Sie nannten ihn «Sheriff»

Der Brasilianer Sergio Rodrigues hat einen Sessel entworfen, den erst mal niemand mochte. Jetzt wird dem dicken Lederding endlich Respekt gezollt.

06.11.2009 von Max Küng

Er stand in einem Möbelhaus, und normalerweise erwartet man nicht von einem Möbelhaus, dass es das Leben verändert oder auch nur den Tag. Und auch in diesem Fall kann man nicht sagen, dass es das Leben verändert hat, ein bisschen aber schon.
Er stand dort voller Selbstvertrauen, auch wenn er gar Fehl am Platz zu sein schien: Ein Freak, der sich verirrt hatte, ein wulstiges Wesen, dickwanstig und prall wie ein glückliches Schweinchen stand er im Möbelladen nebst all den kühl-neurotischen und anorektisch-architektonischen Designstücken: der Mole Chair des brasilianischen Designers und Architekten Sergio Rodrigues.
Als ich mich setzte, war es kein Sich-Setzen, sondern ein Sich-Fallenlassen in den absoluten Komfort; es war ein Heimkommen. Und das Sitzen dann war kein Sitzen, sondern eher ein Sein. Die Füsse hob ich auf den Ottoman*, und auf der Stelle hätte ich einschlafen können. Zudem seine Machart: Ganz altmodisch (das wusste ich damals nicht, einer langen brasilianischen Handwerkstradition folgend) wird das dicke Lederpolster von Riemen gehalten, die um einen massiven, aber dennoch eleganten Holzrahmen geschlungen waren, dessen Teile man durchaus auch als Keulenwaffen benutzen könnte, wenn es einen danach verlangte. Ich wollte dieses Möbel sofort kaufen und mit nach Hause nehmen. Es gab bloss ein Hindernis — das Preisschild.
Auch in einer globalisierten Welt, die ein Dorf geworden ist, wie man meint, was natürlich nicht stimmt, auch hier also gibt es noch Dinge, von denen man nichts weiss. So wie Forscher im Urwald des Amazonas eine Spinne finden, die noch kaum jemand zu Gesicht bekommen hat, oder auf Haiti den Solenodon paradoxus, den giftigen Schlitzrüssler, von dem man annahm, dass er längst ausgestorben ist, ganz so hat man diesen Schatz entdeckt, welcher das Werk des Sergio Rodrigues ist.
Dass sein Schaffen bis anhin nicht in unserem Blickfeld lag, hat viele Gründe. Einerseits sind Möbel — wie es der Name schon sagt — Möbel. Sie sind schwer, und was schwer ist, das verursacht Transportkosten, richtig hohe Transportkosten, die zu nicht zu vernachlässigenden Herstellungskosten dazukommen, weswegen man sich bis anhin scheute, die Holzungetüme über den Atlantik zu schiffen. Der andere Punkt, dass Brasilien in ästhetischen Belangen lange Terra incognita blieb, ist schlicht Ignoranz. Nicht zuletzt vielleicht auch Arroganz der Kultur eines Landes gegenüber, welches man immer nur mit Tanz, Sex und Fussball assoziiert, der klassischen Trinität jedes Entwicklungslandes.
Es ist Otto Gläser zu verdanken, dass die Werke des Brasilianers in Europa erhältlich sind. Der Name Otto Gläser ist in der Schweizer Möbellandschaft ein fester Begriff. Er gründete mit seinem Bruder Willi die Möbelfirma Wogg (daher auch der Name — er besteht aus den Initialen der Brüder), zuvor war er für die Produkteentwicklung von De Sede verantwortlich, und eine Weile davor — und das ist für unsere Geschichte von Belang — arbeitete er in Brasilien in den Diensten eines französischen Möbelherstellers, verliebte sich in Land und Leute und entwickelte ein Sensorium für die dortige Kultur. Heute, im letzten Viertel seiner beruflichen Tätigkeit, wie er sagt, ist er Vertreter des Möbellabels Classicon, welches sich zur Aufgabe machte, sowohl klassische (wie etwa das Werk der Eileen Grey) wie auch radikal moderne Designs anzubieten (etwa Konstantin Grcic). Es war Gläser, der Classicon auf Rodrigues aufmerksam machte, den Kontakt herstellte und die Sache so ins Rollen brachte.
Gläser erinnert sich, dass man damals lange antwortete, als er nach seiner Heimkehr von Brasilien schwärmte: «Ach, Brasilien, das ist doch ein Entwicklungsland.» Und so ignorierte man die Möbel von Sergio Rodrigues und dessen Weggefährten Percival Lafer oder Jean Gillon, oder man tat sie als Ethnokitsch ab. Dass Rodrigues nicht ganz vergessen wurde, das hat einerseits damit zu tun, dass es in den USA einen gewissen Sammlermarkt gab. Auf Auktionen tauchte brasilianisches Design immer wieder auf, und ein paar Liebhaber erkannten die Qualität der Möbelskulpturen.
Ein weiterer Punkt ist, dass der Mole Chair einst in Italien produziert wurde. Im Jahr 1961 gewann Rodrigues in Italien an der Möbelmesse damit den ersten Preis (in der Jury sass auch Arne Jacobsen). Als Folge davon wurde der Entwurf in Lizenz von einer Firma namens Isa in Bergamo produziert, aber Mole klang natürlich nicht peppig genug für den europäischen Markt, also gab man ihm den Namen Sheriff inklusive Plakette mit Westerntypografie und aufgedrucktem Sheriff-Stern — das Monstrum kam gerade recht zum Kinoboom der Westernfilme und wurde aber eher als Gag gesehen als ein Möbel-gewordener Bud Spencer im Italowestern «Hügel der blutigen Schuhe» etwa. Man sendete als PR-Massnahme je ein Exemplar des Stuhles an den Papst, an Queen Elizabeth II., an Kennedy und an Chruschtschow — allerdings ist nicht überliefert, was die drei mit dem «Sheriff» anfingen. Und nach kurzer Zeit wurde die Produktion eingestellt, und der Brasilianer ging wieder vergessen; fast.
Nun wird Brasilien grossflächig wiederentdeckt, in Ausstellungen etwa. Man erinnere sich an die grandiose «Hot Spots»-Show im Zürcher Kunsthaus, in der auch Rodrigues’ Mole Chair zu sehen war. Oder man lernt über das Land dank der aktuellen Retrospektive von Antonio Dias bei Daros** sowie der bald eröffnenden Ausstellung konkreter Kunst in Brasilien aus der Sammlung von Adolpho Leirner***. Auch das Vitra Museum zeigt Brasilien: das Schaffen der zeitgenössischen Designer Fernando und Humberto Campana****.
Sergio Rodrigues wurde 1927 in Rio de Janeiro geboren. Sein Grossvater war Journalist, und auch seine Tanten und Onkel waren entweder Schriftsteller oder Journalisten (das Maracanã-Fussballstadion etwa wurde nach seinem Onkel benannt, einem legendären Sportreporter, und heisst offiziell Estádio Jornalista Mário Filho). Sein Vater aber war ein Kunstmaler — dessen Karriere unglücklich endete, als er 1930 von einer Kugel tödlich getroffen wurde, welche eigentlich für Mário Filho bestimmt war, abgefeuert in den Räumen dessen Zeitung «Critica».
Sergio studierte Ende der Vierzigerjahre Architektur, just zu einer Zeit, als im Möbeldesign noch das fehlte, was sich in der Architektur dank Namen wie Oscar Niemeyer oder Lúcio Costa eben bildete, so etwas wie eine nationale Identität. In den Fünfzigern gründete er zum Entsetzten seiner Familie («Du hast Architektur studiert!») seine erste Firma für Möbelentwürfe und Bühnenbild namens Oca im von Antonio Carlos Jobim besungenen Quartier Ipanema.
«Ich sehe mich selbst als meinen Kunden. Ich mache, was ich machen will, abgeschottet von jeglichen Trends, nur so kann ich spüren und geniessen, wofür ein Stuhl wirklich gemacht ist.» Die Prototypen nimmt er mit nach Hause. «So kann ich sehen, ob meine Frau die Möbel mag. Ich kann sehen, ob mein Hund sie mag. Bei Bauhausmöbeln etwa, da klettert die Katze auf den Stuhl und schlipft ab. In meinem Haus aber, dort sitzen Katze und Hund sehr gut.»
Nebst dem Gemütlichkeitsmonstrum Mole gibt es bei uns aus der reichen Anzahl von Entwürfen zurzeit acht weitere Möbel, zwei Fauteuils, etwa den ganz aus Eukalyptusholz gefertigten Diz oder den mit Holzkeilen fixierten Kilin, den er für seine Frau einst entwarf. Daher auch der Name. Kilin steht kurz für «esquilina», Eichhörnchen, der Kosename von Sergios Frau Vera Beatriz. Er widmet seine Entwürfe gerne Menschen, die er mag. Seine zwei Essstühle heissen Lúcio und Oscar, wie Lúcio Costa und Oscar Niemeyer. Der Stuhl, der letzteren Namen trägt, der wurde eigentlich für den Jockey Club Rio entworfen, aber als ein paar Exemplare fertig waren, wollte man sie dort nicht mehr. Zufälligerweise kam gerade Oscar Niemeyer vorbei, sah die Stühle und fand darin ein gutes Hochzeitsgeschenk für seine Tochter. Seither heisst der Stuhl halt Oscar (was ja eh ein wunderbarer Name ist). Lúcio Costa widmete er den Stuhl, weil dieser 1956 meinte, als er den Entwurf betrachtete, dies sei «der erste moderne Stuhl im traditionellen Geist».
Zudem gibt es zwei wunderbare Hocker, etwa den Mocho, Rodrigues erster Entwurf überhaupt (datiert von 1954), und den Sonia, die etwas gemeinsam haben: ein Griffloch in der Sitzfläche. Das hat einen einfachen Grund, wie Rodrigues einst lapidar sagte: «Ich mag Löcher.»
Rodrigues’ Möbel passen wunderbar in unsere Zeit der Rückbesinnung, in der das Handwerk mehr und mehr vergessen und verloren ging, in der die Formen am Computer entworfen wurden, Formen zu Möbeln, die von computergesteuerten Maschinen hergestellt wurden und vielleicht das Auge reizten, jedoch das Herz auf lange Zeit zu wärmen nicht im Stande sind.
Es sind denn auch Bauch- und keine Kopfmöbel, die Rodrigues entwirft. Und er muss ein grosszügiger Mensch sein, denn seine Möbel sind es auf jeden Fall, üppig in den Dimensionen, und auch beim Einsatz von Material wird nicht geknausert. Das hat eigentlich bloss einen Nachteil, nämlich dass die Stücke preislich nicht gerade auf Ikea-Niveau angesiedelt sind. Der Mole Chair kostet — inklusive Ottoman — einen zwar tiefen, aber dennoch fünfstelligen Frankenbetrag. Was wie ein Nachteil scheint, kann aber als Vorteil gesehen werden, denn bei Rodrigues bezahlt man reale Ware von realem Wert mit einer Geschmackshaltbarkeitsgarantie. Auch in zehn, zwanzig Jahren wird einem keines seiner Teile verleidet sein. Und ist das Sparen auf etwas wirklich Gutes nicht auch eine formidable Lektion in Sachen Disziplinierung des Konsumverhaltens?
«Wenn ich nicht Designer wäre», sagte Sergio Rodrigues einst, «dann würde ich gerne in einem grossen, komfortablen Stuhl sitzen, schlafend, lesend, Geschichten lauschend, Musik hörend, nichts tuend.» Aber Sergio Rodrigues hat leider keine Ruhe, denn er ist Designer, und darum sitzt er nicht in einem bequemen Stuhl, sondern er arbeitet, arbeitet, arbeitet. Zum Glück.

* Oft schon fragte ich mich, warum der Ottoman Ottoman heisst. Ich musste nachschlagen. Ottoman bezeichnet in der türkischen Sprache einen einfach gewebten Textilstoffmit starken Querrippen. Dieser Stoff wurde im Osmanischen Reich verwendet, um die als Sitzgelegenheit beliebten Polstermöbelchen zu beziehen, welche klassischerweise eine halbrunde Seitenlehne aufweisen. Bekanntlich wurde Ägypten im 18. Jahrhundert von den Franzosen heimgesucht. Ägypten war damals Teil des Osmanischen Reiches. Und so kam der Ottoman in die Boudoirs Frankreichs und später auch zu uns. Ja, so irgendwie.

** Antonio Dias: «Anywhere Is My Land», Daros Exhibitions, Limmatstrasse 268, Zürich, bis 7. Februar 2010

*** «Dimensionen konstruktiver Kunst in Brasilien — Die Sammlung Adolpho Leirner», 19. November bis 21. Februar 2010, Haus Konstruktiv, Zürich

**** «Antikörper/Arbeiten von Fernando & Humberto Campana 1989–2009», Vitra Design Museum, Weil am Rhein, 16. Mai 2009 bis 28. Februar 2010

Händlernachweis unter www.classicon.com

Mole Chair, ein Stuhl-gewordener Bud Spencer | Bild: Classicon
Mole Chair, ein Stuhl-gewordener Bud Spencer | Bild: Classicon
Bild: Classicon
Bild: Classicon
Hocker Sonia mit Loch | Bild: Classicon
Hocker Sonia mit Loch | Bild: Classicon
Einer, der es einfach nur bequem haben will: Sergio Rodrigues | Bild: Classicon
Einer, der es einfach nur bequem haben will: Sergio Rodrigues | Bild: Classicon

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