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Sonntagsmusik

Jede Woche ein Lied in Worten - ausgewählt von Radio-DJ und Autor Reeto von Gunten.

von Reeto von Gunten

High

«Das ist unsere Neue. Wir denken, dass ihr sie mögt.» Behaupten alle, die jemandem Musik zuschicken, weil er eventuell darüber schreibt. Diese kam allerdings von Golf Channel Recordings aus New York. Als Vinyl 12” Single. Gute Vorzeichen, prima Auftakt. Und von genau dort habe ich mitgewippt, bis zum viel zu frühen Fadeout, ständig mit diesem «Das hab ich doch schon mal irgendwo gehört»-Gefühl im Bauch. Try To Find Me nennt sich die «Band». Scherzkekse. Habs dann doch lange und erfolglos getan. Irgendwann war klar, dass das eine neu verarbeitete Chic-Nummer ist. Reduziert aufs Beste. Eine betrunkene Gitarre torkelt durch den hypnotischen Gesang, der «Just Getting High» repetiert. Deal.

«Make Dance» von Try To Find Me Vol.1 am Sonntag um 10.50 Uhr auf DRS 3


Echte Männer

Wenn ich am Sonntagmorgen auf DRS3 frage, durch welchen Song sich die Hörerschaft so richtig aus dem Bett gehievt fühlen würde, wünscht sich garantiert immer einer AC/DC. Mal im Ernst, liebe Mannen: Schon mal überlegt, weshalb ihr alleine erwacht seid? Weil ihr ständig diesen berufspubertären Hauruck-Pop in eure Junggesellenbude pumpt, deshalb! So was hält das dumpfste Pferd nicht aus! Okay, ich übertreibe. Aber eins ist sicher: Echte Männer hören nicht AC/DC, echte Männer hören Disco. So wie diesen Sonntag um Viertel vor elf. Dreht euer Radio ruhig auch dann mal «voll ume», und ihr werdet sehen: Innert Minuten habt ihr den Tempel voller hüfteschwingender Laszivitätsköniginnen.

«Nights On Broadway» von Candi Staton am Sonntag um 10.50 Uhr auf DRS 3


Rollschuhdisco

Schon mal an einem Sonntagmorgen das Gefühl gehabt, Ihnen würden unter der Daunendecke plötzlich Rollschuhe an die Füsse wachsen? Nun denn, liebe Disco-Schüler! Auf gehts! DRS3 bittet in aller Herrgottsfrühe zum Funky-Boogie-Rollerdisco-Tanz! Die Bläser, scharf wie eine Nassrasur, die Gitarre lasziv auf der Synkope reitend wie wilde Sexfantasien durch zuckende Astralleiber. Und der Name der Band: Sir John Robert’s Sophisticated Funk Orchestra. Wow! Rollschuhdisco, ein Abendvergnügen, das man neu aufleben lassen sollte. Aber ich wills nicht übertreiben, mit den Revivals. Für dieses eine Mal belassen wirs bei diesem einen Lied. Dafür will ich aber die ganze Sonntagsschule rollschuhtanzen sehen.

«Ain’t Nothing Like Makin’ Love» von Sir John Robert’s Sophisticated Funk Orchestra am Sonntag, um 10.50 Uhr, auf DRS 3


Klingt wie Nebel

Eine milchige Synthese aus scheppernden Blechbüchsen und rhythmusklatschenden Händen zeigt uns den Weg. Er führt über glitschiges Laub, durch feuchte Luft, macht einen nassen Bart. Wir können kaum etwas sehen, verlassen uns aufs Gehör. Erst jetzt hören wir, dass sich irgendwo eine Stimme zu verlieren scheint. Dann packt uns ein Synthesizersolo, schnalzig, verspielt, nachlässig hin-geschlendert und tiefer im Klatschfeucht des verschlafenen Grooves versenkt als die Armeeabfälle im Thunersee. Eine ganze Weile befürchtet man, der Song verliere sich. Dabei trudelt er bloss. Vorerst. Er schlingert seinem Tod zaghaft entgegen und verliert sich erst ganz am Ende. Im eigenen Dunst.

«What Did He Say» von Nite Jewel am Sonntag, um 10.50 Uhr, auf DRS 3


Surfgefühle

Wir gehen barfuss, richten unseren Tagesablauf nach dem Stand der Sonne, entfachen aus Schwemmholz angehäufte Mitternachtsfeuer, lassen Selbstgefangenes darauf brutzeln und uns dazu den Nachtwind durch die Haare pfeifen. Dann lassen wir uns auf der Veranda zu einem Gitarrensolo hinreissen. Keines, wie es üblicherweise in Surfmusik herbeigehetzt kommt, nein: ein ruhiges, tragendes. Eines wie das der Sonntagsmusik dieser Woche. Was erst als lethargische Pianoskizze einherschleicht, wird bald zum Wind der Veränderung. Frisch durchgekämmt und aufgeschäumt von euphorischen Synthesizern, segeln wir auf einer Traumwelle der kalifornischen Sonne entgegen, sehen den Strand im Gegenlicht verschwinden und vergessen dabei kurz, dass wir auf die dort wartenden Steuerfahnder zurauschen.

«Holy Man» (Instrumentalversion) von Dennis Wilson am Sonntag, um 10.50 Uhr, auf DRS 3