Sorglos am Abgrund

Wie spürbar ist die Rezession, welche Überlegungen zieht sie nach, und was wäre, wenn es hart auf hart kommt? Stimmen aus einem verunsicherten Land.

12.12.2008 von Das Magazin , 6 Kommentare

Ivo Adam, 31, Koch & Geschäftsführer, lebt mit seiner Freundin

Macht Ihnen die momentane Situation Angst?
Privat gesehen: nein. Ich bin nicht ängstlicher Natur. Da ich als Geschäftsführer mehrerer Gastrobetriebe arbeite, denke ich aber schon daran, wie sich die Situation auf uns auswirkt.

Nehmen Sie die Rezession bereits in Ihrem Alltag wahr?
Nein, noch nicht. Vermutlich aber bald. Wir spüren schon jetzt Veränderungen im Betrieb, doch es ist schwierig zu sagen, ob dies vielleicht nur saisonal bedingt ist.

Reden Sie, lesen Sie darüber?
Ja, ich muss mir als Gastgeber ständig Geschichten darüber anhören. An der Bar, am Tisch, teilweise von Mitarbeitern. Wir haben auch ein paar Gäste bei uns, die vermutlich einige Nullen abstreichen mussten. Aber den kompletten Durchblick, was geschieht, habe ich natürlich nicht.

Wer trägt die Verantwortung für die Situation, wer muss sie lösen? Hat Ihrer Ansicht nach jemand Schuld, dass es so gekommen ist?
Die Verantwortung trägt die Gier. Aber die kümmert sich danach nicht um den Schlamassel. Lösen muss es der gesunde Menschenverstand, und aufräumen tun wir dann alle zusammen.

Wie sicher, glauben Sie, ist Ihr Geld?
Wenn man nicht viel Geld hat, hat man viel Freiheit. Ich habe noch nie Aktien gekauft. Geld ist nur überlebenswichtig, aber nicht lebenswichtig.

Welchen Schluss ziehen Sie für sich persönlich aus der Finanzkrise?
Wichtige Ereignisse prägen sich bei mir ein. Die aktuelle Situation hilft sicher nicht, Vorurteile abzubauen. Ich achte bei Gesprächen mit meiner Bank schon darauf, dass ich nun mehr verstehe, was mit meinem privaten Geld und demjenigen unserer Betriebe passiert.

Wie viel Risiko sind Sie bereit, in finanziellen Dingen einzugehen?
Nicht allzu viel. Wenn ich von der Materie allerdings Bescheid weiss, dann gehe ich schon mal ein erhöhtes Risiko ein. Ich wage zu sagen: Mit sicheren Karten gehe ich «all-in». Beim harmlosen Pokerspiel ist es wohl nicht anders als mit dem grossen Geld.

Wenn die Rezession in der Schweiz ankäme und Sie den Gürtel enger schnallen müssten: Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Das Kaviarbrötchen am Morgen und den Trüffeltee am Abend – bei mir kommt das schon mal vor. Ich meine das nicht dekadent, sondern das ist mein Alltag, wenn die neue Ware fürs Restaurant ankommt oder ich Geschäftspartner einlade. Und ich reise gerne. Vielleicht würde ich die Destination dann auch preislich auswählen.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Auf den guten Coiffeur. Der ist mir echt wichtig.

Haben Sie einen Haushaltsplan für das nächste Jahr?
Haushaltsplan? Ich habe einen Projektplan, aber rein privat plane ich kaum noch. Mein eigener Kühlschrank ist oft leer, aber nur, weil ich keine Zeit habe, ihn aufzufüllen. Es läuft gut. Ich muss mir für das nächste Jahr keine Sorgen machen.

Haben Sie schon einmal Geld verloren, oder droht Ihnen jetzt ein grösserer Verlust?
Geld verloren habe ich, ja. Jedoch eher in kleinen Mengen. Beim Spielen. Und meine Geldbörse habe ich mindestens schon dreimal verloren. Und ein paar saudumme Einkäufe gemacht. Das war auch ein Verlust.

Ihr wertvollster Besitz?
Materiell: Diesen Sommer habe ich mir zusammen mit Kollegen ein Motorboot gekauft. Immateriell: die Entfaltungsmöglichkeiten, die ich in Ascona mit dem Restaurant «Seven» habe.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Essen und Trinken, klarer Fall.

Worauf sparen Sie?
Vielleicht auf Kinder?

Welche Ausgabe im letzten Jahr bereuen Sie am meisten?
Meine wöchentlichen Parkbussen.

Welches Weihnachtsgeschenk verschenken Sie aufgrund der aktuellen Lage nicht?
Ein Sparbüchlein auf einer grösseren Bank.

Jean-Pierre Hoby, 63, Direktor der Kulturabteilung Zürich, 5 Kinder

Nehmen Sie die Rezession bereits in Ihrem Alltag wahr?
Im beruflichen Alltag: ja. Die bürgerlichen Parteien rufen zum Sparen in der Kulturförderung auf. Sie vergessen, dass mit Federstrichen Milliarden abgeschrieben werden, und meinen, man müsse jetzt zuerst bei der Kultur und der Bildung sparen. Im persönlichen Alltag spüre ich die Rezession nicht.

Wie sieht Ihr Bild vom Banker aus? Hat es sich verändert?
Ja, es hat sich verändert, und zwar vom soliden und vertrauenswürdigen Fachmann – mein Vater war Banker – zum Finanzjongleur.

Wie sicher, glauben Sie, ist Ihr Geld?
Das bei der Bank angelegte Bargeld halte ich für sicher. Ich werde es nicht unter das Kopfkissen nehmen.

Welchen Schluss ziehen Sie persönlich aus der Finanzkrise?
Schuster, bleib bei deinem Leisten.

Wie viel Risiko sind Sie bereit, in finanziellen Dingen einzugehen?
Ich bin bei meinen Anlagen eher konservativ in dem Sinne, dass ich die gekauften Aktien sehr lange behalte. Risikofreudig bin ich in dem Sinne, dass ich auf Einzelaktien setze, und dies mehr nach «Bauchgefühl» als aufgrund von vertieften Analysen.

Beeinflusst die drohende Rezession Ihre Vergabe öffentlicher Gelder?
Der kulturfreundliche Wind ist abgeflaut. Bedauerlich ist, dass gerade die Freisinnige Partei, aus deren Reihen die Mehrzahl der Kulturkonsumentinnen und -konsumenten stammt, beispielsweise gegen die Subventionserhöhung für das «Haus Konstruktiv» oder die Kunsthalle stimmen. Sie stellen sich damit in Gegensatz zu ihrer eigenen Parteibasis und ihrer eigenen Geschichte als kulturtragende Partei. Ob sich die Vorstände darüber im Klaren sind?

Was ist jetzt Ihr Auftrag als Kulturchef?
In schwierigen Zeiten sind blühende kulturelle Institutionen in der Lage, den Menschen Zuversicht zu vermitteln. Der Aufschwung beginnt auch hier im Kopf!

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Da ich wenig Luxus habe, muss ich mir nichts verkneifen. Ich würde aber sicher nie ein teures Auto fahren. Unsere Familienkutsche, ein VW Caravelle, ist 14-jährig und tut ihre Dienste wie am ersten Tag. Selbst wenn die Kinder meinen, wir sollten endlich ein neues Auto kaufen.

Welcher Luxus ist unverzichtbar für Sie?
Bücher, Kino, Konzerte, Theater, gelegentlich ein Wochenende in einer anderen Stadt mit gutem Hotel und Essen.

Mit wem verfügen Sie gemeinsam über Ihr Vermögen?
Das Vermögen ist weitgehend in Aktien und in einer Liegenschaft angelegt. Da habe ich die Entscheidungen selber getroffen. Das Salär geht auf ein Konto, zu dem meine Frau Zugriff hat. Ich selber komme mit sehr wenig aus. Meine Frau verfügt mehr oder weniger darüber.

Haben Sie schon einmal Geld verloren, oder droht Ihnen ein grösserer Verlust?
Der Wert meines Aktienbestandes ist arg geschrumpft, doch gehe ich davon aus, dass sich die Kurse wieder einigermassen erholen werden, und verkaufe jetzt nichts. Da ich meine ersten Aktien im zarten Alter von 20 Jahren gekauft und bis jetzt behalten habe, sieht mein Schnitt noch immer ansehnlich aus.

Ihr wertvollster Besitz?
Die Videobänder von unserem Familienleben der letzten 20 Jahre sowie meine früheren Tagebücher und Briefe.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für ein Generalabonnement der SBB.

Sophie Hunger, 25, Erfinderin, Musikerin, 2-Personen-Haushalt

Wie sieht Ihr Bild vom Banker aus?
Früher: Banker wird der, über den man beim Verfassen der Schulabschlusszeitung nichts zu schreiben wusste, obwohl man fünf Jahre miteinander lebte. Insofern: minimale Inspirationsquelle. Heute: dasselbe, plus enormes Beeindrucktsein ob der Leistung. Mit Geld einer Allgemeinheit den Ruin erwirtschaften und dann 68 Milliarden von derselben erhalten. Das ist eine faszinierende Tatsache.

Wer trägt die Verantwortung für die Situation, wer muss sie lösen?
Das beginnt mit der unglaublichen, von keiner moralischen Selbstdisziplin gezügelten Gier, Bonus-Ansprüche zu erfinden und einzufordern, obwohl keine echten volkswirtschaftlichen Werte geschaffen wurden. Das Zweite ist die Nachlässigkeit des Systems, also unsere, die solchen Raubzug zugelassen hat. Überall sonst, in Industrie, Gewerbe und Kunst, müssen für einen Hundertstel dieser Beträge echte Werte geschaffen werden! Wir müssen es lösen, indem wir ein System schaffen, das solches Verhalten unzulässig macht. Die Politik ist gefragt, Vorlagen zu erarbeiten, das Stimmvolk, diese abzusegnen.

Wie sicher, glauben Sie, ist Ihr Geld?
Ich denke nicht in Kategorien wie Sicherheit an «mein» Geld. Geld ist ein Prinzip, es repräsentiert einen abstrakten Wert, der die Gegenstände der Welt einzuordnen versucht. Solange die alltäglichen Geldtransaktionen möglich sind, gehe ich davon aus, dass sich unsere Ordnung aufrechterhält. Insofern glaube ich es noch sicher.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Taxifahren.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Frei über meine Person und Zeit zu verfügen.

Welche Werte blieben für Sie, egal wie schlimm es kommen mag, unantastbar?
Schamgefühl.

Finden Sie sich verwöhnt – und wenn ja, weshalb?
Absolut verwöhnt. Weil ich Staatsbürgerin der Schweiz bin, eines der reichsten Länder der Welt. Die Schweiz ist ein funktionierender Rechtsstaat, in dem ich ein maximales Mitbestimmungsrecht geniesse. Darüber hinaus bin ich für fast alles, was mein physisches Wohlbefinden betrifft, staatlich versichert. Dies ist, global gesehen, ein absoluter Ausnahmezustand.

Wie sehr ist die Schweizer Mentalität von Geld geprägt?
Sehr, also vom Gefühl der materiellen, nicht infrage gestellten Sicherheit.

Haben Sie schon mal Geld verloren, oder droht Ihnen ein grösserer Verlust?
Nein. Mir droht kein Verlust, weil ich kein Kapital habe.

Ihr wertvollster Besitz?
Eine Taylor-Gitarre.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für Restaurants und Kunstsachen.

Welche Ausgabe 2008 bereuen Sie?
Die für Sennheiser-Kopfhörer und so ein Loop-Gerät.

Roger Seifritz, 46, Direktor von Gstaad Tourismus, 3 Kinder

Macht Ihnen die Situation Angst?
Im Moment ist das vor allem noch eine Krise in den Köpfen.

Nehmen Sie die Rezession bereits in Ihrem Alltag wahr?
Im Bereich von Firmenanlässen – Seminare, Workshops etc. – im obersten Hotelsegment unserer Ferienregion: ja. Dort sinkt die Nachfrage. Im für uns wichtigsten Segment, dem Individualtourismus, hingegen nicht.

Wie sicher, glauben Sie, ist Ihr Geld?
Meine Spareinlagen betrachte ich als sicher. In meinem Anlageportefeuille habe ich natürlich deutlich verloren. Das sind allerdings Buchwerte, und ich kann warten – wie übrigens auch die Pensionskassen.

Wie viel Risiko sind Sie bereit, in finanziellen Dingen einzugehen?
Nur so viel, dass ich mit einem Totalverlust der eingesetzten Mittel noch leben könnte.

Wenn Sie den Gürtel enger schnallen müssten: Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Ich würde gewisse Luxusartikel weniger konsumieren, das heisst beim täglichen Einkauf vermehrt darauf achten, was ich davon wirklich brauche.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Bei den Ferien und den Hobbys gibt es keine Abstriche.

Haben Sie schon Geld verloren?
Ja.

Mit wem verfügen Sie über Ihr Geld?
Mit meiner Frau.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für etwas, was echten Nutzen bringt.

Urs Habegger, 52, «Surprise»-Magazin-Verkäufer & Strassenmusikant, lebt allein

Macht Ihnen die derzeitige Situation Angst?
Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Was bewirkt das Wort «Finanzkrise» bei Ihnen?
Eine masslose Wut gegen das internationale Bankensystem.

Wie sieht Ihr Bild vom Banker aus?
Es ist dasselbe geblieben: Es sind arrogante Herren.

Wie sicher ist Ihr Geld?
Ich habe keins. Das ist mein Plus.

Wie risikobereit sind Sie im Finanziellen?
Als ich noch Geld hatte, bin ich jedes Risiko eingegangen.

Welchen Luxus würden Sie sich noch am ehesten verkneifen können?
Ich lebe schon jetzt sehr bescheiden. Doch es fehlt mir an nichts.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Ich brauche keinen Luxus. Kein Mensch braucht Luxus.

Welche Werte bleiben für Sie unantastbar, egal wie schlimm es kommt?
Die zwischenmenschlichen Beziehungen, Herzenswärme, Liebe.

Wie sehr ist die Schweizer Mentalität von Geld geprägt?
Stark. Geld verleiht Sicherheit, es wirkt beruhigend, es verleiht Macht.

Haben Sie schon einmal Geld verloren?
Ja, ich habe Geld verloren.

Ihr wertvollster Besitz?
Meine intakte Gefühlswelt.

Wofür geben Sie Ihr Geld am liebsten aus?
Am liebsten gebe ich Geld für Geschenke für meinen kleinen Sonnenschein aus, ein kleines Mädchen, das ich jeweils hüte.

Worauf sparen Sie?
Ich möchte eine CD mit meinen Kinderliedern aufnehmen.

Markus Hoby, 50, Jurist/Schuldnerberater, 2-Personen-Haushalt

Macht Ihnen die Situation Angst?
Sie stimmt mich sehr nachdenklich.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?
«Im Westen nichts Neues.»

Wie sehr zeigt sich die Finanzkrise bereits in Ihrer Praxis als Schuldnerberater?
Noch nicht sehr, auch jetzt gibt es genug, die sich verschulden, meist durch Arbeitslosigkeit oder Einkommensrückgang. Oder weil sie ihre Verhältnisse überschätzen. Insofern sehe ich bald eine Verschlimmerung der Lage, wenn sich Stellenabbau und Entlassungen auswirken.

Kommen die Leute nun vorbeugend?
Nein, in letzter Sekunde. Schulden sind bei uns ein Tabu, man schämt sich dafür.

Wie viel Finanzrisiko gehen Sie ein?
Ich persönlich fast keines, da mir nur wenig an finanziellem Gewinn liegt.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Das Sparen von Geld.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Auf meine tägliche Kaffeeration. Für eine Tasse Caffè Latte und ein Stück Kuchen gebe ich am liebsten Geld aus.

Worauf sparen Sie?
Für die Altersvorsorge.

Kazu Huggler, 39, Firmengründerin/Modebranche, 1 Kind

Macht Ihnen die Situation Angst?
«Kiki» heisst Krise auf Japanisch – das erste Schriftzeichen dafür bedeutet «Gefahr», das zweite «Chance». Ich bin in Japan aufgewachsen, und davon ist mein Blick geprägt. Wir Japaner sind schon durch die natürlichen Gegebenheiten, durch Erdbeben, Taifune und so weiter, daran gewöhnt, dass schnell mal alles weg ist, schon als Kind habe ich gelernt, dass Krisen Bestandteil des Lebens sind. Die Welt der Dinge, des Genusses, ist bei uns die Floating World – alles ist vergänglich, es schwebt in der Welt, ist nicht real. Die Finanzkrise löst bei mir deshalb keine Panik aus: Was solls? Wenn alles weg ist, beginne ich neu.

Nehmen Sie die Rezession bereits wahr?
Meine Kunden möchten lieber ein teures Kleid, das sie drei Jahre tragen können, als ein günstiges nur für eine Saison. Und sie sind eher bereit, für einen bestehenden Wert Geld auszugeben, wenn sie wie bei meiner Couture zum Beispiel wissen, wo die Seide genau herkommt und dass alles in der Schweiz hergestellt wird. Sie möchten ein Qualitätsprodukt – dann sind sie treu.

War es die richtige Entscheidung, mitten in der Krise ein Geschäft für teure Kleider zu eröffnen?
Mein Vater sagte mir immer: Mach nie ein Geschäft in der Hochkonjunktur auf, denn danach gehts bergab. Ich bin in kleinen Schritten vorwärtsgegangen. Für mich ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt: Entweder überlebt man jetzt oder nicht. Angst hemmt alles. Dann denkt man nur noch: Was ist lukrativ?

Welchen Schluss ziehen Sie nun?
Genau den, dass man sich nicht an den Dingen festhalten darf. Es sind doch nur Kleider. Auch wenn es wichtig ist, Mode und die Floating World zu geniessen.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Wir leben recht bescheiden – vielleicht Taxifahren. Mit Kind schätzt man das Glück so sehr, dass mir Materielles nicht mehr wichtig ist. Früher brauchte ich Luxus, jetzt nicht mehr.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Auf meine ein bis zwei jährlichen Reisen nach Japan, um Freunde zu besuchen. Und etwas wirklich Gutes zu essen. Darauf, die wenige Zeit mit meinem Mann und Kind intensiv zu verbringen.

Mit wem verfügen Sie über Ihr Geld?
Mit niemandem.

Wie sehr ist die Schweizer Mentalität von Geld geprägt?
Viel weniger als die japanische. Japan ist eine Konsumgesellschaft geworden, Einkaufen macht glücklich, das ist der Glaube der Jungen dort. Hier wissen die meisten, wie man einen wunderbaren Sonntag hat, auch mit nur fünf Franken in der Tasche. In Tokio gibt es einen gierigen Konsum, hier einen coolen – man geht nicht hysterisch damit um, weil Geld, vor allem altes, vorhanden ist.

Ihr wertvollster Besitz?
Die Werke von Künstlern, die sie mir geschenkt haben. Obwohl sie einen ziemlichen Wert haben, würde ich sie nie verkaufen, egal wie hart es kommt.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für eine Superqualität Fisch, den wir dann als Sashimi essen.

Pater Kassian Etter, 80, Mönch. Im Kloster Einsiedeln wohnen rund 80 Personen.

Macht Ihnen die Situation Angst?
Angst habe ich eigentlich nicht. Ich fürchte aber für mir bekannte, nicht sehr reiche Leute.

Was bewirkt das Wort «Finanzkrise» bei Ihnen?
In der Betriebsleitung des Klosters macht man sich natürlich Gedanken, aber ich persönlich merke nichts von einer Krise.

Reden Sie, lesen Sie darüber?
Ja, weil mir der Börsenkrach von 1929 mit seinen Folgen noch bewusst ist.

Wie sieht Ihr Bild vom Banker aus?
Die Vermutung auf Unehrenhaftigkeit, milde gesagt, wächst.

Hat Ihrer Ansicht nach jemand Schuld, dass es nun so gekommen ist?
Das wüsste ich gerne. Wichtig ist, dass die Schuldigen einsichtig sind!

Wie sicher, glauben Sie, ist Ihr Geld?
Mein Geld ist sicher – ich habe keines! Das Kloster wird sicher überleben.

Wie wird es der nächsten Generation von Schweizern wohl materiell ergehen?
Ich bin kein Prophet. Ich wünsche, dass es ein klein bisschen schlechter geht – rein materiell.

Welchen Schluss ziehen Sie für sich persönlich aus der Finanzkrise?
Vielleicht ist es ganz gut, dass unser kapitalistisches System in seinen Exzessen blossgelegt wird!

Wie risikofreudig sind Sie?
Ich selber kann kein Risiko eingehen – ich habe ja kein Geld.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Luxus – ein Mönch sollte nicht im Luxus leben!

Welche Werte bleiben für Sie, egal wie schlimm es kommen mag, unantastbar?
Es sind die Werte, um derentwillen ich ins Kloster eingetreten bin: Suche nach Gott, Gebet …

Haben Sie schon einmal Geld verloren?
Ich habe einmal meinen Geldbeutel verloren – es war aber nur Münz drin!

Empfinden Sie sich als verwöhnt?
Ja, ich bin vom Schicksal verwöhnt. Ich habe ein glückliches Leben.

Ihr wertvollster Besitz?
Meine Zufriedenheit.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Wenn ich Geld erhalte, gebe ich es dem Kloster ab. Ich sage meinen Freunden aber: Gebt mir einen Büchergutschein, dann kann ich Bücher kaufen.

Worauf sparen Sie?
Das Kloster spart für mich – hoffentlich auf mein Feriengeld.

Welches Weihnachtsgeschenk verschenken Sie aufgrund der aktuellen Lage nicht?
Als Mönch habe ich kaum Geschenke zu machen – ich schreibe aber viele Weihnachtsbriefe.

Dirk Boll, 38, Geschäftsführer des Auktionshauses Christie’s in Zürich, lebt allein

Macht Ihnen die Situation Angst?
Angst lähmt, aber wer sich jetzt keine Sorgen macht, ist naiv.

Nehmen Sie die Rezession bereits wahr?
Ja, die Auswirkungen auf dem Kunstmarkt sind spürbar, und im Bekanntenkreis gibt es auch privat Betroffenheit.

Was bewirkt der Begriff «Finanzkrise» bei Ihnen?
Skepsis, ob der Begriff nicht inzwischen für Sachverhalte in Anspruch genommen wird, die nichts mit ihm zu tun haben.

Wer trägt die Verantwortung dafür?
Wir alle tragen Mitverantwortung durch ein vielleicht naives Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte des Marktes. Zudem haben die Tugenden des ehrbaren Kaufmanns gegenüber dem strahlenden Finanzjongleur jene Strahlkraft verloren, die sie jetzt wohl zurückerhalten.

Welchen Schluss ziehen Sie für sich persönlich aus der Finanzkrise?
Öfter mal den Blick über den eigenen Tellerrand zu richten.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Private Reisen.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Auf den Umgang mit Kunst. Dafür gebe ich auch am liebsten Geld aus.

Haben Sie einen Haushaltsplan fürs nächste Jahr?
Ja, natürlich.

Wie sehr ist die Schweizer Mentalität von Geld geprägt?
Kaum, Genügsamkeit und Demut sind verbreitete Charaktereigenschaften.

Besitzen Sie Aktien?
Ja.

Ihr wertvollster Besitz?
Die Liebe.

Worauf sparen Sie?
Ich spare nicht, ich sorge vor.

Welche Ausgabe 2008 bereuen Sie am meisten?
Das aus Heisshunger und Bequemlichkeit gekaufte Junkfood.

Sarah Meier, 24, Eiskunstläuferin, 4-Personen-Haushalt

Haben Sie Angst vor der Krise?
Nein, aber ein mulmiges Gefühl.

Nehmen Sie die Rezession bereits wahr?
Es war sicher schwieriger, Sponsoringverträge abzuschliessen oder sogar neue Sponsoren zu finden.

Wie sicher, glauben Sie, ist Ihr Geld?
Mein Geld ist auf verschiedensten Konten bei verschiedenen Banken verteilt. So kann ich die Risiken einschränken. Ich hoffe es zumindest.

Welchen Schluss ziehen Sie für sich persönlich aus der Finanzkrise?
Ich werde mich in Zukunft besser über die Situation der Banken und allgemein in der Finanzwelt informieren, um gute Entscheidungen zu fällen und niemandem blind vertrauen zu müssen.

Wie viel Risiko sind Sie bereit, in finanziellen Dingen einzugehen?
Eher weniger, da mein Einkommen sehr unsicher ist und mein Vermögen auch nicht gross.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Wenn ich mit dem Minimum auskommen müsste, würde ich mich als Erstes bei Kleiderkäufen, Coiffeurbesuchen, Handy einschränken.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Auf mein Auto. Eine gesunde Ernährung. Auf Geschenke, gerade zu Weihnachten. Und auf ein paar Tage Ferien im Jahr.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für Bücher, Kleidung, Schuhe, Schmuck.

Worauf sparen Sie?
Für meine Zukunft, bald eine eigene Wohnung, die Zeit nach dem Eislaufen, vielleicht Studium. Das, was ich jetzt verdiene, muss noch eine Weile reichen.

Frank Rihs, 47, Arzt mit Praxis, Bern, 2 Kinder

Macht Ihnen die Situation Angst?
Nope. Oder besser: Ich versuche, mich davon frei zu halten.

Was bewirkt das Thema Finanzkrise?
Nichts Besonderes. Ach ja, 1973, 1981, zirka 1986, Asienkrise, Argentinien zahlungsunfähig, 2001 etc. Immer das gleiche Lied: auf und ab.

Wie sicher, glauben Sie, ist Ihr Geld?
Ziemlich. Jedenfalls die Schulden.

Wird es der nächsten Generation von Schweizern besser oder schlechter gehen?
Absolut: besser. Relativ zu anderen Nationen: schlechter. Ich denke, wir verlieren das Attribut «Sonderfall», werden aber nicht zum Krisenfall. Ob der «Normalfall» schmerzen wird, zeigt die Zukunft.

Welchen Schluss ziehen Sie für sich persönlich aus der Finanzkrise?
An die eigenen Prognosen zu glauben. Das heisst auch: cool zu bleiben in der jetzt zum Teil herbeigeredeten Katastrophe. Wer will allenfalls eine Krise und warum? Und: wahre Werte pflegen.

Welchen Luxus würden Sie zuerst lassen?
Ich verurteile Luxus grundsätzlich. Na ja, Flugreisen, auswärts essen.

Welchen nie oder schweren Herzens?
Bildung, Fortbildung, optimale Erziehung und Ausbildung der Kinder.

Halten Sie sich für verwöhnt?
Was soll man sagen, wenn in Darfur die Glieder einzeln abgehackt werden?

Mit wem verfügen Sie über Ihr Geld?
Mit Christine, meiner Ehefrau.

Haben Sie einen Haushaltsplan für das Jahr 2009?
Nein, nicht explizit. Im Kopf schon ein bisschen.

Haben Sie schon einmal Geld verloren?
Nie wesentliche Beträge. Eigentlich nur einmal: Ich habe mal 1000 Dollar in eine vielversprechende medizinische Internetplattform investiert. Später dann liess sich rekonstruieren, dass der Beauftragte 24 Millionen innerhalb einer holländischen Bank zwischen zwei Konten verschoben und vom Zweitkonto auf die Cayman-Inseln verschoben hat. Dort war es dann offenbar sein persönliches Konto. Und im Moment rechne ich mit «Wertberichtigungen» bei den Pensionskassen, in diesem Sinne bin ich auch betroffen.

Besitzen Sie Aktien?
Ja, ein paar von meiner Bank und meiner Lebensversicherung.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für das Nötige. Das Nötige sind manchmal Spenden.

Nicole Steiner, 27, St.-Gallen-Absolventin, tätig bei einer Schweizer Privatbank, 2er-WG

Macht Ihnen die Situation Angst?
Angst habe ich nicht, doch ein Gefühl von Unsicherheit hinsichtlich meiner beruflichen Zukunftspläne. In welchem Ausmass wird die Finanzkrise mich treffen?

Rein materiell betrachtet: Wie wird es der nächsten Generation in der Schweiz Ihrer Einschätzung nach ergehen?
Die aktuelle Finanzmarktkrise bedeutet nicht das Ende der Welt. Eine Rezession ist kein unbekanntes Phänomen, sondern eine Phase des Konjunkturzyklus, die in Industriestaaten regelmässig vorkommt. Wenn wir heute vorsorgen, wird es der nächsten Generation vielleicht sogar noch besser gehen.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Wenn ich die Notbremse wirklich ziehen müsste, würde ich wohl als Erstes auf den Luxus einer Altbauwohnung in Zürich verzichten.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Auf das Reisen.

Halten Sie sich für verwöhnt?
Im gesamtschweizerischen Durchschnitt: nein. Meinen jetzigen Lebensstandard habe ich mir selbst erarbeitet, der wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Verglichen mit der Welt bin ich – sind wir Schweizer – natürlich sehr verwöhnt.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für Dinge, die einem die Wochenenden versüssen, also für Kulturelles wie Kino, Theater oder Lesungen, für Kulinarisches wie schön Dinieren oder Brunchen, für Besinnliches wie Yoga oder Wellness, aber auch für völlig Sinnloses wie Shopping oder das Abtauchen ins Zürcher Nachtleben.

Worauf sparen Sie?
Auf eine ungewisse Zukunft und den Wunsch auf einen neuen Lebensabschnitt fernab der Heimat.

Welche Ausgabe im letzten Jahr bereuen Sie am meisten?
Letztes Jahr war ich noch an der Universität St. Gallen immatrikuliert, meine Ausgaben beschränkten sich also auf ein Minimum. Es gibt keine Ausgaben zu bereuen.

Wird Ihr Weihnachtsfest diesmal durch die Krise insgesamt anders aussehen?
Ich werde Weihnachten in Delhi verbringen. Das hat aber nichts mit der Finanzkrise zu tun. Einerseits werde ich das familiäre Weihnachtsfest, den kulinarischen Zauber meiner Mutter und die Tischgespräche im kleinen Kreis vermissen, doch freue ich mich auch, dem ganzen Stress entfliehen zu dürfen und Weihnachten mit Menschen zu verbringen, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht wie mir beziehungsweise uns.

Rolf Lappert, 49, Schriftsteller, lebt allein

Sie haben gerade den Schweizer Buchpreis gewonnen. Wofür werden Sie die 50.000 Franken ausgeben?
Neben den Grundauslagen wie Krankenversicherung und Lebenshaltungskosten vor allem für Reisen, für mein Haus in Irland, Freunde, Leben, diverse Spenden. Der Rest bleibt auf dem Sparkonto, ganz bieder. Um meine Altersvorsorge muss ich mich selber kümmern.

Macht Ihnen die Situation Angst?
Mir nicht, dafür bin ich stets zu fatalistisch gewesen; Pessimismus war schon immer meine Grundeinstellung, wenn es um den Lauf der Welt ging. Aber ich sehe natürlich, wie andere unter den Folgen zu leiden haben. In Deutschland, wo ich oft bin, wird sich die Schicht der Arbeitslosen und Working Poor noch vergrössern, und irgendwann werden diese Menschen, völlig zu Recht, den Aufstand wagen. In der Schweiz wird die Revolution von unten wohl noch eine Weile ausbleiben.

Was bewirkt das Wort «Finanzkrise» bei Ihnen?
Mich kann nichts mehr schocken. Dass vieles im Kapitalismus gehörig schiefläuft, war mir immer klar. Die Frage für mich war lediglich, wann das System kollabiert.

Reden Sie, lesen Sie darüber?
Gerade schreibe ich darüber. Und mir wird klar, wie klein die Auswirkungen auf mein persönliches Leben noch sind. Wenn man darüber redet, ist es, als diskutiere man über das Wetter, das man nun mal nicht ändern kann. Alles, was zu sagen bleibt, ist: «Scheisswetter!» Man zieht sich ins Haus zurück und hofft, dass man nicht zu denen gehört, die untergehen.

Wie sieht Ihr Bild vom Banker aus?
Mein Bild vom Banker ist das des Filialleiters einer Kantonalbank. Der ist nett und macht seine Arbeit und hat mit den geldgeilen, zynischen Mistkerlen, die bei den Grossbanken mit Milliarden zocken, so wenig gemein wie ein Meerschweinchen mit einem Wildschweineber.

Wer trägt die Verantwortung für die Situation?
Es klingt simpel, aber verantwortlich sind die Profiteure des aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus. Wo virtuell und auf Kosten grosser Teile der Menschheit um Milliardengewinne für einige wenige geschachert wird, wo die Jahresgewinne von Grossbanken höher sind als das Bruttosozialprodukt mancher Entwicklungsländer, wo jegliche staatliche Kontrolle und jedes moralische Gewissen fehlen, da sind die Schuldigen relativ leicht zu finden: Politiker, Banker, Investoren, Anleger, denen es aus Profitsucht egal ist, wie sich ihr Geld vermehrt.

Rein materiell betrachtet: Wird es der nächsten Generation von Schweizern besser, schlechter, gleich gehen?
Etwas schlechter, befürchte ich. Aber in der Schweiz oder allgemein im Westen ist «etwas schlechter» noch immer ein viel besserer Zustand als anderswo auf der Welt. Ein Südafrikaner aus Soweto würde sich als Hartz-IV-Empfänger wie ein Millionär fühlen. Alles ist relativ, auch sozialer Standard.

Wie viel Risiko sind Sie bereit, in finanziellen Dingen einzugehen?
Null. Schon allein die Tatsache, dass mein Geld auf einer Bank liegt, hilft dem System, das ich in dieser Form eigentlich nicht gutheisse. Aber unter die Matratze will ich meine Ersparnisse auch nicht stecken.

Wenn die Rezession bei Ihnen ankäme und Sie den Gürtel enger schnallen müssten: Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Autofahren. Flüge.

Auf welchen Luxus könnten Sie nie oder nur sehr schweren Herzens verzichten?
Reisen.

Wie sehr ist die Schweizer Mentalität von Geld geprägt?
Stark. Geld ist in diesem Land wichtig. Aber Schweizer geben auch gerne etwas ab; sie sind sehr wohltätig und spenden ordentlich an die Bedürftigen. Vielleicht auch ein bisschen, um das schlechte Gewissen zu beruhigen?

Haben Sie schon einmal Geld verloren?
Oh ja. Ich sage nur: Jazzclub und Bankrott.

Ihr wertvollster Besitz?
Mein bald zehn Jahre alter Landrover Freelander.

Worauf sparen Sie?
Auf eine Wohnung.

Welche Ausgabe 2008 bereuen Sie?
Die für ein Käsesandwich im Bahnhof Bielefeld.

Patricia Schmid, 23, Model, New York, lebt zu zweit.

Macht Ihnen die Situation Angst?
Gar nicht. Ich hatte am Anfang meiner Karriere null money, ich weiss, wies ist.

Nehmen Sie die Rezession bereits wahr?
Ja.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Weniger Designerkleider kaufen.

Welcher Luxus ist unverzichtbar für Sie?
Essen und Trinken.

Und welche Werte sind unantastbar?
Alles Materielle ist mir nicht wichtig.

Worauf sparen Sie?
Auf eine eigene Wohnung.

Welche Ausgabe im letzten Jahr bereuen Sie am meisten?
Die zu hohe Wohnungsmiete.

Herbert Bolliger, 55, Generaldirektion Migros, 4-Personen-Haushalt

Macht Ihnen die Situation Angst?
Nein, aber ich verfolge sehr genau, wie sich Wirtschaft und Konsumentenstimmungen weltweit entwickeln. Unsere Umsätze sind bis jetzt quer durch die Migros-Gruppe sehr gut.

Was bewirkt die Finanzkrise bei Ihnen?
Ich überlege mir, ob wir unsere Strategien überarbeiten müssen.

Welchen Schluss ziehen Sie?
Wer für die Risikokontrolle zuständig ist, muss sie strikt ausüben. Der Spruch «No risk, no fun» gilt eben nur bedingt.

Wie viel Finanzrisiko gehen Sie ein?
Ich halte mich auch privat an die Grundsätze der Migros-Bank und fahre eine konservative Anlagestrategie. In den Achtzigerjahren habe ich mit Silber spekuliert und ein paar tausend Franken verloren.

Welcher Luxus wäre für Sie verzichtbar?
Da mein Leben nicht luxuriös ist, müsste ich bei alltäglichen Dingen sparen.

Welcher Luxus ist Ihnen unverzichtbar?
Reisen.

Halten Sie sich für verwöhnt?
Ja, ich wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und konnte trotzdem studieren.

Welche Ausgabe letztes Jahr reut Sie?
Glücklicherweise nichts. Über eine Anschaffung freue ich mich aber sehr: Vor der EM kaufte ich einen grossen Flachbildschirm. Jetzt sehe ich Fussball und Hockeypuck wieder gestochen scharf.

Yangzom Brauen, 28, Schauspielerin, 2-Personen-Haushalt

Zeigt sich die Rezession bereits für Sie im Alltag?
Ja, schon.

Welchen Luxus würden Sie sich als Erstes verkneifen?
Der Kauf Ihrer Tageszeitung.

Welcher Luxus ist Ihnen unverzichtbar?
Mein Laptop.

Halten Sie sich für verwöhnt?
Ich fühl mich nicht verwöhnt.

Ihr wertvollster Besitz?
Meine Gesundheit und Persönlichkeit.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für meinen Lifestyle und meine Überzeugung.

Welches Weihnachtsgeschenk verschenken Sie wegen der Lage nicht?
Nichts, was «Made in China» ist.

Gottfried Schatz, 72 Professor für Biochemie, 2-Personen-Haushalt

Ängstigt Sie die Situation?
Ja, aber nicht so sehr wegen meiner Frau und mir, sondern wegen unserer Gesellschaft.

Reden Sie, lesen Sie darüber?
Ich rede nicht darüber, weil ich zu wenig davon verstehe, lese aber viel darüber.

Hat jemand Schuld an der Situation?
Wenn eine Gesellschaft es zulässt, dass ihre Bankleute hundert- oder tausendmal mehr verdienen als ihre Lehrer, kann sie nichts Besseres erwarten.

Wie viel Risiko sind Sie bereit, in finanziellen Dingen einzugehen?
Heute weniger als vor einem Jahr. Und in meinem Alter muss ich vor allem auf Werterhaltung und nicht auf langfristige Gewinne setzen.

Welcher Luxus ist für Sie verzichtbar?
Restaurantbesuche und der Kauf meines Traum-Laptops.

Welcher Luxus ist schwer verzichtbar?
Opern- und Konzertbesuche, längere Aufenthalte in anderen Städten, zu teure Geschenke für Menschen, die ich liebe.

Halten Sie sich für verwöhnt – und wenn ja, weshalb?
Ja, weil ich wunderbare Eltern hatte und auch jetzt von wunderbaren Menschen umgeben bin. Und es gibt in meinen Augen keinen schöneren Beruf als den eines akademischen Forschers und Lehrers.

Haben Sie schon einmal Geld verloren, oder droht Ihnen ein grösserer Verlust?
Ja, ich investierte einmal in eine Biotechnologie-Startup-Firma und verlor 95 Prozent meiner Investition.

Ihr wertvollster Besitz?
Unser Einfamilienhaus.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Um mit meiner Frau für längere Zeit anderswo zu leben.

Worauf sparen Sie?
Siehe oben.

Welche Ausgabe im letzten Jahr bereuen Sie am meisten?
Die Eintrittskarten für eine dumme geschmacklose Inszenierung eines an und für sich sehr witzigen Theaterstücks.

Welches Weihnachtsgeschenk gibt’s aufgrund der Lage nicht?
Aktien – aber die habe ich ohnehin nie verschenkt.

Pius Walker, 37, «Werber des Jahres», 1 Kind

Bemerken Sie im Alltag die Rezession?
Gäbe es die Medien nicht, würden wir die Krise vielleicht alle verschlafen. In meinem Umfeld spüre ich davon nichts.

Was bewirkt das Wort «Finanzkrise» bei Ihnen?
Etwa gleich viel wie «globale Erwärmung» oder «Islamisierung». Es sind Wörter, hinter welchen wir uns gern verstecken, weil sie uns unsere eigene Machtlosigkeit vorgaukeln. Wir verhandeln in unserem Kopf die Verantwortlichkeiten für die Probleme dieser Welt, ohne uns selber als Anfang der Lösung in Betracht zu ziehen.

Reden Sie, lesen Sie darüber?
Das Thema wird ja jeden Tag medial multipliziert. Unter den Chefredaktoren scheint ein Wettlauf um die düsterste Prognose ausgebrochen zu sein. Die Wirtschaftsentscheider, welche dieser Prophezeiung Glauben schenken, reagieren im Gegenzug mit Anzeigenstopps. Tatsächlich schreiben sich die Journalisten gerade arbeitslos. Was auf den ersten Blick nach einem Dilemma zwischen journalistischer Informationspflicht und Selbsterhaltung aussieht, ist tatsächlich ein möglicher Anfang und vielleicht deshalb auch ein mögliches Ende einer Krise.

Wie sieht Ihr Bild vom Banker aus?
Wieso bekommt eine Branche ausgerechnet dann ein Imageproblem, wenn die Realität Einzug hält? Die für viele Menschen nicht nachvollziehbaren Boni-Dimensionen wurden ja nicht erst letztes Jahr installiert. Waren sie denn gerechtfertigt, solange alles rund lief?

Wer hat Schuld?
Die kollektive Schuldzuweisung ist die vielleicht grösste menschliche Schwäche. Sie hat mehr Leid verursacht als Naturkatastrophen und ist die Herausforderung unserer Zukunft. Ich glaube, dass die Ursache in einem Charakterzug liegt, welchen wir alle in uns tragen: Masslosigkeit. Somit liegt auch die Verantwortung für die Lösung beim Einzelnen. Das ist anstrengend – und sehr motivierend.

Welchen Schluss ziehen Sie für sich?
Ich freue mich, dass ich in meinem Beruf täglich etwas Reales herstellen darf.

Gehen Sie finanzielle Risiken ein?
Ich habe mir nie Geld von der Bank geliehen, nicht mal zur Firmengründung. Mir widerstrebt es. Ich glaube nicht daran, dass ich ausgeben kann, was ich nicht habe.

Welcher Luxus ist zur Not verzichtbar?
Ich würde eher am Essenziellen sparen.

Welcher Luxus dagegen kaum?
Der Wochenendbrunch im «Terrasse» und meine tägliche Portion Fleisch.

Welche Werte bleiben für Sie?
Auf meinen Reisen durfte ich erleben, dass die positiven Charaktereigenschaften eines Menschen zuletzt sterben.

Mit wem verfügen Sie über Ihr Geld?
Mit meiner Frau. Wir teilen alles.

Wie sehr prägt Geld unsere Mentalität?
Steigender Wohlstand führt seltener zu Grosszügigkeit als zu Verlustangst. Vielleicht lassen sich die Urschweizer Werte wie Mut, Neutralität und Hilfsbereitschaft besser mit engem Gürtel leben.

Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Für Unsinniges.

Ivo Adam | Oliver Bartenschlager
Ivo Adam | Oliver Bartenschlager
Jean-Pierre Hoby | Oliver Bartenschlager
Jean-Pierre Hoby | Oliver Bartenschlager
Sophie Hunger | Oliver Bartenschlager
Sophie Hunger | Oliver Bartenschlager
Fam. Seifritz | Oliver Bartenschlager
Fam. Seifritz | Oliver Bartenschlager
Urs Habegger | Oliver Bartenschlager
Urs Habegger | Oliver Bartenschlager
Markus Hoby | Oliver Bartenschlager
Markus Hoby | Oliver Bartenschlager
Kazu Huggler | Oliver Bartenschlager
Kazu Huggler | Oliver Bartenschlager
Pater Kassian Etter | Oliver Bartenschlager
Pater Kassian Etter | Oliver Bartenschlager
Dirk Boll | Oliver Bartenschlager
Dirk Boll | Oliver Bartenschlager
Sarah Meier | Oliver Bartenschlager
Sarah Meier | Oliver Bartenschlager
Frank Rihs | Oliver Bartenschlager
Frank Rihs | Oliver Bartenschlager
Nicole Steiner | Oliver Bartenschlager
Nicole Steiner | Oliver Bartenschlager

Die Diskussion

6 Reaktionen

  1. Gabriel Waldegg

    Ihre elitäre Auswahl von Stimmen aus einem verunsicherten Land gibt mir zu denken; sie repräsentiert mit wenigen Ausnahmen eine privilegierte Bevölkerungsschicht und nicht die reellen Sorgen des Durchschnittsbürgers. Wer ist eigentlich ihr Zielpublikum?

  2. Erich Nussbaum

    Der Beitrag von Sophie Hunger stimmt mich sehr nachdenklich. Als Laie im Finanzwesen ist mir schon lange schleierhaft, wie durch exzessives hin und her schieben von Zahlen echter Mehrwert geschaffen werden soll. Es muss sich um eine Art Meta-Alchemie handeln. Vielleicht sind Investmentbanker bloss moderne Gaukler, die mit Zauberformeln und Taschenspielertricks vorgeben, sich in der Kunst der Geldvermehrung auszukennen. Im Variete macht der Magier aus dem Zehnernötli einen Hunderter und zieht den Leuten Münzen aus Nase und Ohren. Jeder weiss, dass er mit Geschicklichkeit und eingeübten Tricks arbeitet, und dass keine echte Wertvermehrung stattfindet. Die modernen Finanzinstrumente, die so komplex sind, dass auch Fachleute nicht wirklich durchblicken, sind möglicherweise nichts als gehobener Hokuspokus, oder eine ausgeklügelte Form systematischen Betrugs.

  3. Jürg Wild

    Die Antwort von Sophie Hunger trifft den Nagel auf den Kopf.
    Damit wird ein Banker am Zutreffendsten charakterisiert.
    Dazu vielleicht noch die Meinung von Rolf Lappert, der ein bisschen differenziert. Warum aber haben Sie diese Frage nicht auch der Nicole Steiner gestellt, die einzige der Angesprochenen, die etwas mit Banken zu tun hat? Wir wissen also nicht, wie sich ein Banker selbst sieht. Man ahnt es nur.

  4. Ruedi Winkler

    Interessanter als das, wie die Leute die Banker sehen, ist die Frage, warum ganz gewöhnliche Menschen, wie es die meisten Banker und Bankerinnen sind, sich in ein System einspannen lassen das so viel Luft und so wenig reale Werte schafft und dies noch auf absolut morschen Grundlagen. Vor solchen Entwicklungen müssen wir uns selbst schützen. Darum muss die Regel(ung) gelten, dass nur Geschäfte erlaubt sind, die Werte schaffen und die voll transparent sind. Ein beträchtlicher Teil der sogenannten strukturierten Papiere hätten mit Garantie keine KäuferInnen mehr gefunden, wenn diese gewusst hätten, was wirklich dahinter steckt und damit hätte auch die Blase nicht entstehen können. Wenns so ist, dass wir aus Schaden klug werden, dann müsste mindestens die Forderung nach Transparenz, bzw. die Forderung, dass die KäuferInnen wissen müssen, was sie kaufen, ohne Probleme durchgesetzt werden können.

  5. Claudia Meier

    Ich frage mich auch immer, von welcher Wertschöpfung die Banker sprechen. Vielmehr vernichtet oder verhindert dieses Finanzsystem – ob Spekulation oder Zins und Zinseszins – viele volkswirtschaftliche Werte. Um Kredite für die Realwirtschaft zu sichern, könnte der Staat beispielsweise einen nicht profitorientierten Fonds gründen. Auch die Staatverschuldung, für die jeden Tag Millionen an Zins und Zinseszins erarbeitet werden müssen, wäre ohne den Umweg über die Banken kaum ein Thema. Vor allem der Staat (sprich: der Steuerzahler) ist für die Banken ein Goldesel. Es fehlt aber der politische Wille, diese Zustände zu ändern, denn wir leben de facto in einer Finanzdiktatur.

  6. Lukas Hausendorf

    @ G. Waldegg: wir sind auch ein elitäres Ländli, wenn Sie so wollen. Schuldenberater, Künstlerin, Surprise-Verkäufer, Schriftsteller, Frisch-Ab-Uni-Bankerin, soooo privilegiert. Jaja. Gewisse soziale Nischen sind hier eher übervertreten, und das sind nicht die materiell privilegierten. Und wer würde sich schon für den Durchschnittsbürger ohne Namen interessieren, mal ehrlich, den Hanswurst Meier überlesen sie doch auch, wenn er nicht irgendwie aussergewöhnlich wäre, etwa Metzgerweltmeister.

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