionen

  1. Claudio Del Principe

    Lieber Max

    Schläft dein Sohn im Hobbykeller? Oderim Zivilschutzraum? Ich meine nur: Neonbeleuchtung, ein Dutzend Dübellöcher an der Betonwand?!

  2. Barbro Hartmann

    lieber max,
    ist schon eine weile her, dass wir deinen artikel lasen. aber wir erinnerten uns… und unsere tochter wird grösser und grösser… kurz und gut, wir wohnen in basel, und wollen gern wissen, wo dieses bett her ist. fremde grüsse,
    barbro, matthias, malina und jael

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